Etty Hillesum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Etty Hillesum

Etty Hillesum (* 15. Januar 1914 als Esther Hillesum in Middelburg; † 30. November 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau) war eine niederländisch-jüdische Lehrerin. Ihre postum veröffentlichten Tagebücher aus den Jahren 1941–1943 machten sie international bekannt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Skulptur Het verstoorde leven in Deventer
Etty Hillesum Centrum in Deventer

Seit 1924 lebte Esther „Etty“ Hillesum in Deventer und besuchte dort das städtische Gymnasium. Ihr Vater Louis Hillesum, der zunächst in Middelburg, Hilversum, Tiel und Winschoten als Lehrer für Latein, Griechisch und andere Fächer arbeitete, war damals Rektor dieser Schule. Ettys Mutter Rebecca geb. Bernstein stammte aus Russland. Etty Hillesum wuchs in einer säkularen bzw. christlichen Atmosphäre ohne jüdische Erziehung auf. Ab 1932 studierte sie in Amsterdam Jura; später auch Slavistik. Sie hatte zwei Brüder: Mischa, der ein begabter Pianist war, und Jaap (Jacob), der Arzt wurde. Im Jahr 1941 lernte sie den 1938 aus Deutschland geflohenen Julius Spier, einen Chiropsychologen, kennen, und es entstand ein Liebesverhältnis.

Auf Rat von Spier fing Etty Hillesum an, ein Tagebuch zu schreiben. Dessen Zweck sei, dass sie, indem sie frühere Abschnitte des Tagebuchs mit neueren Einträgen vergleiche, die eigene seelische Entwicklung untersuchen könne. In diesem literarisch bedeutsamen Werk beschrieb sie selbstanalytisch ihre Gefühle, Alltagserlebnisse und Denkstrukturen. Ihr Geliebter Julius Spier, der bereits gebunden war, wird im Tagebuch jeweils unter dem Namenskürzel S. erwähnt. Sie hatte außerdem einen gleichaltrigen Freund und lebte mit einem weitaus älteren Mann in eheähnlichen Verhältnissen.

Im Jahr 1942 erhielt Etty Hillesum, die schon längere Zeit jüdischen Mitmenschen, vor allem Studierenden, geholfen hatte, eine Stellung beim Joodsche Raad (Judenrat), einer von den deutschen Besatzern eingerichteten Beratungs-, Auskunfts- und Verwaltungsstelle für die jüdische Bevölkerung der Niederlande. Da dessen Mitarbeiter selbst jüdisch sein mussten, empfanden diese zunächst eine gewisse Sicherheit. Schon bald stellte sich aber heraus, dass die Deutschen dem „Rat“ eine vorbereitende Funktion im Ablauf von Verfolgung und Vernichtung aufgezwungen hatten. Bereits nach zwei Wochen kündigte Etty Hillesum diese von ihr als „Hölle“ empfundene Tätigkeit.

Im August 1942 kam ihr Aufruf zur Deportation zum Durchgangslager Westerbork. Da ihr Sonderausweis des Judenrats noch gültig war, fuhr sie von dort noch mehrmals nach Amsterdam zurück. Ihr Tagebuch konnte sie bei der befreundeten Familie Smelik in Sicherheit bringen; unterzutauchen lehnte sie allerdings ab. Am 7. September 1943 musste sie von Westerbork auf einen Transport zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo sie ihren 1940 von den Nazis entlassenen Vater und andere Verwandte wiedersah. Am 30. November 1943 wurde Etty Hillesum dort ermordet.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1981 erschien ihr Tagebuch unter dem Titel Het verstoorde leven („Das zerstörte Leben“, dt. Übersetzung 1983 unter dem Titel: Das denkende Herz der Baracke). Später wurden auch ihre zahlreichen Briefe, u. a. aus der Zeit in Westerbork, veröffentlicht.

Es war der ausdrückliche Wunsch Etty Hillesums, dass ihre Schriften veröffentlicht würden. Familie Smelik schenkte die Originale 1986 dem Joods Historisch Museum in Amsterdam. Ebenfalls 1986 erschien die erste Gesamtausgabe Etty, die später in mehreren Sprachen übersetzt worden ist.

In Deventer wurde 1995 in der ehemaligen Synagoge ein Etty-Hillesum-Centrum (Erinnerungszentrum) eingerichtet. Es gibt auch ein Etty Hillesum Onderzoekscentrum erst in Gent und jetzt in Middelburg, wo die Etty Hillesum-Forschung koordiniert und gefördert wird.

André Bossuroy veröffentlichte 2009 einen Film, in dem die Tagebücher Anstoß und Inspiration für eine Reise durch Europa geben.[1]

Hildegard Elisabeth Keller integrierte Etty Hillesum als eine von fünf weiblichen Hauptfiguren in die Trilogie des Zeitlosen (2011). Der dritte Band Der Ozean im Fingerhut enthält ein Hörspiel mit ausgewählten Passagen aus Etty Hillesums Tagebüchern und Briefen.[2]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tagebuch- und Briefausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Het verstoorde leven: Dagboek van Etty Hillesum 1941–1943. Herausgegeben mit einer Einleitung versehen durch Jan Geurt Gaarlandt. De Haan, Haarlem 1981.
    • Das denkende Herz der Baracke. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941–1943. Hrsg. und eingeleitet von C. G. Gaarlandt. aus dem Niederländischen von Maria Csollány. Kerle, Freiburg/Heidelberg 1983. / Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941–1943. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988, ISBN 3-499-15575-3.
    • Übersetzungen in mindestens 14 Sprachen, so Englisch: Etty – A Diary. (1983), Dänisch: Et kraenket liv. (1983), Norwegisch: Det tenkende hjerte. (1983), Schwedisch: Det förstörda livet. (1983), Finnisch: Päiväkirja, 1941–1943. (1984), Amerikanisch: An Interrupted Life. (1984), Portugiesisch: Una Vida Interrompida. (1984), Italienisch: Diario 1941–1943. (1985), Spanisch: Una Vida Interrompida. (1985), Ivrit: Chajjiem Kerotiem; Jomana sjel. (1985), Japanisch (1985) und Ungarisch, Französisch: Une Vie Bouleversée. Journal 1941–1943, übersetzt durch Philippe Noble. Editions du Sieul, Paris 1985.
niederländisch
  • Dagboeken (10 cahiers) van Etty Hillesum 1941-43. [Original handwritten letters and diaries of Etty Hillesum 1941-43.] Jewish Historical Museum, Amsterdam.
  • Twee brieven uit Westerbork van Etty. Mit einer Einführung von David Koning. Bert Bakker/Daamen N.V., Den Haag 1962.
  • Het denkende hart van de barak. Brieven van Etty Hillesum. Hrsg. von Jan Geurt Gaarlandt. De Haan, Haarlem 1982.
  • In duizend zoete armen: Nieuwe dagboekaantekeningen van Etty Hillesum. Hrsg. von Jan Geurt Gaarlandt. De Haan, Haarlem 1984.
  • Etty: De nagelaten geschriften van Etty Hillesum 1941–1943. Hrsg. von Klaas A. D. Smelik. Uitgeverij Balans, Amsterdam 1986.
englisch
  • Etty: A Diary 1941–1943. Mit einer Einführung von Jan Geurt Gaarlandt; Übersetzung Arnold J. Pomerans. Jonathan Cape, London 1983.
  • An Interrupted Life: The Diaries and Letters of Etty Hillesum 1941–1943. Mit einer Einführung von Jan Geurt Gaarlandt; Übersetzung Arnold J. Pomerans. Pantheon Books, New York 1984.
  • Letters from Westerbork. Mit einer Einführung von Jan Geurt Gaarlandt; Übersetzung Arnold J. Pomerans. Pantheon Books, New York 1986.
  • An Interrupted Life and Letters from Westerbork. Henry Holt, New York 1996.
  • An Interrupted Life: The Diaries and Letters of Etty Hillesum. Vorwort von Eva Hoffman. Persephone Books, London 1999.
  • Etty: The Letters and Diaries of Etty Hillesum 1941–1943. Hrsg. von Klaas A. D. Smelik, Übersetzt von Arnold J. Pomerans. Novalis Saint Paul University – William B. Eerdmans Publishing Company, Ottawa, Ontario 2002.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

deutsch
  • Gideon Greif: Ein abgeschnittenes Leben, Das Tagebuch von Etty Hillesum 1914–1943. Vortrag gehalten am 31. Januar 2003 in Köln auf Einladung des Psychotherapeutischen Arbeitskreises für Opfer des Holocaust sowie der Melanchton-Akademie Köln. (Digitalisat)
  • Hildegard Elisabeth Keller: Der Ozean im Fingerhut. Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Hadewijch und Etty Hillesum im Gespräch. Mit Beiträgen von Daniel Hell und Jeffrey F. Hamburger. Zürich 2011, ISBN 978-3-7281-3437-0. (= Trilogie des Zeitlosen, 3).
  • Pierre Ferrière, Isabelle Meeûs-Michiels: Doch, es gibt eine andere Wirklichkeit. Meditieren mit Etty Hillesum. Aus dem Frz. v. Stefan Liesenfeld. Verlag Neue Stadt, München 2014, ISBN 978-3-7346-1003-5.
  • Beatrice Eichmann-Leutenegger: Ein denkendes Herz in Amsterdam. Zum 100. Geburtstag von Etty Hillesum (1914–1943). In: Stimmen der Zeit, Heft 1/2014. (online)
niederländisch
  • Ria van den Brandt, Klaas A. D. Smelik: Etty Hillesum in facetten. Uitgeverij Damon, Nijmegen 2003.
  • Ria van den Brandt, Klaas A. D. Smelik: Etty Hillesum Studies: Etty Hillesum in context. Gorcum, Assen 2008, ISBN 978-0-8262-1797-4.
  • Meins G. S. Coetsier: God? … Licht in het duister: Twee denkers in barre tijden: de Duitse filosoof Eric Voegelin en de Nederlands-Joodse schrijfster Etty Hillesum. In: Ria van den Brandt, Klaas A.D. Smelik (Red.): Etty Hillesum Studies: Etty Hillesum in context. Gorcum, Assen 2008, ISBN 978-0-8262-1797-4.
  • J. Geurt Gaarland (Hrsg.): Men zou een pleister op vele wonden willen zijn: Reacties op de dagboeken en brieven van Etty Hillesum. Balans, Amsterdam 1989.
englisch
  • Rachel Feldhay Brenner: Writing as Resistance: Four Women Confronting the Holocaus’t: Edith Stein, Simone Weil, Anne Frank, Etty Hillesum. Pennsylvania State University Press, Pennsylvania 1997, ISBN 978-0-271-02285-7
  • Meins G. S. Coetsier: Etty Hillesum and the Flow of Presence: A Voegelinian Analysis. University of Missouri Press, Columbia (Missouri) 2008, ISBN 978-0-8262-1797-4.
  • Denise de Costa: Anne Frank and Etty Hillesum: Inscribing spirituality and sexuality. Übersetzung von Mischa F. C. Hoyinck und Robert E. Chesal. Rutgers University Press, New Brunswick/New Jersey/London 1998, ISBN 978-0-8135-2549-5.
italienisch, französisch
  • Gerrit van Oord (Hrsg.): L’esperienza dell’Altro: Studi su Etty Hillesum. Sant’Oreste, Rom 1990.
  • Sylvie Germain: Etty Hillesum. Pygmalion Watelet, Paris 1999, ISBN 2-85704-586-7 (Reihe: Chemins d’éternité). (frz.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Etty Hillesum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bei mir in Europa: Der Konvoi. 29. September 2009.
  2. Der Ozean im Fingerhut. Auf der Website der Autorin, abgerufen am 31. März 2016.