Erich von Kahler

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Erich von Kahler (auch Erich Kahler, * 14. Oktober 1885 in Prag; † 28. Juni 1970 in Princeton, New Jersey, USA) war ein deutscher Schriftsteller, Kulturphilosoph und Soziologe. Historische Soziologie und Kultursoziologie bilden die methodische Basis seines Hauptwerkes.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1900 siedelte die jüdische Familie von Prag nach Wien über, wo der Vater als erfolgreicher Industrieller von Kaiser Franz Joseph I. geadelt wurde. Schon der jugendliche Erich (Gabriel) von Kahler veröffentlichte Lyriksammlungen, studierte später Geschichte und Philosophie in Berlin, Heidelberg, München und Wien, wo er 1911 mit der Arbeit „Über Recht und Moral“ zum Dr. phil. promoviert wurde. Seit 1912 lebte der vermögende von Kahler als Privatgelehrter in Wolfratshausen bei München, gehörte zum George-Kreis und stand mit Friedrich Gundolf und Max Weber in regelmäßigem Kontakt. Thomas Mann kannte von Kahler seit 1919 und war ihm seit der gemeinsamen Zeit in Princeton freundschaftlich verbunden. In Thomas Manns Tagebüchern findet von Kahler regelmäßig Erwähnung; bis zum Tode Manns standen sie im Briefwechsel. Von Kahler veröffentlichte viele Artikel über Manns Werk. In einem Aufsatz zu Kahlers 60. Geburtstag im Jahre 1945 nannte ihn Thomas Mann „einen der klügsten, feinsten und reichsten Köpfe, die heute wirken, eines der gütigsten, wissendsten und zur Hilfeleistung willigsten Herzen, die heute schlagen.“[1]

Nach der NS-Machtergreifung 1933 kehrte von Kahler von einem Österreichbesuch nicht nach Deutschland zurück, am 22. Januar 1934 erfolgt seine Ausbürgerung. Er emigrierte etappenweise über die Tschechoslowakei (Prag) und die Schweiz (Zürich, 1935-38) in die USA. Dort lebte er bis zu seinem Tode in Princeton, New Jersey. Kahler lehrte in den USA Geschichte und Geschichtsphilosophie an der New School for Social Research (New York) und am Black Mountain College in North Carolina. 1947 übernahm er eine Professur für deutsche Literatur an der Cornell University in Ithaca. Gastprofessuren führten ihn an die University of Manchester in England, an die Ohio State University und die Princeton University, wo er am Institute for Advanced Study Kultursoziologie las. Während des Zweiten Weltkrieges gab er dem emigrierten Dichter Hermann Broch in seinem Hause Unterkunft. Er kehrte nicht nach Deutschland zurück – keine deutsche Universität berief ihn auf einen Lehrstuhl – nahm aber einige Lehraufträge in der Bundesrepublik an. Seit 1957 war er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Sein Cousin war der früh verstorbene expressionistische Maler und Dichter Eugen von Kahler.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erich von Kahler folgte dem wissenschaftlichen und publizistischen Mainstream, als er 1914 seine Kriegsschrift „Der vorige, der heutige und der künftige Feind“ veröffentlichte. Nach dem Ersten Weltkrieg reagierte von Kahler mit seinem Buch „Der Beruf der Wissenschaft“ auf den ähnlich lautenden Werktitel Wissenschaft als Beruf von Max Weber. Darin setzte er sich kritisch mit Webers Wissenschaftsbild der Werturteilsfreiheit auseinander. 1937 publizierte er dann sein keineswegs dem Zeitgeist angepasstes Hauptwerk „Der deutsche Charakter in der Geschichte Europas“, das laut René König wegen seiner Diagnose des „Autoritarismus“ zu den „höchst bedeutsamen Werken“ der Soziologie gehört.[2] Thomas Mann schrieb über das Buch: „Es ist die Standard-Psychologie des Deutschtums, ein Buch leidend durchdringender und umfassend darstellender Erkenntnis, ein Buch der Liebe im Grunde: einer kritisch gebrochenen, verhängnisschweren Liebe, in welcher das Negative und Positive in schmerzlicher Ambivalenz verschwimmen.“[3] Die voluminöse Arbeit ist auch als patriotisch-geisteswissenschaftlicher Rückgriff auf „das andere Deutschland“ zu lesen - auf das Deutschland der Dichter und Denker. Damit verfehlte es aber schon 1937 die Aktualität, wohl deshalb geriet es weitgehend in Vergessenheit, ein geplanter zweiter Fortsetzungsband erschien nie.[4] Im Jahr 1943 veröffentlichte von Kahler in New York das kulturhistorische Werk „Man the Measure. A New Approach to History“. Es beruhte auf Vorlesungen, die von Kahler 1941 und 1942 an der New School for Social Research gehalten hatte. In der Einleitung schrieb Kahler: „This book is an attempt to write history as the biography of man and from it to gain a view of the future of man.“ Thomas Mann bezeichnete das Buch als „einen Roman der Menschheit, erzählt von einem musischen Denker und historischen Rhapsoden, (...).“[5]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der vorige, der heutige und der künftige Feind, Heidelberg: Weiss, 1914
  • Weltgesicht und Politik, Heidelberg: Weiss, 1916
  • Das Geschlecht Habsburg, München: Der Neue Merkur, 1919
  • Der Beruf der Wissenschaft, Berlin: Bondi, 1920
  • Israel unter den Völkern, Zürich: Humanitas-Verlag, 1936
  • Der deutsche Charakter in der Geschichte Europas, Zürich: Europa-Verlag, 1937
  • Man the Measure. A New Approach to History, New York: Pantheon Books, 1943
  • The Arabs in Palestine (mit Albert Einstein), Christian Council on Palestine and American Palestine Committee, 1944
  • Die Verantwortung des Geistes. Gesammelte Aufsätze, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1952
  • Die Philosophie von Hermann Broch, Tübingen: Mohr (Siebeck), 1962
  • The Orbit of Thomas Mann, Princeton: Princeton University Press, 1969
  • Untergang und Übergang. Essays, München: Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1970
  • Judentum und Judenhass: drei Essays, Wien: ÖBV-Publikumsverlag, 1991, ISBN 3-215-07706-X.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Artikel Kahler, Erich von in: Deutsche Biographische Enzyklopädie (hrg. von Walther Killy und Rudolf Vierhaus), Bd. 5, München 1997 (Nachdruck dtv, München 2001), S. 402
  • Anna Kiel, Erich Kahler, ein 'uomo universale' des zwanzigsten Jahrhunderts - seine Begegnungen mit bedeutenden Zeitgenossen. Vom Georgekreis, Max Weber bis Hermann Broch und Thomas Mann, Bern u.a., Lang 1989, ISBN 3-261-03881-0.
  • Annie Kiel: Kalhler, Erich von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 11, Duncker & Humblot, Berlin 1977, ISBN 3-428-00192-3, S. 25 (Digitalisat).
  • Gerhard Lauer, Die verspätete Revolution: Erich von Kahler. Wissenschaftsgeschichte zwischen konservativer Revolution und Exil, Berlin u. New York, de Gruyter, 1995 (= Philosophie und Wissenschaft. Bd. 6), ISBN 3-11-014397-6.
  • Thomas Mann u. Erich von Kahler, Briefwechsel 1931-1955 (hrsg. v. Michael Assmann), Hamburg, Luchterhand 1993 (= Veröffentlichungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 67.), ISBN 3-630-80012-2.
  • Thomas Mann, Erich von Kahler. In: Thomas Mann, Reden und Aufsätze 2 (= Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Bd. X), Frankfurt am Main 1960, Nachdruck 1990), S. 502–506 (Erstveröffentlichung 1945)
  • Thomas Mann, Tagebücher 1953-1955 (hrg. von Inge Jens), Frankfurt am Main 1995
  • Johannes Urzidil: Prag als geistiger Ausgangspunkt. Festansprache vom 21. 10. 1965 anläßlich des 80. Geburtstages von Erich von Kahler, New York, Leo Baeck Institut, 1966.
  • Sven Papcke: Gesellschaftsdiagnosen. Klassische Texte der deutschen Soziologie im 20. Jahrhundert, Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 1991, ISBN 3-593-34432-7, darin: Gemeinschaft als Verhängnis. Erich von Kahler über den deutschen Sonderweg in Europa, S. 116–142.
  • Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Hermann Broch. Briefe an Erich von Kahler. 1940 - 1951, Berlin/New York: De Gruyter, 2010, ISBN 978-3-11-022744-4.
  • Edoardo Massimilla, Ansichten zu Weber. Wissenschaft, Leben und Werte in die Auseinandersetzung um “Wissenschaft als Beruf”, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig, 2008, Zweites Kapitel (»Vom Nutzen und Nachteil der "alten" un der "neuen Wissenschaft" für das Leben: Erich von Kahler gegen Max Weber«), S. 43–95.
  • Bastian Schlüter: Explodierende Altertümlichkeit. Imaginationen vom Mittelalter zwischen den Weltkriegen. Wallstein Verlag, Göttingen 2011, dort v.a. das Kap. S. 317–326 über "Der deutsche Charakter in der Geschichte Europas". ISBN 978-3-8353-0880-0.
  • Hans Rudolf Vaget: Deutschtum und Judentum. Zu Erich Kahlers Bedeutung für Thomas Mann, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, LXXXVI (2012), S. 145 - 164.
  • Dieter Borchmeyer: Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst. Berlin 2017. S. 189-201, 628-640.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Mann: Werke, Briefe, Tagebücher, Band 19: Essays VI (1945–1950), Frankfurt am Main 2009, S. 83.
  2. René König: Soziologie in Deutschland. Begründer, Verfechter, Verächter, München/Wien 1987, S. 312.
  3. Thomas Mann: Werke, Briefe, Tagebücher, Band 19: Essays VI (1945–1950), Frankfurt am Main 2009, S. 84 f.
  4. „Das hatte auch zeipolitische Gründe. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges überlagerte die Notwendigkeit, dem braunen Leviathan machtpolitisch beizukommen, die intellektuelle Anteilnahme am deutschen Werther.“ So Sven Papcke: Gesellschaftsdiagnosen. Klassische Texte der deutschen Soziologie im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main/New York 1991, darin: Gemeinschaft als Verhängnis. Erich von Kahler über den deutschen Sonderweg in Europa, S. 116–142, hier S. 147.
  5. Thomas Mann: Werke, Briefe, Tagebücher, Band 19: Essays VI (1945–1950), Frankfurt am Main 2009, S. 85.