Erzelternerzählung

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Sara führt Hagar zu Abraham, Gemälde von Adriaen van der Werff, 1699

Erzelternerzählung oder traditionell Vätergeschichte (hebräisch אבות הראשונים avot ha-rishonim, deutsch ‚die ersten Vorfahren‘ zu אבות avot, deutsch ‚Väter‘ ‚plural‘) bezeichnet die gesammelten Erzählungen über die Stammväter und Stammmütter der Israeliten im 1. Buch Mose (Genesis oder Bereschit) der Bibel (1 Mos 12–50 EU). Diese Texteinheit erzählt die Anfänge des Volkes Israel als nomadisch bzw. halbnomadisch lebenden Familien- und Sippengeschichte über drei bis vier Generationen: von den Erzeltern Abraham und Sara über ihren Sohn Isaak und seine Frau Rebekka, den Konflikt zwischen deren Zwillingssöhnen Jakob und Esau bis zu Streit und Versöhnung der zwölf Söhne Jakobs in der Josefsgeschichte. Als Erzmütter gelten neben Sara und Rebekka auch Jakobs Ehefrauen Lea und Rachel.

Die drei „abrahamitischen ReligionenJudentum, Christentum und Islam führen sich je auf ihre Weise auf die Erzelternerzählung zurück.

Text in den Kapiteln
des Buches Genesis
Thema
12–23 Abraham und Sarah
24–28,9 Isaak und Rebekka
28,10–36 Jakob mit Lea und Rachel
37–50 Josef und seine Brüder

Bezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die biblische Exegese betonte traditionell die Rolle der drei Stammväter Abraham, Isaak und Jakob, auch in der Bezeichnung Vätergeschichte. Heute setzt sich allmählich die Terminologie ‚Erzeltern‘ bzw. ‚Erzeltern-Erzählungen‘ durch, weil „Frauen (Sara, Rebekka, Rahel und Lea) als ‚Erzmütter‘ bzw. ‚Ahnmütter‘ […] in diesen Erzählungen trotz deren patriarchalischer Prägung von wesentlicher Bedeutung sind“. „Selbst dort, wo Männer scheinbar die Handlung tragen, nehmen Frauen entscheidende Rollen ein.“[1] Die Vorsilbe Erz- stammt vom griechischen arch- „Erster-, Höchster-“ und bezieht sich auf die Reihen- und zugleich Rangfolge dieser Personen in der biblischen Gesamtgeschichte Israels.[2]

Rekonstruierter Stammbaum der Erzeltern in der Bibel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
unbekannt
 
 
 
Terach
 
 
 
 
 
 
 
 
 
unbekannt
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Nahor
 
 
 
Milka
 
 
Haran
 
unbekannt
 
Hagar
 
Abraham
 
 
 
Sarah
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Betuël
 
 
 
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Lot
 
 
 
 
 
Ismael
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
unbekannt
 
 
 
Laban
 
 
 
 
 
Rebekka
 
 
 
 
 
 
Isaak
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Lea
 
 
 
 
 
Rachel
 
 
 
 
 
 
Jakob
 
 
 
 
Bilha
 
 
 
Silpa
 
Esau
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
RubenSimeonLeviJudaIssacharSebulonDinaJosefBenjaminDanNaftaliGadAscher

Zwölf Stämme Israels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grobgliederung des Buches Genesis mit Hervorhebung wichtiger Kapitel und Verse

Die zwölf Jakobssöhne (Abrahams Urenkel) sind biblisch die Stammväter der Zwölf Stämme Israels, also des Gesamtvolkes, dessen Geschichte ab dem 2. Buch Mose (Exodus) erzählt wird (Jakobs Tochter gehört nicht dazu). Die Entstehung dieses Volkes hatte Israels Gott JHWH dem Abraham zu Beginn der Erzelternerzählung versprochen (Gen 12,1–3 EU); am Schluss bekräftigt er diese Segenszusage (Gen 50,24ff. EU). Die Versöhnung der Söhne Jakobs nach dessen Tod bildet somit das „politische Lebensprogramm für Israel“. Die gesamte Erzählung umfasst nach dem Eigenkontext einen riesigen Zeitraum seit dem Noachbund nach der Sintflut (GenEU) bis zur Sklaverei der Israeliten im Alten Ägypten (Ex 1). Tatsächlich spiegelt sie jedoch schon die spätere Besiedlung des gelobten Landes Kanaan, von der die weiteren biblischen Bücher erzählen.[3] Der Entstehungsprozess der Erzählung von ersten Einzeltexten bis zur Endkomposition der Tora (des Pentateuch) ist sehr komplex und umstritten. Konsens besteht heute darin, dass die Endredaktion, die die Erzelternerzählung mit der vorangehenden Urgeschichte (Gen 1–11 EU) und der folgenden Exoduserzählung verknüpfte, um 450–400 v. Chr. geschah.[4]

Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Albrecht Alt prägte 1929 den BegriffGott der Väter[5] und nahm damit Bezug auf die Erzelternerzählungen. Der Begriff umschreibt den Unterschied zu den kanaanäischen Gottheiten, die sich über ihren Kultort definierten, während die „Vätergottheiten“ durch die Person, die Erzväter (-mütter), bestimmt wurden, denen er sich zum ersten Mal offenbarte,[6] während die Kanaanäer, deren Zentren die kanaanäischen Stadtstatten wie Hazor, Megiddo und Lachisch waren, ihre Götter an bestimmten Kultplätzen verehrten, so En-Gannim, Jibleam, Dotan, Tirza und Besek.[7]

Aufbauend auf den Arbeiten Albrecht Alts und Martin Noths ergab sich für viele Alttestamentler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgendes Bild der Frühzeit Israels: In dem Zeitraum zwischen den 12. bis zum 9. Jahrhunderts v. Chr. sind Auseinandersetzungen zwischen den nicht sesshaften „Aramäern“ („aramäische Wanderbewegung“, Deut 26,5 EU) und den Assyrern (Assyrien) in der Region um den Tigris sowie den ehemals hethitischen Besitzungen westlich des Euphrats belegt.[8][9][10] Aus diesen nicht geschlossenen ethnischen Gruppen wanderten einige nach Kanaan ein und ließen sich dort um das 13. Jahrhundert v. Chr. als einzelne nomadische Stämme aramäischer Herkunft nieder („Landnahme der Israeliten“). Die Familien- und Sippenverbände wechselten saisonal von den Winterweiden zu den Sommerweiden, sie waren als Verbände lose organisiert und wurden von Stammesältesten angeführt. Dabei verehrten sie überwiegend „Vätergottheiten“.

Martin Metzger[11] beispielsweise griff in seinem Grundriss der Geschichte Israels (5. Auflage 1979) Alts These vom „Gott der Väter“ auf und vermutete, dass die an den Kultplätzen oder Heiligtümern tradierten Kulterzählungen sukzessive auf die „Vätergottheiten“ übertragen worden seien, wobei insbesondere die Figur der Erzväter bzw. Erzelterngestalten in die kultischen Erzählungen einbezogen worden seien.[12] Die Erzelterngenerationen sind Abraham und Sara ihr Sohn Isaak und dessen Frau Rebekka, ihre Söhne Esau und Jakob sowie dessen Ehefrauen Lea und Rachel.[13] So sei das Baumheiligtum von Mambre bei Hebron in die Abrahamserzählung (Gen 18,23 EU) eingeflossen, das Quellen- oder Brunnenheiligtum von Beerscheba Anknüpfungspunkt für die Erzählung um Isaak (Gen 26,23-25 EU) geworden und die Höhen(heiligtümer) von Sichem (Gen 33,18-20 EU), Bet-El (Gen 28,10-22 EU), Penuel (Gen 32,22-32 EU) sowie Mahanajim (Gen 32,2 EU) wurden in die Erzählungen um Jacob eingewoben. In einem nächsten Schritt der Religionsentstehung seien die Erzelterngestalten auch genealogisch (rekonstruierter Stammbaum) verbunden und die zugehörigen Gottheiten unter dem Begriff der „Gott Abrahams Isaaks und Jacobs“ oder den „Gott der Väter“ (Ex 3,6 EU) zusammengeführt worden. Damit sei die Umwandlung der Verehrung an den heiligen Orten zu der tradierten Erzählung „Gott der Väter“ weitgehend abgeschlossen gewesen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Genesis, 3 Bände in vier Teilbänden, Band 2/1. 1997, ISBN 3-7887-1526-X.
Genesis, 3 Bände in vier Teilbänden, Band 2/2. 1999, ISBN 3-7887-1583-9.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anke Mühling: Erzeltern. In: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart Juli 2009, abgerufen am 2. Oktober 2023.; Matthias Millard: Genesis – 3.1.3. Die Eigenständigkeit der Erzelternerzählung. WiBiLex, März 2006.
  2. Erz- (Erzengel, Erzhirte, Erzvater) Die deutsche Vorsilbe »Erz-« geht auf das griechische Wort für Anfang (»arche«) zurück und bezeichnet den rangmäßig Ersten, Ältesten oder den Höchsten einer Gruppe“ (Lutherbibel 2017, Sach- und Worterklärungen)
  3. Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament. 6. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-17-019526-4, S. 63.
  4. Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament. 6. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-17-019526-4, S. 68–135, hier S. 127.
  5. Albrecht Alt: Der Gott der Väter. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Israelitischen Religion. W. Kohlhammer, Stuttgart 1929
  6. Andrea Beyer: Gottesbegegnung (AT). 3. Ur- und Vätergeschichte (Gen 1-11.12-50). In: bibelwissenschaft.de. Deutsche Bibelgesellschaft, Februar 2017, abgerufen am 29. Januar 2023.
  7. Robert Wenning, Erich Zenger: Ein bäuerliches Baal-Heiligtum im samarischen Gebirge aus der Zeit der Anfänge Israels. Erwägungen zu dem von A. Mazar zwischen Dotan und Tirza entdeckten „Bull Site“. Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 102, 1986, S. 75–86, auf archiv.ub.uni-heidelberg.de
  8. Helmuth Egelkraut, William S. LaSor, David A. Hubbard, Frederic W. Bush: Das Alte Testament: Entstehung, Geschichte, Botschaft. Brunnen Verlag, Gießen 2016, ISBN 978-3-7655-7711-6, S. 163–170, auf google.books.de [1]
  9. Annemarie Ohler: dtv-Atlas Bibel. 3. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006, ISBN 3-423-03326-6, S. 38.
  10. Werner H. Schmidt: Einführung in das Alte Testament. 5. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2012, ISBN 3-11-014102-7, auf books.google.de [2]
  11. Martin Metzger: Grundriß der Geschichte Israels. 5. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1979, ISBN 3-7887-0463-2, S. 24
  12. Martin Metzger: Grundriß der Geschichte Israels. 5. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1979, ISBN 3-7887-0463-2, S. 25 u. 57
  13. Michael Pietsch: Väterverheißungen. In: bibelwissenschaft.de. Deutsche Bibelgesellschaft, Februar 2012, abgerufen am 29. Januar 2023.