Enragés

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Die Enragés (französisch enragé: ‚wütend‘) waren eine sozialrevolutionäre politische Gruppierung, die sich Ende 1792 unter der Führung des Priesters Jacques Roux formierte.

Zusammensetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als radikale Splittergruppe der Sansculotten waren die Enragés während der Französischen Revolution im Jahr 1793 tätig. Sie waren keine organisierte Partei, sondern eine Gruppe nur lose miteinander verbundener Akteure, die ähnliche Positionen vertraten und von ihren Gegnern mit dem negativ konnotierten Namen "Enragés" bezeichnet wurden.[1] Zu den Enragés werden der Priester Jacques Roux, Jean Varlet, Théophile Leclerc, Pauline Léon und Claire Lacombe gezählt. Die beiden letzteren waren in der Gesellschaft der Revolutionären Republikanerinnen aktiv.

Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als sich von den übrigen Republikanern abhebende Gruppe traten die Enragés erst 1793 hervor, nachdem der König hingerichtet worden war und soziale Fragen in den Vordergrund traten.[2] Varlet versuchte schon im März, einen Aufstand gegen die im Nationalkonvent führenden Girondisten zu initiieren. Weil die Kommune unter Pierre-Gaspard Chaumette und Jacques-René Hébert sich der Bewegung aber nicht anschließen wollte, verpuffte die Aktion wirkungslos.[3] Im Mai 1793 spitzte sich der Konflikt zwischen Jakobinern und Girondisten im Konvent soweit zu, dass die Jakobiner und die Kommune nun eine von Varlet mitinitiierte revolutionäre Volksbewegung unterstützten, die am 2. Juni nach mehrtägiger Belagerung des Parlaments durch Volksmassen zum Ausschluss und der Verhaftung führender Girondisten aus dem Konvent führte.[4]

Die Enragés vertraten darüber hinaus jedoch noch weitere Ziele sozialer und politischer Natur, die sie danach in Gegensatz zur Revolutionsregierung unter Führung von Maximilien de Robespierre brachten: im Zentrum stand die Forderung nach der Beteiligung Reicher an den Kosten der Revolution und der Hinrichtung von Hamsterern und Spekulanten, die für die schwierige Versorgungslage der Pariser Bevölkerung verantwortlich gemacht wurden.[5] Die Jakobiner und auch die radikaleren Hébertisten wandten sich wegen dieser Gegensätze gegen die Enragés und schalteten sie im Herbst 1793 aus: Roux wurde verhaftet und beging angesichts des zu erwartenden schließlich Selbstmord; Varlet und Leclerc zogen sich nach Inhaftierungen aus der Politik zurück; der Club der Revolutionären Republikanerinnen wurde im November von Chaumette geschlossen.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Marx erwähnte Roux und Leclerc in Die heilige Familie als bahnbrechende Vorläufer des Kommunismus. Die Enragés weckten auch deshalb vor allem das Interesse kommunistischer und linker Historiker, unter denen der DDR-Historiker Walter Markov mit zahlreichen Beiträgen zu Roux hervorsticht.

Die Konflikte zwischen den Jakobinern und den Sansculotten wurden im 20. Jahrhundert ausführlich von Daniel Guérin untersucht.[6]

Im Mai 1968 wurde in bewusster Anknüpfung an die französische Revolution Enragés als Selbstbezeichnung verwendet. Das Wort wird heute auch im generischen Sinn für extreme Gruppen verwendet.

Peter Weiss hat Roux in seinem wohl bedeutendsten Stück Marat/Sade als Figur auftreten lassen.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Rose, S. 3 zur Konnotation; darin das Kapitel The Enragés as a Party.
  2. Vgl. Markov, S. 155.
  3. Vgl. Rose, S. 20f.; Slavin: The Making of an Insurrection, S. 67.
  4. Im Detail geschildert bei Slavin: The Making of an Insurrection.
  5. Vgl. v.a. das sogenannte Manifest der Enragés, eine von Roux im Konvent vorgetragene Petition, in: Walter Grab (Hrsg.): Die Französische Revolution. Eine Dokumentation. 68 Quellentexte und eine Zeittafel, München 1973, S. 163-171.
  6. Daniel Guérin: La lutte de classes sous la première république : Bourgeois et "bras nus" ; (1793–1797), Paris 1946, überarbeitete Neuausgabe Paris: Gallimard 1968 (2 Bände). Bourgeois et bras nus ist eine Zusammenfassung der Ergebnisse.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ursula Geitner: „Die eigentlichen Enragées ihres Geschlechts“. Aufklärung, Französische Revolution und Weiblichkeit. In: Helga Grubitzsch u.a. (Hg.): Grenzgängerinnen. Revolutionäre Frauen im 18. und 19. Jahrhundert. Düsseldorf: Schwann 1985, ISBN 3-590-18042-0, S. 181–217.
  • Daniel Guérin: Bourgeois et bras nus : 1793–1795, Paris : Gallimard, 1973, dt. Klassenkampf in Frankreich: Bourgeois et bras nus 1793–1795, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975
  • René Viénet: Enragés et situationnistes dans le mouvement des occupations, Paris: Gallimard, 1968, dt. Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen: Paris Mai '68, Hamburg: Edition Nautilus im Verlag Lutz Schulenburg, 1977.
  • Peter Weiss: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats. Text und Kommentar. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004. ISBN 3518188496
  • Denis Richet: Die Enragés, in: François Furet, Mona Ozouf (Hrsg.): Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution, Bd. 1, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1996, S. 565-572. ISBN 3-518-11522-7.
  • Walter Markov: Die Freiheiten des Priesters Roux, Berlin: Akademie Verlag 1967.
  • Morris Slavin: The Making of an Insurrection. Parisian Sections and the Gironde, Cambridge: Harvard University Press, 1986. ISBN 0-674-54328-9
  • Robert Rose: The Enragés: Socialists of the French Revolution?, Canberra 1965.