Erzählcafé

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Als Erzählcafé wird eine dynamische und interaktive Methode des autobiographisch orientierten Erzählens bezeichnet. Es findet in der Öffentlichkeit einer Veranstaltung, an einem bestimmten Ort oder in einer Gruppe statt, in der ein Publikum einem Erzählenden zuhört. Es unterscheidet sich sowohl vom sachbezogenen Argumentieren und Diskutieren in Gesprächsrunden als auch vom "Reden über andere" oder "Kaffeeklatsch". Beim Erzählcafé sollen Informationen in angenehmer Form und Atmosphäre durch einen erzählenden Zeitzeugen übermittelt und das Erfahrungswissen gefördert werden. In der Erwachsenenbildung und Seniorenarbeit ist das Erzählcafé ein beliebtes Verfahren, um Menschen miteinander und trotzdem themenzentriert ins Gespräch zu bringen bzw. um Informationen weiter zu geben.

Methode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Erwachsenenbildung und Sozialarbeit spricht man von einer Methode "Erzählcafé".[1][2] Im Fokus steht das Hören und Erzählen von Lebensgeschichten, die auf einen thematischen Hintergrund bezogen, gemeinsam reflektiert werden. Die kommunikativen Regeln, nach denen der Austausch stattfindet, sollten im Vorfeld klargestellt werden. Die Moderatoration hat die Aufgabe, die Einhaltung der vereinbarten Regeln während der Veranstaltung sicherzustellen.[3]

Ein Erzählcafé kann in zwei unterschiedlichen Varianten angeboten werden. Ein von einem Veranstalter eingeladener Mensch berichtet zunächst aus eigener Erfahrung über Sachverhalte, die persönlich bedeutsam sind, für die sich aber auch das Publikum interessiert. Emotionen sollen nicht verborgen werden. Die Verbindung von Gefühlen und Fakten machen die Attraktivität für den Erzählfluss und für das Publikum aus. Das Publikum hat zunächst die Rolle des Zuhörers, erhält in der Folge dann die Gelegenheit Rückfragen zu stellen und einzelne Aspekte mit dem Referenten (Erzählenden) gemeinsam ausführlicher zu erörtern.[3]

Das Publikum hat eine wichtige Funktion: Es befördert das Erzählen durch Fragen und Hinweise, die dem Erzählenden auf Anhieb nicht eingefallen sind. Die Atmosphäre ist weniger formell als vertraut oder sogar familiär, weil es um Inhalte geht, die emotional tangieren.

In der weiteren Variante tauscht eine Gruppe gemeinsam individuelle Erlebnisse zu einem festgelegten Thema aus, wobei verschiedene Gesichtspunkte gemeinsam diskutiert werden.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Methode Erzählcafé wird seit 1987 als Bildungsangebot und dynamische, interaktive Form der Biografiearbeit in der Sozialarbeit eingesetzt. [4][3] Die Idee, Erzählcafés zu gründen, wurde vor allem in Berlin nach dem Mauerfall 1989 lebendig. Zahlreiche Erzählcafés wurden ins Leben gerufen, bei denen sich Ost- und Westberliner als neue Nachbarn kennenlernen konnten. Damit lebte eine vergessene Erzählkultur wieder auf und war so erfolgreich, dass sie in vielen Städten Verbreitung fand.[5]

Siehe auch: Mündliche Überlieferung

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Frankfurter Erzählcafé ist eine Veranstaltungsreihe in der Tradition der Oral History. Es wurde 1990 vom „Institut für Sozialarbeit“ in Frankfurt am Main gegründet und ist seit 1998 eine feste Einrichtung des Instituts für Stadtgeschichte.[6][7]

In Berlin entstanden mehrere Erzählcafés, zum Beispiel seit 2001 im Kreativhaus, einem generationenübergreifenden Projekt, als moderierte Gesprächsrunde über Kunst, Kultur, Literatur und das Leben [8] und beim Verein Freunde alter Menschen, einem Mitglied der internationalen Föderation les petits frères des Pauvres.[9]

Im Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) der Universität Ulm treffen sich im Erzählcafé ältere Menschen mit gleichaltrigen und jüngeren unter dem Motto "der Geschichte Gesichter geben".[10]

Das erste Erzählcafé für Überlebende des Naziregimes wird in Köln als ein Ort zum Austausch und der Begegnung vom Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte angeboten.[11]

Der Bund Naturschutz veranstaltete 2013 in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Bremen anlässlich einer Hundertwasser-Ausstellung ein Erzählcafé.[12]

In Zürich findet seit 2007 einmal monatlich ein Erzählcafé zu einem bestimmten Thema im städtischen Zentrum Karl der Grosse statt. Eröffnet wird es durch einen Überraschungsgast, der eine Episode oder Anekdote aus seinem Leben erzählt. Zwei Moderatoren führen als Gastgeber durch die Veranstaltung. Das Motto und der Termin werden im Internet und in Tageszeitungen bekannt gegeben.[13]

Das Österreichische Institut für Biografiearbeit bietet in Wien regelmäßig moderierte Erzählcafés zu bestimmten Themenschwerpunkten an, wie "Meine Lehr- und Wanderjahre" und "Das war früher chic!".[14]

Auf einer Tagung zum Thema Evangelische Identitäten nach 1945 in Österreich der Evangelischen Akademie Wien wurden wissenschaftliche Vorträge von Erzählcafés mit Zeitzeugen ergänzt und im Tagungsband dokumentiert.[15]

Ähnliche Konzepte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Horst Siebert: Methoden für die Bildungsarbeit: Leitfaden für aktivierendes Lehren, Bertelsmann, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-7639-1993-2
  • Johanna Kohn, Ursula Caduff: Erzählcafés leiten. Biografiearbeit mit alten Menschen. In: Bernhard Haupert, Sigrid Schilling, Susanne Maurer: Biografiearbeit und Biografieforschung in der Sozialen Arbeit, Peter Lang Verlag 2010, ISBN 978-3-0343-0406-1, S. 193–237
  • Sigrid Verleysdonk-Simons, Christian Loffing: Das Erzählcafé: Erlebte und erzählte Geschichte(n), Schriften des Fachbereiches Sozialwesen an der Hochschule Niederrhein 2012, ISBN 978-3-933493-33-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Horst Siebert: Methoden für die Bildungsarbeit: Leitfaden für aktivierendes Lehren, Bertelsmann, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-7639-1993-2, S. 93 f.
  2. Das Erzählcafé als Methode. Werkstatt zu Biografiearbeit, Zeitzeugenschaft und Generationendialog, Evangelisches Tagungs- und Studienzentrum Boldern, Schweiz@1@2Vorlage:Toter Link/www.intergeneration.ch (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  3. a b c d Eva M. Antz: Generationen lernen gemeinsam: Methoden für die intergenerationelle Bildungsarbeit, Bertelsmann, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-7639-3883-4, S. 69
  4. LebensGESCHICHTEn: ehemaliger GastarbeiterInnen in Höhr-Grenzhausen, Fachbereich Sozialwesen Fachhochschule Koblenz 2010, ISBN 978-3-8423-3185-3, S. 62
  5. Website des Erzählcafés im Zentrum Karl der Grosse in Zürich
  6. * Michael Fleiter (Hrsg.): Zeugen ihrer Zeit im Frankfurter Erzählcafé. Eine Dokumentation, Institut für Sozialarbeit e.V., Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-928053-41-8
  7. Frankfurter Erzählcafé. Keyvan Dahesch: Als Blinder auf einem Tandem von Passau bis Wien, Frankfurter Allgemeine Zeitung. 17. Oktober 2004
  8. ErzählCafé, Kreativhaus Berlin
  9. Erzählcafé, Freunde alter Menschen e.V. Berlin (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.famev.de
  10. Erzählcafé - Der Geschichte Gesichter geben, Uni Ulm
  11. Das erste Kölner Erzähl- und Begegnungscafé für NS-Verfolgte (Memento des Originals vom 6. Juli 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.nsberatung.de
  12. Kunsthalle Bremen
  13. Erzählcafé im Zentrum Karl der Grosse in Zürich (Memento des Originals vom 24. März 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.erzaehl-cafe.ch
  14. Erzählcafé. Erzählen – Zuhören – Erinnern, Österreichische Institut für Biografiearbeit
  15. Evangelische Identitäten nach 1945, Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Bildungswerke in Österreich (AEBW) (Memento des Originals vom 26. April 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.aebw.at