Erhard Heiden

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Erhard Heiden (* 23. Februar 1901 in München; † zwischen April und September 1933) war ein deutscher politischer Aktivist. Er war ein frühes Mitglied der NSDAP und als Vorgänger Heinrich Himmlers zweiter Reichsführer der SS.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tätigkeit in der frühen NSDAP[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heiden war seit Sommer 1923 in der Münchener NSDAP aktiv. Bereits zu dieser Zeit gehörte er dem so genannten Stoßtrupp Adolf Hitler, einer Vorläufer-Organisation der SS, an. Öffentliches Aufsehen erregte Heiden während dieser Zeit, nachdem er eines Nachts im Herbst 1923 zusammen mit seinem Stoßtrupp-Kollegen Joseph Berchtold den Vizepräsident der Münchner Industrie- und Handelskammer, Siegmund Fraenkel, einen Juden, zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn überfiel und brutal niederschlug. Der Völkische Beobachter quittierte dies mit dem hämischen Hinweis, „daß wir froh sind, wenn München allmählich in den Ruf kommt, daß es für Juden und andere Ausländer besser ist, die Stadt überhaupt nicht zu betreten.“ Im November 1923 nahm Heiden am gescheiterten Hitlerputsch in München teil. In der Zeit zwischen dem Verbot der NSDAP nach der Niederschlagung des Putsches und ihrer Neugründung im Frühjahr 1925 betätigte er sich in verschiedenen Auffangorganisationen der Partei.

Tätigkeit in der SS (1925 bis 1929)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Adolf Hitler die NSDAP im Frühjahr 1925 neu gründete, war Heiden einer der ersten, die sich der „neuen“ Partei anschlossen (Mitgliedsnummer 74). Nach im April 1925 erfolgter Gründung der Schutzstaffel (SS) – die als Garde innerhalb der Kampfverbände der Partei aufgestellt wurde – wurde Heiden außerdem zum Stellvertreter des ersten Führers der SS, Julius Schreck (1925–1926), ernannt. Auch nach Schrecks Ablösung als Chef der SS im Jahr 1926 durch Joseph berchtold, der von 1926 bis 1927 an der Spitze der SS stand, behielt Heiden den Posten des stellvertrers des Führers der SS bei. Nach dem Rücktritt Berchtolds als Reichs-SS-Führer ernannte Hitler im März 1927 Heiden, damals im Rang eines SS-Sturmbannführers stehend, zum neuen SS-Chef. Als seinen Stellvertreter berief Heiden Heinrich Himmler, einen Angehörigen der Münchener Sturmabteilung (SA).

Unter dem Kommando Heidens wurde die Mitgliederzahl der SS in der Folgezeit von 1.000 auf 280 Mann gesenkt. Dies erfolgte mit der Absicht, durch einen möglichst kleinen Kreis von Mitgliedern die Exklusivität der SS-Zugehörigkeit zu erhöhen, um den „Elitegedanken“ der SS innerhalb der SA und auch der NSDAP zu unterstreichen.

Zusammen mit Adolf Rottenberger führte Heiden zudem seit 1926 ein als „Reichswirtschaftsstelle“ bezeichnetes Geschäft, das NSDAP-Mitglieder, und zumal SA- und SS-Angehörige, mit Uniformen und Ausrüstungsgegenständen belieferte. Bis zu seinem Parteiausschluss im Mai 1927 arbeitete auch Edmund Heines in diesem Betrieb mit. Im Juni 1927 wurde das Geschäft schließlich von Hitler als alleinberechtigter Ausrüster der SA bestätigt.

Am 6. Januar 1929 wurde Heiden von Hitler seines Amtes als Reichsführer der SS enthoben. Neuer SS-Chef wurde nun Heinrich Himmler, der dies bis 1945 bleiben sollte. Die genauen Hintergründe des Wechsels in der personellen Besetzung sind nicht eindeutig geklärt: In der Heidens Enthebung mitteilenden Verfügung vom 20. Januar 1929 gab Hitler an, dass Heiden ihn bereits am 1. Dezember 1928 darum gebeten hätte, ihn, Heiden, aus „familiären und wirtschaftlichen Gründen“ seiner Dienststellung als SS-Chef zu entheben. Ein alternativer bzw. ergänzender Hintergrund klingt im vorletzten Satz von Hitlers Verfügung an, in dem der NSDAP-Chef betont, dass Heidens Entlassung in keinem Zusammenhang mit „Verleumdungen“ Heidens durch die sozialdemokratische Presse zu sehen sei. Hintergrund dieses Satzes war ein kritischer Artikel der Münchener Post („Juden als Hitlerlieferanten“) vom 21. Januar 1929, in dem behauptet wurde, dass die Warenvermittlungsstelle Rottenbergers, in der Heiden als zweiter Partner involviert war, zeitweise Materialien von einer Firma bezogen habe, deren Inhaber Jude war. In dem Artikel wurden vermeintliche Profitberechnungen präsentiert, wonach Rottenberger und Heiden zu Ungunsten ihrer Kundschaft – v.a. Parteiangehörige – durch überhöhte Preise erhebliche Gewinne eingestrichen hätten und dass sie zudem durch kreative Buchhaltung sowohl dem Fiskus als auch der Partei (die Gewinnanteilsansprüche hielt) erhebliche Summen vorenthalten hätten. Inwieweit diese Vorwürfe zutreffend waren, lässt sich den erhaltenen Akten nicht entnehmen. Eine Klage von Rottenberger gegen die Münchener Post wegen Verleumdung gab dieser allerdings auf.

Der spätere Münchener Stadtrat Karl Ortner erklärte nach dem Zweiten Weltkrieg, dass Heiden "mit Krach" als SS-Chef abgetreten sei "wegen geschäftlicher Differenzen" mit dem Reichsschatzmeister der NSDAP Franz Xaver Schwarz sowie aufgrund "persönlicher Differenzen mit Hitler". Er sei ermordet worden, "weil er ständig massive Drohungen gegen Hitler" ausgestoßen habe, die sich "bis zu Mordandrohungen" gesteigert hätten und er zudem ständig davon gesprochen habe, dass er "in der Schweiz ein Buch über Hitler mit Angaben über dessen intimes Privatleben" veröffentlichen wolle, in dass Heiden neben Emil Maurice, Julius Schreck und Julius Schaub in den 1920er Jahren die beste Einsicht besessen habe.[1]

In einem auf den 22. Januar 1929 datierten Brief ersuchte Heiden um seine Streichung aus der SS, die soweit feststellbar kurze Zeit später erfolgte. Stattdessen wandte er sich aktiv wieder der SA zu.

Ermordung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 1933 wurde Erhard Heiden durch Angehörige des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS im Münchener Kaffeehaus „Orlando“ verhaftet und etwas später, vermutlich in der Münchener Dienststelle des SD, ermordet. Seit dem 18. März 1933 galt er amtlich als vermisst.

Paul Schulz notiert am 28. März 1933, dass er folgendes über Heidens verschwinden erfahren habe:

"Heute erfahre ich, dass vor einiger Zeit (14 Tage) der frühere SS-Führer Hayden [recte: Heiden] verschwunden ist. Er war abends zu besuch bei seinem Freunde Maurice, ging von dem fort zu seiner Wohnung, die nur wenige Häuser weg ist. unterwegs besuchte er eine Kneipe, die dort in der Nähe liegt, trank sein Bier und ass allein. Nach einiger Zeit kam ein SA-Mann und verlangte ihn zu sprechen, er soll mal mit herauskommen, was er tat. Seit dieser Zeit ist er nicht mehr zurückgekehrt. Nach 1/2 Stunde kam wieder dieser SA-Mann holte Mantel und Hut des Hayden ab. Hayden ging ja heraus ohne Mantel und Hut und ohne zu bezahlen."

Heidens Mutter bat kurz nach seinem Verschwinden seinen alten Freund Emil Maurice nach ihm zu suchen. Dieser wandte sich mit der Bitte um Hilfe an Josef Gerum, der schließlich zusammen mit August Schneidhuber bei Heinrich Himmler, der zu diesem Zeitpunkt Chef der Bayerischen Politischen Polizei war, wegen des Verschwundenen vorsprach. Himmler habe als Gerum und Schneidhuber ihn nach Heidens Verbleib fragten, so behauptete Gerum später, "aufbrausend" reagiert und sich jede Einmischung verbeten.[2] Schulz zufolge soll Ende März ein SS-Sturmführer bei Maurice erschienen sein, der ihm mitteilte, dass wenn er noch ein Wort in der Angelegenheit Heiden fallen lassen oder weitere Nachforschungen nach dessen Verbleib anstellen würde, er ein Kind des Todes sei. Als Maurice Hitler über den Vorfall Vortrag gehalten habe habe dieser ihm empfohlen sich auf einige Zeit aus München zurückzuziehen.[3]

Heidens Leiche wurde erst Monate später, am 13. August 1933, im Werkkanal Neufinsing bei Erding entdeckt und am 15. September bestattet. Als vermutlicher Todestag wurde amtlich der 19. März 1933 festgestellt.[4]

Forschungsstand und archivarische Überlieferung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erhard Heiden ist, trotzdem er knapp zwei Jahrelang eine nominell bedeutende Stellung innerhalb des Parteiapparates der NSDAP innehatte, bis heute ein Phantom geblieben: Wie Hans Rudolf Wahl schreibt ist er "eine historische Figur, über die die Forschung außer der Tatsache, dass er seinerzeit Reichsführer SS war bis heute buchstäblich nichts weiß".[5]

Personalunterlagen zu Heiden sind nahezu gar nicht überliefert, wahrscheinlich weil diese auf Veranlassung Himmlers vernichtet wurden. So existieren im Bundesarchiv lediglich eine NSDAP-Karteikarte sowie eine Personalkarte (PK-Mikrofilm D 320, Bilder 313 bis 318) zu Heiden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mathias Rösch: Die Münchner NSDAP 1925–1933: eine Untersuchung zur inneren Struktur der NSDAP in der Weimarer Republik (= Studien zur Zeitgeschichte 63). München: Oldenbourg, 2002; ISBN 3-486-56670-9. Zugleich: Dissertation an der Universität München, 1998.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Institut für Zeitgeschichte: ZS Ortner: Protokoll über eine Unterredung mit Karl Ortner vom 2. Juni 1951.
  2. Anna Maria Sigmund: Des Führers bester Freund, 2003, S. 213.
  3. Alexander Dimitiros: Weimar und der Kampf gegen Rechts, Bd.2/II, Ulm 2009, S. 760.
  4. Andreas Schulz, Günter Wegmann und Dieter Zinke: Deutschlands Generale und Admirale – Teil V: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei 1933–1945. Biblio-Verlag, S. 233 (Fußnote).
  5. Hans Rudolf Wahl: "Nationale Päderasten"? Zur Geschichte der (Berliner) SA-Führung 1925-1934, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 56, 2008, Heft 5, S. 454.