Ethnologisches Museum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Ein Ethnologisches Museum (auch Völkerkundemuseum) ist eine museale Einrichtung, in dem materielle Zeugnisse verschiedener Ethnien und indigener Völker und ihrer Kulturen gesammelt, bewahrt und ausgestellt werden. Meist stammen die Ausstellungsstücke aus historischen Sammlungen und sind ethnologisch eingeordnet. Einige Sammlungen europäischer Ethnologischer Museen enthalten Kulturgüter, die in den damaligen Kolonien gewaltsam entwendet wurden. Die den Museen inhärente Kolonialgeschichte ist unterschiedlich gut aufgearbeitet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Europa als Kuriosität wahrgenommen: Hundezähne als Schmuck und Währungsersatz, aus Neuguinea nach Europa verbracht und im Überseemuseum Bremen ausgestellt.

Ursprünge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ethnologische Museen stammen von den Kuriositäten- und Raritätenkabinetten ab, die im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts aus der Neugierde der Aufklärungszeit und als Resultat von Forschungs-, Missions oder Handelsreisen entstanden. In diesen Wunderkammern wurden von gebildeten Bürgern (Notabeln und Aristokraten), Naturalien als Artefakte der Exotik gesammelt. Diese idiosynkratischen und unsystematischen Sammlungen erzeugten Staunen und Bewunderung und verhalfen ihren Besitzern zu Prestige.[1] Sie wurden als private Sammlungen natürlicher und kultureller Artefakte zunehmend Ende des 18. Jahrhunderts in Museen ausgestellt oder bei großen Sammlungen in ein solches umgewandelt.

Blütezeit im 19. und 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die eigentliche Blütezeit der völkerkundlichen Kollektionen und Museen war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Angestoßen durch Darwin war in der Ethnologie die Denkrichtung des Evolutionismus populär. Mit den Schriften der Akademiker Morgan, Frazer und Tylor wurde die Ethnologie in ihrer Abgrenzung deutlicher und mit einer Methode ausgestattet. Das Fach versuchte, die natürlichen und kulturellen Entwicklungsetappen der Menschheit zu rekonstruieren. Dazu wurden außereuropäische Völker mit europäischen Kulturen verglichen, wobei die europäische Hochkultur als Endreferenz galt. In einer zeitgeistigen Stimmung von nationalstaatlichen und imperialistischen Ideologien unterstützte das evolutionistische Gedankengut die identitätsstiftende Gegenüberstellung zwischen „Wir“ (z. B. „wir Deutschen“), kultivierte Menschen, und die Fremden, die „Primitiven“, die noch zur Natur gehören.

In dieser Zeit entstand 1862 die Königlich Ethnographische Sammlung in München.[2]

1873 wurde das Ethnologische Museum Berlin gegründet. Dessen Wurzeln reichen jedoch bis in das 17. Jahrhundert zurück, da es auf die ethnografischen Objekte aus der Kunstkammer des brandenburgisch-preußischen Großen Kurfürsten zurück greifen konnte. Über die Holländischen Ostindien-Compagnie wurden ab 1671 Waffen, Geräte und Kleidungsstücke aus Ceylon, den Molukken und Japan, chinesisches Porzellan, Manuskripte aus Indien und Objekte aus Afrika nach Berlin gebracht.

Es folgten die Eröffnungen des Museums für Völkerkunde zu Leipzig (1874), Museums für Völkerkunde Dresden (1876), Museums für Völkerkunde Hamburg (1879), Museums für Völkerkunde Frankfurt am Main (1904) und des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln (1906).

Eng verbunden, wenn nicht wesentlicher Bestandteil für die Entstehung Ethnologischer Museen ist der Kolonialismus. Für die Entfaltung von eigenständigen völkerkundlichen Museen stellt die koloniale Expansion einen wesentlichen Katalysator dar. In dieser Zeit setzte auch die Ansicht durch, dass ethnologische Erkenntnisse besonderer Ausstellungsmethoden bedürften. Dies führte beispielsweise zu ersten „Zoologischen Präsentationen“ in Museen aber auch zu den „Völkerschauen“.

Während anfangs die feudalen Herrscher die Sammlungen stifteten, entsprangen die Museen später meist der Initiative von „Gesellschaften“ mit einem völkerkundlichen Interesse oder den Sammlungen einzelner Kolonial-Unternehmer.[1]

Nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das koloniale Erbe wurde in den Ethnologischen Museen vielerorts unkritisch weiter datiert. Neue Sammlungen kamen jedoch nur noch selten dazu. Die beiden großen Wirkungsbereiche der Ethnologie – Universität und Museum – entwickelten sich unterschiedlich schnell. Noch 2015 suchte das Museum am Rothenbaum (damals noch Hamburger Museum für Völkerkunde) in einer Stellenausschreibung nach einem "Völkerkundler". Michael Kraus wies daraufhin, das zu diesem Zeitpunkt an keiner deutschsprachigen Universität noch "Völkerkundler" ausgebildet wurden. Dies sei nur eines der Indizien dafür, dass die Entwicklungen der universitären Ethnologie an den Sammlungen noch nicht angekommen sei.[3] Der südafrikanische Historiker und Museumstheoretiker Ciraj Rassool meinte hierzu: „Deutschland erscheint mir als eine schwierige Mischung aus veralteten Debatten und neuen Möglichkeiten“. Er bezog sich auf die Tatsache, dass viele internationale ethnologische und allgemein museologische Entwicklungen an deutschen Ethnologischen Museen vorbei gegangen sind. Dies machte Rassool besonders an den Dauerausstellungen oder bei Stellenbesetzungen fest. Rassool wies jedoch auch auf Veränderungen hin, die sich etwa im Zuge der fortgesetzten Diskussionen um das Humboldt Forum verhandelt würden.[4]

Diese unterschiedlichen Kritikwellen haben zu eine Veränderung der Museums- und Ausstellungskonzepte geführt. Ausstellungsthemen und Objekte werden in hohem Maße kontextualisiert, gegenwärtige Entwicklungen in ihre regionalen und globalen Bezüge gestellt, existenzielle oder anthropologische Befindlichkeiten in den Vordergrund gerückt.[5] Zudem benannten sich ab den 2010er Jahren im deutschsprachigen Raum einige Mussen um, wie das Weltkulturen Museum, Frankfurt a. M. (2010); Weltmuseum, Wien (2013) oder das Museum Fünf Kontinente, München (2014), die früher Völkerkundemuseum oder Ethnologisches Museum hießen.[6]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Iris Edenheiser, Larissa Förster (Hrsg.): Museumsethnologie. Eine Einführung – Theorien, Debatten, Praktiken. Reimer, Berlin 2019, ISBN 978-3-496-01614-4.
  • Michael Kraus, Karoline Noack (Hrsg.): Quo vadis, Völkerkundemuseum? Aktuelle Debatten zu ethnologischen Sammlungen in Museen und Universitäten. (= Edition Museum. Band 16). transcript, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-3235-4.
  • Christian Kravagna: Vom ethnologischen Museum zum unmöglichen Kolonialmuseum. In: Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Band 1/2015. transcript, Bielefeld 2015, S. 95–101 (Digitalisat).
  • Claudia Scheffler: Zwischen Raritätenkabinett und Forum der Kulturen. Eine Untersuchung der Funktionen des ethnologischen Museums für unsere Gegenwart. VDM, Saarbrücken 2008, ISBN 978-3-8364-6847-3.
  • Hildegard Vieregg: Ethnologische Museen — Kolonialmuseen. In: Museumswissenschaften – Eine Einführung. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2006, ISBN 978-3-8252-2823-1, S. 199–207.
  • Hildegard Vieregg: Ethnologische Museen — Museen für Völkerkunde. In: Geschichte des Museums – Eine Einführung. Wilhelm Fink Verlag, München 2008, ISBN 978-3-7705-4623-7, S. 144–149.
  • Hans Voges: Entwicklung und Spezifik ausgewählter Museumstypen – Ethnologie/Völkerkunde. In: Markus Walz (Hrsg.): Handbuch Museum – Geschichte, Aufgaben, Perspektiven. Springer, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-476-02375-9, S. 97–99.
  • Jürgen Zwernemann (Hrsg.): Die Zukunft des Völkerkundemuseums. (= Ergebnisse eines Symposions des Hamburgischen Museums für Völkerkunde). Lit, Münster/Hamburg 1991, ISBN 3-88660-793-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Jeanne Thévenot: Museumsethnologischen Konzeptionen im Wandel: Vom Raritätskabinett zum Übersee-Museum Bremen. Universität Trier, Exkursionsbericht, Trier 2003, S. 4 (PDF).
  2. Museum Fünf Kontinente. In: Museumsportal München. Abgerufen am 2. Januar 2021.
  3. Michael Kraus, Karoline Noack (Hrsg.): Quo vadis, Völkerkundemuseum? Aktuelle Debatten zu ethnologischen Sammlungen in Museen und Universitäten. (= Edition Museum. Band 16). transcript, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-3235-4.
  4. Larissa Förster, Iris Edenheiser: Zum Auftakt: Shifting Grounds. In: Museumsethnologie. Eine Einführung. Reimer, Berlin 2019, ISBN 978-3-496-01614-4.
  5. Hans Voges: Entwicklung und Spezifik ausgewählter Museumstypen – Ethnologie/Völkerkunde. In: Markus Walz (Hrsg.): Handbuch Museum – Geschichte, Aufgaben, Perspektiven. Springer, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-476-02375-9, S. 98.
  6. Christian Kravagna: Vom ethnologischen Museum zum unmöglichen Kolonialmuseum. In: Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Band 1/2015. transcript Verlag, Bielefeld 2015, S. 95–101.