Erwin Hagedorn

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In diesem Wald zwischen Drehnitzwiese und Wildparkstraße in Eberswalde wurden die ersten Kinderleichen gefunden
Die Drehnitzwiese an der Wildparkstraße war der Tatort des dritten Mordes
Der „Franzosenbunker“ war der letzte bekannte Aufenthaltsort der ersten beiden Opfer
Rechts das Wohnhaus des Mörders, 1 km von den Tatorten entfernt
Das dritte Opfer wohnte in diesem Wohnblock (Altneubau) unmittelbar am Waldrand, wo die Leiche gefunden wurde. 1971 wurden alle Häuser der Wildparkstraße rund um die Uhr durch die Polizei überwacht.
In diese Schule gingen die Opfer, hier wurden die polizeilichen Befragungen durchgeführt
An dieser Stelle befand sich damals die Mitropa-Gaststätte, in der Hagedorn als Lehrling arbeitete.

Hans Erwin Hagedorn (* 30. Januar 1952 in Eberswalde; † 15. September 1972 in Leipzig) war ein deutscher Sexualstraftäter und mehrfacher Kindermörder. Die Hinrichtung von Erwin Hagedorn war die letzte Vollstreckung einer zivilen Todesstrafe in der Deutschen Demokratischen Republik.

Verbrechen und Fahndungsmaßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kochlehrling Erwin Hagedorn, welcher in einer Mitropa-Bahnhofsküche arbeitete, ermordete am 31. Mai 1969 zwei neunjährige Schüler im Eberswalder Wald an der Drehnitzwiese mit einem Messer auf grausame Weise. Beide Opfer starben durch eine tiefe Schnittverletzung am Hals, wobei ein Schnitt so stark war, dass bei einem der zwei Wochen später aufgefundenen Kinder infolge der Leichenfäulnis der Kopf abgetrennt war.[1]

Es folgte eine langwierige Fahndung nach dem Täter. Erstmals in der deutschen Kriminalgeschichte ließ die Polizei durch den Berliner Gerichtspsychiater Hans Szewczyk ein psychologisches Täterprofil anfertigen. Dazu besorgten Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR auch aus Westdeutschland Unterlagen zu dem Fall des Kindermörders Jürgen Bartsch.[2] Laut Szewczyk handelte es sich bei dem Mörder aller Wahrscheinlichkeit nach um einen homosexuellen und pädophilen Sadisten, der schon früher durch harmlos wirkende Annäherungsversuche an Kinder aufgefallen sein musste. Als die umfangreichen, aber in der Öffentlichkeit aus politischen Gründen weitgehend geheimgehaltenen Ermittlungen nichts erbrachten, wurde der Fall eingestellt.

Mehr als zwei Jahre später, am 7. Oktober 1971, tötete Hagedorn im selben Wald auf die gleiche Weise einen 12-jährigen Jungen. Unmittelbar danach fuhr Hagedorn zu einer Auszeichnungsveranstaltung in den Betrieb seiner Mutter. Nach dem dritten Mord wurde der Stadtteil Westend in Eberswalde umfassend von der Polizei kontrolliert, vor jedem Hauseingang war ein Polizist postiert. Kinder durften das Haus nur noch in Begleitung eines Elternteiles verlassen, jedes Kind musste zur Schule gebracht und abgeholt werden. Im Zuge der Ermittlungen nach dem Mörder wurden zahlreiche andere Straftaten aufgeklärt.

Neben der damals noch üblichen wöchentlichen Belehrung in der Schule, wie Kinder mit Fundmunition umzugehen haben, wurden noch lange nach der Verurteilung Belehrungen erteilt, wie man sich gegenüber Fremden zu verhalten habe. Wieder wurde eine Sonderkommission gebildet und Szewczyk hinzugezogen. Dieser hatte die Idee, Befragungen von Schulklassen durchzuführen, was die Kriminalpolizei schließlich auf die entscheidende Spur brachte.[1] Nach dem Hinweis eines Jungen, der schon ein Jahr vor den ersten Morden sexuell belästigt worden war, aus Scham jedoch geschwiegen hatte, wurde Erwin Hagedorn am 12. November 1971 festgenommen. Er gestand die Sexualmorde sofort. Bereits in der Ausbildung zum Koch wurde beobachtet, dass er beim Zerlegen von Fischen besondere Brutalität zeigte.[3]

Hagedorns bis dahin in der DDR beispiellose Verbrechen wurden in Form eines dokumentarischen Lehrfilms, in dem er selbst mitspielte, an den Originaltatorten nachgestellt; Kinder von Kriminalisten spielten dabei die Opfer. Der Drehstab begleitete auch die Vernehmungen und den Prozess mit der Kamera. Hagedorn gab sich gegenüber den Ermittlern stets außerordentlich kooperativ; er äußerte sich ohne sichtbare Gefühlsregung zu seinen Taten.

Prozess und Hinrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 15. Mai 1972 wurde er vom 1. Strafsenat des Bezirksgerichts Frankfurt (Oder) wegen mehrfach vollendeten und mehrfach vorbereiteten Mordes (in acht Fällen) sowie sexuellen Missbrauchs von Kindern zum Tode verurteilt. Bei der ersten Tat war Hagedorn noch nicht volljährig. Im Urteilsspruch hieß es: „Der Angeklagte hat das Recht verwirkt, in dieser unserer humanen Gesellschaft zu leben“.[4] Die Revisionsverhandlung bestätigte den Richterspruch der Vorinstanz. Ein von Hagedorns Eltern eingereichtes Gnadengesuch lehnte der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ab.[5] Hagedorns freimütige Selbstdarstellung im Film soll diese Entscheidung maßgeblich beeinflusst haben.

Der erst 20-jährige Hagedorn wurde am 15. September 1972 in der Justizvollzugsanstalt Leipzig von dem Henker Hermann Lorenz durch einen unerwarteten Nahschuss mit einer Pistole in den Hinterkopf hingerichtet. Der Leichnam wurde im Krematorium des Leipziger Südfriedhofes eingeäschert und anonym begraben. Über die Hinrichtung wurde in der Tageszeitung nur in einem kleinen Artikel berichtet.[4]

Fernsehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Folge Im Alter von … der Kriminalserie Polizeiruf 110, die den Fall Hagedorn zum Vorbild hatte, fiel der Zensur in der DDR zum Opfer und durfte nicht gesendet werden; sie wurde 2011 aus dem der Vernichtung entgangenen Kameranegativ und dem Drehbuch rekonstruiert und zum 40-jährigen Jubiläum der Sendereihe veröffentlicht.[6][7]

Die ARD zeigte im Januar 2013 nach dem Fall den Kriminalfilm Mord in Eberswalde mit Ronald Zehrfeld in der Hauptrolle des fiktiven Kripo-Hauptmanns Heinz Gödicke. Das Drehbuch schrieb Holger Karsten Schmidt, Regie führte Stephan Wagner.[8]

In der ARD-Reihe Die großen Kriminalfälle lief die Folge Tod einer Bestie – Der Fall Hagedorn am 17. Mai 2001.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedhelm Werremeier: Der Fall Heckenrose, Bertelsmann, München / Gütersloh / Wien 1975, ISBN 3-570-00492-9 (eine populäre Darstellung des Falles).
  • Gunther Geserick, Klaus Vendura, Ingo Wirth: Zeitzeuge Tod. Spektakuläre Fälle der Berliner Gerichtsmedizin, 4., aktualisierte Neuauflage, Militzke, Leipzig 2006, S. 112–125, ISBN 978-3-86189-628-9.
  • Kerstin Brückweh: Mordlust. Serienmorde, Gewalt und Emotionen im 20. Jahrhundert. : Campus, Frankfurt am Main / New York, NY 2006, ISBN 978-3-593-38202-9 (= Campus Historische Studien, Band 43).
  • Wolfgang Mittmann: Tatzeit. Große Fälle der deutschen Volkspolizei. Band 1 und 2, Das Neue Berlin, Berlin 2000, S. 445–508, ISBN 3-360-00895-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Franzosenbunker in Eberswalde – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Dr. Stefan Orlob: War der deutsche forensische Psychiater Hans Szewczyk der erste moderne Profiler? - Die Eberswalder Knabenmorde. In: Gerichts-psychiatrie.de. Abgerufen am 30. März 2013.
  2. Christian Holst: Mord in Eberswalde - Der Totstecher. In: TV Spielfilm. Abgerufen am 30. März 2013.
  3. Phoenix-Reportage mit Ausschnitten von Originalaufnahmen
  4. a b Sibylle Möckl: ARD-Drama "Mord in Eberswalde" - Der verheimlichte Serienmörder der DDR. In: Rheinische Post. 29. Januar 2013, abgerufen am 30. März 2013.
  5. Anmerkung: Ulbricht hatte seine anderen Ämter 1971 verloren, blieb aber bis zu seinem Tod 1973 Staatsratsvorsitzender. Bundeszentrale für politische Bildung, Informationen zur politischen Bildung (Heft 258): Die DDR in den siebziger Jahren. Abgerufen am 6. September 2011.
  6. Hannah Beitzer: Polizeiruf 110: "Im Alter von ..." - Die verbotene Folge. In: Süddeutsche Zeitung. 22. Juni 2011, abgerufen am 30. März 2013.
  7. Heute Abend wird Geheimnis um 37 Jahre verschollenen TV-Krimi gelüftet. In: Klatsch-Tratsch.de. 23. Juni 2011, abgerufen am 30. März 2013.
  8. Peter Luley: ARD-Krimi über DDR-Kinderschänder: Im Zweitakter auf Triebtäter-Jagd. In: Spiegel Online. 29. Januar 2013, abgerufen am 30. März 2013.