Epigramm

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Epigramm (altgriechisch ἐπίγραμμα epigramma, deutsch ‚Aufschrift‘), ein kurzes, zugespitztes Sinngedicht, war ursprünglich eine Inschrift auf einem Weihgeschenk, einem Grabmal, einem Kunstwerk und Ähnlichem, lediglich mit dem Zweck der Bezeichnung des Gegenstandes und dessen Bedeutung. Die Erstellung von Epigrammen bezeichnet man als Epigrammatik.

Später erhielten diese Inschriften eine poetische Erweiterung, indem sie in knappster Fassung des Sinnes, meist in Distichen, auch Gefühlen und Gedanken Raum gaben, die sich an die betreffende Person, Handlung oder Begebenheit knüpften, und bildeten sich so zu einer selbständigen, im 20. Jahrhundert selten gewordenen[1] Dichtungsgattung heraus. Gotthold Ephraim Lessing erklärt das Epigramm als Gedicht, in welchem nach Art der eigentlichen Aufschrift unsere Aufmerksamkeit und Neugierde auf irgendeinen einzelnen Gegenstand erregt und mehr oder weniger hingehalten werden, „um sie mit Eins zu befriedigen“.

Erwartung und Aufschluss sind daher die beiden wesentlichen Teile des Epigramms, von denen erstere (wie ein Rätsel) durch einen scheinbaren Widerspruch gespannt, letzterer durch eine überraschende Deutung des Sinnes herbeigeführt wird (daher auch der deutsche Name Sinngedicht für Epigramm, kreiert von Philipp von Zesen).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Begründer der epigrammatischen Kunst gilt Simonides von Keos (5./4. Jh. v. Chr.), dessen Epigramme, zum großen Teil als Monumente der Kämpfer in den Perserkriegen gedichtet, Muster poetischer Auffassung sind und sich durch Schärfe des Gedankens und großartige Einfachheit auszeichnen. In der Folge fand das Epigramm breite Pflege, und der poetische Sinn der Griechen entfaltete in dergleichen kleinen Gedichten[2] noch lange eine große Anmut, Vielseitigkeit und Gewandtheit, auch nachdem ihnen die Kraft zu größeren Produktionen entschwunden war.

Ein Teil des reichen Nationalschatzes griechischer Epigramme ist in der Griechischen Anthologie erhalten. Von den Griechen kam die epigrammatische Poesie nach Rom und wurde hier mit Vorliebe gepflegt, nahm aber bald den vorwiegend satirischen Charakter an. In der Periode des Augustus werden die ersten Dichter Roms sowie die angesehensten Männer des Staates unter den Epigrammdichtern genannt. In diese Zeit fällt Domitius Marsus. Das Bedeutendste aber, was sich von dieser Art Poesie der Römer erhalten hat, sind die Epigramme des Martial, der in seinen Epigrammen das Leben der römischen Kaiserzeit in einer unübertrefflichen formalen Vollendung wiedergegeben hat. Man kann die 1500 Gedichte, wie einen Gesellschaftsroman in Aphorismen lesen, ein Ensemble von Begegnungen und Reaktionen des Dichters auf seine Zeit und ihren sozialen und literarischen Hintergrund. Unter den Dichtern der Spätantike trat als Epigrammatiker noch Ausonius hervor. Auch bei den romanischen Völkern trug das Epigramm meist den beißenden Charakter, wurde aber zum Teil zum Madrigal, zum Teil auch zum Sonett umgestaltet. Die historische Bezeichnung für ein satirisches Epigramm lautet im Deutschen Stachelreim.

Am beliebtesten war es in Frankreich, wo Clément Marot (1495–1544) als der erste bekannte Dichter in dieser Gattung genannt wird. Mittels des Epigramms pflegte sich besonders seit Richelieus Zeiten und kurz vor dem Ausbruch der Revolution die zum Stillschweigen verurteilte politische Opposition zu äußern. In England wusste vornehmlich John Owen (1616–1683) den Ton des Martial zu treffen. Den Beinamen „Der englische Martial“ trug ein anderer John Owen (1564–1622). Als die ältesten deutschen epigrammatischen Produkte gelten die „Priameln“ des 13. und 14. Jahrhunderts, die jedoch, ähnlich den Sinngedichten des Orients (Indien, Persien), mehr allgemeine Sitten- und Weisheitssprüche sind.

Im 17. Jahrhundert hielt man sich in Deutschland[3] an das Vorbild der Alten und nahm sich Martials sarkastische Schärfe zum Muster; so beispielsweise Friedrich von Logau und Christian Wernicke oder später im 19. Jh. Heinrich von Kleist. Goethes und Schillers Epigramme sind, die scharf treffenden Xenien ausgenommen, meist Sinnsprüche allgemeineren Inhalts. Ähnlich auch bei Lessing und Friedrich Haug. Aus neuerer Zeit sind August Graf von Platen, Franz Grillparzer,[4] Friedrich Hebbel, Erich Kästner, Friedrich Theodor Vischer und Hansgeorg Stengel anzuführen. Die beliebteste Form des Epigramms ist noch heute das Distichon, das als vollkommenes formales Schema angesehen werden kann, in dem der Hexameter die Erwartung, der Pentameter den kurz zusammenfassenden Aufschluss gibt. Indessen eignet sich auch der kurze Jambus mit passenden Reimverschlingungen als Träger des Epigramms. Als Beispiel ein sich auf die Gattung selbst beziehendes Epigramm Lessings[5]:

Du dem kein Epigramm gefällt,
Es sei denn lang und reich und schwer:
Wo sahst du, daß man einen Speer,
Statt eines Pfeils, vom Bogen schnellt?

Die Theorie des Epigramms behandelten Lessing in den „Anmerkungen über das Epigramm“ und Herder in der Abhandlung „Über das griechische Epigramm“, jener vorzugsweise in Bezug auf das satirische Epigramm der Römer, dieser im Anschluss an die griechische Anthologie von einem umfassenderen Gesichtspunkt aus.

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem 19. Jahrhundert wird vor allem im deutschsprachigen Bereich der Begriff Epigramm auch als Titel für Kompositionen verwendet. Entweder ist es Vokalmusik, die literarische Epigramme vertont, zum Beispiel:

Als Beispiele für Miniaturen mit epigrammatischem Charakter für instrumentale Besetzungen können genannt werden:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemeines
Deutsches Epigramm
  • Klemens Altmann: Deutsche Epigramme aus fünf Jahrhunderten. München 1966.
  • Walter Dietze: Abriß einer Geschichte des deutschen Epigramms. In: Walter Dietze (Hrsg.): Erbe und Gegenwart. Aufbau, Berlin 1972, S. 247–391.
  • Gerhard Neumann: Deutsche Epigramme. Stuttgart 1969, 1971 (= Reclam UB. Band 8340–43).
Antikes Epigramm
  • Marion Lausberg: Das Einzeldistichon. Studien zum antiken Epigramm. München 1982.
  • Gerhard Pfohl: Das Epigramm. Zur Geschichte einer inschriftlichen und literarischen Gattung. Darmstadt 1969.
  • Gerhard Pfohl: Epigrammphilologie. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 177–188.
Lateinisches Epigramm
  • Paul Barié: Martial. Gespiegelte Wirklichkeit im römischen Epigramm. Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie Bd. 17. Sonnenberg, Annweiler 2004, ISBN 978-3-933264-34-3.
  • Walter Berger: Distichen. Lateinische Epigramme als ein humanistisches Vermächtnis. Wien 1994.
Griechisches Epigramm
  • Hildebrecht Hommel: Der Ursprung des Epigramms. In: Rheinisches Museum. Band 66, 1939, S. 193–206.
  • Günther Kapeller: Grabinschriftliche Motive. Eine Studie von Epigrammen des 7. bis 5. Jh. v. Chr. Philosophische Dissertation Innsbruck 1987.
  • Werner Peek: Griechische Vers-Inschriften. Band 1: Grab-Epigramme. Berlin 1955 (Zweiter Band nicht erschienen).
  • Gerhard Pfohl: Elemente der griechischen Epigraphik. Darmstadt 1968.
  • Olivier Reverdin (Hrsg.): L’epigramme grecque. (= Entretiens sur l’antiquité classique. Band 14) Vandoeuvres-Genf 1968. ISBN 978-2-600-04407-3.
Spanisches Epigramm
  • Jürgen Nowicki: Die Epigrammatiktheorie in Spanien vom 16. bis 18. Jahrhundert. Eine Vorarbeit zur Geschichte der Epigrammatik. Wiesbaden 1974.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Epigramm – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Kategorie Epigramme – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilhelm Hammond-Norden: Warum werden keine Epigramme mehr geschrieben? In: Die Literatur. Band 41, Heft 12, 1939, S. 725–728.
  2. Helmut Häusle: Einfache und frühe Formen des griechischen Epigramms. Innsbruck 1979 (= Commentationes Aenipontanae, XXV; Philologie und Epigraphik. Band 3).
  3. Vgl. auch Jutta Weisz: Das deutsche Epigramm des 17. Jahrhunderts. Stuttgart 1979.
  4. Helmut Hasenkox: Die Epigrammatik Franz Grillparzers als Ausdruck literarischer Reflexion im politischen und sozialen Umfeld des 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1989.
  5. Gotthold Ephraim Lessing: An den Leser. Bei Zeno.org.
  6. Kurt Schlüter: Die englische Ode. Studien zu ihrer Entwicklung unter dem Einfluß der antiken Hymne. Bonn 1964, S. 264 f. (über den Grenzfall von Ode und Epigramm).