Entziehung Minderjähriger

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Die Entziehung Minderjähriger ist im deutschen Strafrecht die Wegnahme einer nicht volljährigen Person von einem oder beiden Elternteilen, dem Vormund oder Pfleger und stellt die Kindesentführung unter Strafe.

Straftatbestand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland ist dies eine Straftat oder bei Gefährdung des Opfers ein Verbrechen nach § 235 des Strafgesetzbuches.

Der Straftatbestand kann auch von Angehörigen realisiert werden. Ob der entführte Minderjährige im Inland verbleibt oder ins Ausland verbracht wird, ist unerheblich. Bei Jugendlichen ist die Strafbarkeit nur bei Gewalt, Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List gegeben.

Wer den Minderjährigen mit der Tat in Lebensgefahr oder in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung oder einer erheblichen Schädigung der körperlichen oder seelischen Entwicklung bringt, sie gegen Bezahlung begeht oder um sich oder einen Dritten dabei zu bereichern, sieht nach deutschem Recht einer Freiheitsstrafe von ein bis zehn Jahren, in minder schweren Fällen von sechs Monaten bis zu fünf Jahren entgegen. Mit einer Freiheitsstrafe von drei Jahren bis zu fünfzehn Jahren wird bestraft, wer als Täter den Tod des Opfers fahrlässig verursacht, in minder schweren Fällen ist die Länge der Freiheitsstrafe auf ein bis zehn Jahre beschränkt.

Liegt kein mit erhöhter Strafe bedrohter Fall vor, ist die Entziehung Minderjähriger ein Antragsdelikt. Die Tat wird somit nur auf Antrag der Erziehungsberechtigten verfolgt, außer im Falle besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung. Bewirkt der Täter, dass das Kind an einem anderen Ort festgehalten wird (z. B. bei seinen Verwandten), so liegt ein Dauerdelikt vor. Der Täter kann dann immer wieder aufs Neue verurteilt werden, bis er entweder das Kind freilässt oder dieses volljährig wird.

Kein strafbarer Fall der Entziehung Minderjähriger liegt vor, wenn sich ein Minderjähriger selbst dem Einfluss des Sorgeberechtigten entzieht. Das wird damit begründet, dass für den Minderjährigen keine Rechtspflicht bestehe, sich für den tatsächlichen Einfluss durch den Sorgerechtigten zur Verfügung zu halten.[1] Da die Selbstentziehung für den Minderjährigen selbst straflos ist, macht sich auch nicht strafbar, wer einen Minderjährigen dazu anstiftet oder ihm dabei hilft,[2] etwa durch Gewährung von Unterkunft oder Verpflegung bei ansonsten rein passivem Verhalten.[3][4][5][6][7] Besteht hingegen eine Garanten- und damit Auskunftspflicht, kann sich, wer den Aufenthaltsort eines sich entziehenden Minderjährigen verschweigt, wegen Entziehung Minderjähriger durch Unterlassen strafbar machen.[3]

Statistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2018 wurden in Deutschland 113 Personen aufgrund von § 235 StGB abgeurteilt, davon 74 verurteilt, davon 50 im Alter von 30 bis 50 Jahren. 2 Personen wurden zu einer Haftstrafe ohne Aussetzung zur Bewährung verurteilt, 23 Personen zu Haft auf Bewährung, 46 zu einer Geldstrafe, 3 nach Jugendstrafrecht zu einem Zuchtmittel und/oder einer Erziehungsmaßnahme. Die Geldstrafe betrug 26 Mal 31–90 Tagessätze, 13 Mal 91–180 Tagessätze. 19 Personen waren in Untersuchungshaft genommen worden. Wegen betroffener Kinder wurden 55 abgeurteilt, 34 verurteilt.[8]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Reinhart Maurach, Friedrich-Christian Schroeder, Manfred Maiwald: Strafrecht: Besonderer Teil. Straftaten gegen Gemeinschaftswerte. C.F. Müller GmbH, 2005, Seite 177
  2. § 235 In: Strafgesetzbuch. Leipziger Kommentar. 12. Auflage, Siebenter Band, zweiter Teilband. De Gruyter, 2010
  3. a b Valerius: § 235. In: Bernd von Heintschel-Heinegg (Hrsg.): Beck'scher Online-Kommentar.
  4. Bundestags-Drucksache 13/8587, 38
  5. § 235 StGB Rn 6. In: Eckhard Horn, Jürgen Wolter: Systematischer Kommentar zum Strafgesetzbuch (SK-StGB).
  6. § 235 StGB Rn 3. In: Karl Lackner, Kristian Kühl: Strafgesetzbuch: StGB.
  7. § 235 StGB Rn 7. In: Thomas Fischer: Strafgesetzbuch: StGB mit Nebengesetzen.
  8. Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 3, 2018, Seite