Ernst Albrecht

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Dieser Artikel betrifft den niedersächsischen Ministerpräsidenten. Zu weiteren Personen dieses Namens siehe Ernst Albrecht (Begriffsklärung).
Ernst Albrecht (1988)
Wahlplakat mit Ernst Albrecht (1976)

Ernst Carl Julius Albrecht (* 29. Juni 1930 in Heidelberg; † 13. Dezember 2014 in Burgdorf)[1] war ein deutscher Politiker (CDU). Er war von Januar 1976 bis Mitte 1990 Ministerpräsident von Niedersachsen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ernst und Adele Albrecht (1985)

Albrecht wurde als Sohn des Internisten Carl Albrecht in Heidelberg geboren. Er war ein Ururenkel des Bremer Großkaufmanns Baron Ludwig Knoop. Sein Vater ließ sich wenig später in Bremen nieder, wo Albrecht anfänglich die Schule besuchte. 1948 legte er in Brake die Abiturprüfung ab. Von 1946 bis 1948 führte er eine Gruppe der Deutschen Jungenschaft.[2] Später studierte Albrecht Philosophie und Theologie in Tübingen, an der Cornell-Universität (USA) und in Basel (bei Karl Jaspers). 1953 schloss er sein anschließendes Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaft in Tübingen und Bonn als Diplomvolkswirt ab. Im Jahr 1959 promovierte er über das Thema Haftungsverhältnisse der Montangemeinschaft.[3][4] 1954 wurde er Abgesandter der Montanunion, 1958 Kabinettschef bei der EWG-Kommission, 1969 Generaldirektor der EG, 1971 bis 1976 Geschäftsführer des Gebäckherstellers Bahlsen.[1]

Landespolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Albrecht war von 1970 bis 1990 Mitglied des niedersächsischen Landtages. Von 1971 bis 1974 bekleidete er das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion.

Albrecht wurde am 15. Januar 1976 als Oppositionskandidat mit Stimmen aus der sozialliberalen Regierungskoalition überraschend zum Nachfolger des aus Altersgründen zurückgetretenen Ministerpräsidenten Kubel gewählt. Damit war Albrecht Niedersachsens erster CDU-Ministerpräsident (siehe auch: Landtagswahlen in Niedersachsen).

Als Ministerpräsident traf Albrecht 1977 die Entscheidung, im dünn besiedelten Landkreis Lüchow-Dannenberg in unmittelbarer Nähe zur innerdeutschen Grenze ein „Nuklearzentrum“ zu errichten. Dieses sollte ursprünglich neben einem Zwischenlager für Atommüll bei Gorleben auch das zentrale deutsche Atommüllendlager, ein neues Atomkraftwerk an der Elbe bei Langendorf und eine Wiederaufarbeitungsanlage für Uranbrennstäbe in Dragahn[5] umfassen. Die Entscheidung für den geologisch mäßig geeigneten Salzstock Gorleben war allein dem politischen Kalkül geschuldet, wie Kritiker schon lange mutmaßen. Sie gehen zudem davon aus, dass sich Albrecht mit der Auswahl des dünn besiedelten Wendlandes geringere Proteste seitens der Bevölkerung erhoffte. Der Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages kam 2013 zu dem Ergebnis, dass der Standort von Albrecht wegen seiner Grenznähe und als Reaktion auf das benachbarte Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben in der DDR gewählt worden ist.[6][7]

In seiner Amtszeit setzte er sich dafür ein, dass Niedersachsen 1979 als erstes Bundesland 1000 vietnamesische Flüchtlinge (Boatpeople) aufnahm.[8] Seine Regierung verantwortete auch den unter der Bezeichnung Celler Loch bekannt gewordenen fingierten Sprengstoffanschlag auf das Hochsicherheitsgefängnis Celle zur Einschleusung von V-Personen in die linksterroristische Szene um die Rote Armee Fraktion.

Im Vorfeld der Bundestagswahlen 1980 wurde Albrecht als möglicher Kanzlerkandidat gehandelt. Nach wochenlangen öffentlichen Auseinandersetzungen wählte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit 57 % der Stimmen Franz Josef Strauß von der CSU zum gemeinsamen Kanzlerkandidaten. Strauß verlor anschließend die Wahl gegen Helmut Schmidt.

1983 lehnte Albrecht den Wunsch Helmut Kohls ab, als Bundespräsident zu kandidieren.[8][9]

Im niedersächsischen Landtag scheiterte im Dezember 1988 ein von der SPD-Fraktion wegen der Spielbankaffäre eingebrachtes konstruktives Misstrauensvotum gegen Albrecht mit 76 gegen 79 Stimmen. Mindestens ein Mitglied der Oppositionsparteien SPD und Grüne muss dabei für Albrecht gestimmt haben.

Am 2. September 1989 trennte sich die CDU-Fraktion in Niedersachsen nach mehreren Skandalen vom Abgeordneten Kurt Vajen, was den Verlust der parlamentarischen Mehrheit im Landtag zur Folge hatte. Der kurz zuvor nachgerückte SPD-Politiker Oswald Hoch erklärte wenig später seinen Austritt aus der SPD-Fraktion und sicherte als fraktionsloser Abgeordneter Albrecht fortan die Mehrheit von 78 Stimmen (CDU/FDP) zu 77 Stimmen (SPD/Grüne) bis zum Ende der Legislaturperiode im Juni 1990.[10]

Ernst Albrechts Amtszeit war mit 14 Jahren die bisher längste aller Niedersächsischen Ministerpräsidenten. Seine Gestaltung von Politik und die von ihm gesetzten Marken haben das Land im positiven wie im negativen Sinne nachhaltig geprägt.[8] Einige Stimmen sagen, dass er dem bis dahin „künstlichen Gebilde Niedersachsen“ ein Bundesland mit eigener Identität gegeben hat.[8][11] Er forcierte die Gründung von Forschungsinstituten in Hannover, Braunschweig, Clausthal und Göttingen. Andererseits belasten die gesellschaftlichen Konflikte, die Albrecht vor vier Jahrzehnten im Wendland initiiert hat, die Landes- wie Bundespolitik bis in die Gegenwart. Albrecht gehörte zu den wenigen Politikern, die von der Wirtschaft in die Politik gewechselt sind und stand dem sich immer stärker etablierenden Berufsparlamentariertum sehr kritisch gegenüber.[8]

Abwahl und die Tätigkeit danach[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Landtagswahl am 13. Mai 1990 kam es prozentual nur zu relativ geringen Änderungen; gleichwohl wurde nun eine rot-grüne Mehrheit bzw. Koalition möglich. Der SPD-Herausforderer, der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder, bildete eine rot-grüne Regierung; damit war Albrecht nach über 14 Jahren nicht mehr Ministerpräsident.

Ernst Albrecht (2008)

Albrecht war Aufsichtsratsvorsitzender der EHW Thale AG (heute Thaletec GmbH) und kaufte 1993 mit dem Bremer Kaufmann Hans Henry Lamotte das Unternehmen. Er war ferner 2007 Aufsichtsratsmitglied des Bauunternehmens GP Papenburg AG (siehe Günter Papenburg).

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Albrecht lebte auf dem Familiengut in Burgdorf-Beinhorn. 1953 hatte er die zwei Jahre ältere Heidi Adele Stromeyer (1928–2002) geheiratet. Sie war promovierte Germanistin und starb 2002 an Krebs. Das Ehepaar hatte sieben Kinder, darunter die CDU-Politikerin Ursula von der Leyen. Seine Söhne heißen Harald, Hans-Holger, Barthold und Donatus. Hans-Holger Albrecht war Präsident und CEO von Millicom International Cellular SA (MIC).[12] Tochter Benita-Eva starb 1971 mit elf Jahren und Sohn Lorenz 2005 mit 49 Jahren an Krebs. Ernst Albrechts Bruder ist der Dirigent George Alexander Albrecht.

Im Mai 2008 gab Ursula von der Leyen öffentlich bekannt, dass ihr Vater an Alzheimer erkrankt sei; die Krankheit sei 2003 diagnostiziert worden.[13] Von 2007 an lebte die neunköpfige Familie von der Leyen auf dem Anwesen von Albrecht und wirkte an seiner Pflege mit.[14] Am 13. Dezember 2014 starb Albrecht in Burgdorf-Beinhorn.[1]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Staat – Idee und Wirklichkeit. Grundzüge einer Staatsphilosophie. Seewald, Stuttgart 1976, ISBN 3-512-00442-3.
  • Erinnerungen, Erkenntnisse, Entscheidungen. Politik für Europa, Deutschland und Niedersachsen. Barton, Göttingen 1999, ISBN 3-934648-00-2.
  • Die Albrecht-Familie: Wohlauf in Gottes schöne Welt / Alle Birken grünen in Moor und Heid. Zugunsten der Stiftung Familie in Not, Ariola 15 588 AT (1979), Single Schallplatte 45/min DNB 353557927.[16]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ernst Albrecht – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Andreas Grau: Albrecht, Ernst. Website der Konrad-Adenauer-Stiftung, abgerufen am 13. Dezember 2014.
  2. Interview von Alexej Stachowitsch mit Ernst Albrecht, in: Der Eisbrecher 83, 1978, S. 336–345.
  3. Biografie Ernst Albrecht auf niedersachsen.de (Memento vom 28. Juni 2008 im Internet Archive)
  4. Achim Schwarze: Dünnbrettbohrer in Bonn. Aus den Dissertationen unserer Elite. Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 1984, S. 108.
  5. WAA-Planung Dragahn (Memento vom 8. November 2009 im Internet Archive) auf gorleben-archiv.de
  6. BT-Drs. 17/13700: Beschlussempfehlung und Bericht des 1. Untersuchungsausschusses nach Artikel 44 des Grundgesetzes vom 23. Mai 2013
  7. Deutscher Depeschendienst: Interview: Endlager Gorleben aus Expertensicht nur zweite Wahl. Verivox.de, 7. August 2009.
  8. a b c d e rundblick, Nord-Report, Hannover, Jahrgang 2014/Nr. 230
  9. Dr. Ernst Albrecht – eine Würdigung. Pressemitteilung. CDU in Niedersachsen, 15. Dezember 2014, abgerufen am 20. September 2016.
  10. Auf dem Absatz kehrt. In: Der Spiegel. Nr. 37, 1989, S. 106 (online).
  11. www.ndr.de
  12. millicom.com: Executive Committee (Memento vom 6. April 2013 im Internet Archive)
  13. In: Rheinische Post, 20. Juli 2011, S. A2.
  14. Paul Wolff: Von der Leyen und die Krankheit ihres Vaters. In: Welt Online, 27. Mai 2008.
  15. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB)
  16. Blog mit Abbildung der Schallplatte