Envio

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Envio

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Rechtsform Aktiengesellschaft
Gründung 2004
Sitz Hamburg, Deutschland
Leitung
Mitarbeiterzahl 54 (Dezember 2009)[1]
Umsatz 17,66 Mio. Euro (2009)[1]
Branche Umweltdienstleister
Website www.envio-group.de

Die Envio AG ist ein Unternehmen, das sich unter anderem auf die Entsorgung PCB-haltiger Transformatoren sowie auf die Vermarktung der durch die Verwertung gewonnenen Rohstoffe spezialisiert hatte. Im Frühjahr 2010 wurde publik, dass die Firma offenbar durch unsachgemäßen Umgang mit den Giftstoffen eine massive Vergiftung mehrerer Mitarbeiter durch PCB sowie die Verseuchung des Firmengeländes und umliegender Flächen zu verantworten hat. Das Betriebsgelände liegt im Dortmunder Hafen, die Dekontamination soll Ende 2018 abgeschlossen worden sein.[2][3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2004 entstand aus einem Management-Buy-out aus dem ABB Konzern die Envio Group, die 2007 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Am 24. September 2007 erfolgten der Börsengang und die Aufnahme in den Entry Standard der Deutschen Börse.

Im Mai 2010 wurde der Betrieb in Dortmund von der Bezirksregierung Arnsberg geschlossen, da es als Hauptverursacher einer erhöhten PCB-Belastung umliegender Flächen verdächtigt wurde. Infolge eines anonymen Hinweises hatte die Bezirksregierung am 28. April 2010 Fegeproben durchführen lassen, bei denen eine 150fache Überschreitung der zulässigen PCB-Konzentration festgestellt wurde.[4]

Im Juli 2010 erfolgte eine Umbenennung der Biogas-Sparte des Unternehmens in Bebra Biogas GmbH.[5] Das Unternehmen heißt heute Aleia Holding AG und ist an der Hamburger Börse notiert. Ferner verlegte die Muttergesellschaft Envio AG ihren Sitz von Dortmund nach Hamburg. Teile des Konzerns, nämlich die für die Entsorgung der PCB-haltigen Geräte verantwortliche Envio Recycling-GmbH & Co. KG sowie die Envio Germany Geschäftsführungs-GmbH, gingen im Oktober 2010 in die Insolvenz.[6] In Bezug auf die Umbenennung der Biogas-Sparte des Unternehmens vermutete der Chef des Bonner Investmenthauses Murphy & Spitz, dass Teile der AG „ausgeweidet“ werden könnten, bevor ihre Werthaltigkeit im Rahmen eines Insolvenzverfahrens der AG den Geschädigten des Giftskandals zugutekäme.[5]

Giftskandal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund gestiegener Rohstoffpreise der in den Transformatoren verwendeten Metalle war es lukrativ geworden, bereits in der Untertagedeponie Herfa-Neurode endgelagerte Aggregate für eine Materialrückgewinnung aufzubereiten.[7] Dazu betrieb Envio ein genehmigtes Reinigungsverfahren, mit dem PCB-belastete Transformatorteile mittels Tetrachlorethen gespült wurden.[7] Die Genehmigung sah vor, dass nur gereinigte bzw. gering belastete Transformatorenteile den Schwarzbereich verlassen durften.[7] PCB-haltige Fraktionen sollten ordnungsgemäß entsorgt werden.[7] Mehrere Begehungen im Frühjahr 2010 zeigten, dass massiv gegen die Genehmigungsauflagen verstoßen wurde.[7]

Die auf dem Unternehmensgelände gemessenen Giftkonzentrationen überschritten die zulässigen Werte teilweise drastisch.[8] Bei dem Giftskandal – er wurde von der Tageszeitung Westfälische Rundschau aufgedeckt – handele es sich um die bundesweit größte PCB-Katastrophe der letzten Jahrzehnte.[9] Auch die Angehörigen der Beschäftigten seien gesundheitlich gefährdet.[10]

Erste Hinweise auf eine erhöhte PCB-Belastung im Umfeld des Dortmunder Hafens gab es bereits 2006, als die Auswertungen von Bioindikatoren entsprechende Hinweise lieferten.[11] Im Bioindikator Grünkohl an der Messstation in Eving wurden entgegen der Tendenz der leichten Abnahme steigende PCB-Konzentrationen festgestellt.[11] Nachdem Ende Juni 2010 erste Blutwerte betroffener Mitarbeiter der Envio AG mit einer Erhöhung der PCB-Werte bis zum 25.000-fachen vorlagen,[12] erstattete die Bezirksregierung Arnsberg Strafanzeige wegen „fahrlässiger oder vorsätzlicher Körperverletzung“ gegen die Firma.[13] Gegen den Geschäftsführer Dirk Neupert, einen ehemaligen Betriebsleiter, einen Immissionsschutzbeauftragten und einen ehemaligen Werkstattmeister wurde Anklage erhoben.[14] Der Prozess begann im Mai 2012.[15] Neuperts Verteidiger erklärte zu Prozessbeginn, die erhöhte PCB-Belastung lasse sich „plausibel mit ungesunden Lebensstilfaktoren“ der betroffenen Mitarbeiter erklären.[16] Dieser Version widersprachen die ehemaligen Beschäftigten allerdings vehement. Ein ehemaliger Schichtleiter sagte Anfang März 2013 aus, dass die Firma mit der Zahl der Aufträge nicht hinterhergekommen sei und dass das kontaminierte Material oft nur im Schnellverfahren gereinigt worden sei, ohne dass die Mitarbeiter hinterher sicher waren, ob diese sauber waren. Zudem sei kontaminiertes Material in „Nacht- und Nebelaktionen“ vor Kontrollen durch Behörden oder die Feuerwehr versteckt worden.[17] Auch andere Zeugen berichteten während des Prozesses von einem äußerst laxen Umgang mit Sicherheitsvorschriften bei der Envio AG.[18][19]

Das Verfahren wurde im April 2017 gegen Zahlung einer Geldauflage von insgesamt 80.010 € an 21 Nebenkläger[20] eingestellt (3810 € pro Betroffenem[21]), da sich die Vorwürfe der Körperverletzung im Prozess nicht erhärten ließen; bezüglich der Verstöße gegen Umweltvorschriften stellte der Richter fest, dass, verglichen mit der Menge PCB, die bei Einhaltung aller Vorschriften freigesetzt worden wäre, die tatsächlich freigesetzte Menge kaum ins Gewicht falle.[22] Der WDR berichtete, dass Betroffene durch irreversibel hohe PCB-Belastung unter gesundheitlichen Problemen und Arbeitsunfähigkeit litten, allerdings keinen Anspruch auf Frühberentung geltend machen könnten.[23]

Arbeiten zur Beseitigung der PCB-Belastung auf dem Envio-Gelände verzögerten sich wiederholt.[24] Noch 2015 warnte das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz vor dem Verzehr von in der Nähe des Envio-Geländes angebautem Grünkohl, da dieser durch seine gezackten Blätter PCB-belasteten Staub in der Umgebung in stärkerem Maße aufnähme als anderes Gemüse.[25] Der Hauptdezernent der Arnsberger Bezirksregierung erklärte, dass die Dekontamination, die den Abriss von Hallen und das Abfräsen von Asphalt umfasste, Ende 2018 abgeschlossen sein sollten.[26][27] Diese Arbeiten mussten unter hohem Sicherheitsaufwand erfolgen, um eine weitere Verbreitung des Giftstoffes in der Umgebung zu unterbinden.[28] Aufgrund von Insolvenz wurde die Envio Recycling GmbH von der Übernahme der anfallenden Kosten von etwa 7,5 Millionen Euro für die Reinigungsarbeiten befreit, die schließlich von der Bezirksregierung getragen wurden. Die Stadt Dortmund erwarb das Firmengelände aus dem Insolvenzbestand von Envio.[29]

Filmdokumentationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Grünkohl, Gifte und Geschäfte – Der Skandal um die Firma Envio. In: WDR. Ausgestrahlt am 7. November 2011 in der Reihe Die Story.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Envio AG: Konzernjahresabschuss 2009. (PDF; 458 kB) (Nicht mehr online verfügbar.) Archiviert vom Original am 4. März 2016; abgerufen am 11. November 2010.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.envio-group.com
  2. Gregor Beushausen: Sanierung des Envio-Geländes am Dortmunder Hafen soll im Dezember abgeschlossen sein. Abgerufen am 12. November 2019.
  3. PCB-verseuchtes Envio-Gelände im Dortmunder Hafen saniert. 21. Dezember 2018, abgerufen am 12. November 2019.
  4. Bezirksregierung Arnsberg: Anfrage Bündnis 90/Die Grünen (Memento des Originals vom 7. April 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/envio.derwesten.de. In: DerWesten. 12. Mai 2010
  5. a b Klaus Brandt: Neuer Name, alter Chef: Envio Biogas heißt Bebra. In: DerWesten. 7. Juli 2010
  6. Klaus Brandt: Teile der Giftfirma Envio sind insolvent. In: DerWesten. 26. Oktober 2010
  7. a b c d e Peter Bruckmann, Ernst Hiester, Marcel Klees, Ludwig Radermacher: Die Umweltbelastung durch polychlorierte Biphenyle (PCB) im Dortmunder Hafen. In: Gefahrstoffe – Reinhalt. Luft. 71, Nr. 4, 2011, ISSN 0949-8036, S. 151–158.
  8. Klaus Brandt: Schockierende Giftwerte – Envio komplett geschlossen. In: DerWesten. 20. Mai 2010
  9. Klaus Brandt: Envio-Mitarbeiter extrem PCB-belastet. In: DerWesten. 26. Juni 2010
  10. Andreas Wyputta: Umweltskandal in Dortmund: Die vergifteten Menschen. In: die tageszeitung. 31. August 2011
  11. a b Ludwig Radermacher, Peter Altenbeck, Martin Kraft, Thomas Delschen, Ernst Hiester: Ermittlung von PCB-Quellen im Dortmunder Hafen mittels Exposition von pflanzlichen Bioindikatoren. In: Gefahrstoffe – Reinhalt. Luft. 71, Nr. 4, 2011, ISSN 0949-8036, S. 159–164.
  12. Jonas Müller-Töwe: Envio-Giftskandal: PCB Blutwerte um das 25.000-Fache erhöht. In: Ruhr Nachrichten. 26. Juni 2010
  13. Envio-Skandal: Bezirksregierung erstattet Anzeige. In: Ruhr Nachrichten. 28. Juni 2010
  14. Staatsanwaltschaft erhebt Anklage im Fall Envio. In: DerWesten. 24. Juni 2011
  15. PCB-Skandal in Dortmund: Envio-Manager vor Gericht. In: Spiegel Online. 9. Mai 2012
  16. Prozess um PCB-Skandal: Ex-Envio-Chef weist Vorwürfe zurück. In: Spiegel Online. 9. Mai 2012
  17. Envio-Zeuge: Giftschrott im Trafo versteckt. In: RuhrNachrichten.de. 14. März 2013
  18. Envio-Produktionsleiter erhebt schwere Vorwürfe. In: RuhrNachrichten.de. 15. Januar 2013
  19. http://www.ruhrnachrichten.de/staedte/dortmund/44147-Nordstadt~/Umwelt-Skandal-im-Dortmunder-Hafen-PCB-Prozess-Streit-um-neues-Envio-Gutachten;art930,3112801
  20. Oliver Volmerich, Christin Mols, Kevin Kisker: 7 Jahre danach: Wie geht es den Envio-Betroffenen? Abgerufen am 12. November 2019.
  21. WELT: Verfahren gegen Envio-Manager im „PCB-Skandal“ eingestellt. 4. April 2017 (welt.de [abgerufen am 12. November 2019]).
  22. Verfahren-gegen-Envio-Manager-eingestellt. In: Welt.de. 4. April 2017
  23. PCB-verseuchtes Envio-Gelände im Dortmunder Hafen saniert. 21. Dezember 2018, abgerufen am 12. November 2019.
  24. Martin von Braunschweig: Streit um Envio-Sanierung: Stadt Dortmund klagt erfolgreich gegen die Bezirksregierung. Abgerufen am 12. November 2019.
  25. Dennis Werner: Nach PCB-Skandal - Umweltamt empfiehlt nicht mehr als zwei Portionen Grünkohl. 17. Juli 2015, abgerufen am 12. November 2019 (deutsch).
  26. Gregor Beushausen: Sanierung des Envio-Geländes am Dortmunder Hafen soll im Dezember abgeschlossen sein. Abgerufen am 12. November 2019.
  27. PCB-verseuchtes Envio-Gelände im Dortmunder Hafen saniert. 21. Dezember 2018, abgerufen am 12. November 2019.
  28. Dortmunder Envio-Gelände wird ab Dezember geräumt. 6. Oktober 2015, abgerufen am 12. November 2019 (deutsch).
  29. Gregor Beushausen: Sanierung des Envio-Geländes am Dortmunder Hafen soll im Dezember abgeschlossen sein. Abgerufen am 12. November 2019.