Enkeltrick

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Als Enkeltrick oder Neffentrick wird ein betrügerisches Vorgehen verstanden, bei dem sich Trickbetrüger meist gegenüber älteren und/oder hilflosen Personen als deren nahe Verwandte ausgeben, um unter Vorspiegelung falscher Tatsachen an deren Bargeld oder Wertgegenstände zu gelangen. Im Mai 2014 konnte die polnische Polizei den Erfinder des Enkeltricks, Arkadiusz „Hoss“ Lakatosz, nach über zehn Jahren Fahndung festnehmen.[1][2]

Vorgehensweise[Bearbeiten]

Bei den möglichen Opfern geben sich Anrufer am Telefon beispielsweise als Enkel, andere ziemlich nahe Verwandte oder „gute alte“ Bekannte aus und bitten das potenzielle Opfer um Geld. Mit einer freundlich intonierten Eingangsfrage „Rate mal, wer hier spricht?“ können sofort potentielle Beziehungen ausgelotet werden.

Unter emotionalem Druck willigen diese ein und treffen sich dann mit einem Komplizen, der vom vermeintlichen „Enkel“ geschickt wurde, um das Geld abzuholen. Mitunter werden die Opfer auch dazu gedrängt, Geld auf ein (ausländisches) Konto zu überweisen oder leicht transportable Wertgegenstände auszuhändigen.

Die Wahl der Opfer verläuft meist über Telefonbücher. Hierbei werden gezielt Vornamen ausgewählt, die auf ältere Jahrgänge schließen lassen.[3]

Dazu werden als Gründe für die Geldnot oft schwierige Umstände wie Unfall, überfällige Rechnungen oder Kauf eines Autos genannt. Mehrmalige Anrufe in kurzen Abständen nehmen dem Opfer die Möglichkeit, sich über das Geschehene Gedanken zu machen oder sich mit den eigenen Verwandten zu beraten.

Häufigkeit[Bearbeiten]

In der Schweiz waren 2013 von 763 gemeldeten Enkeltrick-Versuchen 74 aus Sicht der Betrüger erfolgreich, dabei wurden insgesamt ca. 4 Millionen Franken erbeutet, was einen Durchschnitt von über 50'000 Franken pro Fall entspricht. 2012 gab es nur 369 Fälle, wovon 55 erfolgreich waren.[4]

In Deutschland gibt es dagegen keine zentrale Statistik über die Anzahl von Enkeltrick-Fällen, da die Tat beim Bundeskriminalamt nicht gesondert ausgewiesen, sondern als „Betrug“ erfasst wird.[5] Das LKA Hessen hat in der Zeit von Februar 2008 bis August 2009 insgesamt 145 Fälle mit einem Schaden von 254.000 Euro erfasst.[6] Nach Angaben des LKA Brandenburg ist die Zahl der Delikte jedes Jahr stetig ansteigend. Während es im Jahre 2007 in Brandenburg insgesamt 75 Enkeltrick-Fälle gab, bei denen in nur 14 Fällen tatsächlich Geld gezahlt wurde, waren es im Jahre 2009 schon 187 Fälle, bei denen es 31 Mal tatsächlich zur Geldübergabe kam.[7]

In Oberösterreich gehen die Fälle zurück. 2015 gab es bis zum 6. Oktober 19 Versuche, zweimal machten die Täter „fette Beute“, in einem Fall 500.000 € von einem 70-Jährigen an einen angeblich „alten Bekannten aus Deutschland“. Die Polizei ortet die arbeitsteilig vorgehenden und hierarchisch organisierten Täter, die „immer in der Gruppe vorgehen, fast ausschließlich in Polen“. Ein Keiler beherrscht die Sprache des Opfers perfekt, Gruppen austauschbarer Abholer werden über ein mittleres Management organisiert, Kuriere bringen das Geld rasch zum Auftraggeber, so die Polizeianalyse.[8]

Festnahmen im Mai 2014[Bearbeiten]

Ende Mai 2014 wurden in einer groß angelegten und länderübergreifenden Polizeiaktion 49 Menschen festgenommen, darunter in Warschau Arkadiusz Lakatosz,[9]. Weiterhin wurden in Deutschland und Polen 13 Drahtzieher und 35 Handlanger, also meist Abholer des Geldes, festgenommen.[10] Laut Hamburger Polizei wurde vor allem von Polen aus telefoniert,[11] Geschädigte sind vor allem in Deutschland, Luxemburg und der Schweiz. Neben großen Mengen Bargeld wurden auch Gemälde und Vasen in Polen sichergestellt.[1]

Weiterentwicklungen[Bearbeiten]

Weitere Tätergruppen arbeiten mit ähnlich, leicht abgewandelten Vortäuschungen. So ergaunerte eine von der Türkei aus operierende Gruppe innerhalb von sieben Monaten 2,5 Mio. Euro.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Joachim Ludwig: Enkeltrick. Kollektive Strafvereitelung durch Unzuständigkeit? In: Der Kriminalist Bd. 38, 2006, ISSN 0722-3501, 2, S. 55–60.
  • Joachim Ludwig: Enkeltrick. Grenzen der Ermittlungen und der Prävention. In: Der Kriminalist Bd. 41, 2009, ISSN 0722-3501, 1, S. 4–9.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Ermittlungen in Polen: Polizei nimmt Erfinder des Enkel-Tricks fest spiegel.de, 30. Mai 2014, zuletzt abgerufen 6. Oktober 2015. + Bilderserie.
  2. Enkeltrick-Mafia: Ein Clan, eine Masche, ein Millionenvermögen, spiegel.de, 1. Juni 2014, abgerufen 6. Oktober 2015.
  3. Enkeltrick: Angerufen und abkassiert zdf.de, 18. Februar 2013, am 6. Oktober 2015 nicht mehr abrufbar.
  4. Enkeltrick-Betrüger erbeuten 4 Millionen, tagblatt.ch, 17. Dezember 2013, abgerufen am 19. Januar 2015.
  5. Fälle nehmen in Berlin drastisch zu: Millionenschäden durch Enkeltrick, rp-online.de, 2. August 2010, zuletzt abgerufen 6. Oktober 2015.
  6. Psychischer Druck: Enkeltrick-Betrüger werden immer raffinierter, FAZ, 4. August 2009, abgerufen 6. Oktober 2015. – Ratschläge der Polizei.
  7. Brandenburger Polizei verzeichnet Zunahme bei Enkeltrick-Fällen, ad-hoc-news, am 6. Oktober 2015 nicht mehr abrufbar.
  8. http://ooe.orf.at/news/stories/2735421/ 500.000 Euro mit Enkeltrick ergaunert, orf.at, 6. Oktober 2015, abgerufen 6. Oktober 2015. - Keiler, Telefonmitschnitt.
  9. Betrug durch Enkel-Trick: Polizei nimmt Bande in Polen fest (Fotostrecke), spiegel.de, 30. Mai 2014, zuletzt abgerufen 6. Oktober 2015.
  10. Hamburger Polizei schnappt Enkeltrick-Clan NDR.de, 30. Mai 2014, zuletzt abgerufen 6. Oktober 2015. (Durchforstetes Telefonbuch, Linkliste Online-Presseartikel im Forumbeitrag vom 2. Juni 2014)
  11. POL-HH: 140530-1. Gemeinsame Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft und Polizei Hamburg - Schlag gegen die organisierte Kriminalität - polnische Bande von Enkeltrickbetrügern verhaftet Polizei Hamburg, 30. Mai 2014, zuletzt abgerufen 6. Oktober 2015.
  12. Der Spiegel: Millionengeschäft der Callcenter-Mafia: „Ältere Damen glauben auch alles“ Der 80-jährige ehemalige Koch passt genau ins Schema der Betrüger: Er ist Rentner und alleinstehend, steht zudem mit seinem alt klingenden Vornamen im Telefonbuch. „Da war ein Herr vom Bundeskriminalamt dran. Er sagte, es gäbe einen Maulwurf in meiner Bank, eine Frau, die mein Konto leer räumen will.“, vom 1. November 2015
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