Emmett Till

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Emmett Louis Till (* 25. Juli 1941 in Chicago, Illinois; † 28. August 1955 in Money, Mississippi) war ein afroamerikanischer Jugendlicher, der im Alter von 14 Jahren in der Zeit der Rassentrennung in den Südstaaten der USA vom weißen Lebensmittelhändler Roy Bryant und dessen Halbbruder J. W. Milam aus rassistischen Motiven ermordet wurde.

Familiärer Hintergrund[Bearbeiten]

Emmett Till, der infolge einer Polioerkrankung leicht stotterte, wurde 1941 als einziges Kind von Louis Till (1922–1945)[1] und seiner Ehefrau Mamie (Elizabeth), geb. Carthan (1921–2003),[2][3] in Chicago geboren. Die Mutter zog den Jungen allein groß, nachdem sie sich vom Vater 1942 getrennt hatte. Louis Till wurde als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Italien von einem Kriegsgericht wegen Vergewaltigung und Mordes zum Tode verurteilt und hingerichtet.[4]

Ermordung[Bearbeiten]

Nach einem Besuch seines Onkels Moses Wright in Chicago im Juli 1955 beabsichtigte Emmett Till, einen Gegenbesuch während der Schulferien zu unternehmen. Moses Wright war Prediger in Money, Mississippi, und besaß ein Stück Land, auf dem er mit seiner Familie Baumwolle anbaute. Tills Mutter lehnte die Idee ihres Sohnes ab, da die Rassentrennung in den Südstaaten der USA noch immer verbreitet war und sie Repressionen durch Weiße befürchtete. Der Gegenbesuch kam dennoch zustande.

Gemeinsam mit seinen Cousins suchte Emmett Till am 24. August 1955 das Lebensmittelgeschäft von Roy Bryant (1931–1994) und dessen Frau Carolyn (* 1934) in Money auf, um Süßigkeiten und Limonade zu kaufen. Carolyn Bryant, Mutter zweier Kinder und ehemalige Schönheitskönigin an der High School, war zu diesem Zeitpunkt allein im Verkaufsraum. Beim Verlassen des Ladens soll Emmett Till aus Übermut gegenüber der Frau „Bye, Babe“ gesagt und einen bewundernden Pfiff ausgestoßen haben. Nach der späteren Darstellung Carolyn Bryants habe Till sie an der Taille umfasst und sich unsittlich gegenüber ihr geäußert. Als Bryant daraufhin zu ihrem Wagen ging, um eine Waffe zu holen, liefen die Jungen in Panik davon. Emmett Till beschwor seine Cousins, nichts über den Vorfall gegenüber seinem Onkel zu erwähnen.

Am frühen Morgen 28. August 1955 erschienen Roy Bryant und dessen Halbbruder John William Milam (1919–1981) bei Moses Wright und verlangten die Herausgabe von Emmett Till. Wright erklärte ihnen, dass der Junge über die Sitten und Gebräuche im Süden nichts wisse und er entschuldigte sich im Namen seines Neffen. Seine Frau Elisabeth bot den Männern Geld zur Wiedergutmachung an. Bryant und Milam jedoch schlugen das Ehepaar mit dem Gewehrkolben nieder, fanden Emmett Till im Haus, luden ihn auf ihren Chevrolet-Pickup und fuhren davon. Beim Verlassen des Hauses will Moses Wright gehört haben, dass eine Frauenstimme sagte: „Ja, das ist er“.

Nachdem Emmett Till bis zum darauffolgenden Morgen nicht zurückgekehrt war, erstattete Moses Wright schließlich Anzeige gegen Bryant und Milam wegen Entführung. Am 31. August 1955 wurde Tills Leichnam von einem Angler am Pecan Point, einer Uferstelle des Tallahatchie River entdeckt.

Untersuchungen und Prozess[Bearbeiten]

Die Täter hatten versucht, den Leichnam mittels eines 30 kg schweren Ventilators einer Baumwollmaschine, den sie mittels Stacheldraht am Hals des Opfers befestigt hatten, im Fluss zu versenken. Dem Toten fehlte ein Auge, die Nase war gebrochen, und er wies mehrere Wunden am Körper sowie ein Einschussloch an der rechten Seite des Schädels auf. Bei der Obduktion stellte der Gerichtsmediziner Chester Miller fest, dass Till wegen des in seiner Lunge gefundenen Wassers nach dem Kopfschuss offenbar noch gelebt hatte. Moses Wright und dessen Sohn Simeon identifizierten den Toten als Emmett Till anhand eines Ringes, der am Finger der Leiche steckte.

Der Sheriff aus Money wollte den Toten vor Ort beerdigen. Mamie Till setzte jedoch durch, dass der Leichnam ihres Sohnes nach Chicago überführt wurde. Bei der Trauerfeier defilierten rund 50.000 Menschen vor dem offenen Sarg.

Proteste gegen den Freispruch der Mörder von Emmett Till in New York City am 11. Oktober 1955

Die Veröffentlichung des Falls mit dem Foto des toten Emmett Till im Jet Magazine löste eine nationale Debatte über den Rassismus in den Südstaaten und über die Grenzen der USA hinaus Entsetzen und Empörung aus. Der skandalumwitterte Gerichtsprozess gegen Bryant und Milam in Sumner, Mississippi wurde von zahlreichen Reportern verfolgt. Die zwölfköpfige Jury setzte sich ausschließlich aus weißen Männern zusammen. Diverse Zeugen der Anklage verschwanden auf mysteriöse Weise und diejenigen, die aussagten, wurden bedroht. Darunter waren Moses Wright und der 18-jährige Hauptzeuge Willie Reed (1937–2013). Ein Zeitungsreporter beschrieb folgende Szenen im Gerichtssaal: „Im Zuschauerraum wurde geplaudert, gelacht und auf den für Weiße reservierten Plätzen wurden wahre Picknicks veranstaltet. Während des ganzen Prozesses saßen die Angeklagten bei ihren Familien und auf deren Schoß saßen deren Kinder“.

Die Verteidigung stellte die Verschwörungstheorie auf, der Tote sei nicht Emmett Till gewesen, sondern schwarze Aktivisten hätten dem Jungen unter Mithilfe seines Onkels den Ring abgenommen und der Leiche eines Unbekannten übergestreift. Till sei am Leben und befände sich wahrscheinlich irgendwo im Norden. Der Verteidiger J. W. Kellum verstieg sich gegenüber der Jury zu der Aussage: „Eure Vorfahren drehen sich im Grab um, wenn ihr diese Männer nicht freilasst“. Nach nur fünf Verhandlungstagen und einer 67-minütigen Beratung befand die Jury beide Angeklagten für nicht schuldig. Der Freispruch löste große Proteste unter der schwarzen Bevölkerung der Südstaaten aus.

Nachwirkungen[Bearbeiten]

Einige Monate nach der Urteilsverkündung räumten Roy Bryant und John William Milam gegen ein Honorar von 4000 US-Dollar gegenüber dem Look Magazine ein, Emmett Till ermordet zu haben. In dem betreffenden Artikel beschrieben sie detailgenau die Durchführung ihrer Tat. Beide Täter mussten zwar nach geltendem Recht durch den Freispruch keine juristischen Konsequenzen ihres Geständnisses befürchten, waren jedoch seither gesellschaftlich geächtet. Sie starben schließlich verarmt und von ihren Familien verlassen.

Die Proteste gegen den Freispruch der Mörder Emmett Tills gelten neben dem auf die Inhaftierung der Bürgerrechtlerin Rosa Parks folgenden Montgomery Bus Boycott als Beginn der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

Der Fall wurde im Jahr 2005 im Dokumentarfilm The Untold Story of Emmett Louis Till des Filmemachers Keith Beauchamp neu aufgerollt. Beauchamp hatte für seine Dokumentation viereinhalb Jahre in Money und Umgebung recherchiert, zahlreiche Augenzeugen befragt und neue Hinweise auf weitere Tathelfer gefunden.[5] Nach Beauchamps Erkenntnissen gab es neben Bryant und Milam noch mindestens acht weitere Tatbeteiligte. Das FBI vernahm danach Zeitzeugen, Augenzeugen, Verdächtige und Informanten und veranlasste die Exhumierung des Leichnams von Emmett Till zur gerichtsmedizinischen Untersuchung. Als Hauptverdächtige gilt seitdem Carolyn Bonham (geschiedene Bryant), die infolge der Ermittlungen vollkommen zurückgezogen lebt.

Im Jahre 2011 veröffentlichte die amerikanische Sängerin Emmylou Harris in ihrem Album Hard Bargain das Lied My Name Is Emmett Till, in dem das Schicksal Tills behandelt wird.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. FindaGrave: Pvt. Louis Till
  2. PBS: American Experience: Mamie Till Mobley (1921 – 2003)
  3. Washington Post 8. Januar 2003: Mamie Till-Mobley; Civil Rights Figure
  4. American Experience: People & Events: Mamie Till Mobley (1921-2003)
  5. Ein ausführlicher Bericht über den Fall erschien im Magazin Stern Biographie, Nr. 3, 2005.