Erlanger & Söhne

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Wappen der Freiherren von Erlanger

Das Bankhaus Erlanger & Söhne war eine im 19. Jahrhundert führende deutsche Privatbank in Frankfurt am Main.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1848 gründete Raphael Erlanger (1806–1878, seit 1859 Raphael von Erlanger) in Frankfurt am Main ein eigenes Bank- und Wechselgeschäft, nachdem er zuvor als „Disponent“ im Frankfurter Stammhaus der Familie Rothschild umfangreiche Fachkenntnisse und Geschäftskontakte erworben hatte. Schnell entwickelte sich Erlanger zu einer ernsthaften Konkurrenz für die Frankfurter Rothschilds.[1] 1859 erhielt Raphael Erlanger für seine Verdienste um das Königreich Portugal den Titel eines portugiesischen Barons auf Lebenszeit verliehen.[2] Nach dem Eintritt seiner Söhne Friedrich Emil Erlanger (1832–1911), Ludwig Gottlieb Friedrich Erlanger (1836–1898) und Viktor Alexander Erlanger (1840–1894) in das väterliche Bankgeschäft, änderte Erlanger 1865 den Namen seiner Bank in von Erlanger & Söhne. Nach dem Vorbild der Rothschilds errichtete Raphael Erlanger eigene Niederlassungen in Wien, Paris (1859) und London (1870).[3]

Den seit Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommenden Aktienbanken begegneten die meisten Privatbanken mit großem Misstrauen. Erlanger & Söhne stand dieser Entwicklung hingegen aufgeschlossen gegenüber. So übernahm es die Interessen der französischen Aktienbank Société Générale du Crédit Mobilier in Frankfurt am Main[4] und schuf ein Syndikat angesehener deutscher Bankhäuser zur Zusammenarbeit mit diesem Institut.[5] Nach dem Vorbild der Société Générale du Crédit Mobilier beteiligte sich Erlanger & Söhne auch an der Gründung einer ganzen Reihe von Aktienbanken. Dazu zählen u. a. die:[6]

Die federführende Mitwirkung bei solchen Bankgründungen brachte Erlanger & Söhne nicht nur Sitze in den Aufsichtsräten der entsprechenden Bankinstitute ein. Zusätzlich war so sichergestellt, dass die neuen Banken mindestens in den ersten Jahren nach ihrer Gründung viele Geschäfte über Erlanger & Söhne abwickelten.[7]

Im Geschäft mit Aktien und Anleihen spezialisierte sich Erlanger & Söhne auf Banken, Eisenbahnen und Auslandsanleihen.[8] So konnte Erlanger & Söhne eine Ende der 1850er Jahre einsetzende Handels- und Geldkrise Schwedens durch eine Anleihe beenden und war seitdem der Bankier der skandinavischen Regierungen. 1862 brachte Erlanger & Söhne zusammen mit dem Bankhaus Gebrüder Sulzbach die erste Anleihe Ägyptens auf den Markt. Erlanger & Söhne führte auch die Aktien der Weimarischen Bank, an deren Gründung Erlanger 1853 beteiligt war, erfolgreich an der Frankfurter Börse ein.

Nach dem Deutsch-Dänischer Krieg 1864 kaufte Erlanger & Söhne im Auftrag Bismarcks dem englischer Eisenbahnbau-Unternehmer Sir Samuel Morton Peto (1809–1889) die militärstrategisch bedeutsamen Eisenbahnlinien Schleswig-Holsteins auf. Während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) vertrat Erlanger die wirtschaftlichen Interessen der Südstaaten, ganz im Gegensatz zu den anderen Frankfurter Bankiers, die auf Seiten der Nordstaaten standen.[9] So legten Erlanger & Söhne im März 1864 für die Südstaaten eine Anleihe von £3 Millionen Pfund Sterling auf, die durch Baumwolle abgesichert war („Baumwollanleihe“).

Einen hervorragenden Ruf errang Erlanger & Söhne aber mit der Emission der Aktien der österreichischen k.k. Staatsbahnen (kkStB) an der Frankfurter Börse. Dies und die Rettung des in den Zusammenbruch des belgischen Spekulanten André Langrand-Dumonceau (1826–1900) verstrickten Vermögens der Familie Thurn und Taxis brachten der Familie Erlanger 1871 den österreichischen Freiherrnstand ein.[10]

Im Jahre 1904 wurde Erlanger & Söhne von der Großbank Dresdner Bank übernommen, die daraus den Grundstock ihrer Frankfurter Filiale bildete. Ein Grund hierfür dürfte in dem relativ frühen Tod von Ludwig Gottlieb Friedrich von Erlanger (1836–1898), Viktor Alexander von Erlanger (1840–1896) und Carlo von Erlanger (1872–1904) liegen. Aber auch die immer härtere Konkurrenz durch Großbanken, die zunehmend strengere Börsengesetzgebung in den achtziger und neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts und die allmächliche Verlagerung des wirtschaftlichen Schwerpunkts des deutschen Kaiserreichs von Frankfurt am Main nach Berlin dürften die Familie Erlanger dazu bewogen haben ihr Frankfurter Stammhaus zu verkaufen.[11]

Die Banken der Familie Erlanger in Paris und London bestanden jedoch weiter fort.[12] Insbesondere die englischen Bankaktivitäten der Familie Erlanger entwickelten sich erfolgreich zu einer Merchant Bank weiter, erst unter der Leitung von Emile Beaumont Baron d’Erlanger (1866–1939) und nach dessen Tod unter der Führung von Leo Frédéric Alfred Baron d’Erlanger (1898–1978). Diese firmierte erst unter dem Namen Emil Erlanger & Co., seit 1928 unter dem Namen Erlanger Ltd. 1958 wurde Erlanger Ltd. von der ebenfalls in London ansässigen Merchant Bank Philip Hill Higginson & Co. übernommen, welche danach unter dem Namen Philip Hill Higginson Erlanger Ltd. auftrat. Der Namen Erlanger verschwand erst als 1965 das Finanzunternehmen M. Samuel Philip Hill Higginson Erlanger kaufte und den Namen Hill Samuel annahm.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Emden, Paul Heinrich : „Money Powers of Europe in the Nineteenth and Twentieth Centuries“, D. Appleton-Century Company, New York 1938;
  • Franz Lerner: Erlanger, Raphael Freiherr von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 593 (Digitalisat).
  • Jurk, Michael: „Die anderen Rothschilds: Frankfurter Privatbankiers im 18. und 19. Jahrhundert“, S. 46 erschienen in: Heuberger, Georg: „Die Rothschilds – Beiträge zur Geschichte einer europäischen Familie“, Jan Thorbecke Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-7995-1202-0.
  • Kirchholtes, Hans-Dieter: „Jüdische Privatbanken in Frankfurt am Main“, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-7829-0351-X.
  • Meleghy, Gyula: „Die Vermittlerrolle der Banken bei deutschen Investitionen in Nord- und Mittelamerika bis zum Ersten Weltkrieg“, Inauguraldissertation, Köln 1983
  • Morten Reitmayer: „Bankiers im Kaiserreich – Sozialprofil und Habitus der deutschen Hochfinanz“ (= „Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft“, Band 136). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-35799-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kirchholtes, Hans-Dieter: „Jüdische Privatbanken in Frankfurt am Main“, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1989, S. 33f., ISBN 3-7829-0351-X
  2. Norbert G. Klarmann: "Unternehmerische Gestaltungsmöglichkeiten des Privatbankiersim 19. Jahrhundert (dargestellt am Beispiel des Hauses von Erlanger & Söhne)", in Hans Hubert Hofmann: "Bankherren und Bankiers", S. 31, C.A. Starke Verlag, Limburg an der Lahn 1978
  3. Kirchholtes, Hans-Dieter: „Jüdische Privatbanken in Frankfurt am Main“, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1989, S. 33f., ISBN 3-7829-0351-X
  4. Jurk, Michael: „Die anderen Rothschilds: Frankfurter Privatbankiers im 18. und 19. Jahrhundert“, S. 44 erschienen in: Heuberger, Georg: „Die Rothschilds – Beiträge zur Geschichte einer europäischen Familie“, Jan Thorbecke Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-7995-1202-0
  5. Franz Lerner: Erlanger, Raphael Freiherr von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 593 (Digitalisat).
  6. Norbert G. Klarmann: "Unternehmerische Gestaltungsmöglichkeiten des Privatbankiersim 19. Jahrhundert (dargestellt am Beispiel des Hauses von Erlanger & Söhne)", in Hans Hubert Hofmann: "Bankherren und Bankiers", S. 40ff., C.A. Starke Verlag, Limburg an der Lahn 1978
  7. Emden, Paul Heinrich : „Money Powers of Europe in the Nineteenth and Twentieth Centuries“, D. Appleton-Century Company, New York 1938, S. 208.
  8. Emden, Paul Heinrich : „Money Powers of Europe in the Nineteenth and Twentieth Centuries“, D. Appleton-Century Company, New York 1938, S. 398.
  9. Franz Lerner: Erlanger, Raphael Freiherr von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 593
  10. Kirchholtes, Hans-Dieter: „Jüdische Privatbanken in Frankfurt am Main“, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1989, S. 52, ISBN 3-7829-0351-X
  11. Jurk, Michael: „Die anderen Rothschilds: Frankfurter Privatbankiers im 18. und 19. Jahrhundert“, S. 46 erschienen in: Heuberger, Georg: „Die Rothschilds – Beiträge zur Geschichte einer europäischen Familie“, Jan Thorbecke Verlag, Frankfurt am Main 1995, S. 49, ISBN 3-7995-1202-0
  12. Emden, Paul Heinrich : „Money Powers of Europe in the Nineteenth and Twentieth Centuries“, D. Appleton-Century Company, New York 1938, S. 398.
  13. Kirchholtes, Hans-Dieter: „Jüdische Privatbanken in Frankfurt am Main“, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1989, S. 52, ISBN 3-7829-0351-X