Ernst-Volker Staub

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Ernst-Volker Wilhelm Staub (* 30. Oktober 1954[1] in Hamburg) ist ein ehemaliger Terrorist der Rote Armee Fraktion (RAF). 1986 wurde er zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Nach Staub wird wegen Beteiligung an dem Sprengstoffanschlag gegen die JVA Weiterstadt, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und mehrerer Raubüberfälle nach Auflösung der RAF gefahndet.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Staub bestand sein Abitur am Gymnasium Farmsen und studierte ab 1975 Sprachwissenschaften, Phonetik und ab Sommer 1976 auch Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg. Mit seiner Exmatrikulation 1982 verlor sich seine Spur; er ging laut Butz Peters spätestens im Juni 1983 in den Untergrund.[3] 1984 wurde er gemeinsam mit Helmut Pohl aus der Kommandoebene der RAF und weiteren Mitgliedern der „Ebene der Militanten“ in einer konspirativen Wohnung in Frankfurt am Main verhaftet und am 5. Februar 1986 vom Bayerischen Obersten Landesgericht[4] wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, unerlaubten Waffenbesitzes und Urkundenfälschung (eines Reisepasses) zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt.[5] Während seiner Haft beteiligte sich Staub am Hungerstreik 1984/85.[6] Nach dem Ende der Haftstrafe zog er im Juli 1988 nach Hamburg und unterhielt Kontakte zu Hamburger und Wiesbadener Unterstützern der RAF. Er tauchte 1990 unter und schloss sich offenbar im März 1990 erneut der RAF an.[7] Seit 1991 wurde daher wieder nach ihm gefahndet.[8] Damals wurden laut Bundeskriminalamt Haarreste von ihm an einem Motorradhelm gefunden.

Über die mutmaßliche Zugehörigkeit Staubs zur Kommandoebene der dritten RAF-Generation sind die Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden unzureichend. Auf einem Brief der damaligen RAF-Leitfigur Birgit Hogefeld,[9] der nach dem GSG-9-Einsatz in Bad Kleinen bei ihr sichergestellt wurde, wurden Staubs Fingerabdrücke gefunden.[5] Die ebenfalls als mutmaßliches RAF-Mitglied geltende Daniela Klette wird als „Gefährtin“[10] oder „Freundin“[11] Staubs bezeichnet; bei einem verdächtig wirkenden, nicht überprüften Pärchen, das beim Einsatz von Bad Kleinen auf dem Bahnhofsvorplatz anwesend war, vermuten die Ermittlungsbehörden, es könne sich um Klette und Staub gehandelt haben (siehe GSG-9-Einsatz in Bad Kleinen#Auswirkungen auf die RAF). Laut einer Stilanalyse der im April 1998 veröffentlichten Auflösungserklärung der RAF lassen sich mehrere Formulierungen des Schreibens Staub als Autor zuordnen.[12] Im Oktober 2007 bestätigte die Bundesanwaltschaft, sie halte Staub, Klette und Burkhard Garweg für drei der fünf Täter beim Sprengstoffanschlag gegen die JVA Weiterstadt im Jahr 1993. Sie seien durch DNA-Spuren vom Tatort identifiziert worden.[13]

Auch nach der Auflösung der RAF werden Staub, Klette und Garweg vom Bundeskriminalamt wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung gesucht.[14] Im November 2000 wurde der Haftbefehl gegen Staub und Klette vom Bundesgerichtshof um Bildung einer neuen terroristischen Vereinigung und schweren Raub erweitert, nachdem die beiden am 20. Juli 1999 einen Geldtransport in Duisburg mit einer Panzerfaust und einem Schnellfeuergewehr überfallen und dabei mindestens eine Million D-Mark erbeutet hatten. Die beiden Täter wurden anhand von Speichelresten an zurückgelassenen Masken und im Fluchtauto identifiziert.[15] Wie der nordrhein-westfälische Verfassungsschutzbericht 2000[15] halten es Presseberichte für möglich, dass der Überfall auf den Geldtransport der Geldbeschaffung für das Leben im Untergrund diente.[16] Am 6. Februar 2001 leitete die Bundesanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen der erneuten Gründung einer terroristischen Vereinigung gegen Staub und Klette ein. Es bestünden Anhaltspunkte für die Gründung dieser Gruppe im Jahre 1999. Diese Gruppe könne noch auf Infrastrukturen der alten RAF, insbesondere Waffenverstecke und konspirative Wohnungen, zurückgreifen.[17]

Bei einem missglückten Überfall auf einen Geldtransport im Juni 2015 in Groß Mackenstedt bei Bremen wurden DNA-Spuren Staubs, Klettes und Garwegs in den Tatfahrzeugen gefunden.[18] Das Amtsgericht Verden (Aller) hat deshalb im Januar 2016 gegen die drei Personen Haftbefehl wegen des Verdachts des versuchten Mordes und versuchten schweren Raubes erlassen. Auch bei einem weiteren gescheiterten Überfall auf einen Geldtransport in Wolfsburg im Dezember 2015 wurde DNA der drei Genannten gefunden. Nach Einschätzung der Verdener Staatsanwaltschaft und von Butz Peters haben die Taten keinen terroristischen Hintergrund, sondern sollten der Finanzierung des Lebens im Untergrund dienen.[19]

Für die Fahndung wurden ursprünglich Fotos aus den 1980ern verwendet.[20] 2003 erstellte das Bundeskriminalamt daraus Fahndungsfotos, auf denen es die Gesuchten am Computer künstlich altern ließ.[21] Staub steht auf der Fahndungsliste bekannter Personen des BKA. Neue Fotos für die Fahndung veröffentlichte das LKA Niedersachsen 2016.[22][23][24]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alexander Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“: Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-531-14114-7 (zugleich Dissertation, Universität Passau), S. 107–109.
  • Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, ISBN 3-87024-673-1, S. 707–709.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Staub, Ernst-Volker. Fahndungshinweis. In: BKA.de. 18. Mai 2016. Das Geburtsjahr 1954 nennt auch Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 707; Alexander Straßner nennt (wohl unzutreffend) das Geburtsjahr 1957: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“: Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, S. 107.
  2. Fahndungsseite des LKA Niedersachsen mit Foto von 2016.
  3. Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 707.
  4. So jedenfalls Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 707, mit Angabe des Aktenzeichens auf S. 814, Endnote 417: Urteil vom 5. Februar 1986 – 3 St 1/85. Siehe auch die Zuständigkeit dieses Gerichts für Terrorismus (Art. 11 Abs. 2 Nr. 1 BayAGGVG) als Ersatz der erstinstanzlichen Zuständigkeit der Oberlandesgerichte gemäß § 120 Abs. 1 Nr. 6 GVG, Gerhard Herbst: Bayerisches Oberstes Landesgericht. Strafsachen. In: Historisches Lexikon Bayerns. Dagegen Alexander Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“: Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, S. 107, der das Oberlandesgericht München nennt.
  5. a b Alexander Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“: Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, S. 107.
  6. Zwangsernährung beantragt. Behörden reagieren auf Hungerstreik. die tageszeitung, 21. Dezember 1984
  7. Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 708.
  8. Butz Peters: Die verschwundenen Terroristen. In: Die Welt, 15. Februar 2007.
  9. Dagegen spricht Butz Peters von Papierstapeln, die am selben Ort bei Wolfgang Grams gefunden wurden; ders.: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 709.
  10. Michael Sontheimer: Spur zur RAF: Überfall aus dem revolutionären Ruhestand. In: Spiegel Online, 19. Januar 2016.
  11. Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 709.
  12. Alexander Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“: Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-531-14114-7 (zugleich Dissertation, Universität Passau), S. 264.
  13. Drei Täter identifiziert. (Memento vom 26. September 2008 im Webarchiv archive.is) In: Hessischer Rundfunk, 24. Oktober 2007.
  14. BKA-Fahndung.
  15. a b Verfassungsschutzbericht Nordrhein-Westfalen von 2000, S. 61 (Memento vom 1. September 2003 im Internet Archive).
  16. Hans-Werner Loose: Raubüberfall in Düsseldorf erinnert an RAF-Taten. In: Die Welt, 30. Mai 2001.
  17. Verfassungsschutzbericht Nordrhein-Westfalen 2001, S. 42 f. (Memento vom 14. September 2004 im Internet Archive)
  18. Spuren von Raubüberfall führen zu RAF-Mitgliedern. In: Die Zeit, 18. Januar 2016.
  19. Überfall auf Geldtransporter in Stuhr – drei ehemalige Mitglieder der RAF verdächtig. Keine Hinweise auf terroristischen Hintergrund. Pressemitteilung. In: Staatsanwaltschaften.Niedersachsen.de, 19. Januar 2016; DNA-Tests bestätigen: Beging RAF weiteren Überfall in Niedersachsen? In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 18. Januar 2016 (aktualisiert am 19. Januar 2016; DPA-Meldung).
  20. Mehr als 100 Hinweise zur RAF-Fahndung bei „Aktenzeichen XY“, Derwesten.de, 21. Januar 2016
  21. Fahndungsseite des BKA.
  22. Fahndungsseite des LKA Niedersachsen mit Foto von 2016
  23. Polizei sucht mit neuen Fotos nach RAF-Terroristen, Die Zeit, 18. Mai 2016
  24. Ex-RAF-Trio: Ermittler erhalten neue Hinweise, NDR, 19. Mai 2016