Etymologische Figur

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Die etymologische Figur (lateinisch figura etymologica) ist eine Redefigur, bei der Worte verschiedener Wortarten, z. B. ein Verb und ein Substantiv mit demselben Wortstamm (z. B. kämpfen und Kampf) miteinander verbunden werden („einen Kampf kämpfen“).

Dieses Stilmittel kann zur Bekräftigung oder Verstärkung der Wortbedeutung dienen. Es ist ein Sonderfall des Polyptotons.

Grundelement dieses Stilmittels ist die Wiederholung der Wortbasis. So wird dann auch von „flektierter Iteration“ gesprochen. In der Kombination aus Substantiv und Verb findet sie sich in etlichen, auch nichtindogermanischen Sprachen. Die Wiederholung kann jedoch grundsätzlich als Substantiv, Adjektiv, Adverb, oder Verb auftreten. Teilweise kommt sogar eine völlig unveränderte Wiederholung vor.[1]

Grammatik im Deutschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Substantiv steht im Akkusativ (hier Akkusativ des Inhalts genannt) und dient als Objekt (hier auch kognates Objekt genannt).[2] Andere Grammatiker sind der Meinung, dass es sich hier nicht um ein Objekt, sondern um einen modalen Akkusativ handelt.[3]

Bei dieser Konstruktion kann auch ein intransitives Verb ein Akkusativobjekt bzw. einen modalen Akkusativ führen. Beispiel: Zu schlafen gibt es normalerweise kein Akkusativobjekt („er schläft jemanden“ oder „er schläft irgendetwas“ ist ungrammatisch), aber man kann „einen ruhigen Schlaf schlafen“.

Ein Gegenbeispiel für den Akkusativ des Inhalts ist: „einen heldenhaften Tod sterben“. Hier handelt es sich nicht um eine etymologische Figur, weil die Wörter sterben und Tod etymologisch nicht verwandt sind.

Im Sinne der Etymologie geht es bei der etymologischen Figur genau genommen nicht um den Wortstamm, sondern um die gemeinsame Wortwurzel. Dabei sind auch in der deutschen Sprache Etymologische Figuren in anderen grammatischen Formen möglich. Ein Beispiel hierfür sind reduplizierende Ablautskomposita, wie z. B. „Singsang“.[4]

Vorkommen in anderen Sprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wortpaare aus Substantiv und Adjektiv, bei denen die nahe Verwandtschaft der beiden Wörter auf den ersten Blick auffallend ist, sind sehr beliebt im Tschechischen, kommen aber auch in anderen Sprachen recht häufig vor.[5]

Auch in den Altsprachen sind etymologische Figuren bekannt. So lautet eine Bezeichnung für einen römischen Beamten lateinisch pater patratus ‚vollbrachter Vater‘; es gibt ein scortum scorteum wörtl. ‚ledernes Fell‘ (eigentliche Übersetzung unterbleibt), oder als scherzhafte Steigerung bei Plautus: lateinisch o patrue mi patruissime ‚Oh Du mein onkeligster Onkel‘, und weitere Beispiele im Lateinischen und Altgriechischen.[6] Das biblische Buch Hoheslied trägt im Original den Titel hebräisch שִׁיר הַשִּׁירִים [ʃir haʃiˈrim], deutsch ‚Lied der Lieder‘, eine Etymologische Figur. Auch der Titel ‚König der Könige‘, den Herrscher mehrerer altorientalischer Reiche führten (beispielsweise aramäisch מֶלֶךְ מַלְכַיָּא [mɛlɛχ malχaja] (Dan 2,37 BHS)) ist eine Etymologische Figur,[7], auch wenn einige so Titulierte über viele Stadtfürsten herrschten, die ihrerseits den Titel מֶלֶךְ Melech, deutsch ‚König‘trugen.

Genitivus hebraicus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die letztgenannte Figur, in der ein Substantiv durch seinen eigenen Genitiv Plural verdoppelt wird, ist der Begriff des „Genitivus hebraicus“ geläufig. Seine Herkunft und Bedeutung ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen:

  • J. Gebauer bezeichnet ihn 1929 als Genitivus explicativus, eine Abart des Genitivus qualitatis und hält ihn für einen Hebraismus.
  • O. Curme bezeichnet ihn 1931 als Genitivus gradationis (abstufender Genitiv) und erklärt ihn als Übersetzung einer hebräischen Vorlage.
  • L. Kellner bezeichnet ihn 1905 als Genitivus superlativus und damit als Ausdruck der größtmöglichen Ausprägung der typischen Eigenschaften einer Sache. Seinen Ausführungen zufolge war er bereits in altgermanischen Dialekten vorhanden und habe auch durch den späteren Einfluss der Bibel seine Stellung behaupten können.
  • J. Schröder hingegen hält ihn 1937, wie auch einige andere, wiederum für einen reinen Orientalismus, der aus dem Hebräischen über das Kirchenlatein seinen Weg in alle europäischen Sprachen genommen habe.[7]
  • S. Štech, der ihn 1967 ebenfalls als Genitivus superlativus bezeichnet, argumentiert dagegen mit Sprachen für die ein semitischer Einfluss wohl sehr schwer nachzuweisen ist. So dürften die vorbiblisch lateinischen Redewendungen victor victorum, reliquiarum reliquias, oder rex regum aus keiner anderen Quelle, als der lateinischen Sprache heraus erklärt werden. Analoges gelte auch für einige altnordische Redewendungen. Dennoch bestätigt er Kellner darin, dass sich auch Beispiele biblischer Einflüsse, vor allem im angelsächsischen, finden lassen.[8]

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Das Wasser soll wimmeln von Gewimmel (hebräisch יִשְׁרְצוּ הַמַּיִם שֶׁרֶץ ... [jiʃrətsu haˈmajim ʃɛˈrɛts]) an lebenden Wesen, und Flugtiere sollen fliegen (וְעוֹף יְעוֹפֵף [wəʕoɸ jəʕoɸeɸ]) über der Erde …“ (Gen. 1,20 BHS; Übersetzung: Jan Christian Gertz[9])
  • altgriechisch ἵνα στρατεύῃ [..] τὴν καλὴν στρατείαν ‚damit du [..] den guten Kampf kämpfst‘ (1. Tim 1,18 EU) bzw. ἀγωνίζου τὸν καλὸν ἀγῶνα ‚Kämpfe den guten Kampf‘ (1. Tim 6,12 EU)
  • „eine gute Tat tun“
  • „ein schönes Leben leben“
  • „gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir“ (Goethe, Erlkönig, Vers 10)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stech 1967 - Svatopluk Štech: Zur Gestalt der etymologischen Figur in verschiedenen Sprachen. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen, Band 81. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1967, ISSN 2334-1084, JSTOR 40848191, S. 134-152. (wd).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stech 1967, S. 138.
  2. Hadumod Bußmann (Hrsg.) unter Mitarbeit von Hartmut Lauffer: Lexikon der Sprachwissenschaft. 4., durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-45204-7.
  3. Auf deutsch oder auf Deutsch?
  4. Stech 1967, S. 139.
  5. Stech 1967, S. 135.
  6. Stech 1967, S. 137.
  7. a b Stech 1967, S. 140.
  8. Stech 1967, S. 141 f.
  9. Jan Christian Gertz: Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte Gen 1–11 (= Das Alte Testament Deutsch. Band 1 neu). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, ISBN 978-3-525-57055-5, S. 29.