Ethnozid

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Ethnozid (früher auch kultureller Völkermord, englisch Cultural Genocide) bezeichnet den Versuch, eine Kultur bzw. Sprache, ethnische Religion, traditionelle Wirtschafts- oder Herrschaftsform durch eine entsprechende Assimilationspolitik vorsätzlich zu zerstören,[1] ohne dabei auch deren Träger physisch zu vernichten, wie dies beim demozidalen Genozid der Fall ist.

Der Grund für solche Bestrebungen ist zumeist Rassismus aufgrund eines ethnozentrisch entwickelten Überlegenheitsgefühles dominanter Gesellschaften gegenüber andersstämmigen Minderheiten. Ziel ist die beschleunigte Assimilation in die Mehrheitsgesellschaft durch Abschaffung der kulturellen Eigenarten.[1][2]

Ethnozid und Genozid gingen im Zeitalter der Kolonialisierung als Kennzeichen eines ausgeprägten Eurozentrismus Hand in Hand. Noch in den 1960er Jahren glaubten manche US-Amerikaner, für die Indianer sei es das Beste, sie durch Umerziehung und Umsiedlung der Reservationsbevölkerung in Großstädte endgültig in die moderne Kultur zu integrieren.[1]

Die gewaltsame Überführung von Kindern einer (ethnischen) Gruppe in eine andere ist seit 1948 eine durch die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes als Kriterium für das Vorliegen von Ethnozid geächtete Praxis.

Häufige Mittel der Assimilationspolitik sind

  • Linguizid: Das Verbot oder die massive Behinderung von Sprachen der Einheimischen bzw. von Minderheitensprachen (z.B. in Schulen) und die zwangsweise Einführung einer Amtssprache des Staates oder der Besatzungsmacht
  • Ortsumbenennungen nach dem gleichen Muster
  • Der Raub von Kindern und ihre zeitweise Zwangsinternierung in Schulen, Klöstern und Internaten für die Dauer des Schulalters
  • Dauerhafte Zwangsadoptionen von Babys oder Kindern, durch Raub von ihren Eltern oder nach Ermordung der Eltern
  • Zwangsassimilation von Minderheiten

Abgrenzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Unterschied dazu beschreibt Transkulturation das Phänomen der, auch ungesteuerten, Einflussnahme einer Kultur auf eine andere. Der Begriff Akkulturation bezeichnet das individuelle Hineinwachsen einer Person in ihre kulturelle Umwelt durch Erziehung (siehe auch Sozialisation). Marginalisierung ist ein sozialer Vorgang, bei dem Bevölkerungsgruppen vorsätzlich kulturell, rechtlich und wirtschaftlich an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Beispiele von Zwangsassimilation und Ethnozid[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Peter Bolz: Stichwort: Ethnozid in Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 112.
  2. Gunnar Heinsohn: Lexikon der Völkermorde. Rowohlt, Reinbek 1999, S. 128
  3. Landrechte der Aborigenes und Torres Strait-Islanders, in: Australien zwischen Europa und Asien: Reihe: German-Australian Studies - Deutsch-Australische Studien, 8. Hgg. Gerhard Stilz, Rudolf Bader. Peter Lang, Bern 1993 ISBN 3906752208
  4. Rainer Alsheimer, Alois Moosmüller u. Klaus Roth (Hrsg.): Lokale Kulturen in einer globalisierenden Welt: Perspektiven auf interkulturelle Spannungsfelder. Waxmann, Münster 2000, S. 188.
  5. Ludwig E. Bernauer: Die Statistik als Spiegel der französischen Assimilationspolitik im Elsaß und in Deutschlothringen. In: Humanitas Ethnica. Menschenwürde, Recht und Gemeinschaft. Festschrift Theodor Veiter. Wilhelm Braumüller, Wien 1967, S. 183 - 197