Erotische Literatur

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Ovids Liebeskunst (Ars amatoria) in einer deutschen Ausgabe von 1644

Unter erotischer Literatur wird in Literaturwissenschaft und Literaturkritik eine Literatur verstanden, die darauf zielt, im Leser sexuelle Erregung auszulösen, innerhalb der Pornografie aber dadurch eine Sonderstellung einnimmt, dass sie mit künstlerischem Sachverstand geschrieben ist und die ästhetischen Kriterien erfüllt, die für Hochliteratur gelten.

Die Literarizität von pornografischen Werken ist oft bestritten worden; um eine Rehabilitation ästhetisch hochwertiger Pornografie hat sich unter anderem Susan Sontag mit ihrem 1967 verfassten Essay The Pornographic Imagination verdient gemacht.

In einem weiteren Sinne wird der Begriff erotische Literatur (auch: Erotikon, pl. Erotika) daneben auch – oftmals euphemistisch – für Pornografie insgesamt verwendet, unabhängig von ihrer Qualität.

Geschichte der erotischen Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits klassische Schriftsteller und Dichter haben – wie Ovid in seiner Liebeskunst – belehrende Texte zur Sexualität und Erotik geschrieben, sich aber durch sprachliche und stilistische Mittel von der eindeutig pornographischen Literatur abgegrenzt.

Die Zuordnung von Texten und Abbildungen zur erotischen Literatur hat sich im Lauf der Zeit verändert und wird in den einzelnen Kulturkreisen unterschiedlich bewertet. Im weiteren Sinn zählen zur erotischen Literatur Handbücher vom Kamasutra bis zu The Joy of Sex sowie belletristische Gedichte, Geschichten und Romane mit überwiegend erotischem Inhalt.

Frankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Susan Sontag hat de Sades Die 120 Tage von Sodom (1785) als das zumindest vom Ansatz her ambitionierteste pornografische Buch bezeichnet, das je geschrieben worden ist, wobei sie de Sades Leistung darin sieht, dass dieser – primär intellektuell und weitaus weniger sensuell angetriebene – Autor systematischer und radikaler als alle anderen die Lust an der Überschreitung (des Konventionellen und Erlaubten) und damit nach Sontags Begriffen das „Obszöne“ auszuloten versucht hat.[1]

In Frankreich erschienen auch einige weitere der literaturhistorisch bedeutendsten Werke der erotischen Literatur, darunter Die Gesänge des Maldoror von Lautréamont (1874), Drei Schwestern und dazu die Mutter von Pierre Louÿs (1926), Die Geschichte des Auges (1928) und Madame Edwarda (1941) von Georges Bataille, Geschichte der O von Anne Desclos (1954) und Das Bild von Catherine Robbe-Grillet (1956). Ebenso wie in de Sades Werk herrscht in all diesen Arbeiten, von denen einige nie in andere Sprachen übersetzt wurden, ein zum Teil radikaler sadomasochistischer Ton vor.

Letzteres gilt nicht für den auch im deutschsprachigen Raum intensiv rezipierten Roman Les vaisseaux du cœur, den die feministische Schriftstellerin Benoîte Groult 1988 publiziert hat. Das Werk erzählt in sehr freizügiger Darstellung von der leidenschaftlichen Liebe zwischen einer Pariser Intellektuellen und einem einfachen bretonischen Fischer.[2]

Großbritannien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Großbritannien veröffentlichte D. H. Lawrence 1915 seinen Roman Der Regenbogen, dessen Thema die Unmöglichkeit war, die aus der erotischen Begegnung erwachsene Nähe und Intimität zweier Menschen auch über den Sex hinaus aufrechtzuerhalten. Die Frage, wie liebevolle menschliche Beziehungen in einer industrialisierten, durchrationalisierten Gesellschaft überhaupt existieren können, trieb ihn auch in seinem übrigen Werk um, zuletzt in dem Roman Lady Chatterley (1928). Sowohl in Der Regenbogen als auch in Lady Chatterley hatte Lawrence menschliche Erotik explizit und ausführlich dargestellt und war daraufhin jeweils in Konflikt mit der Zensurbehörde geraten.

1922 erschien in Großbritannien James Joyces Roman Ulysses, der als bahnbrechend für die Literatur der Moderne gilt. Das Werk wird gewöhnlich nicht der erotischen Literatur zugeordnet; die Charakterisierung zwei der Hauptfiguren dieses Romans – Gerty MacDowell und Molly Bloom – erfolgt aber weitgehend auf der Grundlage ihrer Sexualität.[3]

Vereinigte Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Henry Miller schrieb in den 1930er und 1940er Jahren eine Reihe von Romanen, die ihren Autor als einen Vorkämpfer sexueller Befreiung auswiesen. Seine Figuren sind auf der Suche nach sich selbst; das Ausloten des Eros und die damit verbundenen Tabubrüche sind Teil eines Programms zur Befreiung des Menschen.[4] Sein Werk Wendekreis des Krebses (1934) wurde 2015 in die Liste der 100 besten englischsprachigen Romane der britischen Zeitung The Guardian aufgenommen. Die von Miller literarisch stark beeinflusste Anaïs Nin schrieb in den 1940er Jahren ihre Sammlung erotischer Erzählungen Das Delta der Venus (erst nach dem Tode der Autorin 1977 veröffentlicht). Der als Potboiler für einen anonymen Sammler von Erotica verfasste Band enthält neben unverblümten sexuellen Darstellungen ein hohes Maß an Poesie.[5]

1994 hat Nicholson Baker einen erotischen Roman Die Fermate vorgelegt, dessen intellektueller, aber weit unter seinem Niveau beschäftigte Held Arno Strine es vermag, mit einem Fingerschnippen die Zeit anzuhalten. Arno, der von autoerotischen und voyeuristischen Fantasien besessen ist, nutzt seine Gabe hauptsächlich, um nichts ahnende Frauen vorübergehend auszuziehen und sie mit Sexspielzeug und pornografischem Material zu versorgen. Erlösung von seinen Obsessionen (ebenso wie der Verlust seiner „Fermatenfähigkeit“) wird er ihm erst zuteil, als er zum ersten Mal mit einer Frau, in die er sich verliebt und die alles über ihn weiß, schläft.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachschlagewerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Almut Oetjen (Hrsg.): Lexikon der erotischen Literatur. Autoren, Werke, Themen, Aspekte. Loseblattausgabe ab 1992, ISBN 3-89048-050-0.
  • Gaëtan Brulotte (Hrsg.), John Phillips: Encyclopedia of erotic literature. Routledge, New York (NY) u. a. 2006.
  • Hansjürgen Blinn (Hrsg.): Klassiker der erotischen Literatur. Elektronische Ressource (CD-ROM), Kleine digitale Bibliothek Band 19, Directmedia Publishing Berlin 2007, ISBN 978-3-89853-319-5.

Artikel in Nachschlagewerken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John Atkins: Sex in literature. 4 Bände, 1970–1982.
  • Paul Englisch: Geschichte der erotischen Literatur. 1927, Reprint 1977, ISBN 3-921695-01-5.
  • Carolin Fischer: Gärten der Lust. Eine Geschichte erregender Lektüren. Metzler, Stuttgart/Weimar 1997, ISBN 3-476-01563-7, als TB: Dt. Taschenbuch-Verlag, München 2000.
  • Hiltrud Gnüg, Der erotische Roman. Von der Renaissance bis zur Gegenwart. Reclam, Ditzingen 2002, ISBN 3-15-017634-4.
  • Eberhard und Phyllis Kronhausen: Bücher aus dem Giftschrank. Eine Analyse der verbotenen und verfemten erotischen Literatur. 1969.
  • Hermann Schreiber: Erotische Texte. Sexualpathologische Erscheinungen in der Literatur. 1969.
  • Alessandro Bertolotti, Guida alla letteratura erotica. Odoya, 2015, ISBN 978-88-6288-284-2.

Antike und Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • G. Leick: Sex and eroticism in Mesopotamian literature. 1994, ISBN 0-415-06534-8.
  • S. Mulchandani: Erotic literature of ancient India. Kama Sutra, Koka Shastra, Gita Govindam, Ananga Ranga. 2006, ISBN 81-7436-384-X.
  • Ali Ghandour: Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten. 2015, ISBN 978-3-9817551-0-7.

Neuzeit bis 1900[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach 1900[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heribert Becker: Geteilte Nächte Erotiken des Surrealismus, Edition Nautilus, Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg 1990, ISBN 978-3-89401-546-6.
  • Ian Frederick Moulton: Before pornography. Erotic writing in early modern. Oxford University Press, Oxford / New York, NY 2000, ISBN 0-19-513709-4 (englisch).
  • Carsten Pfeiffer (Hrsg.): Verruchte Gedichte - 170 Gedichte deutscher Dichterfürsten mit 16 drastischen Illustrationen. 1. Auflage. Walde+Graf Verlagsagentur und Verlag Berlin GmbH, Berlin 2017, ISBN 978-3-945330-27-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Susan Sontag: The Pornographic Imagination. In: Susan Sontag (Hrsg.): Styles of Radical Will. Farrar, Straus and Giroux, New York 1969, S. 205–233, hier: S. 218, 225 (Online [PDF]).
  2. Martin Halter: Zorniges zur Macht der Männer. In: Frankfurter Rundschau. 21. Juni 2016, abgerufen am 13. Dezember 2019.
  3. Identity in Ulysses: Sexuality of Gerty MacDowell and Molly Bloom. Abgerufen am 23. Januar 2018.
  4. Rob Woodard: Here's to Henry Miller. In: The Guardian. 12. Oktober 2007, abgerufen am 23. Januar 2018.
  5. Book Review – Delta of Venus. Abgerufen am 23. Januar 2018.