Enkeltrick

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Als Enkeltrick oder Neffentrick wird ein betrügerisches Vorgehen verstanden, bei dem sich Trickbetrüger meist gegenüber älteren und/oder hilflosen Personen als deren nahe Verwandte ausgeben, um unter Vorspiegelung falscher Tatsachen an deren Bargeld oder Wertgegenstände zu gelangen. Im Mai 2014 konnte die polnische Polizei den Erfinder des Enkeltricks, Arkadiusz „Hoss“ Lakatosz, nach über zehn Jahren Fahndung festnehmen.[1][2]

Vorgehensweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die betrügerischen Anrufer nennen den eigenen Namen nicht und wählen die Du-Anrede. Mit einer freundlich intonierten Eingangsfrage „Rate mal, wer hier spricht?“ können sofort potentielle Beziehungen ausgelotet werden. Je nach Antwort der möglichen Opfern geben sich die Anrufer am Telefon beispielsweise als Enkel/in, Neffe/Nichte, sogar als Kinder oder als andere ziemlich nahe Verwandte oder „gute alte“ Bekannte aus.

Sie bitten das potenzielle Opfer um einen Geldbetrag für ihre behauptete Notlage. Dazu werden als Gründe für die Geldnot oft schwierige Umstände wie Unfall, überfällige Rechnungen oder Kauf eines günstigen Autos oder einer günstigen Wohnung genannt. Mehrmalige Anrufe in kurzen Abständen nehmen dem Opfer die Möglichkeit, sich über das Geschehene Gedanken zu machen oder sich mit den eigenen Verwandten zu beraten.

Unter emotionalem Druck willigen diese ein, heben Geld bei ihrer Bank ab und treffen sich dann mit einem Komplizen, der vom vermeintlichen „Enkel“ geschickt wurde, um das Geld an der Haustür abzuholen. Mitunter werden die Opfer auch dazu gedrängt, Geld auf ein (ausländisches) Konto zu überweisen oder leicht transportable Wertgegenstände auszuhändigen.

Die Wahl der Opfer verläuft meist über Telefonbücher. Hierbei werden gezielt Vornamen ausgewählt, die auf ältere Jahrgänge schließen lassen, z. B. Klara, Hedwig, Josef, Alfred.[3] [4]

Gefährdete Opfer sind ältere, vereinsamte, schwerhörige, seheingeschränkte sowie demente Menschen[5].

Weiterentwicklungen des Tricks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Tätergruppen arbeiten mit ähnlich, leicht abgewandelten Vortäuschungen. So ergaunerte eine von der Türkei aus operierende Gruppe innerhalb von sieben Monaten 2,5 Mio. Euro.[6]

Häufigkeit, Schäden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz waren 2013 von 763 gemeldeten Enkeltrick-Versuchen 74 aus Sicht der Betrüger erfolgreich, dabei wurden insgesamt ca. 4 Millionen Franken erbeutet, was einen Durchschnitt von über 50'000 Franken pro Fall entspricht. 2012 gab es nur 369 Fälle, wovon 55 erfolgreich waren.[7]

In Deutschland gibt es dagegen keine zentrale Statistik über die Anzahl von Enkeltrick-Fällen, da die Tat beim Bundeskriminalamt nicht gesondert ausgewiesen, sondern als „Betrug“ erfasst wird.[8] Das LKA Hessen hat in der Zeit von Februar 2008 bis August 2009 insgesamt 145 Fälle mit einem Schaden von 254.000 Euro erfasst.[9] Nach Angaben des LKA Brandenburg ist die Zahl der Delikte jedes Jahr stetig ansteigend. Während es im Jahre 2007 in Brandenburg insgesamt 75 Enkeltrick-Fälle gab, bei denen in nur 14 Fällen tatsächlich Geld gezahlt wurde, waren es im Jahre 2009 schon 187 Fälle, bei denen es 31 Mal tatsächlich zur Geldübergabe kam.[10]

In Oberösterreich gehen die Fälle zurück. 2015 gab es bis zum 6. Oktober 19 Versuche, zweimal machten die Täter „fette Beute“, in einem Fall 500.000 € von einem 70-Jährigen an einen angeblich „alten Bekannten aus Deutschland“. Die Polizei ortet die arbeitsteilig vorgehenden und hierarchisch organisierten Täter, die „immer in der Gruppe vorgehen, fast ausschließlich in Polen“. Ein Keiler beherrscht die Sprache des Opfers perfekt, Gruppen austauschbarer Abholer werden über ein mittleres Management organisiert, Kuriere bringen das Geld rasch zum Auftraggeber, so die Polizeianalyse.[11]

In Österreich gehen die Schadenssummen leicht zurück – von 2011 noch 3 Mio. €, auf 2013–2015 jährlich 1,3–1,5 Mio. €.[12]

Festnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende Mai 2014 wurden in einer groß angelegten und länderübergreifenden Polizeiaktion 49 Menschen festgenommen, darunter in Warschau Arkadiusz Lakatosz.[13] Weiterhin wurden in Deutschland und Polen 13 Drahtzieher und 35 Handlanger, also meist Abholer des Geldes, festgenommen.[14] Laut Hamburger Polizei wurde vor allem von Polen aus telefoniert,[15] Geschädigte sind vor allem in Deutschland, Luxemburg und der Schweiz. Neben großen Mengen Bargeld wurden auch Gemälde und Vasen in Polen sichergestellt.[1]

Im Februar 2016 berichtete die Polizei über eine 82-Jährige Wienerin, die der Polizei ermöglichte einen 40-Jährigen Boten festzunehmen der kam, um 5.000 € für den vorgeblichen Neffen mit Zahlungsnot wegen des angeblichen Kaufs einer Wohnung abzuholen. Bereits 2012 hatte sie einen Betrugsversuch durchschaut und die Polizei eingeschaltet. Damals wollte eine 39-Jährige, die sich als Nichte ausgab, 45.000 € für eine Wohnung abholen und wurde ebenfalls festgenommen.[16]

Präventionskette[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wachsamkeit der potenziellen Opfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei einer Anfrage um Geld, soll man das Gespräch abbrechen und den vermeintlichen Verwandten unter der gewohnten Telefonnummer zurückrufen, weiter auf ein persönliches Treffen bestehen und sich nicht mit einem Stellvertreter zufriedengeben. Unbekannte nicht in Haus oder Wohnung lassen. Hat eine verdächtige Geldübergabe doch schon stattgefunden, soll man versuchen sich die Person und die Eckdaten eines Automobils einzuprägen.[17] Zur Kontrolle ist nach Dingen beim fremden Anrufer zu fragen, über die nur der Verwandte Auskunft geben kann. Der Verwandte oder andere Verwandte sind nur unter der lange bekannten Telefonnummer anzurufen. Geld soll niemals an unbekannte Personen ausgehändigt werden. Zeitdruck ist verdächtig.[18]

Kontrolle durch Bankangestellte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Österreich stellten am 18. Februar 2016 Polizei, Nationalbank (OeNB) und Wirtschaftskammer (WKÖ) ein Video für mehr als 20.000 Bankangestellte vor, um sie im Sinne der Kunden als letzte Kontrollinstanz zu gewinnen. Wenn jemand überraschend viel abheben möchte, könnte der Bankmitarbeiter "aus Bauchgefühl heraus" den Kunden vertraulich befragen, ob ihm der Neffentrick bekannt ist, und auf die Gefahr des Verlustes des Gelds hinweisen und einvernehmlich die Polizei verständigen.[19][20][21] Weitere Auffälligkeiten sind altmodischer Vorname, der Wunsch nach einem schnellen Kredit, nach schneller Auszahlung, ein unklarer Verwendungszweck, auffällige Verschwiegenheit und die Beobachtung des Vorgangs durch eine jüngere Person.[22]

Abwehr durch die Polizei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Gefahrenabwehr und zur Sofortfahndung dient der Notruf der Polizei. Straftaten sind bei der Polizei anzuzeigen.[23]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joachim Ludwig: Enkeltrick. Kollektive Strafvereitelung durch Unzuständigkeit? In: Der Kriminalist, Bd. 38, 2006, ISSN 0722-3501, 2, S. 55–60.
  • Joachim Ludwig: Enkeltrick. Grenzen der Ermittlungen und der Prävention. In: Der Kriminalist, Bd. 41, 2009, ISSN 0722-3501, 1, S. 4–9.
  • Joachim Ludwig / Bernd Hagen: Strategische Herausforderungen bei der Bekämpfung organisierter Kriminalität am Beispiel „Enkeltrick“ In : Der Kriminalist, 11/2014 , ISSN 0722-3501

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Enkeltrick – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ermittlungen in Polen: Polizei nimmt Erfinder des Enkel-Tricks fest spiegel.de, 30. Mai 2014, zuletzt abgerufen 6. Oktober 2015. + Bilderserie.
  2. Enkeltrick-Mafia: Ein Clan, eine Masche, ein Millionenvermögen, spiegel.de, 1. Juni 2014, abgerufen 6. Oktober 2015.
  3. Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (Hrsg.): Enkeltrick. Infoblatt für Mitarbeiter von Banken und Geldinstituten. Stuttgart, ca. 2015.
  4. Enkeltrick: Angerufen und abkassiert (Memento vom 30. Dezember 2014 im Internet Archive).
  5. Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (Hrsg.): Enkeltrick. Infoblatt für Mitarbeiter von Banken und Geldinstituten. Stuttgart, ca. 2015.
  6. Der Spiegel: Millionengeschäft der Callcenter-Mafia: „Ältere Damen glauben auch alles“ Der 80-jährige ehemalige Koch passt genau ins Schema der Betrüger: Er ist Rentner und alleinstehend, steht zudem mit seinem alt klingenden Vornamen im Telefonbuch. „Da war ein Herr vom Bundeskriminalamt dran. Er sagte, es gäbe einen Maulwurf in meiner Bank, eine Frau, die mein Konto leer räumen will.“, vom 1. November 2015
  7. Enkeltrick-Betrüger erbeuten 4 Millionen, tagblatt.ch, 17. Dezember 2013, abgerufen am 19. Januar 2015.
  8. Fälle nehmen in Berlin drastisch zu: Millionenschäden durch Enkeltrick, rp-online.de, 2. August 2010, zuletzt abgerufen 6. Oktober 2015.
  9. Psychischer Druck: Enkeltrick-Betrüger werden immer raffinierter, FAZ, 4. August 2009, abgerufen 6. Oktober 2015. – Ratschläge der Polizei.
  10. [https://web.archive.org/web/20120305232446/http://www.ad-hoc-news.de/brandenburger-polizei-verzeichnet-zunahme-bei--/de/News/21525479 Brandenburger Polizei verzeichnet Zunahme bei Enkeltrick-Fällen.] (Memento vom 5. März 2012 im Internet Archive)
  11. http://ooe.orf.at/news/stories/2735421/ 500.000 Euro mit Enkeltrick ergaunert, orf.at, 6. Oktober 2015, abgerufen 6. Oktober 2015. - Keiler, Telefonmitschnitt.
  12. http://wien.orf.at/news/stories/2758426/ Mit Bankangestellten gegen Neffentrick, orf.at, 18. Februar 2016, abgerufen 18. Februar 2016
  13. Betrug durch Enkel-Trick: Polizei nimmt Bande in Polen fest (Fotostrecke), spiegel.de, 30. Mai 2014, zuletzt abgerufen 6. Oktober 2015.
  14. Hamburger Polizei schnappt Enkeltrick-Clan NDR.de, 30. Mai 2014, zuletzt abgerufen 6. Oktober 2015. (Durchforstetes Telefonbuch, Linkliste Online-Presseartikel im Forumbeitrag vom 2. Juni 2014)
  15. POL-HH: 140530-1. Gemeinsame Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft und Polizei Hamburg - Schlag gegen die organisierte Kriminalität - polnische Bande von Enkeltrickbetrügern verhaftet Polizei Hamburg, 30. Mai 2014, zuletzt abgerufen 6. Oktober 2015.
  16. http://wien.orf.at/news/stories/2757149/ 82-Jährige überführte Trickdiebe, orf.at, 11. Februar 2016, abgerufen 18. Februar 2016
  17. http://wien.orf.at/news/stories/2757149/ 82-Jährige überführte Trickdiebe, orf.at, 11. Februar 2016, abgerufen 18. Februar 2016
  18. Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (Hrsg.): Enkeltrick. Infoblatt für Mitarbeiter von Banken und Geldinstituten. Stuttgart, ca. 2015.
  19. http://wien.orf.at/news/stories/2758426/ Mit Bankangestellten gegen Neffentrick, orf.at, 18. Februar 2016, abgerufen 18. Februar 2016
  20. https://www.oenb.at/Presse/20160218.html Polizei, OeNB und WKO kämpfen gemeinsam gegen den „Neffentrick“, Österr. Nationalbank, (Informationsvideo 2:25). 18. Februar 2016, abgerufen 18. Februar 2016.
  21. https://www.youtube.com/watch?v=dW0rrsXtgBU Bundeskriminalamt Neffentrick Master 1080p MP4 H264 HD, Kanal von BundeskriminalamtOE, youtube.com, 18. Februar 2016, abgerufen 18. Februar 2016
  22. Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (Hrsg.): Enkeltrick. Infoblatt für Mitarbeiter von Banken und Geldinstituten. Stuttgart, ca. 2015.
  23. Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (Hrsg.): Enkeltrick. Infoblatt für Mitarbeiter von Banken und Geldinstituten. Stuttgart, ca. 2015.
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