Emssperrwerk

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Das Emssperrwerk aus der Luft

Das Emssperrwerk ist ein wasserwirtschaftliches Großbauwerk des Küstenschutzes an der Unterems bei Emden in Ostfriesland. Es wurde in den Jahren 1998–2002 zwischen den Ortschaften Gandersum am Nordufer und Nendorp am Südufer der Ems errichtet. Der Abstand zwischen den Hauptdeichen beidseitig der Ems beträgt 1.040 Meter, die Gesamtlänge des Bauwerks 476 Meter mit sieben Durchflussöffnungen. Die Hauptschifffahrtsöffnung im Verlauf des bisherigen Fahrwassers hat eine Breite von 60 Metern. Die Baukosten betrugen etwa 223,6 Millionen Euro. Es ist kein reines Sturmflutsperrwerk, denn es wird – insbesondere bei Überführungen großer Werftschiffe zwischen der Meyer-Werft in Papenburg und der Nordsee – auch verwendet, um das Wasser der Ems anzustauen und dadurch den notwendigen Überführungswasserstand herstellen zu können.

Betrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Emssperrwerk wird vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), Betriebsstelle Aurich, betrieben. Die Sicherstellung des Sturmflutschutzes ist eine reine Landesaufgabe; Schiffsüberführungen werden in Abstimmung mit der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) durchgeführt.

Torverschlüsse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Emssperrwerk besitzt eine Haupt- und eine Binnenschifffahrtsöffnung sowie fünf nicht befahrbare Nebenöffnungen. Die 60 Meter breite Hauptschifffahrtsöffnung wird von einem Drehsegmenttor geschlossen, das in der Bauart den Toren des britischen Themsesperrwerks entlehnt ist. Bewegt wird dieses Tor durch zwei Hydraulikzylinder; Wasserballast und Auftriebskörper ermöglichen eine 180°-Position des Verschlusskörpers. Im offenen Zustand ist das Tor in einer Drempelmulde untergebracht und kann von allen Schiffen ohne Höhenbegrenzung überfahren werden.

Die 50 Meter breite Binnenschifffahrtsöffnung wird von einem Segmenttor verschlossen, das im Aufbau den Toren des Huntesperrwerks in Elsfleth gleicht. Im offenen Zustand steht das Tor waagerecht über der Ems und wird mittels Hydraulik in die geschlossene Position heruntergefahren. Diese Öffnung kann nur von (Binnen-)Schiffen befahren werden, die eine vom Wasserstand abhängige Höhe (5,25 Meter über Mitteltidehochwasser) nicht überschreiten. Außerdem ist sie nur flussaufwärts (in östliche Richtung) zu befahren.

Die Nebenöffnungen (50,0 bzw. 63,5 Meter Öffnungsweite) werden durch Hubtore verschlossen. Das Sperrwerk lässt sich innerhalb von 30 Minuten schließen; nach 45 Minuten sind alle Öffnungen wieder frei.

Unfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 7. März 2003 kollidierte das Fahrgastschiff Spiekeroog II bei dichtem Nebel mit dem Emssperrwerk. Schiff und Sperrwerk wurden dabei beschädigt und mussten Reparaturen unterzogen werden.[1]

Aufgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Küstenschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Emssperrwerk soll den Schutz vor Sturmfluten verbessern. Bei geschlossenem Sperrwerk werden durch Sturmfluten bewirkte Hochwasserstände von über 3,7 m ü. NHN am flussaufwärtigen Vordringen in den Emslauf gehindert. Auch der Leda-Jümme-Raum, der bis 2002 allein durch das 1954 in Betrieb genommene und sicherheitstechnisch veraltete Ledasperrwerk geschützt wurde, ist in den Schutz durch das Emssperrwerk einbezogen. Die Emsdeiche hinter dem Sperrwerk müssen allerdings aus Sicherheitsgründen weiterhin erhalten und unterhalten werden.

Aufstauung für Schiffsüberführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Containerschiff Eilbek (1600 TEU) passiert nach Emsstau das Emssperrwerk (2005)[3]

Um der Meyer-Werft in Papenburg einen verlässlichen Weg zur Nordsee für ihren Großschiffsbau (insbesondere Kreuzfahrtschiffe, in der Vergangenheit aber auch Containerschiffe, Fährschiffe und Forschungsschiffe) bereitzustellen, bietet das Emssperrwerk die Möglichkeit, die Ems zur Überführung von Schiffen mit einem Tiefgang bis 8,5 Meter anzustauen.

Erstmals angewandt wurde diese Methode zur Überführung der Norwegian Dawn am 2./3. November 2002.[4] Zuvor war regelmäßig, noch bei der Überführung der baugleichen Norwegian Star im Jahr 2001, ein mehrstündiger Zwischenstopp in Leer erforderlich.[5] Auch einige Schiffe, die kleiner waren als die Norwegian Star, wurden später teilweise mithilfe des Sperrwerks überführt, andere jedoch auch ohne Aufstauung.[6][7]

Seitdem wurde die Ems 43 Mal zwecks Schiffsüberführung mittels des Emssperrwerks aufgestaut und hierbei 44 Schiffe überführt (Stand 25. April 2021). Einmalig wurden am 26. Juni 2005 mit der Barmbek und der Norwegian Jewel zwei Schiffe gleichzeitig überführt.[8][9][6]

Haben die Schiffe ausreichend tiefes Fahrwasser erreicht, wird der Stau wieder abgelassen und nach Ausgleich des Wasserspiegelunterschiedes fährt das Schiff durch. In dieser Funktion entspricht das Emssperrwerk etwa einer Stauschleuse.

  • Im Planfeststellungsbeschluss von August 1998[10] wurden folgende Stauzeiten und -höhen festgelegt:
    • ganzjährig bis zu einer Stauhöhe von NHN +1,75 m für maximal 12 Stunden (sogenannter „Sommerstau“)[11]
    • vom 16. September bis zum 14. März bis zu einer Stauhöhe von NHN +2,7 m für maximal 52 Stunden (sogenannter „Winterstau“)[11]
  • Im September 2014 genehmigte der NLWKN einen Antrag des Landkreises Emsland auf Verlängerung des sogenannten Winterstaus (maximale Stauhöhe NHN +2,7 m, maximale Stauzeit 52 Stunden) bis zum 31. März eines Jahres. Die Sommerstaubedingungen (maximale Stauhöhe NHN +1,75 m) galten nun vom 1. April bis zum 15. September eines Jahres für bis zu zwölf Stunden Aufstauzeit.[12][13]
  • Durch erneute Änderung der Stauhöhen und -zeiten, gelten seit 2020, beantragt vom Landkreis Emsland im März 2018,[14] entschieden vom NLWKN im Frühjahr 2019, befristet für die Jahre 2020 bis 2029, folgende Staurandbedingungen:[15]
    • vom 1. April bis zum 15. Juni bis zu einer Stauhöhe von NHN +1,75 m für maximal 12 Stunden
    • vom 16. Juni bis zum 15. September bis zu einer Höhe von NHN +1,9 m für maximal 12 Stunden[16]
    • vom 16. September bis zum 31. März bis zu einer Höhe von NHN +2,7 m für maximal 52 Stunden
    • In einem Kalenderjahr darf die maximale Schließdauer von 104 Stunden nicht überschritten werden.
    • der Beschluss zum Betrieb des Emssperrwerkes wurde dergestalt geändert, dass die Nebenbestimmungen zum Sauerstoffgehalt zwischen 2020 und 2029 für eine Schiffsüberführung pro Jahr ausgesetzt werden, wie es schon in den Vorjahren der Fall war.
    • Zur naturschutzfachliche Kompensationen wurden Flächen auf dem ehemaligen Spülfeld Coldewehr/Larrelt ausgewählt.[17]

Streit um einzelne Überführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sommerstauungen 2009 und 2011[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis 2009 war gemäß dem Planfeststellungsbeschluss von 1998 während des Sommerhalbjahrs (15. März bis 15. September) eine maximale Staudauer von zwölf Stunden bis zu einer Stauhöhe auf höchstens NHN +1,75 Meter zulässig.[18]

Im April 2009 genehmigte der NLWKN als zuständige Genehmigungsbehörde das Aufstauen des Flusses für Überführungen im Juni 2009 und erneut im Juli 2011. Danach waren 2,2 m ü. NHN Stauhöhe für 25 Stunden möglich. Das Land Niedersachsen sollte 500.000 Euro für Ausgleichsmaßnahmen zum Schutz bedrohter Vögel auf den Überschwemmungsflächen zahlen. Der WWF sah darin einen Verstoß gegen europäische Vogelschutzbestimmungen.[18] Gegen die Entscheidung zum Sommerstau klagten im Mai 2009 Umweltverbände beim Verwaltungsgericht Oldenburg: 500 Hektar Fläche in Vogelschutzgebieten würden durch einen Sommerstau überflutet, mindestens 1000 Jungvögel ertrinken und Gehege vernichtet.[19] Eine Erbengemeinschaft zog ihren vorherigen Eilantrag wieder zurück.[20] Die Umweltverbände und die Werft einigten sich auf einen Kompromiss.[21]

Das Emssperrwerk von der Ems aus gesehen, Richtung Osten
Emssperrwerk in der Tidenems: trockenfallendes Watt in grünlichem Blauton, tiefe Flächen in leuchtenden Blautönen; vor den Gezeiten abgeschirmte Gewässer gedeckt Blau

Winterstauungen 2012 und 2014, sowie von 2015 bis 2019[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der NLWKN genehmigte 2012 auf Antrag des Landkreises, bei den Winterstauungen zwecks Schiffsüberführung in der zweiten Septemberhälfte 2012, was jedoch nicht in Anspruch genommen wurde,[22] sowie 2014, Nebenbestimmungen zu Salz- und Sauerstoffwerten auszusetzen.[23][24] BUND, NABU und WWF kritisierten dies als „scheibchenweise Streichung von Umweltauflagen“ und forderten, die Ems zu sanieren.[25]

2014 beantragte der Landkreis Emsland, die Nebenbestimmungen ebenfalls für vier Winterstauungen jeweils im Herbst, von 2015 bis 2019 auszusetzen.[26][27]

Mai 2019[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Antrag vom Landkreis Emsland im März 2018 erließ das NLWKN im Frühjahr 2019 einen Planfeststellungsbeschluss, wonach, neben der Änderung der Staubedingungen ab 2020, die Ems Ende Mai 2019 auf 1,90 Meter aufgestaut werden kann.[28]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Emssperrwerk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schwerer Seeunfall: Kollision Fahrgastschiff „Spiekeroog III“ mit dem Emssperrwerk Gandersum (PDF; 575 kB), abgerufen am 19. Oktober 2012.
  2. Ems-Sperrwerk und Küstenschutz. Abgerufen am 1. September 2020.
  3. Meyer-Werft: Containerschiff Eilbek (Memento des Originals vom 31. Oktober 2007 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.meyerwerft.de, abgerufen am 4. März 2009
  4. Schiffsüberführungen mit Hilfe des Ems-Sperrwerks seit 2002. Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, abgerufen am 1. September 2020.
  5. Ems-Überführung der Norwegian Star. 19. September 2001, abgerufen am 24. April 2021.
  6. a b Schiffsüberführungen mit Hilfe des Ems-Sperrwerks seit 2002. Abgerufen am 1. September 2020.
  7. Flusskreuzer verlassen Papenburger Meyer Werft. 10. März 2014, abgerufen am 25. April 2021.
  8. Im Doppelpack an die Küste. 10. Juni 2005, abgerufen am 25. April 2021.
  9. Überführung der Meyer-Werft-Neubauten "BARMBEK" und "NORWEGIAN JEWEL" auf der gestauten Ems. Abgerufen am 25. April 2021.
  10. Bezirksregierung Weser-Ems: Planfeststellungsbeschluss zum Emssperrwerk und Bestickfestsetzung. Oldenburg 12. August 1998.
  11. a b Das Emssperrwerk: Eines der modernsten Sperrwerke in Europa. Abgerufen am 1. Mai 2021.
  12. Emssperrwerk: Winterstaubedingungen gelten auch bis Ende März, 4. September 2014
  13. Winterstau-Bedingungen für die Ems sollen bis Ende März gelten. 31. Januar 2013, abgerufen am 27. April 2021.
  14. Schiffsüberführungen: NLWKN entscheidet über Antrag. 26. Mai 2019, abgerufen am 27. April 2021.
  15. NLWKN-Direktion: Planfeststellungsbeschluss zur befristeten Änderung der Nebenbestimmung A.II.1.22 und A.II.2.2.1 des Planfeststellungsbeschlusses zum Emssperrwerk. Oldenburg 12. April 2019.
  16. Benjamin Klare: Mehr Tiefgang auf der Ems · Fluss kann im Sommer für Kreuzfahrtschiffe höher aufgestaut werden. In: Täglicher Hafenbericht vom 8. Mai 2019, S. 1
  17. Schiffsüberführungen: NLWKN entscheidet über Antrag. 6. Mai 2019, abgerufen am 27. April 2021.
  18. a b Abendblatt: Entscheidung für Jobs: Die Ems wird auch im Sommer gestaut, 8. April 2009
  19. Abendblatt: Klage gegen den Sommerstau, 16. Mai 2009
  20. Die Welt: Generalplan für den Küstenschutz, 6. Juni 2009
  21. NWZ: Neues Kreuzfahrtschiff auf dem Weg zur Nordsee, 20. Juni 2009
  22. Emsüberführung der "Reflection" verlief problemlos. 17. September 2012, abgerufen am 1. Mai 2021.
  23. Sondererlaubnis für zwei Schiffsüberführungen erteilt. 1. August 2012, abgerufen am 26. April 2021.
  24. Freie Fahrt voraus: Ems darf gestaut werden (Memento vom 7. März 2014 im Internet Archive), NDR, 1. August 2012.
  25. Naturschützer fordern Ems-Sanierung (Memento vom 15. März 2013 im Internet Archive), NDR, 12. April 2012.
  26. Regionale Infrastrukturmaßnahme Ems: Befristete Aufhebung von Nebenbestimmungen für vier Staufälle im Herbst 2015 bis 2019, Herausgeber: Landkreis Emsland
  27. Zulassungen zum Bau und Betrieb des Emssperrwerks. 3. März 2021, abgerufen am 28. April 2021.
  28. Schiffsüberführungen: NLWKN entscheidet über Antrag. 6. Mai 2019, abgerufen am 28. April 2021.

Koordinaten: 53° 19′ 14″ N, 7° 18′ 23″ O