Ernst Röhm

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Ernst Röhm mit Eisernem Kreuz und Hakenkreuzarmbinde im August 1933 bei einer SS-Veranstaltung auf dem Truppenübungsplatz Döberitz

Ernst Julius Günther Röhm (* 28. November 1887 in München; † 1. Juli 1934 in München-Stadelheim) war ein deutscher Offizier, Politiker (NSDAP) und Kampfbundführer. Röhm war langjähriger Führer der Sturmabteilung (SA) und kurze Zeit im Kabinett Hitler Reichsminister ohne Geschäftsbereich, bevor er auf Befehl Adolf Hitlers, vorgeblich als Reaktion auf einen angeblich geplanten Putsch, den sogenannten Röhm-Putsch, ermordet wurde.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühe Jahre (1887–1914)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ernst Röhm war das jüngste von drei Kindern des bayerischen Eisenbahnoberinspekteurs Guido Julius Josef Röhm (1847–1926) und seiner Ehefrau Sofia Emilie Röhm (* 15. Dezember 1857; † 6. Januar 1935), geborene Baltheiser. Er hatte einen älteren Bruder, Robert Röhm (* 29. April 1879; † 31. Mai 1974), der wie der Vater in den Eisenbahndienst ging und eine ältere Schwester, Eleonore Röhm (* 14. Mai 1880; † ?), verheiratete Lippert. Seine Neffen, die Söhne seiner Schwester, waren der Diplomat Bernhard Lippert und der Rechtsanwalt Robert Lippert.

Im Elternhaus wurde Röhm eine strenge Anhänglichkeit an die bayerische Landesmonarchie mit auf den Weg gegeben, die er sich mindestens bis 1930 bewahrte. Als Protestanten gehörten die Röhms in Bayern einer Minderheit an.

Von Herbst 1897 bis Frühling 1906 besuchte Röhm das Maximiliansgymnasium in München, wo er das Abitur ablegte. Anschließend trat er – seinem Jugendwunsch, Soldat zu werden, folgend – als Fahnenjunker in die Bayerische Armee ein. Nach dem Besuch der Kriegsschule in München und der Beförderung zum Leutnant (9. März 1908) wurde er der Garnison des 10. Infanterie-Regiments „König Ludwig“ in Ingolstadt zugewiesen. Dort galt er in den Vorkriegsjahren als Dandy und Lebemann. In Hinblick auf seine spätere politische Tätigkeit als Wehrverbandsführer in den 1920er und 1930er (Reichskriegsflagge, Frontbann, SA) Jahren sollten sich die persönliche Beziehungen zu einer Anzahl von Regimentskameraden erweisen, die er in diesen Jahren knüpfte und die er später immer wieder als persönliche Vertrauensleute in leitenden Positionen in die von ihm geführten Organisationen einbaute.

Ab 1913 wurde Röhm zum Adjutanten ausgebildet. Und im Winter 1913/1914 wurde ihm die Aktualisierung des Mobilisierungszeitplans seines Regiments übertragen.

Erster Weltkrieg (1914 bis 1918)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges rückte das 10. bayerische Infanterie-Regiment, dem Röhm angehörte, in Richtung Westen vor. Nach der deutschen Niederlage in der Marne-Schlacht beteiligte das Regiment sich am Vormarsch auf die Cotes-Lorraines. Am 24. September 1914, während der Kampfhandlungen um die Ortschaft Spada, erlitt Röhm einen Gesichtsschuss, der ihn dauerhaft entstellte: Er wurde in ein Heimatlazarett verlegt wo sein abgerissenes Nasenbein durch eine Plastik ersetzt wurde, was nur unvollkommen gelang. Er musste in der Folge lernen durch seine neue Nase zu atmen und sich aufgrund von Atembeschwerden weiteren Operationen unterziehen. Da die Wunde immer wieder neu vereiterte hatte er für den Rest seines Lebens mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.[1]

Am 19. Oktober 1914 erhielt Röhm das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen. Und am 3. Dezember 1914 erfolgte die Beförderung zum Oberleutnant.

Am 17. April 1915 kehrte Röhm in der Stellung eines Regimentsadjutanten zur Frontruppe des 10. Infanterie-Regiments in Spada zurück, wo er am 2. Juni 1915 das Kommando über die 10. Kompanie seines Regiments erhielt.[2] Er nannte diese Zeit später das „schönste [Jahr] meines soldatischen Lebens“. Am 18. April 1916 erhielt Röhm die Beförderung zum Hauptmann.

Während der Schlacht um Verdun erlitt Röhm am 23. Juni 1916, während der Erstürmung des Fort Thiaumont, erneut schwere Verletzungen als er durch vierzehn Granatsplitter an Kopf, Rücken, Oberarmen und am linken Oberschenkel verwundet wurde.[3] Die folgenden sechs Monate bis Dezember 1916 verbrachte er in diversen Lazaretten in Frankfurt, München und Hohenaschau, bis er am 2. Dezember 1916 als garnisonsdiensttauglich entlassen wurde. Während seiner Lazarettzeit erhielt er am 12. August 1916 das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen. Die folgenden Monate der Genesung verbrachte er als Mitarbeiter im bayerischen Kriegsministerium in München, wo er von Dezember 1916 bis zum 29. Mai 1917 als Adjutant des Chefs der Armeeabteilung des Ministeriums, Gustav Kreß von Kressenstein, verwendet wurde.

Nach Wiedererlangung der Frontverwendungsfähigkeit wurde Röhm am 29. Mai 1917 zum Ordonnanzoffizier im Stab der 12. Bayerischen Infanterie-Division unter Hugo von Huller bzw. (ab 6. Juni 1917) Karl von Nagel zu Aichberg ernannt. Diese Division wurde bis Mitte April 1918 in Rumänien und dann in den letzten Kriegsmonaten in Frankreich eingesetzt. Nach dem Ausscheiden des 2. Generalstabsoffiziers der Division (Ib) wurde Röhm mit der Ausübung von dessen Aufgaben betraut. In dieser Stellung war er für Nachschub, Unterkunft, Versorgung und Verpflegung sowie das Sanitätswesen der Division zuständig. In dieser Eigenschaft erwies er sich besonders während des deutschen Rückzugs aus Flandern 1918 als hervorragender Organisator.

Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Demobilisierung 1919 schloss er sich dem „Freikorps Epp“ unter Franz von Epp an. Dieses Freikorps war an der gewaltsamen Niederschlagung der Münchner Räterepublik beteiligt und wurde im Juli 1919 in die 7. (Bayerische) Division der Reichswehr eingegliedert. Gemeinsam mit anderen völkisch-nationalistischen Reichswehroffizieren, darunter Karl Mayr und Beppo Römer, gründete Röhm die informelle Offiziersvereinigung „Eiserne Faust“. Hier traf er im Frühherbst 1919 Adolf Hitler, der zunächst V-Mann in der von Mayr geführten Politischen Abteilung des Nachrichtendienstes des Gruppenkommandos der Reichswehr war und anschließend politische Schulungen für die Reichswehr durchgeführt hatte. Hitler war bereits Mitglied der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) und noch im selben Jahr trat auch Ernst Röhm der Partei bei.

Röhm leitete das Waffenreferat der Reichswehr in Bayern und übernahm die nach der Auflösung der Einwohnerwehren 1921 neu eingerichtete sogenannte Feldzeugmeisterei der Reichswehr. Aufgabe dieser illegalen Einrichtung war es, nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages verbotene Bestände an Waffen und Munition vor der interalliierten Kontrollkommission zu verstecken. Mit der Verfügungsgewalt über diese geheimen Waffenlager gewann der weitreichend vernetzte Röhm eine außerordentlich einflussreiche Position innerhalb der rechtsnationalen bayerischen Wehrverbände. Röhm galt deshalb als „Maschinengewehrkönig von Bayern“.[4]

Röhm und die NSDAP[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Röhm (2. v. r.) nach der Urteilsverkündung im Hitlerprozess am 1. April 1924

Ein Jahr nach dem Eintritt in die DAP wurde Ernst Röhm eines der ersten Mitglieder der NSDAP (Mitgliedsnummer 623),[5] welche unter Hitlers Führung aus der DAP hervorgegangen war. Hitler knüpfte mit der Hilfe Röhms erste Kontakte zu bayerischen Militärs und Politikern, von denen Röhm zahlreiche überzeugen konnte, der NSDAP beizutreten; auch beim weiteren organisatorischen Aufbau der Partei spielte Röhm eine wichtige Rolle.

Röhm war seit Ende 1921 Leiter der Münchner Ortsgruppe der Reichsflagge, eines Wehrverbandes unter Röhms Freund, dem Reichswehrhauptmann Adolf Heiß. Auf Röhms Initiative hin schloss sich die Reichsflagge am 4. Februar 1923 mit dem Bund Oberland, dem Bund Wiking und der SA zur Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände zusammen.[6] Als Befehle Röhms an die Reichsflagge, in denen aktive Offiziere als Leiter militärischer Übungen namentlich genannt wurden, an die Öffentlichkeit gelangten, zog sich Röhm zwar offiziell aus der Führung des Bundes zurück, betätigte sich dort aber inoffiziell weiter. Bei einem Aufmarsch der Arbeitsgemeinschaft am 1. Mai 1923 erhielten die Teilnehmer trotz ausdrücklichen Verbots der Reichswehr Waffen aus deren Beständen. Röhm wurde dafür verantwortlich gemacht und aus dem Divisionsstab entfernt.[7] Einer angekündigten Versetzung nach Bayreuth begegnete er mit einem Abschiedsgesuch in der Hoffnung, in München bleiben zu können. Tatsächlich wurde die Entlassung zurückgenommen und Röhm bis auf Weiteres beurlaubt.[8] Nach der Gründung des Deutschen Kampfbundes am Deutschen Tag am 1. und 2. September 1923 sorgte Röhm dafür, dass Hitler am 25. September die politische Führung des Bundes übernehmen konnte. Der selbstbewusste Röhm sah Hitler als öffentlichkeitswirksamen „Trommler“ an, ging aber selbst vom „Primat des Soldaten vor dem Politiker“ aus.[9]

Am 26. September 1923 ersuchte Röhm erneut um seinen Abschied aus der Reichswehr, um einer Versetzung nach Berlin zuvorzukommen. Weiterhin beurlaubt, konzentrierte er sich ganz auf seine Arbeit in der Reichsflagge. Da Heiß nicht bereit war, Röhms Kurs mitzumachen, und mit der Reichsflagge aus dem Kampfbund austrat, spaltete sich Röhm mit den südbayerischen Ortsgruppen im Oktober 1923 ab und gründete den Bund Reichskriegsflagge. Mit seinem Bund unterstützte er Hitlers und Erich Ludendorffs Initiative für eine Putsch-Aktion.[10] Am 9. November 1923 war er maßgeblich am Hitlerputsch beteiligt, wofür er eine fünfmonatige Haftstrafe zu verbüßen hatte. Aus der Reichswehr war er noch vor dem Hitler-Prozess ausgeschieden.[11] SA und NSDAP wurden in der Folge des Putschversuches verboten. In Anerkennung seiner prominenten Rolle bei diesem Putschversuch wurde ihm 1933 der Blutorden mit der Verleihungsnummer 1 verliehen. Röhm gehörte neben Dietrich Eckart, Hermann Esser, Julius Streicher und Christian Weber zu den ganz wenigen Duzfreunden Hitlers.[12]

Führer des Frontbanns und Rückzug aus der Politik (1924 bis 1928)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Freilassung aus der Festungshaft begann Röhm mit dem eigentlichen Aufbau der SA zu einer Vorstufe jener paramilitärischen Kampforganisation, die sie nach 1930 und wiederum unter seiner Anleitung endgültig werden sollte. Röhm konnte mit der von Hitler nach dem gescheiterten Putsch von 1923 proklamierten Legalitätstaktik, dem Arrangement innerhalb der parlamentarischen Struktur, nicht viel anfangen. Dennoch zog er 1924 auf Reichswahlvorschlag für die Nationalsozialistische Freiheitspartei in den Reichstag ein; im selben Jahr trat er der DVFP bei. Seine politische Einstellung blieb radikal antikapitalistisch und revolutionär. Für ihn gab es kein Arrangement mit für seine Begriffe korrupten Mächten wie der Großindustrie oder der Reichswehr. Die SA sollte eine autonome Macht darstellen, die nicht der Parteipolitik untergeordnet war. Röhm stand damit teilweise offen in Gegnerschaft zur Parteiführung der NSDAP.

Ebenfalls 1924 gründete Röhm die Organisation Frontbann, eine Wehrorganisation mit der er seine Milizidee verwirklichen wollte, deren Schirmherrschaft Erich Ludendorff übernahm.

Im Februar 1925 betraute der im Dezember 1924 aus der Festungshaft in Landsberg entlassene Hitler Röhm mit dem Aufbau und der Führung der nun neugegründeten SA. Röhm legte sein Kommando jedoch bereits nach knapp zwei Monaten, zum 1. Mai 1925, aufgrund grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Hitler über die Funktion und Struktur der neuen SA, wieder nieder: Während Hitler im Wehrverband nur eine Hilfstruppe der Partei sehen wollte, die lediglich Saalschutz- und Propagandaaufgaben übernehmen, aber keine neue Wehrbewegung sein sollte, verlangte Röhm das Primat des Soldaten vor dem Politiker und sah die politische und militärische Führung der Bewegung als gleichberechtigte Funktionen an. In seinem Denken weiterhin militärisch-aktivistisch geprägt sah Röhm zudem den nun von Hitler verfolgten Legalitätskurs mit Skepsis und wollte keine SA führen die in einem rein subalternen Verhältnis zur Parteiorganisation stand. Gleichzeitig mit dem Kommando über die SA legte er auch die Führung des Frontbanns nieder.[13]

Infolge von Röhms Rückzug aus dem Frontbann begann diese Organisation rasch zu zerfallen: Nach dem Wegfall des Frontbann-Oberkommandos in München verselbständigten sich die einzelnen Landesorganisationen des Verbandes zunächst, bevor diese zum Jahresende 1925/Anfang 1926 endgültig eingingen. Ihre Mitglieder schlossen sich anschließend verschiedenen anderen Organisationen wie der SA und dem Tannenbergbund an oder zerliefen sich.

In den folgenden Jahren bis 1928 schlug Röhm sich kurzzeitig in verschiedenen kaufmännischen Stellungen und als Vertreter durch. Außerdem legte er unter dem Titel Geschichte eines Hochverräters seine Autobiographie vor.

Im Jahr 1928 unternahm Röhm mit Hilfe der sogenannten "Wehrpolitischen Vereinigung" (WPV) erneut den Versuch sich aktiv innerhalb der NSDAP zu betätigen, gab dieses Unterfangen jedoch bereits nach kurzer Zeit auf.[14]

Tätigkeit als Militärinstrukteur in Bolivien (1928 bis 1930)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitte 1928 erfuhr Röhm, der sich zu dieser Zeit beruflich in einer prekären Situation befand und politisch weitgehend isoliert war, von dem ehemaligen deutschen Hauptmann Wilhelm Kaiser, der sich inzwischen als Militärgouverneur im Dienst der Republik Bolivien befand, dass die bolivische Regierung auf der Suche nach einem fähigen deutschen Offizier mit Kriegserfahrung sei, der als Militärinstrukteur an der Reorganisation der bolivischen Armee mitwirken sollte. Der deutschstämmige bolivische Generalstabschef Hans Kundt sicherte ihm den Rang eines Oberstleutnants und ein monatliches Salär von 1.000 Bolivianos zu, was ihm angesichts der Lebenshaltungskosten in Bolivien einen luxuriösen Lebensstandard verschaffen würde.[15]

Mitte Dezember 1928 verließ Röhm Deutschland, zusammen mit dem jungen Kunstmaler Martin Schätzl, der ihn als Sekretär begleitete, an Bord des Dampfers Cap Polonio in Richtung Südamerika, wo er am 31. Dezember in Buenos Aires an Land ging. Am 5. Januar 1929 traf Röhm in La Paz, dem Regierungssitz von Bolivien ein. Dort übernahm er zunächst Aufgaben als Dozent an der Militärakademie des Landes, was in erster Linie dazu diente ihm Gelegenheit zu verschaffen, die spanische Sprache zu erlernen, die er bald fließend beherrschte. Proteste gegen Röhms Anstellung durch die französische Regierung wurden von bolivischer Seite weitgehend ignoriert.[16]

Im Juni 1929 wurde Röhm die Funktion eines Truppeninspekteurs übertragen, die er bis September 1929 ausübte. Anfang September 1929 wurde Röhm zum Stabschef des Divisionskommandos der 1. Division der bolivischen Armee in Oruro unter General Carlos de Gumucio ernannt. In dieser Stellung verblieb er bis August 1930. In Oruro war Röhm zunächst mit der Beaufsichtigung der Garnisonen in Challapata, Uyuni und Potosi betraut, die er auf das alljährliche Herbstmanöver der bolivianischen Armee im Oktober 1929 vorbereitete (in dem Röhm als Führer eines der beteiligten Kommandos den Sieg davontrug). Anschließend leitete er die Ausbildung von Rekruten und führte zeitweise die 1. Division selbst einige Wochen lang während einer Abwesenheit von Gumucio.[17]

Während seiner Zeit in Bolivien ließ Röhm die Verbindungen in der Heimat niemals abreißen: Insbesondere das politische Geschehen in Deutschland verfolgte er mit regem Interesse: Er bezog die NS-Zeitung Völkischer Beobachter und pflegte intensive Korrespondenzen mit alten politischen Freunden, so mit dem bayerischen Kronprinzen Rupprecht, dem gegenüber er sich zur Monarchie bekannte, und zu Heinrich Himmler, der zu dieser Zeit frisch die Führung der SS übernommen hatte. Ein Angebot der NSDAP nach Deutschland zurückzukehren um bei der Reichstagswahl vom September 1930 für den Reichstag zu kandidieren lehnte er jedoch im Juli 1930 ab.[18]

Seiner Biographin Hancock zufolge erwies Röhm sich dem Generalstabschef Kundt bald sowohl intellektuell wie auch in seinen Fähigkeiten als praktischer Heeresführer und -organisator als überlegen. Dies, so Hancock, mag dazu beigetragen haben, Röhm in dem Glauben zu bestärken, dass er nach einer Übernahme der Regierung in Deutschland durch die Nationalsozialisten eine führende Rolle in der deutschen Armee übernehmen und so seine militärischen und politischen Aspirationen miteinander verbinden könne.[19]

Die früher in der Literatur auftauchende Vermutung, dass Röhm die Pläne für den Putsch gegen die bolivische Regierung unter Hernando Siles vom Juni 1930, der am 28. Juni 1930 mit der Bildung einer neuen Junta-Regierung unter General Carlos Blanco Galindo endete, ausgearbeitet habe, hält Hancock für unbegründet.[20]

Röhm entschied sich jedoch zu dieser Zeit, seinen auf zwei Jahre begrenzten Vertrag (1. Januar 1929 bis 31. Dezember 1930) mit der bolivischen Regierung nicht zu verlängern und stattdessen in die Heimat zurückzukehren. Er schied jedoch nicht offiziell aus der bolivischen Armee aus sondern erhielt die Stellung eines langfristig beurlaubten aktiven Offiziers. Bis an sein Lebensende hielt Röhm sich die Option einer Rückkehr in den bolivischen Militärdienst offen: 1931 und 1932 verlängerte er jeweils fristgerecht seine Stellung in der Armee bei der bolivischen Botschaft in Berlin.[21] Und auch während seiner Meinungsverschiedenheiten mit Hitler bezüglich des Kurses der deutschen Militärpolitik trug er sich mit Gedanken einer Rückkehr nach Südamerika.[22]

Röhms Abreise aus Bolivien erfolgte Mitte Oktober 1930. Nach der Überquerung des Atlantiks mit dem Dampfer Sachsen der Hamburg-Amerika-Linie, traf er am 6. November 1930 zurück in München ein.[23]

Obwohl er den bolivischen Generalstabschef vor seiner Abreise noch ausdrücklich in einem Memorandum vor einem Krieg mit Paraguay gewarnt hatte, machte er nach dem Beginn des Chaco-Krieges im Juli 1932 seine Unterstützung der bolivischen Seite, trotz der offiziellen Neutralität Deutschlands in diesem Konflikt, öffentlich.[24]

Röhm als Teil der „Harzburger Front“ in Bad Harzburg am 11. Oktober 1931

Stabschef der SA (ab 1931)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während Röhms Aufenthalt in Bolivien spitzten sich, parallel zum politischen Aufschwung der Partei, die Richtungskämpfe in der NSDAP im Jahr 1930 immer weiter zu: Der für Berlin und die ostelbischen Gebiete zuständige SA-Führer Walter Stennes erhob im Sommer 1930 die Forderung, Angehörige der SA auf der Reichstagswahlliste der NSDAP zu platzieren. Als die Parteiführung dieser Forderung nicht in dem gewünschten Umfang nachkam, kam es zu einer "Meuterei" der Berliner SA (1. Stennes-Revolte), die ihre Aufgaben nicht mehr erledigte und die Berliner Gaugeschäftsstelle besetzte. Es gelang Hitler zwar die Revolte zu unterdrücken, doch gelangte er zu der Auffassung, dass die SA einer neuen Führung bedürfe. Infolgedessen rief er Röhm nach Deutschland zurück. Der seit 1927 amtierende Führer der SA, Franz Pfeffer von Salomon trat zu diesem Zeitpunkt zurück. Die kommissarische Führung der SA lag in den nachfolgenden Monaten bis zum Jahresende 1930 in den Händen von Pfeffers bisherigen Stabschef, Otto Wagener.[25]

Als Röhm im November 1930 nach Deutschland zurückgekehrt war, bot Hitler, der sich im September 1930 zum „Obersten SA-Führer“ gemacht hatte (womit er die bisherige Trennung der Führung der NSDAP und SA aufgehoben und die Spitzen beider Organisationen in seiner Person vereint hatte), ihm den Posten eines „Obersten Stabschefs“ der SA an: D.h. anders als sein Vorgänger Pfeffer würde Röhm als de-facto-Kommandeur der SA nicht mehr den Rang eines Obersten SA-Führers (OSAF) innehaben (der nun bei Hitler lag), sondern die Position eines dem neuen OSAF-Hitler untergeordneten Stabschefs bekleiden. Hitlers Entscheidung fortan selbst die Stellung des Obersten SA-Führers zu übernehmen war wahrscheinlich eine Konzession an die SA-Führer, die von keinem Politiker geführt werden wollten, sondern den Anspruch erhoben, eine „in der Hand ihrer eigenen Führer befindliche Truppe“ zu sein. Röhm war durch seinen Auslandsaufenthalt auch nicht in die Flügelstreitereien innerhalb der NSDAP verstrickt gewesen und pflegte ein persönlich gutes Verhältnis zu Hitler.[26]

Auf einer SA-Führertagung am 30. November 1930 in München gab Hitler den versammelten SA-Führern schließlich die Betrauung Röhms mit der Leitung der SA bekannt, wogegen der anwesende Stennes und die norddeutschen SA-Führer heftig protestierten.[27]

Nachdem Röhm am 5. Januar 1931 sein neues Amt angetreten hatte, baute er die SA zu einer breit angelegten Bewegung aus, mit der er das Selbstverständnis und Auftreten der NSDAP bis zum Sommer 1934 maßgeblich prägte.[28] Unter seiner Ägide stieg die Stärke der SA binnen kurzer Zeit erheblich an: Während die Gesamtstärke der SA bei Röhms Antritt als Stabschef noch bei 77.000 Mann gelegen hatte, überschritt sie bereits im April 1931 die 100.000 Mann Grenze. Im Januar 1932 war eine Stärke von 290.000 Mann erreicht und zum Zeitpunkt des Machtantritts der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 betrug der Personalbestand der SA rund 430.000 Männer.[29] Als geschickter Netzwerker besetzte Röhm schrittweise wichtige Stellungen in der Obersten SA-Führung, dem zentralen Steuerungsinstrument zur Führung der SA, sowie in Führungsstäben der einzelnen regionalen SA-Gliederungen mit persönlichen Vertrauensleuten und schuf sich auf diese Weise sukzessive eine machtvolle Position in der NS-Bewegung.

Röhm forderte die Auflösung der Reichswehr in einer von der SA gestellten „revolutionären Volksmiliz“. Er wollte damit seine Vision einer zweiten nationalsozialistischen „Volksrevolution“ vorantreiben. Dadurch geriet er erneut mit Hitler und dessen Gefolgsleuten aus SS und Reichswehr in Streit. Zwar gibt es aus dieser Zeit schriftliche Zeugnisse über Versuche Röhms, die Notwendigkeit eines parallelen Existierens von SA und SS neben der Reichswehr zu begründen, doch dürften solche Bekenntnisse kaum seinen Überzeugungen entsprochen haben. Röhm entfernte sich immer mehr von der offiziellen Parteilinie und betrachtete die SA als „eine nationalsozialistische Kampforganisation neben der NSDAP“, die von der Partei „völlig unabhängig“ sei.

Auch geriet er mit Hitler in offenen Streit, als dieser es ablehnte, die SA erneut als „Wehrbewegung der Partei“ aufzubauen. Röhm dazu bei verschiedenen Gelegenheiten: „Hitler habe Trommler der Wehrverbände zu bleiben. (…) Parteipolitik wird im Frontbann, auch in der SA nicht geduldet. (…) Ich verbiete mir auf das strengste jede Einmischung der SA in Parteiangelegenheiten; ebenso streng verbiete ich, dass die SA-Führer von parteipolitischen Führern Weisungen entgegennehmen.“[30]

Im April 1932 wurde die SA von Reichskanzler Heinrich Brüning erneut verboten, nachdem es zu gewalttätigen Übergriffen von SA-Mitgliedern gekommen war. Im Juni wurde das Verbot von dessen Nachfolger Franz von Papen wieder aufgehoben. Daraufhin kam es im Vorfeld der Reichstagswahl Juli 1932 zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen mit insgesamt etwa 300 Toten und über 1100 Verletzten. Vor der Reichstagswahl im März 1933 schreckte die SA auch nicht vor Folter zur Einschüchterung politischer Gegner zurück.

Skandale um Röhms Homosexualität 1931/32[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hitler und Röhm auf dem Reichsparteitag 1933

In den Jahren 1931/32 stand Röhm im Mittelpunkt einer Pressekampagne, die auf seine Homosexualität abzielte. Ganz unterschiedliche Gegner des Nationalsozialismus hofften dadurch, Hitler selbst treffen zu können und dessen politischen Aufstieg zu stoppen.[31]

Röhm hatte nach seinen eigenen Angaben seine Homosexualität 1924 entdeckt, verkehrte seit Mitte der 1920er Jahre in Nachtklubs wie dem Kleist-Kasino, der Silhouette, der Internationale Diele oder dem Eldorado und lebte seine Sexualität in den dortigen Dampfbädern aus.[32][33] Einzelheiten über Röhms Sexualleben der Jahre 1931 bis 1934 wurden erst im Zuge eines Prozesses vor dem Landgericht München I im Herbst 1934 bekannt (Granninger und Genossen wegen Unzucht und Kuppelei), denn Röhm hatte stets darauf geachtet, nicht gegen den § 175 StGB zu verstoßen und sich nicht erpressbar zu machen.[34] Umfassend rekonstruieren lassen sich die tatsächlichen Sexualbeziehungen aber nicht, da es sich bei den überlieferten Quellen überwiegend um gerichtliche Dokumente oder Presseberichte mit politischer Denunziationsabsicht handelt.[35] Röhms Konzeption von Homosexualität unterschied sich dabei sowohl von der sublimierten Homosexualität eines Hans Blüher als auch von der durch Magnus Hirschfeld vertretenen Vorstellung eines „Dritten Geschlechts“. Sie war vielmehr auf den militärisch-soldatischen Mann fixiert, kombinierte Kameradschaft mit aufopfernder Disziplin und war deutlich von Weiblichkeit abgegrenzt.[36]

Nach Röhms Ernennung zum Stabschef hatte die Presse immer wieder Gerüchte über Röhms Homosexualität kolportiert. Insbesondere die sozialdemokratische Münchener Post versuchte ab dem Frühjahr 1931, die Nationalsozialisten politisch-moralisch zu diskreditieren, indem sie etwa über die „warme Bruderschaft im Braunen Hause“ berichtete.[37] Im Vorfeld der Reichspräsidentenwahlen im März 1932 gewann diese Kampagne noch einmal an Schwung, als der sozialdemokratische Publizist Helmuth Klotz drei ihm zugespielte Briefe Röhms an den Arzt Karl-Günther Heimsoth veröffentlichte, die im Juli 1931 bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt worden waren.[38] Röhm hatte sich 1928 und 1929 mehrmals in Berlin mit dem völkisch-national gesinnten Heimsoth getroffen, der ihn für den Kampf gegen den § 175 gewinnen wollte. Brieflich hatte Röhm Heimsoth nicht nur versichert, auf seine Weise gegen den § 175 zu kämpfen, sondern sich im vertraulichen Ton auch über seine Vorlieben geäußert und zu seiner Homosexualität bekannt.[39] Die Kampagne verwendete Stereotype der Homosexualität und appellierte an homophobe Ressentiments, um die Nationalsozialisten zu diskreditieren.[40] Politisch war die Kampagne umstritten. Der linke Publizist Kurt Tucholsky etwa kritisierte 1932 in der Weltbühne, diese öffentliche Diskussion von Röhms Privatleben gehe zu weit: Zwar dürfe man gegen Behauptungen von Nationalsozialisten, die Sitten der Weimarer wären verdorben, durchaus auf Homosexuelle in deren eigenen Reihen hinweisen, doch solle man grundsätzlich seinen „Gegner nicht im Bett aufsuchen“, und es könne doch auch ganz egal sein, was für Menschen Hitler für seine Privatarmee anstelle.[41] Aber, wie die Historikerin Susanne zur Nieden bemerkt, „[i]n einer politischen Situation, in der den Verteidigern der Republik fast jedes Mittel recht schien, um die Nationalsozialisten auf ihrem Weg zur Machtergreifung zu behindern, versuchte man durch eine skandalisierende Politik, die vor allem auf der sexuellen Denunziation Ernst Röhms aufbaute, die NSDAP zu diskreditieren.“[42] Der Historiker Sven Reichardt warnt davor, die Bedeutung der Homosexualität in der SA zu überschätzen. Die Pressekampagnen gegen Röhm sagten „mehr über die Doppelbödigkeit der Sexualmoral von SPD und KPD aus als über die tatsächlichen Sexualpraktiken in der SA“.[43] Langfristig wurde mit dem Skandal der Grundstein für eine Faschismustheorie gelegt, die Homosexualität und Faschismus ursächlich miteinander verknüpfte.[44]

In der NS-Bewegung wurde Homosexualität stillschweigend toleriert und tabuisiert.[45] Der Skandal sorgte für Unruhe, aber Hitler stellte sich unmissverständlich vor Röhm, auf dessen Loyalität er sich stützte. Einige Nationalsozialisten um Walter Buch waren zwar so entsetzt über Hitlers Festhalten an Röhm, dass sie die Ermordung Röhms und seiner engsten Vertrauten planten. Das Vorhaben scheiterte aber, als Röhm davon erfuhr. Auch die Presse bekam von dem Komplott Kenntnis und machte es zum Teil ihrer Kampagne.[46]

Die SA entfaltete nach der Machtergreifung einen regelrechten Personenkult um Röhm: Die Gerüchte um sein Sexualleben wurden dementiert oder durch historische Vergleiche, etwa mit Goethes Promiskuität oder Schopenhauers Misogynie, relativiert.[47] Hitler nutzte Röhms Homosexualität 1934, um dessen Beseitigung zu rechtfertigen und behauptete, erst 1934 davon erfahren zu haben. Nach der Ermordung Röhms nahm auch die Verfolgung Homosexueller durch die Nationalsozialisten drastisch zu. Der § 175 wurde 1935 verschärft, und es kam danach in fast allen großen Städten zur Schließung von Homosexuellentreffpunkten, zu Razzien und Bespitzelungen. Die deutschsprachige Exilpresse kommentierte die Ermordung Röhms beinahe einhellig mit homophoben Obertönen und war sich in der Abscheu gegenüber dessen sexuellen Neigungen mit dem NS-Regime einig.[48]

Parteiinterne Attentatspläne auf Röhms Umfeld (1932)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die öffentlichen Skandale um Röhms Sexualität beziehungsweise die Hypothek, die die Person Röhms infolge dieser Skandale für die NSDAP zu werden drohte, führten dazu, dass sich in der der Politischen Organisation (PO) der Partei eine starke Fronde gegen ihn formierte: Zu Röhms Feinden in der Partei gehörten insbesondere der Parteiideologe Alfred Rosenberg, der Leiter des Parteiverlages Max Amann sowie der Leiter des Obersten Parteigerichts Walter Buch. Die Feindschaft dieser Männer zu Röhm ging so weit, dass Buch schließlich sogar den Plan fasste, die Belastung für die Partei, als die er den Stabschef der SA ansah, zu beseitigen, indem er die Ermordung von Röhms engsten Mitarbeitern (Georg Bell, Karl Leon Du Moulin-Eckart, Julius Uhl und möglicherweise auch Hans Joachim von Spreti-Weilbach) und eventuell auch von Röhm selbst[49] in Auftrag gab: Im Frühling 1932 wies Buch einen alten Freund, den früheren SA-Standartenführer Emil Danzeisen, an, Attentate auf die Gruppe um Röhm zu organisieren. Diese sollten als kommunistische Anschläge getarnt werden. Mit der praktischen Ausführung betraute Danzeisen den Architekten Karl Horn. Dieser schreckte vor einer solchen Tat jedoch zurück und setzte stattdessen bei einem Besuch im Braunen Haus Du Moulin über Buchs Absichten gegenüber Röhm und seinen Mitarbeitern in Kenntnis. Erneut war es die Münchener Post, die die Öffentlichkeit über diese dramatischen Vorgänge innerhalb der NS-Führungsgruppe in Kenntnis setzte. So erschien am 8. April ein Artikel "Tscheka-Organisation im Braunen Haus? Was ist die Zelle G?", in dem von einer geheimen Feme-Organisation berichtet wurde, die die Aufgabe habe, missliebige Nationalsozialisten durch Mord zu beseitigen. Die Auseinandersetzung um die geplante Ermordung der Röhm-Gruppe wurde schließlich von Hitler entschieden, der Buch und andere vor weiteren Maßnahmen gegen Röhm (vorerst) abhielt. Allerdings veranlasste Hitler Röhm auch dazu, sich von seinen Mitarbeiter Du Moulin und Bell zu trennen, die er aufgrund der Kontakte zur Linkspresse und zur Münchener Polizei, die sie im Zuge der Affäre gepflogen hatten, als kompromittiert ansah. In dem nachfolgenden "Danzeisen-Prozess" wurde Danzeisen, der zu den Vorwürfen schwieg, am 5. Juli 1932 zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafen verurteilt.[50]

Die Feindschaft der Gruppe um Buch zu Röhm dauerte indessen unterschwellig an: So gab Buchs Schwiegersohn Martin Bormann sich in einem Brief an Rudolf Heß vom Oktober 1932 zwar als in sexuellen Dingen tolerant und erklärte, dass ihm die Homosexualität Röhms an sich "herzlich gleichgültig" sei, dass dieser für ihn aber aufgrund des Schadens, den er durch seinen Lebenswandel der Partei zufüge, inakzeptabel sei: "Für mich und alle wirklichen Nationalsozialisten gilt nur die Bewegung, nichts anderes. Was oder wer aber der Bewegung nützt, ist gut, wer ihr schadet, ist ein Schädling und mein Feind. Die Bewegung und nur sie ist ausschlaggebend."[51] 1934 trug die andauernde Feindschaft der "Münchener Parteiclique" um Buch schließlich maßgeblich zum blutigen Ende von Röhm und seinem Kreis bei.[52]

„Röhm-Putsch“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Röhm-Putsch
Ernst Röhm (Mitte) kurz nach seiner Ernennung zum Minister ohne Geschäftsbereich im Kabinett Hitler (Dezember 1933; rechts SA-Gruppenführer Karl Ernst, links Franz von Stephani)

Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 feierte die inzwischen auf über 400.000 Mitglieder angewachsene SA mit großen Aufmärschen und Fackelzügen. Im November 1933 zog Röhm noch einmal in den nun nationalsozialistischen Reichstag ein. Im März 1933 wurde Röhm zum bayerischen Staatskommissar und Staatssekretär ernannt. Im Dezember des Jahres erfolgte seine Ernennung zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich.

Im Sommer 1934 nahm Hitler an einer internen Veranstaltung der Berliner SA teil, bei der die übrige Führungsspitze der NSDAP ausgeschlossen war. In deren Verlauf marschierte Hitler mit einem starken SS-Aufgebot einschließlich zahlreicher Fahnen- und Standartenträger auf. Nach einer emotional angelegten Rede vor den versammelten SA-Mitgliedern kam es zu einem Gespräch zwischen Hitler und Röhm. Röhm vereinbarte mit Hitler, dass er die gesamte SA für vier Wochen in den Urlaub schicken werde. Am Morgen des 29. Juni 1934 gab Röhm den Stabsbefehl heraus, schickte seine SA ab dem 1. Juli in den Urlaub und kündigte an, in Bad Wiessee eine Kur anzutreten. Am Nachmittag des 30. Juni 1934 wurden Röhm, weitere führende Mitglieder der SA und sonstige Gegner Hitlers auf Befehl Hitlers und Betreiben der SS unter Heinrich Himmler, Hermann Göring und Reinhard Heydrich in das Gefängnis München-Stadelheim gebracht. Die SS hatte zuvor Gerüchte über einen Putsch durch Röhm und auch über seine homosexuellen Neigungen verbreitet. Diese waren jedoch längst bekannt, zum Beispiel durch die Zeitung Der gerade Weg von Fritz Gerlich.

Sterbeurkunde von Ernst Röhm

Ohne Gerichtsverhandlung wurde Ernst Röhm am 1. Juli auf Befehl Hitlers vom Kommandanten des KZ Dachau, Theodor Eicke, in der Zelle 70[53] des Gefängnisses Stadelheim erschossen.[54] Röhm war zuvor der Aufforderung, Suizid zu begehen, nicht gefolgt.[55] Die Aktionen wurden rückwirkend durch das von Carl Schmitt später initiierte „Staatsnotwehr“-Gesetz legitimiert. Der angebliche Röhm-Putsch wurde von Hitler ebenso zur Ermordung weiterer politischer Gegner benutzt (siehe Politischer Mord). Diese Aktion wurde auch als die „Nacht der langen Messer“ bezeichnet.

Röhm wurde zunächst auf dem Perlacher Friedhof bestattet. Am 21. Juli 1934 wurde seine Leiche exhumiert und verbrannt.[56] Seine (angebliche) Urne wurde später auf dem Münchner Westfriedhof begraben; bis heute ist sein Grab eine Kultstätte für Rechtsextremisten.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Warum ich nach Stadelheim ging! Ein Dokument der Zeit“, in: Völkischer Beobachter vom 27. Februar 1927.
  • Die Geschichte eines Hochverräters, Autobiographie, Eher, München 1928 (DNB 577379968). (6 weitere, z.T. revidierte, Neuauflagen 1930, 1933, 1934; außerdem unter dem Titel Die Memoiren des Stabschefs Röhm, Uranus Verlag, Saarbrücken 1934 von Emigrantenkreisen mit ergänzenden Materialien neu herausgegeben)
  • Die nationalsozialistische Revolution und die SA: Rede vor dem Diplomatischen Korps und der Auslandspresse in Berlin am 18. April 1934, M Müller & Sohn, Berlin 1934.
  • Drei Briefe Ernst Röhms an Dr. Karl Günter Heimsoth, 1928 - 29 , Broschüre, unautorisiert herausgegeben von Helmut Klotz, Berlin 1932.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Biogrpahien:

Biographische Skizzen:

  • Joachim Fest: „Ernst Röhm und die verlorene Generation“, in: Ders.: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft, Piper, München 1963, S. 190–206.
  • Conan Fischer: „Ernst Julius Röhm – Stabschef der SA und unentbehrlicher Außenseiter“, in: Ronald Smelser (Hrsg.): Die braune Elite 1, 22 biografische Skizzen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999, ISBN 3-534-14460-0, S. 212–222.

Einträge in Nachschlagewerken:

Aufsätze zu Einzelaspekten von Röhms Wirksamkeit:

  • Heinrich Bennecke: Die Memoiren des Ernst Röhm. Ein Vergleich der verschiedenen Ausgaben und Auflagen, in: Politische Studien. 14/I, 1963, S. 179–188.
  • Eleanor Hancock: Ernst Röhm and the Experience of World War I, in: The Journal of Military History. 60, 1996, S. 39–60.
  • Susanne zur Nieden: "Aufstieg und Fall des virilen Männerhelden. Der Skandal um Ernst Röhm und seine Ermordung", in: Dies. (Hrsg.): Homosexualität und Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900–1945, Frankfurt a. M. u.a. 2005, S. 147-192.
  • Dies./ Sven Reichardt: Skandale als Instrument des Machtkampfes in der NS-Führung. Zur Funktionalisierung der Homosexualität von Ernst Röhm, in: Martin Sabrow (Hrsg.): Formen öffentlicher Empörung im NS-Staat und in der DDR, Wallstein Verlag; 1. Auflage. Göttingen 2004, ISBN 3-89244-791-8.

Monographien mit umfangreichen Betrachtungen zu Röhm:

  • Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde: Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, 2. Aufl., Böhlau, Köln 2014.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ernst Röhm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Ernst Röhm – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hancock: Ernst Röhm, 2008, S. 18f.
  2. Hancock: Ernst Röhm, 2008, S. 20.
  3. Hancock: Ernst Röhm, 2008, S. 22.
  4. Kurt Bauer: Nationalsozialismus. Böhlau, Wien 2008, S. 75.
  5. Joachim C. Fest: Hitler. Eine Biographie. 7. Auflage. Ullstein Tb, 2005, ISBN 3-548-26514-6, S. 204.
  6. Christoph Hübner: Reichsflagge, 1919–1927. In: Historisches Lexikon Bayerns. 12. November 2015; abgerufen am 20. Januar 2016.; Hans Fenske: Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände, 1923. In: Historisches Lexikon Bayerns. 12. November 2015; abgerufen am 20. Januar 2016.
  7. Peter Longerich: Die braunen Bataillone. Geschichte der SA. C.H. Beck, München 1989, S. 35f..
  8. Hans Fenske: Konservatismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918. Bad Homburg v. d. Höhe 1969, S. 196.
  9. Peter Longerich: Die braunen Bataillone. Geschichte der SA. C.H. Beck, München 1989, S. 39.
  10. Christoph Hübner: Reichskriegsflagge, 1923–1925. In: Historisches Lexikon Bayerns. 12. November 2015; abgerufen am 20. Januar 2016.
  11. Harold J. Gordon: Hitlerputsch 1923. Machtkampf in Bayern 1923–1924. Bernard & Graefe, Frankfurt am Main 1971, S. 459.
  12. Andreas Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland. Politik und Ermordung des SA-Agenten Georg Bell. LIT Verlag, Berlin/Münster et al. 1998, ISBN 3-8258-3596-0, S. 65 f.
  13. Sebastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925-1945, 2012, S. 41; Longerich: Braune Bataillone, S. 48-52.
  14. Mathias Rösch: Die Münchener NSDAP 1925-1933, 2002, S. 186.
  15. Hancock: Ernst Röhm: Hitler's SA Chief of Staff, 2008, S. 95 u. 98
  16. Hancock: Ernst Röhm: Hitler's SA Chief of Staff, 2008, S. 96 u. 99f.
  17. Hancock: Ernst Röhm: Hitler's SA Chief of Staff, 2008, S. 100f.
  18. Hancock: Ernst Röhm: Hitler's SA Chief of Staff, 2008, S. 99 u. 101; Klaus Mües-Baron: Heinrich Himmler: Aufstieg des Reichsführers SS (1910-1933), 2011, S. 446.
  19. Hancock: Ernst Röhm: Hitler's SA Chief of Staff, 2008, S. 100 u. 104.
  20. Hancock: Ernst Röhm: Hitler's SA Chief of Staff, 2008, S. 101.
  21. Hancock: Ernst Röhm: Hitler's SA Chief of Staff, 2008, S. 104.
  22. Joachim Fest: Hitler: Eine Biographie, 1973, S. 627.
  23. Hancock: Ernst Röhm: Hitler's SA Chief of Staff, 2008, S. 104.
  24. Hancock: Ernst Röhm: Hitler's SA Chief of Staff, 2008, S. 104.
  25. Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland, S. 110; Longerich: Himmler, 2008, S. 128.
  26. Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie, Siedler, München 2008, S. 129.
  27. Longerich: Himmler, 2008, S. 128; Höhne: Mordsache Röhm, S. 104.
  28. Peter Longerich: Die braunen Bataillone. Geschichte der SA. C. H. Beck, München 1989, S. 44 ff., 109 ff.
  29. Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Faschismus und in der deutschen SA, Köln, 2009, S. 260.
  30. Referenzfehler: Ungültiges <ref>-Tag; kein Text angegeben für Einzelnachweis mit dem Namen Höhne26.
  31. Susanne zur Nieden: Aufstieg und Fall des virilen Männerhelden. Der Skandal um Ernst Röhm und seine Ermordung. In: Dies. (Hg.): Homosexualität und. Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900–1945. Campus, Frankfurt a. M. 2005, S. 148 f.
  32. Andreas Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland. Politik und Ermordung des SA-Agenten Georg Bell. LIT Verlag, Berlin/Münster et al. 1998, ISBN 3-8258-3596-0, S. 262.
  33. Hans Peter Bleuel: Das saubere Reich. Theorie und Praxis des sittlichen Lebens im Dritten Reich. Scherz, München 1972, S. 122; Eleonor Hancock: Ernst Röhm. Hitler's SA Chief of Staff. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2008, S. 89 u. 114; Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum, Berlin 2010, S. 988.
  34. Eleanor Hancock: Ernst Roehm. Hitlers Chief of Staff, 2008, S. 115.
  35. Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde: Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA. 2. Aufl., Böhlau, Köln 2014, S. 679–681.
  36. Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde: Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA. 2. Aufl., Böhlau, Köln 2014, S. 683 f..
  37. Susanne zur Nieden: Aufstieg und Fall des virilen Männerhelden. Der Skandal um Ernst Röhm und seine Ermordung. In: Dies. (Hg.): Homosexualität und. Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900–1945. Campus, Frankfurt a. M. 2005, S. 165 f.; Alexander Zinn: Die soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten: Zu Genese und Etablierung eines Stereotyps. P. Lang, Frankfurt a. M. 1997, S. 44–46.
  38. Susanne zur Nieden: Aufstieg und Fall des virilen Männerhelden. Der Skandal um Ernst Röhm und seine Ermordung. In: Dies. (Hg.): Homosexualität und. Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900–1945. Campus, Frankfurt a. M. 2005, S. 171 f.; Alexander Zinn: Die soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten: Zu Genese und Etablierung eines Stereotyps. P. Lang, Frankfurt a. M. 1997, S. 46 f..
  39. Susanne zur Nieden: Aufstieg und Fall des virilen Männerhelden. Der Skandal um Ernst Röhm und seine Ermordung. In: Dies. (Hg.): Homosexualität und. Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900–1945. Campus, Frankfurt a. M. 2005, S. 154 f..
  40. Alexander Zinn: Die soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten: Zu Genese und Etablierung eines Stereotyps. P. Lang, Frankfurt a. M. 1997, S. 45.
  41. Ignaz Wrobel alias Kurt Tucholsky: Röhm. In: derselbe: Gesammelte Werke. Hrsg. v. Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1987, Bd. 10, S. 69 f. (online, Zugriff am 1. Dezember 2017).
  42. Susanne zur Nieden: Aufstieg und Fall des virilen Männerhelden. Der Skandal um Ernst Röhm und seine Ermordung. In: Dies. (Hg.): Homosexualität und. Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900–1945. Campus, Frankfurt a. M. 2005, S. 173.
  43. Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde: Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA. 2. Aufl., Böhlau, Köln 2014, S. 681.
  44. Alexander Zinn: Die soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten: Zu Genese und Etablierung eines Stereotyps. P. Lang, Frankfurt a. M. 1997, S. 47.
  45. Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde: Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA. 2. Aufl., Böhlau, Köln 2014, S. 682.
  46. Susanne zur Nieden: Aufstieg und Fall des virilen Männerhelden. Der Skandal um Ernst Röhm und seine Ermordung. In: Dies. (Hg.): Homosexualität und. Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900–1945. Campus, Frankfurt a. M. 2005, S. 174 f.
  47. Peter Longerich: Die braunen Bataillone. Geschichte der SA. C.H. Beck, München 1989, S. 200.
  48. Michael Burleigh, Wolfgang Wippermann: The Racial State: Germany 1933–1945. Cambridge University Press, 1991, S. 188–191; Susanne zur Nieden: Der homosexuelle Staatsfeind – zur Geschichte einer Idee. In: Lutz Raphael, Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.): Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit. Beiträge für eine erneuerte Geistesgeschichte. Oldenbourg, München 2006, S. 395–397.
  49. Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland, S. 133 resümiert hierzu, dass es sich aufgrund der Quellenlage "nicht sicher sagen" lasse, ob "Buch nur die Clique um Röhm oder auch Röhm selbst beseitigen lassen wollte". Röhm selbst sei zwar davon ausgegangen, dass man auch ihm nach dem Leben getrachtet habe, einige Indizien sprächen aber dagegen.
  50. Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland, S. 119-135; Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann. Biographisches Lexikon. Zur Geschichte Von Freundesliebe und Mannmännlicher Sexualität im Deutschen Sprachraum, 1998, S. 194.
  51. Peter Longerich: Die Braunen Bataillone, 1989, S. 148. Zuvor schreibt Bormann noch: Meinetwegen mag sich jemand in Hinterindien mit Elefanten und in Australien mit Känguruhs abgeben, es ist mir herzlich gleichgültig.".
  52. Dornheim: Röhms Manns fürs Ausland, S. 192.
  53. Allan Mitchell: Revolution in Bavaria, 1918–1919. The Eisner Regime and the Soviet Republic. 1965, S. 69. Dieselbe Zelle, die sogenannte „Prominentenzelle“, hatte während des Ersten Weltkrieges den Sozialisten Kurt Eisner, dann 1919 den Grafen Arco auf Valley, Mörder des zwischenzeitlich zum bayerischen Ministerpräsidenten avancierten Kurt Eisner, dann 1923 Adolf Hitler – nach seinem gescheiterten Putsch – und später Erhard Auer und Erwein von Aretin beherbergt.
  54. Ian Kershaw: Hitler. Band 1, Stuttgart 1998, ISBN 3-421-05131-3, S. 659.
  55. Zdenek Zofka: Die Entstehung des NS-Repressionssystems, oder: Die Machtergreifung des Heinrich Himmler. In: Bayerische Staatszeitung. 01/2004, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.
  56. Otto Gritschneder: Der Führer hat sie zum Tode verurteilt. C. H. Beck, München 1993, ISBN 3-406-37651-7, S. 36.