Erzählzeit

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Erzählzeit bezeichnet in der Regel die Zeitspanne, die ein Leser für die Lektüre eines Textes, zum Sehen eines Films, Hören eines Hörspiels, Hörbuchs (oder vergleichbaren Vorgängen) braucht. Bei Texten wird die Erzählzeit entweder in Durchschnittszeiten für die Lektüre oder in Seiten bzw. Wörtern angegeben. Bei einem Film oder Hörspiel entspricht die Erzählzeit der Länge des Films, bei Dramen der Länge der Aufführung.

Im Gegensatz zur Erzählzeit steht die erzählte Zeit, das ist jener Zeitraum, über den sich die Geschichte inhaltlich erstreckt.

Bei Computerspielen mit Dialogsystemen wie Interactive Fiction wird die Erzählzeit ausgesetzt, während der Spieler die Tastatur benutzt. Die Erzählzeit geht weiter, sobald die Eingabetaste betätigt worden ist. Die Ereignisse in der fiktiven Welt entstehen in dem Augenblick, in dem sie erzählt werden.[1]

Literaturwissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Verhältnis zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit wird als Erzählgeschwindigkeit bezeichnet. (Es bietet sich an, dagegen die Frequenz tiefgreifender Situationsveränderungen mit Jost Schneider als Erzähltempo von der Geschwindigkeit zu unterscheiden, und damit nochmals genau zu differenzieren zwischen zeitlichen Verhältnissen auf der Handlungsebene und zeitlichen Verhältnissen auf der Darstellungsebene.[2]) Aus der Beziehung zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit ergeben sich folgende grundsätzliche mögliche Erzählgeschwindigkeiten:

  1. Zeitdeckung; Erzählzeit und erzählte Zeit sind annähernd gleich, decken sich also (im Drama: alle Dialogpassagen; in der Epik: siehe Sekundenstil)
  2. Zeitdehnung; Erzählzeit ist länger als erzählte Zeit (z. B. bei der Wiedergabe von Bewusstseinsströmen)
  3. Zeitraffung; Erzählzeit ist kürzer als erzählte Zeit, „unwichtige“ Zeitabschnitte werden also gekürzt bzw. ganz weggelassen (z. B. in Berichten, Chroniken etc.)

Ein extremes Beispiel für Zeitdehnung ist James Joyces Ulysses, dessen erzählte Zeit sich nur über einen Tag erstreckt (nämlich den 16. Juni 1904), diesen jedoch über knapp tausend Seiten dehnt und wegen seiner Komplexität sehr viel Zeit für die Lektüre erfordert. Umgekehrtes Beispiel (also Zeitraffung) ist Thomas Manns Roman Buddenbrooks, der in einer kürzeren Erzählzeit eine erzählte Zeit wiedergibt, die sich über mehrere Generationen erstreckt.

Es gibt in dem besagten Verhältnis auch besondere Phänomene, deren wichtigste folgende sind:

  • Ellipse: Auslassung, Zeitsprung
  • Analepse: Rückblende, Zeitsprung in die Vergangenheit
  • Prolepse: Vorausschau, Zeitsprung in die Zukunft
  • Anachronie: eine Geschichte wird nicht in der Reihenfolge erzählt, in der die Ereignisse zeitlich geschehen

Jüngere Arbeiten haben sich bemüht, die traditionelle Dichotomie einer rekonstruierbaren erzählten Zeit und einer messbaren Erzählzeit[3] genauer zu bestimmen und zu erweitern: Insbesondere in Texten der literarischen Moderne wird gerne mit unterschiedlichen Zeiten und Erzählgeschwindigkeiten gespielt. Durch eine Gegenüberstellung von Systemzeit und Referenzzeit ist es möglich, unterschiedliches Zeiterleben von Figuren innerhalb eines Textes zu analysieren. Dabei kann man eine Eigenzeit eines Charakters zu einer Kollektivzeit in Beziehung setzen; die Kollektivzeit (bzw. die Summe der anderen Zeiten) bildet dann eine Bezugsgröße. Auf diese Weise kann man das Zeiterleben verschiedener Figuren eines Textes miteinander vergleichen. Ergibt sich dabei eine auffällig starke Differenz, so kann man dies dadurch erklären, dass unterschiedliche Zeitbegriffe bzw. unterschiedliche Gegenwartskonzeptionen aufeinander treffen.[4]

Filmwissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Filmwissenschaft werden vor allem Fabula und Syuzhet unterschieden.[5]

  • Fabula meint die erzählte Geschichte im Sinne der erzählten Zeit (s. o.)
  • Syuzhet meint die Präsentation der Geschichte, das Arrangement, den Schnitt.

„Es ist ein Muster, das die Ereignisse und Handlungen nach bestimmten Kriterien ordnet, es ist die Blaupause, die Architektur, die Präsentationsform der Geschichte“ (Nagel 1997, S. 22).

Das Syuzhet umfasst insgesamt drei Ebenen einer dargestellten Szene:

  • erzählerische Zeit,
  • die erzählerische Logik, d. h. die kausalen Strukturen zwischen den erzählerischen Elementen,
  • erzählerischer Raum.

Das Syuzhet leitet die Wahrnehmung des Zuschauers, dadurch können z. B. Spannung, Überraschung, Neugierde aufgebaut werden. Dabei bedient es sich u. a. der oben genannten Phänomene Ellipse, Analepse, Prolepse und Anachronie.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marie-Laure Ryan: Narrative and Digitality: Learning to Think With the Medium. In: A Companion to Narrative Theory, edited by James Phelan and Peter J. Rabinowitz, Blackwell Publishing, Malden/Massachusetts and Oxford 2005, paperback edition 2008, ISBN 978-1-4051-1476-9 Inhaltsverzeichnis, pp. 515–528.
  2. Jost Schneider: Einführung in die Roman-Analyse. Darmstadt 2003, S. 35 f.
  3. Günther Müller: Erzählzeit und erzählte Zeit. In: Elena Müller (Hrsg.): Morphologische Poetik. Darmstadt 1968, S. 269–286.
  4. Katrin Stepath: Gegenwartskonzepte. Eine philosophisch-literaturwissenschaftliche Analyse temporaler Strukturen. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, S. 177–180.
  5. Uwe Nagel: Der rote Faden aus Blut. Erzählstrukturen bei Quentin Tarantino. Schüren, Marburg 1997, S. 17–27.