Euergetismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Euergetismus, nach dem griechischen Verb εὐεργετέω („eine Wohltat erweisen“) gebildet, bedeutet so viel wie Herrschaft durch demonstrative Wohltätigkeit. Zu diesen Wohltaten, die einzelne Individuen der Bürgerschaft erwiesen, gehörten in der Antike insbesondere öffentliche Bauwerke, aber auch Festspiele, Geschenke oder Getreidespenden, also Brot und Spiele nach dem von Juvenal geprägten (und oft missverstandenen) lateinischen Ausdruck Panem et circenses. Der Ehrentitel Euergetes ist zuerst 480 v. Chr. belegt.[1] Der moderne Terminus Évergétisme wurde von dem französischen Altphilologen André Boulanger (1886–1958) im Rahmen seiner Doktorarbeit über Aelius Aristides 1923 für die Herrschaft durch Wohltätigkeit eingeführt.[2] Die bis heute grundlegende Untersuchung des Phänomens hat 1976 Paul Veyne vorgelegt.

Besonders im Hellenismus und während der römischen Kaiserzeit war der Euergetismus insbesondere in den Städten des östlichen Mittelmeerraumes von größter Bedeutung. Mächtige und reiche Mitglieder der Gemeinderäte unterstrichen durch Stiftungen – Spiele oder Getreidespenden – und gemeinnützige Bauten – etwa Bäder, Theater und Aquädukte – ihren Führungsanspruch in der jeweiligen Polis. Die Stiftungen dienten also einerseits dazu, ökonomisches in soziales Kapital und politischen Einfluss umzuwandeln, um eine hervorgehobene Stellung gegenüber den einfachen Bürgern zu legitimieren, und waren andererseits nicht zuletzt oft ein Ausdruck von aristokratischer Rivalität. Der größte Wohltäter im Römischen Reich war daher folgerichtig der Kaiser, den niemand übertreffen konnte und durfte. Im Verlauf der Spätantike verlor der Euergetismus dann an Bedeutung, was ein Faktor war, der zur Veränderung des Stadtbildes beitrug. Dennoch gab es noch im 6. Jahrhundert vielerorts Aristokraten, die Feste und Gebäude – nun häufig Kirchen – stifteten; erst mit dem endgültigen Untergang der klassischen Stadt am Ende der Antike fand auch diese Tradition ihren Abschluss.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Bringmann: Der König als Wohltäter. Beobachtungen und Überlegungen zur hellenistischen Monarchie. In: Jochen Bleicken (Hrsg.): Colloquium aus Anlass des 80. Geburtstages von Alfred Heuß. Kallmünz 1993, S. 83–95.
  • Werner Eck: Der Euergetismus im Funktionszusammenhang der kaiserzeitlichen Städte. In: Michel Christol, O. Masson (Hrsg.): Actes du Xe Congrès International d’Épigraphie Grecque et Latine, Nîmes, 4-9 octobre 1992. Paris 1997, ISBN 2-85944-281-2, S. 305–331.
  • Philippe Gauthier: Les cités grecques et leurs bienfaiteurs. de Boccard, Paris 1985.
  • Christina Kokkinia: Die Opramoas-Inschrift von Rhodiapolis. Euergetismus und soziale Elite in Lykien. Habelt, Bonn 2000, ISBN 3-7749-2970-X.
  • Guy M. Rogers: Demosthenes of Oenoanda and models of euergetism. In: The Journal of Roman Studies. Band 81, 1991, S. 91–100.
  • Michael Wörrle: Vom tugendsamen Jüngling zum gestreßten Euergeten. Überlegungen zum Bürgerbild hellenistischer Ehrendekrete. In: Michael Wörrle, Paul Zanker (Hrsg.): Stadtbild und Bürgerbild im Hellenismus. Beck, München 1995, S. 241–250.
  • Paul Veyne: Le pain et le cirque. Sociologie historique d’un pluralisme politique. Editions du Seuil, Paris 1976. Dt. Übersetzung: Brot und Spiele. Gesellschaftliche Macht und politische Herrschaft in der Antike. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-593-34796-2.
  • Arjan Zuiderhoek: The Politics of Munificence in the Roman Empire. Citizens, Elites, and Benefactors in Asia Minor. Cambridge University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-51930-4.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Art. Euergetes, in: Der Kleine Pauly, Bd. 2, Sp. 412.
  2. André Boulanger: Aelius Aristide et la sophistique dans la province d'Asie au IIe siècle de notre ère. E. de Boccard, Paris 1923, S. 25.