Etruskische Schrift

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Etruskische Schriftzeichen verschiedener Regionen und Epochen

Die etruskische Schrift ist die Schrift der etruskischen Sprache. Sie wurde von den Etruskern seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. bis zur Assimilation durch die Römer im 1. Jahrhundert v. Chr. in einer Variante des altitalischen Alphabets geschrieben. Die Schrift hat sich aus einem westgriechischen Alphabet entwickelt[1] und wurde mit spiegelverkehrten Buchstaben von rechts nach links geschrieben.

Die etruskische Zahlschrift ist etwa 100 Jahre später entstanden.

Entwicklung der Schrift[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Gründung von Pithekussai auf Ischia und von Kyme (lat. Cumae) in Kampanien im Zuge der griechischen Kolonisation im 7. Jahrhundert v. Chr. gerieten die Etrusker unter den Einfluss der griechischen Kultur. Wie die ältesten Sprachzeugnisse aus dieser Zeit zeigen, übernahmen die Etrusker ein Alphabet, das dem der westgriechischen Kolonisten entsprach und aus deren Heimat, dem euböischen Chalkis, stammt. Dieses Alphabet aus Cumae wird auch als chalkidisches Alphabet bezeichnet.[2] Erstmals Anwendung fand die Schrift im etruskischen Cisra, dem heutigen Cerveteri.[3]

Eines der ältesten etruskischen Sprachzeugnisse ist das Abecedarium von Marsiliana d′Albegna aus dem Hinterland von Vulci, das heute im Archäologischen Nationalmuseum von Florenz aufbewahrt wird. In diese Schrifttafel aus Elfenbein, die noch Wachsreste und Schreibspuren aufweist, ist am Rand ein westgriechisches Modell-Alphabet eingeritzt, von dem die Etrusker nicht alle Buchstaben verwendeten, da die entsprechenden Laute in der etruskischen Sprache nicht vorkamen. Dazu zählten die Buchstaben Beta, Delta, Omikron und die entsprechenden Laute B, D und O.[4] Den Laut G kennt das Etruskische ebenfalls nicht, der Buchstabe Gamma wurde als Schriftzeichen für einen K-Laut übernommen.[5] Bemerkenswert ist, dass die Etrusker die stimmhaften Verschlusslaute B, D und G nicht artikulierten, die entsprechenden stimmlosen Verschlusslaute P, T und K dagegen schon. Entsprechend den etruskischen Schreibgewohnheiten wurden die Buchstaben auf dem Abecedarium spiegelverkehrt und von rechts nach links angeordnet:

Abecedarium von Marsiliana d′Albegna

Zunächst verwendeten die Etrusker drei Buchstaben für K-Laute, die die Römer als C, K und Q in ihr Alphabet übernahmen. Später setzte sich in den nordetruskischen Städten der Gebrauch des K durch, wohingegen in den südetruskischen Städten das C bevorzugt wurde. Ab dem 4. Jahrhundert setzte sich allgemein der Gebrauch des C durch, die Buchstaben K und Q wurden nicht mehr verwendet.[6]

Da die etruskische Sprache offenbar über mehr Zischlaute verfügte, benötigte man weitere entsprechende Schriftzeichen für S-Laute wie das Μ und das Χ.[7] Der Buchstabe M entspricht dem Buchstaben Sadéh oder Zade aus der phönizischen Schrift und steht vermutlich für einen Sch-Laut.[8] Auf das Alphabet der Phönizier hatten auch die Griechen bei der Entwicklung ihrer Schriftzeichen zurückgegriffen. Daneben unterschieden die Etrusker zwischen einem aspirierten Theta, das etwa dem englischen th-Laut entspricht, und einem stimmlosen Tau, das unserem T-Laut entspricht.[9]

Im Etruskischen gab es offenbar auch eine stärkere Differenzierung bei Reibelauten, da die Etrusker ihr Alphabet um einen F-Laut in Form einer 8 ergänzten. Dieser Laut war im Altgriechischen nicht bekannt, da das Phi als aspiriertes p ausgesprochen wurde.[10] Das zugehörige Schriftzeichen hatten die Etrusker aus der lydischen Schrift übernommen.[11] Eventuell wurde dieser Buchstaben erst im 6. Jahrhundert eingeführt.[12]

In den nachfolgenden Jahrhunderten verwendeten die Etrusker konsequent die genannten Buchstaben, so dass die Entzifferung der etruskischen Inschriften kein Problem darstellt. Wie im Griechischen waren die Schriftzeichen regionalen und zeitlichen Veränderungen unterworfen. Insgesamt kann man eine archaische Schrift aus dem 7. bis 5. Jahrhundert von einer jüngeren Schrift aus dem 4. bis 1. Jahrhundert v. Chr. unterscheiden, in der manche Schriftzeichen keine Verwendung mehr fanden, darunter das X für einen S-Laut. Außerdem wurde in Schrift und Sprache auf die Wiedergabe von Binnenvokalen verzichtet wie z. B. Menrva statt Menerva. Entsprechend unterscheidet auch die Linguistik zwischen dem Alt- und Jungetruskischen.[13]

Archaisches und jüngeres Alphabet im Vergleich zum westgriechischen Alphabet

Bei der Transkription, die uneinheitlich in Groß- oder Kleinbuchstaben erfolgt, werden an Stelle der Doppelkonsonanten th, ph und ch gelegentlich die griechischen Buchstaben θ bzw. ϑ, φ und χ verwendet.

Schriftdenkmäler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die meisten der erfassten rund 13 000 Texte sind Urnen- und Sarkophag-Inschriften, die häufig den Namen des Verstorbenen, die Namen der Eltern, bei Frauen auch den Namen des Ehegatten, biographische Angaben über Ämter und das Alter des Verstorbenen enthalten. Dazu kommen Besitzer-Inschriften bei Grabbeilagen und Bauinschriften von Gräbern. Verhältnismäßig zahlreich sind auch Weihe- oder Widmungsinschriften auf Tempelgaben.[14]

Inschrift aus der Tomba del Tifone von Tarquinia mit jüngeren Schriftzeichen

Die Inschriften wurden meist mit spiegelverkehrten Buchstaben linksläufig, d.h. von rechts nach links verfasst. Es gibt dazu manche Ausnahmen, darunter die Gravur auf dem Kalchas-Spiegel, einige Grabinschriften in der Nekropole Crocifisso del Tufo bei Orvieto und sehr frühe Texte aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. Wenige, sehr alte Texte sind auch als Bustrophedon verfasst, d.h. abwechselnd links- und rechtsläufig. Ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. finden sich Inschriften, die offenbar unter dem Einfluss der Römer rechtsläufig angefertigt wurden.[15]

In den frühesten Inschriften wurden die einzelnen Wörter nicht voneinander abgegrenzt. Es folgte also ein Buchstabe auf den anderen (scriptio continua). Erst später gliederte man die Inschriften in einzelne Wörter. Dabei wurden häufig Punkte oder Doppelpunkte zur Abgrenzung der Wörter im Text verwendet. Manchmal trennte man auch einzelne Wörter nach Silben. Diese silbenweise Trennung findet sich in Texten von Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. bis Ende des 5. Jahrhunderts, als die Unterteilung von Texten in einzelne Wörter üblich geworden war.[16]

Cippus Perusinus

Aus der Frühzeit sind neben der Schrifttafel von Marsiliana noch weitere Abecedarien mit Modell-Alphabeten erhalten geblieben:

Die letzten drei weisen die Besonderheit auf, dass auf ihnen alle Konsonanten jeweils in Verbindung mit den Vokalen A, E, I, O und U geschrieben sind (Syllabare). Dies scheint auf eine ursprüngliche Silbenschrift im Etruskischen hinzuweisen.[17]

Zu den wichtigsten etruskischen Schriftdenkmälern, die eine größere Anzahl von Wörtern umfassen, zählen:

  • Agramer Mumienbinde (Liber Linteus Zagrabiensis) – Ritualtext mit etwa 1400 Wörtern
  • Tontafel von Capua (Tabula oder Tegula Capuana) – Ritualtext als Bustrophedon mit 62 Zeilen und etwa 300 Wörtern
  • Tafel von Cortona (Tabula Cortonensis) – Vertragstext mit einer Länge von 32 Zeilen und etwa 200 Wörtern
  • Cippus Perusinus – Travertinblock mit 46 Zeilen und etwa 125 Wörtern aus der Nähe von Perugia
  • Goldbleche von Pyrgi – Paralleltexte in etruskischer und punischer Schrift
  • Pulena-Rolle – Grabinschrift des Laris Pulena mit neun Zeilen Text auf einer Sarkophag-Schriftrolle
  • Bronzeleber von Piacenza – Modell einer Schafsleber mit 40 Inschriften
  • Bauinschrift des Grabes von San Manno bei Perugia – 30 Wörter umfassende Weihe-Inschrift
  • Bleistreifen von Santa Marinella – Zwei Bruchstücke eines Opfergelübdes
  • Aryballos Poupé – Rechtsläufige Widmungsinschrift auf einem Bucchero-Fläschchen
  • Würfel von Tuscania – Zwei Spielwürfel mit den Zahlwörtern von 1 bis 6

Von einer weiter reichenden Literatur der Etrusker ist nichts erhalten geblieben. Ab dem frühen 1. Jahrhundert n. Chr. sind Inschriften mit etruskischen Schriftzeichen nicht mehr überliefert.

Alle vorhandenen antiken etruskischen Schriftzeugnisse werden im Corpus Inscriptionum Etruscarum systematisch gesammelt.

Nachwirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oskische Schrift auf einem Stein aus Pompeji

Bei der Formierung der oskischen Schrift vermutlich im 6. Jahrhundert v. Chr. geht man von einem grundlegenden Einfluss des Etruskischen aus, was zumindest die Ableitung der Buchstaben des Alphabets betrifft.[18] Hinsichtlich der Entstehung der germanischen Runenschrift im 1. Jahrhundert v. Chr. wird u. a. eine italisch-etruskische These vertreten, wonach der Ursprung dieser Schriftzeichen zu einem großen Teil der Ausbreitung nordetruskischer Alphabete zuzuschreiben ist.[19]

Die älteste Runenschrift Futhark

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Etruskische Schrift – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Herbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt, S. 11.
  2. Friedhelm Prayon: Die Etrusker. Geschichte, Religion, Kunst, S. 38.
  3. Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction, S. 14.
  4. Herbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt, S. 11–14.
  5. Hess/Paschinger: Das etruskische Italien, S. 17.
  6. Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction, S. 75–77.
  7. Friedhelm Prayon: Die Etrusker. Geschichte, Religion, Kunst, S. 38.
  8. Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction, S. 78.
  9. Hess/Paschinger: Das etruskische Italien, S 18.
  10. Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction, S. 78.
  11. Hess/Paschinger: Das etruskische Italien, S 18.
  12. Herbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt, S. 14.
  13. Friedhelm Prayon: Die Etrusker. Geschichte, Religion, Kunst, S. 38–40.
  14. Hess/Paschinger: Das etruskische Italien, S 19–20.
  15. Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction, S. 55.
  16. Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction, S. 56.
  17. Hess/Paschinger: Das etruskische Italien, S. 17.
  18. Massimo Pallottino: Etruskologie. Geschichte und Kultur der Etrusker, S. 202.
  19. Massimo Pallottino: Etruskologie. Geschichte und Kultur der Etrusker, S. 245.