Enver Şimşek

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Enver Şimşek (geb. 14. Dezember 1961 in Salur Köy im Landkreis Şarkikaraağaç; gest. 11. September 2000 in Nürnberg) war das erste Opfer der Mordserie der terroristischen VereinigungNationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Der Inhaber eines Blumenhandels in Schlüchtern in Hessen wurde am 9. September 2000 an seinem mobilen Blumenstand in Nürnberg niedergeschossen. Zwei Tage später starb er infolge seiner schweren Verletzungen in einem Krankenhaus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Enver Şimşek immigrierte 1985 aus der Türkei nach Deutschland. Er arbeitete zunächst in einer Fabrik und machte sich dann mit einem Blumenhandel selbständig. Daraus entstand ein Blumengroßhandel mit angeschlossenen Läden und Ständen.[1]

Einige Jahre vor seiner Ermordung wurde er religiöser, nahm mit seiner Frau am Haddsch teil und spendete der lokalen islamischen Gemeinde Geld. Er habe sogar über die Eröffnung einer Koranschule in Schlüchtern nachgedacht. Seine Kinder schickte er in ein religiöses Internat.[1]

Enver Şimşek war verheiratet und Vater von zwei Kindern, Semiya und Abdulkerim.[2]

Ermordung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Zufall war Şimşek am Tattag, dem 9. September 2000, am Tatort. Normalerweise lieferte er nur Ware für den Blumenstand aus. An diesem Tag übernahm er jedoch als Urlaubsvertretung auch den Verkauf an einem Standplatz entlang einer Straße.[3]

Der Tatort liegt auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände, zwischen den ehemaligen Lagern der SS, der SA und des Reichsarbeitsdienstes[4] und gehört heute zum Stadtteil Langwasser (Lage).[5]

Zwischen 12:45 und 14:15 Uhr wurden acht Schüsse auf Şimşek abgegeben. Zwei Tage später erlag er seinen schweren Verletzungen, ohne das Bewusstsein zuvor wiedererlangt zu haben. Die kriminaltechnische Untersuchung von Projektilen und Geschosshülsen ergab, dass für die Schüsse zwei verschiedene Waffen verwendet worden waren: eine Pistole Kaliber 6,35 mm, der Typ nicht näher identifizierbar,[6] und eine Pistole vom Typ Česká 83, Kaliber 7,65 mm.[2]

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der zentralen Gedenkveranstaltung der Bundesrepublik zu Ehren der NSU-Opfer im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt sprach Semiya Şimşek zusammen mit der Tochter Mehmet Kubaşıks, Gamze, und erklärte dabei, sie habe elf Jahre lang „nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein“ dürfen.[7] Die Leidensgeschichte ihrer Familie nach dem Tod des Vaters und den Umgang der Ermittler mit den Angehörigen arbeitete sie in dem 2013 erschienenen Buch Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater auf, das Grundlage für den 2016 ausgestrahlten ARD-Fernsehfilm Die Opfer – Vergesst mich nicht wurde.[8]

Zum Gedenken an alle NSU-Mordopfer, darunter auch Şimşek, wurde 2013 in Nürnberg eine Stele errichtet (siehe Gedenkorte der Ceska-Mordserie). Am Tatort wurde im September 2014 auf Initiative von Anwohnern und in Anwesenheit der Witwe – die erstmals diesen Ort besuchte – eine Informationstafel zu seinem Andenken eingeweiht.[9] Nachdem die Tafel von Unbekannten gestohlen worden war, befestigte die Gruppe „Das Schweigen durchbrechen“ dort ein Schild, das ein Bild des Ermordeten zeigt.[10]

In Zwickau, wo das Kerntrio der NSU zuletzt im Untergrund lebte, wurde am 8. September 2019 zum Gedenken an Enver Şimşek auf der Ziegelwiese im nördlichen Teil des Schwanenteichparks eine Deutsche Eiche gepflanzt. Nur wenige Wochen später wurde der Baum von Unbekannten abgesägt. Bürgermeisterin Pia Findeiß sprach von einem Zeugnis „von Intoleranz, mangelndem Demokratieverständnis und von Verachtung gegenüber Terroropfern und deren Angehörigen“.[11][12] Eine Woche später wurde auch eine Bank mit einer Inschrift zerstört, die zum Gedenken an Şimşek aufgestellt worden war. Barbara John, die Ombudsfrau der Bundesregierung für NSU-Opfer, betrachtet dies als Indiz für die Existenz von Netzwerken, die die Morde gutheißen.[13] Daraufhin wurden am gleichen Ort zehn neue Gedenkbäume gepflanzt und Gedenktafeln angebracht. Bei der Einweihung am 3. November 2019 kam es aber wegen fehlerhafter Schreibweise von Şimşeks Name sowie Nicht-Einladung von Überlebenden und Angehörigen zu Kritik.[14]

Şimşeks Angehörige wurden im NSU-Prozess von Seda Başay-Yıldız anwaltlich vertreten.[15]

In Jena Winzerla, wo die Täter des NSU aufgewachsen sind, ist die Umbenennung eines Platzes zum Gedenken an Enver Şimşek im Gespräch.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Semiya Şimşek und Peter Schwarz: Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater. Rowohlt Berlin 2013, ISBN 978-3-87134-480-0.[17]
  • Barbara John (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit Vera Gaserow und Taha Kahya: Unsere Wunden kann man nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Opfer und Angehörigen bedeutet. Herder, Freiburg, Basel, Wien 2014, ISBN 978-3-451-06727-3, Kapitel „Ohne meine Religion wäre ich in Hass versunken. Abdulkerim Şimşek, Sohn Enver Şimşeks, erzählt“, S. 31–39.
  • Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU. Pantheon, München 2014, ISBN 978-3-570-55202-5, S. 448–454, 463–466.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU. Pantheon, München 2014, S. 464.
  2. a b Oliver Bendixen, Matthias Fink: Auf der Suche nach dem „Dönerkiller“. Radiofeature. In: SWR.de, April 2010.
  3. Eröffnung Wanderausstellung “Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen” auf Internetsite des Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt, abgerufen 12. September 2016
  4. Interview mit Birgit Mair, Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e. V. (PDF) DIMENSIONEN – Der NSU und seine Auswirkungen auf die Migrationsgesellschaft: ein Projekt des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit (IDA) e. V., 3. Februar 2015, abgerufen am 1. Oktober 2017.
  5. Hartmut Voigt: NSU: Vor 16 Jahren wurde Enver Simsek erschossen. NN, 9. September 2016, abgerufen am 1. Oktober 2017.
  6. Bei der Pistole handelte es sich um die später in den Trümmern der Zwickauer Wohnung gefundene Bruni 315 Auto, eine zur scharfen Waffe umgebaute Schreckschusspistole italienischer Herkunft.
  7. Barbara John: Einleitung. In: dies. (Hrsg.): Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Opfer und Angehörigen bedeutet. Herder, Freiburg im Breisgau 2014, S. 9–27, hier S. 18.
  8. Antje Hildebrandt: NSU in der ARD: Gänsehaut als Geschichtsunterricht. In: Stuttgarter Zeitung. 30. März 2016, abgerufen am 6. Oktober 2019.
  9. Gedenkstätte für das erste Opfer der NSU-Mordserie. In: Nordbayern.de, 9. September 2014, abgerufen am 6. Oktober 2019.
  10. NSU: Vor 16 Jahren wurde Enver Simsek erschossen. In: Nordbayern.de, 9. September 2016, abgerufen am 6. Oktober 2019.
  11. Oberbürgermeisterin ist entsetzt über die Zerstörung des Gedenkbaumes an ein NSU-Opfer. Pressemitteilung der Stadt Zwickau vom 3. Oktober 2019, abgerufen am 6. Oktober 2019.
  12. Gedenkbaum für NSU-Mordopfer in Zwickau abgesägt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 4. Oktober 2019, abgerufen am 6. Oktober 2019.
  13. Erneut Gedenkzeichen für NSU-Opfer zerstört. In: Deutschlandradio. 6. Oktober 2019, abgerufen am selben Tag.
  14. Zwickau weiht Mahnmal für NSU-Opfer ein. In: Zeit Online. 3. November 2019.
  15. Frankfurter Rundschau: Seda Basay-Yildiz: Kampf dem staatlichen Rassismus. Abgerufen am 14. Januar 2019.
  16. Streit um „Enver-Simsek-Platz“ - Stadtverwaltung Jena lehnt Benennung nach NSU-Opfer ab. Abgerufen am 2. April 2019.
  17. Armin Lehmann: Opferanwälte: Die NSU-Morde haben RAF-Dimension. In: Tagesspiegel.de, abgerufen 7. März 2013.