Empirische Evidenz

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Empirische Evidenz für eine Proposition ist Evidenz, d. h. was diese Proposition unterstützt oder widerlegt, die durch Sinneserfahrung oder experimentelle Verfahren konstituiert oder zugänglich ist. Manchmal werden auch die Begriffe „empirischer Beleg“ oder „empirischer Beweis“ verwendet. Empirische Evidenz ist von zentraler Bedeutung für die Wissenschaften und spielt in verschiedenen anderen Bereichen, wie der Erkenntnistheorie und dem Recht, eine Rolle.

Es besteht keine allgemeine Einigkeit darüber, wie die Begriffe „Evidenz“ und „empirisch“ zu definieren sind. Oft arbeiten verschiedene Bereiche mit ganz unterschiedlichen Konzepten. In der Erkenntnistheorie ist die Evidenz das, was Glaubenshaltungen rechtfertigt oder was bestimmt, ob das Einnehmen einer bestimmten Glaubenshaltung rational ist. Dies ist nur möglich, wenn die Evidenz im Besitz der Person ist, was verschiedene Erkenntnistheoretiker dazu veranlasst hat, Evidenz als private mentale Zustände wie Erfahrungen oder andere Glaubenshaltungen zu konzipieren. In der Wissenschaftstheorie hingegen wird Evidenz als das verstanden, was wissenschaftliche Hypothesen bestätigt oder widerlegt und zwischen konkurrierenden Theorien vermittelt. Für diese Rolle ist es wichtig, dass Evidenzen öffentlich und unumstritten sind, wie beobachtbare physische Objekte oder Ereignisse und nicht wie private mentale Zustände, damit Evidenzen den wissenschaftlichen Konsens fördern können. Der Begriff „empirisch“ kommt aus dem Griechischen ἐμπειρία (empeiría), d. h. „Erfahrung“. In diesem Zusammenhang wird darunter gewöhnlich das verstanden, was beobachtbar ist, im Gegensatz zu nicht beobachtbaren oder theoretischen Objekten. Es ist allgemein anerkannt, dass die direkte Wahrnehmung ohne technische Hilfen eine Beobachtung darstellt, aber es ist umstritten, inwieweit Objekte, die nur der technisch unterstützten Wahrnehmung zugänglich sind, wie Bakterien, die durch ein Mikroskop gesehen werden, oder Positronen, die in einer Nebelkammer nachgewiesen werden, als beobachtbar angesehen werden sollten.

Empirische Evidenz ist wesentlich für Wissen a posteriori oder empirisches Wissen, ein Wissen, dessen Rechtfertigung oder Falsifizierung von Erfahrung oder Experiment abhängt. Wissen a priori hingegen wird entweder als angeboren oder als durch rationale Intuition gerechtfertigt angesehen und ist daher nicht von empirischer Evidenz abhängig. Der Rationalismus akzeptiert voll und ganz, dass es Wissen a priori gibt. Dies wird vom Empirismus entweder vollständig abgelehnt oder nur in eingeschränkter Weise akzeptiert, in Bezug auf Wissen über die Beziehungen zwischen unseren Begriffen, welches sich jedoch nicht auf die Außenwelt bezieht.

Wissenschaftliche Evidenz ist eng mit empirischer Evidenz verbunden, aber nicht alle Formen empirischer Evidenz erfüllen die Standards, die von wissenschaftlichen Methoden vorgegeben werden. Quellen empirischer Evidenz werden manchmal in Beobachtung und Experiment unterteilt, wobei der Unterschied darin besteht, dass nur bei Experimenten eine Manipulation oder ein Eingriff erfolgt: Phänomene werden aktiv erzeugt, anstatt passiv beobachtet zu werden.

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Sache ist Evidenz für eine Proposition, wenn sie diese Proposition epistemisch unterstützt oder anzeigt, dass die unterstützte Proposition wahr ist. Evidenz ist empirisch, wenn sie durch sinnliche Erfahrung konstituiert ist oder ihr zugänglich ist. Es gibt verschiedene konkurrierende Theorien über die genauen Definitionen von „Evidenz“ und „empirisch“. Verschiedene Bereiche, wie die Erkenntnistheorie, die Wissenschaften oder das Rechtssystem, verbinden mit diesen Termen oft unterschiedliche Konzepte. Eine wichtige Unterscheidung für Evidenztheorien besteht darin, ob sie Evidenz mit privaten mentalen Zuständen oder mit öffentlichen physischen Objekten identifizieren. In Bezug auf den Begriff „empirisch“ ist umstritten, wo die Grenze zwischen beobachtbaren oder empirischen Objekten im Gegensatz zu nicht beobachtbaren oder rein theoretischen Objekten zu ziehen ist.

Evidenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff der Evidenz ist in der Erkenntnistheorie und in der Wissenschaftstheorie von zentraler Bedeutung, spielt aber in diesen beiden Bereichen unterschiedliche Rollen.[1][2] In der Erkenntnistheorie ist Evidenz das, was Glaubenshaltungen rechtfertigt oder was bestimmt, ob das Einnehmen einer bestimmten Glaubenshaltung rational ist.[3][4][5] So rechtfertigt beispielsweise die Geruchserfahrung von Rauch den Glauben, dass etwas brennt, oder macht diesen Glauben rational. Üblicherweise wird angenommen, dass die Rechtfertigung nur dann funktioniert, wenn der Glaubende im Besitz der Evidenz ist. Am einfachsten lässt sich diese Art des Besitzes von Evidenz erklären, wenn man davon ausgeht, dass Evidenzen aus den privaten mentalen Zuständen des Glaubenden bestehen.[6][7] Einige Philosophen schränken Evidenz noch weiter ein, zum Beispiel auf bewusste, propositionale oder faktische mentale Zustände.[2] Die Beschränkung der Evidenz auf bewusste mentale Zustände hat die unplausible Konsequenz, dass viele einfache Alltagsüberzeugungen nicht gerechtfertigt wären. Aus diesem Grund wird häufiger angenommen, dass alle Arten von mentalen Zuständen, einschließlich gehabter, aber derzeit unbewusster Glaubenshaltungen, als Evidenz dienen können.[6][8] Verschiedene der Rollen, die Evidenz beim Schließen spielt, zum Beispiel beim erklärenden, probabilistischen und deduktiven Schließen, legen nahe, dass Evidenz propositionaler Natur sein muss, d. h. dass sie korrekt durch Verben von propositionalen Einstellungen wie „glauben“ zusammen mit einem dass-Satz ausgedrückt werden, wie „dass es brennt“.[9][1][10] Dies widerspricht jedoch der gängigen Praxis nicht-propositionale Sinneserfahrungen, wie körperliche Schmerzen, als Evidenz zu behandeln.[1][11] Verteidiger dieser Position verbinden sie manchmal mit der Ansicht, dass Evidenz faktisch sein muss, d. h. dass nur Einstellungen zu wahren Propositionen Evidenz darstellen.[9] Nach dieser Auffassung gibt es keine irreführende Evidenz. So würde die Geruchserfahrung von Rauch im obigen Beispiel als Evidenz gelten, wenn sie durch ein Feuer verursacht wurde, nicht aber, wenn sie durch einen Rauchgenerator verursacht wurde. Diese Position hat Probleme zu erklären, warum es für die Person immer noch rational ist, an ein Feuer zu glauben, obwohl die Geruchserfahrung nicht als Evidenz gelten kann.[6][2]

In der Wissenschaftstheorie wird Evidenz als das verstanden, was wissenschaftliche Hypothesen bestätigt oder widerlegt und zwischen konkurrierenden Theorien vermittelt.[12][1][2] Messungen der „anomalen“ Umlaufbahn von Merkur beispielsweise sind Evidenz, welche die Rolle eines neutralen Schiedsrichters zwischen Newtons und Einsteins Gravitationstheorie spielt, indem sie Einsteins Theorie bestätigt. Für den wissenschaftlichen Konsens ist es von zentraler Bedeutung, dass Evidenzen öffentlich und unumstritten sind, wie beobachtbare physische Objekte oder Ereignisse und nicht wie private mentale Zustände.[1][2][5] Auf diese Weise können sie als gemeinsame Grundlage für die Befürworter konkurrierender Theorien fungieren. Zwei Probleme, die diese Rolle bedrohen, sind das Problem der Unterbestimmtheit und die Theoriebeladenheit. Das Problem der Unterbestimmtheit betrifft die Tatsache, dass die verfügbaren Evidenzen oft beide Theorien gleichermaßen unterstützen und daher nicht zwischen ihnen vermitteln können.[13][14] Theoriebeladenheit bezieht sich auf die Idee, dass Evidenzen bereits theoretische Annahmen beinhalten. Diese Annahmen können sie daran hindern, als neutrale Schiedsrichter zu fungieren. Dies kann auch zu einem Mangel an gemeinsamen Evidenzen führen, wenn verschiedene Wissenschaftler diese Annahmen nicht teilen.[2][15] Thomas Kuhn ist ein wichtiger Verfechter der Position, dass Theoriebeladenheit in Bezug auf wissenschaftliche Paradigmen eine zentrale Rolle in der Wissenschaft spielt.[16][17]

Empirische Evidenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach traditioneller Auffassung sind Evidenzen empirisch, wenn sie durch sensorische Erfahrungen zustande kommen oder für sie zugänglich sind. Dies beinhaltet Erfahrungen, die durch die Stimulation der Sinnesorgane entstehen, wie visuelle oder auditive Erfahrungen,[2] aber der Begriff wird oft in einem weiteren Sinne verwendet, der auch Erinnerungen und Introspektion einschließt.[18] Aber rein intellektuelle Erfahrungen, wie rationale Einsichten oder Intuitionen, die zur Begründung grundlegender logischer oder mathematischer Prinzipien verwendet werden, werden in der Regel ausgeschlossen.[19] Die Begriffe „empirisch“ und „beobachtbar“ sind eng miteinander verwandt und werden manchmal als Synonyme verwendet.[20]

In der zeitgenössischen Wissenschaftsphilosophie gibt es eine lebhafte Debatte darüber, was als beobachtbare oder empirische Objekte im Gegensatz zu unbeobachtbaren oder rein theoretischen Objekten betrachtet werden sollte. Es besteht allgemeiner Konsens darüber, dass Alltagsgegenstände wie Bücher oder Häuser beobachtbar sind, da sie der direkten Wahrnehmung ohne technische Hilfen zugänglich sind. Uneinigkeit herrscht jedoch bei Objekten, die nur der technisch unterstützten Wahrnehmung zugänglich sind, wie bei der Verwendung von Teleskopen zur Untersuchung entfernter Galaxien,[21] von Mikroskopen zur Untersuchung von Bakterien oder von Nebelkammern zur Untersuchung von Positronen.[22] Es stellt sich also die Frage, ob entfernte Galaxien, Bakterien oder Positronen als beobachtbare oder als bloß theoretische Objekte anzusehen sind. Manche sind sogar der Meinung, dass jeder Messvorgang einer Entität als Beobachtung dieser Entität gilt. In diesem Sinne ist also das Innere der Sonne beobachtbar, da die dort entstehenden Neutrinos nachgewiesen werden können.[23][24] Die Schwierigkeit bei dieser Debatte besteht darin, dass es eine Kontinuität von Fällen gibt, in denen etwas mit bloßem Auge, durch ein Fenster, durch eine Brille, durch ein Mikroskop usw. betrachtet wird.[25][26] Aufgrund dieser Kontinuität scheint es willkürlich zu sein, die Grenze irgendwo zwischen zwei benachbarten Fällen zu ziehen. Eine Möglichkeit, diese Schwierigkeiten zu vermeiden, besteht darin, zu behaupten, dass es ein Fehler ist, das Empirische mit dem Beobachtbaren oder dem sinnlich Zugänglichen zu identifizieren. Stattdessen wurde vorgeschlagen, dass empirische Evidenz auch nicht beobachtbare Entitäten umfassen kann, solange sie durch geeignete Messungen nachweisbar sind.[27] Ein Problem bei diesem Ansatz besteht darin, dass er sich ziemlich weit von der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs „empirisch“ entfernt, der den Bezug zur Erfahrung enthält.

Verwandte Begriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissen a posteriori und a priori[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissen oder die Rechtfertigung eines Glaubens werden als a posteriori bezeichnet, wenn sie auf empirischer Evidenz beruhen. A posteriori bezieht sich auf das, was von der Erfahrung abhängt (was nach der Erfahrung kommt), im Gegensatz zu a priori, das für das steht, was von der Erfahrung unabhängig ist (was vor der Erfahrung kommt).[19][28] Zum Beispiel ist die Proposition „alle Junggesellen sind unverheiratet“ a priori erkennbar, da ihre Wahrheit nur von der Bedeutung der im Ausdruck verwendeten Wörter abhängt. Die Proposition „einige Junggesellen sind glücklich“ hingegen ist nur a posteriori erkennbar, da sie von der Erfahrung der Welt bezüglich ihrer Rechtfertigung abhängt.[29] Für Immanuel Kant ist der Unterschied zwischen a posteriori und a priori gleichbedeutend mit der Unterscheidung zwischen empirischer und nicht-empirischer Erkenntnis.[30]

Zwei zentrale Fragen für diese Unterscheidung betreffen den relevanten Sinn von „Erfahrung“ und von „Abhängigkeit“. Die paradigmatische Rechtfertigung von Wissen a posteriori besteht in der Sinneserfahrung, aber auch andere mentale Phänomene, wie Gedächtnis oder Introspektion, werden üblicherweise dazu gezählt.[19] Rein intellektuelle Erfahrungen, wie rationale Einsichten oder Intuitionen, die zur Begründung grundlegender logischer oder mathematischer Prinzipien dienen, sind jedoch in der Regel davon ausgeschlossen.[31][28] Es gibt verschiedene Sinne, in denen man sagen kann, dass Wissen von Erfahrung abhängt. Um eine Proposition zu wissen, muss die Person in der Lage sein, sich diese Proposition vorzustellen, d. h. die relevanten Begriffe zu besitzen.[19][32] So ist zum Beispiel Erfahrung nötig, um sich die Proposition „wenn etwas komplett rot ist, dann ist es nicht komplett grün“ vorzustellen, weil die Begriffe „rot“ und „grün“ auf diese Weise erworben werden müssen. Aber der Sinn der Abhängigkeit, der für empirische Evidenz am relevantesten ist, betrifft den Status der Rechtfertigung eines Glaubens. Es mag also Erfahrung nötig sein, um sich die relevanten Begriffe im obigen Beispiel anzueignen, aber sobald man diese Begriffe besitzt, ist keine weitere Erfahrung für empirische Evidenz erforderlich, um zu wissen, dass die Aussage wahr ist, weshalb sie als a priori gerechtfertigt angesehen wird.[19][28]

Empirismus und Rationalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Empirismus im engeren Sinne ist die Ansicht, dass alles Wissen auf Erfahrung basiert oder dass alle epistemischen Rechtfertigungen aus empirischer Evidenz stammen. Dies steht im Gegensatz zur rationalistischen Sichtweise, die besagt, dass ein Teil des Wissens unabhängig von der Erfahrung ist, entweder weil es angeboren ist oder weil es allein durch Vernunft oder rationale Überlegungen gerechtfertigt ist.[33][31][34][35] Ausgedrückt durch die Unterscheidung zwischen Wissen a priori und a posteriori aus dem vorigen Abschnitt behauptet der Rationalismus, dass es Wissen a priori gibt, was der Empirismus in dieser strengen Form verneint.[36][2] Eine Schwierigkeit für Empiristen besteht darin, die Rechtfertigung von Wissen in Bereichen wie Mathematik und Logik zu erklären, zum Beispiel, dass 3 eine Primzahl ist oder dass der Modus Ponens eine gültige Schlussform ist. Die Schwierigkeit besteht darin, dass es keine guten Kandidaten für empirische Evidenz zu geben scheint, die diese Glaubenshaltungen rechtfertigen könnten.[31][36] Solche Fälle haben die Empiristen dazu veranlasst, bestimmte Wissensformen a priori zuzulassen, zum Beispiel in Bezug auf Tautologien oder Beziehungen zwischen unseren Begriffen. Diese Zugeständnisse bewahren die Grundidee des Empirismus insofern, als die Beschränkung auf die Erfahrung weiterhin für das Wissen über die Außenwelt gilt.[31] In einigen Bereichen, wie der Metaphysik oder der Ethik, macht die Wahl zwischen Empirismus und Rationalismus nicht nur einen Unterschied dafür, wie eine bestimmte Behauptung gerechtfertigt ist, sondern auch, ob sie überhaupt gerechtfertigt ist. Dies zeigt sich am deutlichsten in der Metaphysik, wo Empiristen dazu neigen, eine skeptische Position einzunehmen und dadurch die Existenz metaphysischen Wissens abzulehnen, während Rationalisten nach einer Rechtfertigung für metaphysische Behauptungen in metaphysischen Intuitionen suchen.[31][37][38]

Wissenschaftliche Evidenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftliche Evidenz ist eng mit empirischer Evidenz verwandt. Es wurde jedoch argumentiert, dass es einen Sinn gibt, in dem nicht alle empirischen Evidenzen als wissenschaftliche Evidenzen gelten. Ein Grund dafür ist, dass die Standards oder Kriterien, die Wissenschaftler auf Evidenz anwenden, bestimmte Evidenzen ausschließen, die in anderen Kontexten legitim sind.[39] So ist beispielsweise anekdotische Evidenz eines Freundes über die Behandlung einer bestimmten Krankheit empirische Evidenz dafür, dass diese Behandlung funktioniert. Sie würde aber nicht als wissenschaftlicher Evidenz gelten.[39][40] Es wurde auch argumentiert, dass die traditionelle empiristische Definition von empirischer Evidenz in Bezug auf Wahrnehmung zu eng gefasst ist für einen Großteil der wissenschaftlichen Praxis, die sich auf Evidenz durch verschiedene Arten von Messgeräten stützt, wobei kein direkter Wahrnehmungsbezug besteht.[41]

Wissenschaftliche Evidenz zeichnet sich dadurch aus, dass sie durch die Anwendung der wissenschaftlichen Methode gewonnen wurde. Aber Menschen verlassen sich in ihrem Alltag auf verschiedene Formen empirischer Evidenz, die nicht auf diese Weise gewonnen wurde und daher nicht als wissenschaftliche Evidenz gilt. Ein Problem bei nicht-wissenschaftlicher Evidenz besteht darin, dass sie weniger zuverlässig ist, zum Beispiel aufgrund kognitiver Verzerrungen wie dem Ankereffekt, bei dem früher erhaltenen Informationen mehr Gewicht beigemessen wird.[39][42]

In der Wissenschaft sind empirische Belege erforderlich, damit eine Hypothese in der wissenschaftlichen Gemeinschaft Akzeptanz findet. Normalerweise wird diese Validierung durch die wissenschaftliche Methode der Hypothesenbildung, des experimentellen Designs, der Begutachtung durch Fachkollegen, der Reproduktion von Ergebnissen, der Konferenzpräsentation und der Veröffentlichung in einer Zeitschrift erreicht. Dies erfordert eine strenge Kommunikation von Hypothesen (normalerweise in der Mathematik ausgedrückt), experimentellen Einschränkungen und Kontrollen (die notwendigerweise in Form von Standard-Versuchsapparaten ausgedrückt werden) und ein gemeinsames Verständnis der Messung. Um die Hypothese zu belegen werden oft statistische Methoden in Form statistischer Tests herangezogen, um zu überprüfen, ob das Ergebnis eines statistischen Tests statistisch signifikant ist.

Beobachtung, Experiment und wissenschaftliche Methode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Wissenschaftsphilosophie wird manchmal die Auffassung vertreten, dass es zwei Quellen empirischer Evidenz gibt: Beobachtung und Experiment.[43] Die Idee hinter dieser Unterscheidung ist, dass nur das Experimentieren eine Manipulation oder Intervention beinhaltet: Phänomene werden aktiv erzeugt, anstatt passiv beobachtet zu werden.[44][45][46] Das Einfügen viraler DNA in ein Bakterium ist beispielsweise eine Form des Experimentierens, während das Studium der Planetenbahnen durch ein Teleskop zur bloßen Beobachtung gehört.[47] In diesen Fällen wurde die mutierte DNA aktiv vom Biologen erzeugt, während die Planetenbahnen unabhängig von dem Astronomen sind, der sie beobachtet. Angewandt auf die Geschichte der Wissenschaft wird manchmal behauptet, dass die antike Wissenschaft hauptsächlich auf Beobachtungen beruht, während die Betonung des Experimentierens erst in der modernen Wissenschaft zu finden ist und für die wissenschaftliche Revolution verantwortlich ist.[44] Dies wird manchmal mit dem Ausdruck formuliert, dass die moderne Wissenschaft aktiv „Fragen an die Natur stellt“.[47] Diese Unterscheidung liegt auch der Kategorisierung der Wissenschaften in experimentelle Wissenschaften wie Physik und Beobachtungswissenschaften wie Astronomie zugrunde. Während die Unterscheidung in paradigmatischen Fällen relativ intuitiv ist, hat es sich als schwierig erwiesen, eine allgemeine Definition von „Intervention“ zu geben, die auf alle Fälle zutrifft, weshalb sie manchmal rundweg abgelehnt wird.[47][44]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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  • Craig, Edward (2005). "a posteriori". The Shorter Routledge Encyclopedia of Philosophy. Routledge. ISBN 9780415324953.
  • Feldman, Richard (2001) [1999]. "Evidence". In Audi, Robert (ed.). The Cambridge Dictionary of Philosophy (2nd ed.). Cambridge University Press, Cambridge, UK, ISBN 978-0-521-63722-0, S. 293–294.
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  • Pickett, Joseph P., ed. (2011). "Empirical". The American Heritage Dictionary of the English Language (5th ed.). Houghton Mifflin. ISBN 978-0-547-04101-8.
  • "A Priori and A Posteriori". Internet Encyclopedia of Philosophy.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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  3. Matthias Steup, Ram Neta: Epistemology. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Metaphysics Research Lab, Stanford University. 2020. Abgerufen am 15. Juni 2021.
  4. Daniel M. Mittag: Evidentialism. In: Internet Encyclopedia of Philosophy. Abgerufen am 15. Juni 2021.
  5. a b Logan Paul Gage: Objectivity and Subjectivity in Epistemology: A Defense of the Phenomenal Conception of Evidence. Baylor University, 2014, 1. Introduction: Two Rival Conceptions of Evidence (philpapers.org).
  6. a b c Earl Conee, Richard Feldman: Epistemology: New Essays. Oxford University Press, 2008, Evidence (philpapers.org).
  7. Tommaso Piazza: Evidentialism and the Problem of Stored Beliefs. In: Philosophical Studies. 145, Nr. 2, 2009, S. 311–324. doi:10.1007/s11098-008-9233-1.
  8. Tommaso Piazza: Evidentialism and the Problem of Stored Beliefs. In: Philosophical Studies. 145, Nr. 2, 2009, S. 311–324. doi:10.1007/s11098-008-9233-1.
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  16. Thomas S. Kuhn: The structure of scientific revolutions. Chicago : University of Chicago Press, 1970, ISBN 978-0-226-45804-5 (archive.org).
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  22. Bas van Fraassen: The Scientific Image. Oxford University Press, 1980, S. 16–17.
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  36. a b Célia Teixeira: How Not to Reject the a Priori. In: Kriterion: Journal of Philosophy. 59, Nr. 140, 2018, S. 365–384. doi:10.1590/0100-512x2018n14002ct.
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  39. a b c Carlos Santana: Why Not All Evidence is Scientific Evidence. In: Episteme. 15, Nr. 2, 2018, S. 209–227. doi:10.1017/epi.2017.3.
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  41. James Bogen: The Oxford Handbook of Philosophy of Science. Hrsg.: Paul Humphreys, Anjan Chakravartty, Margaret Morrison, Andrea Woody. Oxford University Press, Oxford; New York 2016, ISBN 978-0-19-936881-5, Empiricism and After, S. 779–795, doi:10.1093/oxfordhb/9780199368815.013.12.
  42. Amos Tversky, Daniel Kahneman: Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. In: Science. 185, Nr. 4157, 27. September 1974, ISSN 0036-8075, S. 1124–1131. doi:10.1126/science.185.4157.1124.
  43. The American Heritage Dictionary entry: empirical. In: ahdictionary.com. Houghton Mifflin Harcourt Publishing. Abgerufen am 17. Oktober 2021.
  44. a b c Saira Malik: Observation Versus Experiment: An Adequate Framework for Analysing Scientific Experimentation?. In: Journal for General Philosophy of Science / Zeitschrift für Allgemeine Wissenschaftstheorie. 48, Nr. 1, 2017, S. 71–95. doi:10.1007/s10838-016-9335-y.
  45. Wenceslao J. González: New Methodological Perspectives on Observation and Experimentation in Science. Netbiblo, 2010, ISBN 978-84-9745-530-5, 1. Recent approaches on Observation and Experimentation (englisch, google.de).
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  47. a b c S. Okasha: Experiment, Observation and the Confirmation of Laws. In: Analysis. 71, Nr. 2, 2011, S. 222–232. doi:10.1093/analys/anr014.