Enthäuten

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Die Häutung des Marsyas (Kupferstich von Melchior Meier, 1581)

Das Enthäuten, auch Häuten oder Schinden genannt, war eine von der Antike bis in die Neuzeit praktizierte Hinrichtungsmethode, der eine äußerst qualvolle Folter vorausgeht. Dabei wurde einem Menschen mit einem Messer die Haut vom Körper abgezogen. Das Enthäuten bzw. das Abreißen der Kopfhaut (Skalpieren) gilt bis in die Neuzeit bei vielen Kulturen als Triumph und Trophäe über den Gegner.[1]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das vollständige Enthäuten eines Menschen dauert wahrscheinlich gut eine Stunde. Enthäuten ist äußerst schmerzhaft, sodass das Opfer wohl wiederholt in Ohnmacht fällt und wegen der Schmerzen daraus wieder aufgeschreckt wird. Das enthäutete Opfer stirbt oft langsam in Stunden oder Tagen am Schock, durch Blut- und Flüssigkeitsverlust, Unterkühlung und Infektionen.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alter Orient[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Assyrisches Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Relief der Enthäutung von hebräischen Abgesandten durch assyrische Soldaten. Diese beginnen die Enthäutung an den Unterschenkeln ihrer gestreckt gefesselten Opfer (Süd-West-Palast des Sanherib in Ninive).

Im Alten Orient wurde Schinden (kašu) als Bestrafung verwendet. Pfählen und Schinden von Rebellen ist zuerst unter Aššur-bel-kala nachgewiesen.[3] Der assyrische Herrscher Salmanasser III. ließ dem aufständischen Ilubiʾdi von Hamath bei lebendigem Leib die Haut abziehen: „seine Haut [wurde] rot wie Wolle gefärbt“ (iṣrupu nabāsiš). Die Schindung Ilubiʾdis ist im Saal VIII (Platte 25) in Nimrud bildlich dargestellt. Eine ähnliche Formulierung findet sich in dem Moussaieff-Fragment für die Hinrichtung des Königs Aššur-leʾi von Karalla auf Befehl Sargons: „Der Zerstörer des Landes Karalla, der die Haut des Stadtoberhauptes rot wie eine illuru-Pflanze werden ließ“.[4] Sargon ließ auch Bagdatti von Uišdiš und Jahu-Biʾdi, König von Hamath, schinden. Der verstümmelte Körper wurde öffentlich zur Schau gestellt, wahrscheinlich, um potentielle Rebellen abzuschrecken.[5]

„Ich zog dem König von Katmuhi in Arbela die Haut ab und hängte sie über die Stadtmauer von Arbela.“

Asarhaddon[5]

Persisches Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Häutung des Sisamnes (Gemälde von Gerard David, 1498)

Auch für das Perserreich wird vom Häuten berichtet: Nach Herodot (Historien, Buch V) ließ Kambyses II. dem Richter Sisamnes wegen Bestechlichkeit die Haut abziehen.

Römisches Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darstellung der Enthäutung Bartholomäus’ in der ehemaligen Klosterkirche St. Maria in Buxheim

Der Apostel Bartholomäus soll sein Martyrium durch Schinden erlitten haben.

Nach den christlichen Historikern Laktanz und Agathias ließ der persische König Schapur I. den gefangenen römischen Kaiser Valerian schinden, seine Haut rot färben (infecta rubro colore) und in einem Tempel aufhängen.[6] Der Wahrheitsgehalt dieser auf Laktanz’ Biographie beruhenden Nachricht ist allerdings zweifelhaft, da er in propagandistischer Absicht schrieb[5].

Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aztekenreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darstellung des Xipe Totec, welcher mit der abgezogenen Haut eines Opfers bekleidet ist (Codex Borgia, 15. Jahrhundert).

Bei den Azteken in Mittelamerika ist das Enthäuten aus dem Kult des Vegetationsgottes Xipe Totec als Menschenopfer belegt.

Persien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 16. Jahrhundert griff Jean Bodin den Topos des Schindens im Perserreich auf, indem er behauptete, das Schinden sei noch zu seiner Zeit in Persien als Strafe für Diebstahl gebräuchlich: Dem Übeltäter werde bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen, diese dann ausgestopft und auf einen Esel gesetzt.[7]

Dreißigjähriger Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stadtwappen von Kronach

Das Wappen der Stadt Kronach zeigt als Schildhalter zwei Männer, die ihre abgezogene Haut über dem Arm tragen. Sie erinnern an Kronacher Bürger aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die während eines Ausfalls Kanonen der belagernden Schweden unbrauchbar machten und dabei von diesen gefangen und geschunden wurden.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des Bürgerkrieges in Jugoslawien von 1941 bis 1945 häuteten serbische Tschetniks mehrere kroatische Zivilisten[8] und Geistliche der römisch-katholischen Kirche[9], so geschehen beim Massaker im Zabiokovlje.

In der Mythologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer Erzählung der griechischen Mythologie wurde der Satyr Marsyas von dem Gott Apollon geschunden, nachdem er in einem Wettstreit gegen ihn verloren hatte. Die Darstellung des geschundenen Marsyas wird oft mit dem Erwerb der Stadtrechte verbunden. Herodot (Historien 7, 26): berichtet: „In der Stadt Kelainai hängt auch die Haut des Satyrn Marsyas. Diese hat nach der Sage der Phrygier Apollon dem Marsyas abgezogen und hier aufgehängt.“

In der Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haruki Murakami beschreibt das Enthäuten eines japanischen Soldaten durch Mongolen während des Zweiten Weltkrieges in dem Roman Mister Aufziehvogel.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ernst G. Jung: Kleine Kulturgeschichte der Haut. Springer Science & Business Media, 2007, ISBN 978-3-7985-1757-8, Vom Schinden, S. 54–71.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Enthäuten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jung 2007, S. 55.
  2. Jung 2007, S. 69.
  3. Seth Richardson, Death and dismemberment in Mesopotamia: discorporation between the body and the body politic. In: Nicola Laneri (Hrsg.), Performing Death, Chicago 2007, 197
  4. Kathleen Abraham/Jacob Klein, A new Sargon II Cylinder Fragment from an unknown Provenance. Zeitschrift für Assyriologie und vorderasiatische Archäologie 9/2, 2007, 255
  5. a b c Vgl. Erica Reiner: The reddling of Valerian. In: The Classical Quarterly 56, S. 325–329
  6. Laktanz: De mortibus persecutorum – Die Todesarten der Verfolger. Lateinisch/deutsch, übersetzt und eingeleitet von Alfons Städele, Brepols, Turnhout 2003 (Fontes Christiani 43), ISBN 2-503-52108-8; hier Abschnitt 5.6.
  7. Jean Bodin: Sechs Bücher über den Staat. Hrsg. von P. C. Mayer-Tasch, Beck, München 1954, Buch 2, Kap. 1.
  8. So z. B. Ljudevit Draksler († 1941) aus Teslić.
  9. So z. B. die Priester Jakov Barišić (1890–1942), Ivan Čondić (1886–1942) und Josip Braenović (1902–1942).