Erdhaus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Erdhaus in der Schweiz von Peter Vetsch
Erdhaus mit reflektierenden Oberflächen im serbischen Novi Sad von Veljko Milković

Ein Erdhaus ist ein Haus, bei dem Erde (Humus) als Baustoff für einen bedeutenden Anteil der Wand- oder Deckenkonstruktion verwendet wird, wobei die tragende Konstruktion heute meist aus Spritzbeton ist. Beim Erdhaus wirkt die Erde als Isolierschicht (zugleich als eine Art Verkleidung), die vor Kälte, Regen und Wind schützt. Die Erde bietet einen natürlichen Schutz vor negativen Umwelteinflüssen. Ein Erdhaus muss nicht zwingend in die Erde gebaut werden, sondern kann auf das natürlich gewachsene Terrain gestellt werden. Werden Erde und Haus getrennt, so baut man in die Luft, was zur Folge hat, dass Wärme und Feuchtigkeit schneller entweichen und die Außenhaut des Baus schneller an Lebensdauer verliert.[1]

Bautechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Streckmetallnetz-Konstruktion

Strukturen, die als integrale Gewölbe konzipiert werden, können in steifen Einzelstücken vorgefertigt oder im Spritzgussverfahren auf Drahtnetzen erstellt werden. Spritzbetongewölbe ermöglichen freie und organische Formen, die lichtdurchflutete Räume zulassen. Das Spritzbetonverfahren wurde zu Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals angewandt. Der amerikanische Naturforscher Carl Akeley patentierte 1911 ein Gerät, mit dem feinkörniger Zement gespritzt werden konnte. Die Spritzbetontechnik wird hauptsächlich im Tiefbau und Tunnelbau angewandt, im Hochbau eigentlich nur bei Betonsanierungen. Pionier in der Anwendung von Spritzbetontechnik im Hochbau war Friedrich Kiesler mit seinem Projekt "Unendliches Haus".[2] Neu angewendet und optimiert wurde dieses Verfahren vom Schweizer Architekten Peter Vetsch, der bis heute über 40 Erdhäuser mit Hilfe dieser Technik gebaut hat. Der Spritzbeton wird dabei auf ein feinmaschiges Streckmetallnetz aufgetragen, das an Tragarmierungen geschweißt ist. Diese werden der beabsichtigten Hausform entsprechend gebogen und geformt. Eine 20 cm starke Polyurethan-Hartschaum-Isolierung gegen Kälte und Wärme wird außen auf die Gewölbe gespritzt. Darüber wird eine Fließmatte gelegt und das Bauwerk mit 50 cm bis 3 Meter Erde überdeckt. Die Innenwände eines Erdhauses werden mit einem Lehmputz versehen, der einen Feuchtigkeitsausgleich ermöglicht und abschließend mit Naturkalkfarbe gestrichen wird.[3]

In einer weiteren Variante finden beim Bau eines Erdhauses Fertigbetonteile Anwendung. Diese Bauweise ermöglicht das berechnete Abfangen von Hang- und Dachdruck je nach örtlicher Bauverordnung und eignet sich daher sehr gut für Hanglagen. [4]

Vorteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Klimatische Bedingungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einer der zentralen ökologischen Vorteile des Erdhauses liegt in seinem angenehmen Wohnklima. Die besondere Bauweise der Erdhäuser führt zu ausgeglichenen, klimatischen Bedingungen: Kühlung im Sommer und Kälteschutz im Winter. Ein weiterer Vorteil ist die Luftfeuchtigkeit um die 50 %, im Gegensatz zu den überheizten winterlichen Räumen in konventionellen Häusern und der damit zu geringen relativen Luftfeuchtigkeit.

Energie- und CO2-Einsparungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erdhaus im Bayerischen Wald
Erdhaus in Hanglage, gebaut aus Betonelementen mit Verkleidung aus regionalen Materialien (Holz, Granit), Standort: Bayerischer Wald, Rastbüchl

Einer der direkten Folgen der besseren klimatischen Bedingungen sind nachgewiesene Energieeinsparungen, die jährlich bis zu 50 % ausmachen. Beim Bau mit Betonelementen mit hohem Wohnkomfort wird ein Jahres-Primärenergiebedarf von unter 40 kWh/(m²a) erzielt.

Sturm- und Erdbebenschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen ihrer Bauweise sind Erdhäuser hervorragend gegen starke Stürme geschützt, da sie weder vom Wind weggetragen werden, noch umkippen, noch beschädigt werden können. Die Statik und das Fehlen von Ecken und herausragenden Bauteilen (Dach), vermeiden außerdem nahezu alle Angriffspunkte, die sonst zu erheblichen Sturmschäden führen können.[5] Die Stabilität der runden Formen in Kombination mit der Netzarmierung bildet eine ideale Voraussetzung zum Schutz vor Erdbeben. In dieser Form erstellte Gebäude reagieren äußerst flexibel auf die bei Erdbeben wirkenden starken Biegekräfte. So entstehen kaum größere Beschädigungen an tragenden Bauteilen.

Dach- und Dachbepflanzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da als Dacheindeckung Aushubmaterial verwendet wird, ist eine Bepflanzung mit Nutzpflanzen möglich. Das bewachsene Dach sammelt den größten Teil des Regenwassers, speichert es und gibt es langsam ab.

Im Rahmen der Verwendung von Fertigbetonteilen wird der Dachaufbau nach üblichen Bauvorschriften für Flachdächer durchgeführt. Die Tragfähigkeit der Betondecke sollte je nach Lage und spätere Strapazierung mindestens 700 kg/m² betragen und von einem ausgebildeten Statiker abgenommen werden. Die fertige Betondecke wird zunächst mit einer Bitumenschicht abgedichtet. Auf die Abdichtung folgt in der Regel eine Gefälledämmung, welche das überflüssige Oberflächenwasser vom Dach ableitet. Für die Begrünung werden dann mindestens 6 Schichten (Trenn- und Gleitschicht, Schutzschicht, Wasserspeicher-/Dränschicht, Filterschicht, Vegetationstragschicht (Substrat), Begrünung) auf dem gedämmten Dach verbaut, um einen ausreichenden Feuchtegehalt auch in trockenen Sommern gewährleisten zu können.

Nachteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gestaltung der Erdhäuser führt in der Regel zu Wänden, die nicht rein senkrecht sind, sondern eher gewölbte Formen aufweisen. Dies kann zu Problemen mit der Inneneinrichtung führen, speziell hinsichtlich Möbeln und großen Gemälden. Diese Tatsache kann jedoch in der Planung und Konzeption eines Erdhauses berücksichtigt werden, wobei gerade Wände an gewissen Stellen bewusst eingeplant werden.

Falls nicht ausreichend belüftet, können Erdhäuser eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit aufweisen, sodass Schimmel entstehen kann. Die unterirdische Lage der Erdhäusern kann Ansammlungen von Radon oder anderen unerwünschten Stoffen ermöglichen.

Trotz großer Fenster (in der Regel nach Süden) haben viele Erdhäuser an anderen Stellen dunkle Bereiche. Durch das natürliche Licht von einer Seite des Hauses kann ein Tunnel- oder Höhlen-Effekt eintreten, der durch Verwendung von Dachfenstern, Solar-Röhren oder künstlicher Lichtquellen reduziert werden kann.

Geschichtliches Vorbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenansicht eines Erdhauses der Prärie-Indianer, gemalt von Karl Bodmer 1833 - 1834
Verlassene Erdhütten auf Island

Auf den nördlichen Plains Amerikas bauten sich die Indianer ihre Häuser in die Erde, um sich dadurch besser gegen die Kälte isolieren zu können, als es in normalen Tipis möglich war. Diese Erdhäuser wurden meist in den Boden abgesenkt und mit Baumstämmen überdacht. Zwischen diesen Baumstämmen wurde Gras aufgehäuft und schließlich Erde aufgeschüttet. In der Mitte des Hauses wurde für Lichteinlass und Rauchabzug ein Loch in der Decke gelassen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Edelhart, M. (1983), Das Erdhaus: Handbuch für Architekten und Bauherren, Wien 1983, S. 9
  2. Zoelly, P. (1989), Terratektur: Einstieg in die unterirdische Architektur, Basel 1989
  3. Wagner, E./ Schubert-Weller, C., (1994), Earth and Cave Architecture Peter Vetsch, Sulgen 1994, S. 31
  4. Andreas Haugeneder: Erdhaus in Hanglage. Edlgütl, 7. Juni 2017; abgerufen am 7. Juni 2017.
  5. Wagner, E./ Schubert-Weller, C., (1994), Earth and Cave Architecture Peter Vetsch, Sulgen 1994, S. 124