Erhard Heiden

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Erhard Heiden (* 23. Februar 1901 in München; † zwischen März und August 1933) war ein deutscher politischer Aktivist. Er war ein frühes Mitglied der NSDAP und als Vorgänger Heinrich Himmlers dritter Reichsführer der SS.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tätigkeit in der frühen NSDAP[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erhard Heiden im Kreis der Angeklagten des kleinen Hitlerprozesses vor dem Münchener Volksgericht.

Heiden wurde als außerehelicher[1] Sohn der Maria Heiden geboren. Heidens Freund Julius Schaub erinnerte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, dass ein Onkel von Heiden Juwelier in München gewesen sei. Aufgrund dieser Angabe liegt eine verwandtschaftliche Beziehung Heidens zu der Firma Theodor Heiden, einer Juwelier-, Gold- und Silberschmiedwerkstätte am Promenadeplatz 19 in München nahe, die die einzige in den Münchener Adressbüchern enthaltene Juwelierfirma war, die von Personen namens Heiden geführt wurde: Als Inhaber der Werkstätte werden in den Adressbüchern der Juwelier Theodor Heiden und der Goldschmied Wilhelm Schmied verzeichnet.[2]

Heiden trat 1918, in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs, in die Bayerische Armee ein. 1919 gehörte er einer paramilitärischen Formation in Berlin und dann einer Einheit in München an.

Seit 1922 war Heiden in der Münchener NSDAP aktiv: Von 1922 bis 1923 gehörte er der von Joseph Berchtold geführten 17. Hundertschaft der Münchener SA an.[3]

Seit dem Sommer 1923 gehörte Heiden dem so genannten Stoßtrupp Adolf Hitler, einer Vorläufer-Organisation der SS, an. Öffentliches Aufsehen erregte Heiden während dieser Zeit, nachdem er eines Nachts im Herbst 1923 zusammen mit seinem Stoßtrupp-Kollegen Joseph Berchtold den Vizepräsident der Münchner Industrie- und Handelskammer, Siegmund Fraenkel, einen Juden, zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn überfiel und brutal niederschlug. Der Völkische Beobachter quittierte dies mit dem hämischen Hinweis, „daß wir froh sind, wenn München allmählich in den Ruf kommt, daß es für Juden und andere Ausländer besser ist, die Stadt überhaupt nicht zu betreten.“

Im November 1923 nahm Heiden am gescheiterten Hitlerputsch in München teil. Am 23. April 1924 wurde er vom Volksgericht beim Landgericht München I im sogenannten "Kleinen Hitler-Prozess" zusammen mit 39 anderen Angeklagten wegen seiner Teilnahme an dem Putsch wegen "Beihilfe zum Hochverrat" zu einer Haftstrafe von fünfzehn Monaten verurteilt. Von dieser musste er knapp fünf Monate verbüßen, während der Rest ihm auf Bewährung erlassen wurde. Zusätzlich zu einigen Tagen Untersuchungshaft verbrachte er vom 8. August bis 24. Dezember 1924 und vom 13. bis 16. Januar 1925 als Festungsgefangener auf der Festung Landsberg, wo er sich in der Gesellschaft zahlreicher anderer Teilnehmer des Putsches von 1923, darunter auch Hitler, befand.

In der Zeit zwischen dem Verbot der NSDAP nach der Niederschlagung des Putsches und ihrer Neugründung im Frühjahr 1925 betätigte er sich in verschiedenen Auffangorganisationen der Partei.

Tätigkeit in der SS (1925 bis 1929)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Adolf Hitler die NSDAP im Frühjahr 1925 neu gründete, war Heiden einer der ersten, die sich der „neuen“ Partei anschlossen (Mitgliedsnummer 74). Nach im April 1925 erfolgter Gründung der Schutzstaffel (SS) – die als Garde innerhalb der Kampfverbände der Partei aufgestellt wurde – wurde Heiden außerdem zum Stellvertreter des ersten Führers der SS, Julius Schreck (1925–1926), ernannt. Angeblich stammte die Idee, einen besonderen Führerschutz zu organisieren von Heiden. Auch nach Schrecks Ablösung als Chef der SS im Jahr 1926 durch Joseph Berchtold, der von 1926 bis 1927 an der Spitze der SS stand, behielt Heiden den Posten des Stellvertreters des Führers der SS bei. Nach dem Rücktritt Berchtolds als Reichs-SS-Führer ernannte Hitler im März 1927 Heiden, damals im Rang eines SS-Sturmbannführers stehend, zum neuen SS-Chef. Als seinen Stellvertreter berief Heiden mit Heinrich Himmler einen Angehörigen der Münchener Sturmabteilung (SA).

Unter dem Kommando Heidens wurde die Mitgliederzahl der SS in der Folgezeit von 1000 auf 280 Mann gesenkt. Dies erfolgte mit der Absicht, durch einen möglichst kleinen Kreis von Mitgliedern die Exklusivität der SS-Zugehörigkeit zu erhöhen, um den „Elitegedanken“ der SS innerhalb der SA und auch der NSDAP zu unterstreichen.

Zusammen mit Adolf Rottenberger führte Heiden zudem seit 1926 ein als „Reichswirtschaftsstelle“ bezeichnetes Geschäft, das NSDAP-Mitglieder, und zumal SA- und SS-Angehörige, mit Uniformen und Ausrüstungsgegenständen belieferte. Bis zu seinem Parteiausschluss im Mai 1927 arbeitete auch Edmund Heines in diesem Betrieb mit. Im Juni 1927 wurde das Geschäft schließlich von Hitler als alleinberechtigter Ausrüster der SA bestätigt.

Am 6. Januar 1929 wurde Heiden von Hitler seines Amtes als Reichsführer der SS enthoben. Neuer SS-Chef wurde nun Heinrich Himmler, der dies bis 1945 bleiben sollte. Die genauen Hintergründe des Wechsels in der personellen Besetzung sind nicht eindeutig geklärt: In der Heidens Enthebung mitteilenden Verfügung vom 20. Januar 1929 gab Hitler an, dass Heiden ihn bereits am 1. Dezember 1928 darum gebeten hätte, ihn, Heiden, aus „familiären und wirtschaftlichen Gründen“ seiner Dienststellung als SS-Chef zu entheben. Ein alternativer bzw. ergänzender Hintergrund klingt im vorletzten Satz von Hitlers Verfügung an, in dem der NSDAP-Chef betont, dass Heidens Entlassung in keinem Zusammenhang mit „Verleumdungen“ Heidens durch die sozialdemokratische Presse zu sehen sei. Hintergrund dieses Satzes war ein kritischer Artikel der Münchener Post („Juden als Hitlerlieferanten“) vom 21. Januar 1929, in dem behauptet wurde, dass die Warenvermittlungsstelle Rottenbergers, in der Heiden als zweiter Partner involviert war, zeitweise Materialien von einer Firma bezogen habe, deren Inhaber Jude war. In dem Artikel wurden vermeintliche Profitberechnungen präsentiert, wonach Rottenberger und Heiden zu Ungunsten ihrer Kundschaft – v. a. Parteiangehörige – durch überhöhte Preise erhebliche Gewinne eingestrichen hätten und dass sie zudem durch kreative Buchhaltung sowohl dem Fiskus als auch der Partei (die Gewinnanteilsansprüche hielt) erhebliche Summen vorenthalten hätten. Inwieweit diese Vorwürfe zutreffend waren, lässt sich den erhaltenen Akten nicht entnehmen. Eine Klage von Rottenberger gegen die Münchener Post wegen Verleumdung gab dieser allerdings auf.

Der spätere Münchener Stadtrat Karl Ortner erklärte nach dem Zweiten Weltkrieg, dass Heiden „mit Krach“ als SS-Chef abgetreten sei „wegen geschäftlicher Differenzen“ mit dem Reichsschatzmeister der NSDAP Franz Xaver Schwarz sowie aufgrund „persönlicher Differenzen mit Hitler“. Er sei ermordet worden, „weil er ständig massive Drohungen gegen Hitler“ ausgestoßen habe, die sich „bis zu Mordandrohungen“ gesteigert hätten und er zudem ständig davon gesprochen habe, dass er „in der Schweiz ein Buch über Hitler mit Angaben über dessen intimes Privatleben“ veröffentlichen wolle, in das Heiden neben Emil Maurice, Julius Schreck und Julius Schaub in den 1920er Jahren die beste Einsicht besessen habe.[4]

In einem auf den 22. Januar 1929 datierten Brief erklärte Heiden seinen Austritt aus der SS, der – soweit feststellbar – kurze Zeit später erfolgte.[5] Stattdessen wandte er sich aktiv wieder der SA zu.

Im Münchener Adressbuch für 1930 ist Heiden als Inhaber eines "Bild- und Buchversand" in der Herrnstraße 11/3 verzeichnet. 1931 figuriert er als Kaufmann und Inhaber der Firma "Waren- und Buchvertrieb Lützow" ebenfalls in der Herrnstraße 11/3. Und 1933 ist er mit Wohnsitz in der Pfisterstraße 5/1 registriert.[6]

Ermordung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 1933 wurde Erhard Heiden, nach einem Besuch bei seinem Freund Emil Maurice, durch Angehörige des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS verhaftet, während er im Münchener Kaffeehaus „Orlando“ zu Abend aß. Etwas später wurde er, vermutlich in der Münchener Dienststelle des SD, ermordet. Seit dem 18. März 1933 galt er amtlich als vermisst.

Paul Schulz notiert am 28. März 1933, dass er folgendes über Heidens Verschwinden erfahren habe:

"Heute erfahre ich, dass vor einiger Zeit (14 Tage) der frühere SS-Führer Hayden [recte: Heiden] verschwunden ist. Er war abends zu Besuch bei seinem Freunde Maurice, ging von dem fort zu seiner Wohnung, die nur wenige Häuser weg ist. Unterwegs besuchte er eine Kneipe, die dort in der Nähe liegt, trank sein Bier und ass allein. Nach einiger Zeit kam ein SA-Mann und verlangte ihn zu sprechen, er soll mal mit herauskommen, was er tat. Seit dieser Zeit ist er nicht mehr zurückgekehrt. Nach 1/2 Stunde kam wieder dieser SA-Mann holte Mantel und Hut des Hayden ab. Hayden ging ja heraus ohne Mantel und Hut und ohne zu bezahlen."[7]

Heidens Mutter bat kurz nach seinem Verschwinden dessen alten Freund Emil Maurice nach ihm zu suchen. Dieser wandte sich mit der Bitte um Hilfe an Josef Gerum, der schließlich zusammen mit August Schneidhuber bei Heinrich Himmler, der zu diesem Zeitpunkt Chef der Bayerischen Politischen Polizei war, wegen des Verschwundenen vorsprach. Himmler habe, als Gerum und Schneidhuber ihn nach Heidens Verbleib fragten, so behauptete Gerum später, "aufbrausend" reagiert und sich jede Einmischung verbeten.[8] Schulz zufolge soll Ende März ein SS-Sturmführer bei Maurice erschienen sein, der ihm mitteilte, dass wenn er noch ein Wort in der Angelegenheit Heiden fallen lassen oder weitere Nachforschungen nach dessen Verbleib anstellen würde, er ein Kind des Todes sei. Als Maurice Hitler über den Vorfall Vortrag hielt, habe dieser ihm empfohlen, sich auf einige Zeit aus München zurückzuziehen.[7]

Heidens Leiche wurde erst Monate später, am 13. August 1933, im Werkkanal Neufinsing bei Erding entdeckt (Protokoll des Amtsgerichts Erding) und am 15. September bestattet. Karl Ortner zufolge wies seine Leiche eine Schusswunde im Kopf auf. Als vermutlicher Todestag wurde im Rahmen einer amtlichen Todestagsfeststellung der 19. März 1933 angesetzt.[9]

Forschungsstand und archivarische Überlieferung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erhard Heiden ist, obwohl er knapp zwei Jahre lang eine nominell bedeutende Stellung innerhalb des Parteiapparates der NSDAP innehatte, bis heute ein Phantom geblieben. Wie der Historiker Hans Rudolf Wahl schreibt, ist Heinrich Himmlers Vorgänger als SS-Chef „eine historische Figur, über die die Forschung außer der Tatsache, dass er seinerzeit Reichsführer SS war, bis heute buchstäblich nichts weiß“.[10]

Dokumentarisches Material zu Heiden ist nur in sehr geringem Umfang überliefert. Insbesondere aussagekräftige Personalakten über ihn scheinen nicht mehr existent zu sein. Grund hierfür ist wahrscheinlich, dass diese seinerzeit auf Veranlassung Himmlers vernichtet wurden. Im Bundesarchiv finden sich zu Heiden lediglich zwei Karteikarten zu Heidens NSDAP-Mitgliedschaft in der NSDAP-Zentralkartei bzw. in der NSDAP-Ortskartei (BDC: 3100 und BDC: 3200) sowie eine Personalkarte zu Heiden als Mitarbeiter der NSDAP (BDC: PK-Mikrofilm D 320, Bilder 313 bis 318). Im Staatsarchiv München werden eine kurze Nachlassakte zu Heiden (AG Mü. Nr. 1933/2272) sowie eine Gefangenenakte für seine Zeit als Häftling der Festung Landsberg in den Jahren 1924 und 1925 (JVA 12430) verwahrt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christian Hartmann (Bearb.): Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Februar 1925 bis Januar 1933, Bd. III/3, München 1995, S. 391, Dokument 82 (Verfügung Hitlers vom 20. Januar 1929).
  • Mathias Rösch: Die Münchner NSDAP 1925–1933: eine Untersuchung zur inneren Struktur der NSDAP in der Weimarer Republik (= Studien zur Zeitgeschichte 63). München: Oldenbourg, 2002; ISBN 3-486-56670-9 (Volltext digital verfügbar). Zugleich: Dissertation an der Universität München, 1998.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Staatsarchiv München Polizeidirektion München 6734: Bericht vom 6. Mai 1926
  2. IfZ: Zeugenschrifttum Schaub, Bl. 4: Protokoll einer Unterredung mit Julius Schaub am 26. Juli 1951, S. 1. Schaub erwähnte in dieser Befragung auch, dass Heidens Mutter noch in München lebe. Im Adressbuch für München für 1943 ([1]) und im Adressbuch für 1953 ([2]) ist jeweils eine Rentnerin Maria Heiden in der Agnes-Bernauerstraße 76a nachweisbar. Im Adressbuch für 1916 ([3]) ist sie als "Komm.-We." in der Mariannenst. 1/1, im Adressbuch für 1922 ([4]) ist sie als "Komm.-We." in der Herrnst. 11/3 und im Adressbuch für 1927 ([5]) ist sie als "Kommiss-We." in der Herrnstr. 11/33 verzeichnet. 1935 ([6]) und 1938 ([7]) fehlt sie. Zur Firma Theodor Heiden, siehe die Einträge in den Adressbüchern für 1933 und 1943.
  3. Staatsarchiv München: Polizeidirektion München Nr. 6701, Vorgang 49 "Landfriedensbruch am 10. März 1923 in Ingolstadt", Bl. 24f.: Aussagezusammenfassung Nr. 27: Aussage des Erhard Heiden vom 20. Juli 1923
  4. Institut für Zeitgeschichte: ZS Ortner: Protokoll über eine Unterredung mit Karl Ortner vom 2. Juni 1951.
  5. Bundesarchiv Berlin: BDC: OPG-Akte Adolf Rottenberger, verwahrt als Mikrofilm H 121, Bild 660: Bestätigungsschreiben der Geschäftsführung der SS an Heiden vom 23. Januar 1929.
  6. Adressbuch für das Jahr 1930; Eintrag zu Heiden im Adressbuch für München für das Jahr 1931; Adressbuch für München für das Jahr 1933. Auch 1935 ist Heiden noch als Kaufmann in der Pfisterst. 5/1 verzeichnet ([8]).
  7. a b Alexander Dimitrios: Weimar und der Kampf gegen Rechts, Bd. 2/II, Ulm 2009, S. 760.
  8. Anna Maria Sigmund: Des Führers bester Freund, 2003, S. 213.
  9. Andreas Schulz, Günter Wegmann und Dieter Zinke: Deutschlands Generale und Admirale – Teil V: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei 1933–1945. Biblio-Verlag, S. 233 (Fußnote).
  10. Hans Rudolf Wahl: „«Nationale Päderasten»? Zur Geschichte der (Berliner) SA-Führung 1925-1934“, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 56, 2008, Heft 5, S. 454.