Eugen Gomringer

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Eugen Gomringer auf dem Poesiefestival Berlin (2018)
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Eugen Gomringer (* 20. Januar 1925 in Cachuela Esperanza, Bolivien) ist ein bolivianisch-schweizerischer Schriftsteller. Er gilt als Begründer der Konkreten Poesie und hat bis heute überwiegend in Deutschland gewirkt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gomringer kam als Sohn eines Schweizers, Eugen Gomringer senior, und einer Bolivianerin, Delicia Rodríguez, zur Welt. Er studierte von 1944 bis 1952 Nationalökonomie und Kunstgeschichte in Bern und Rom. Von 1954 bis 1957 arbeitete er als Sekretär von Max Bill an der Hochschule für Gestaltung Ulm. Er übertrug die handschriftlichen Notizen von Max Bill ins Schreibmaschinenformat.

1953 gründete er mit Dieter Roth und Marcel Wyss die Zeitschrift Spirale und gab von 1960 bis 1965 die Buchreihe konkrete poesie – poesia concreta heraus. Von 1961 bis 1967 war er Leiter des Schweizerischen Werkbundes. Gomringer leitete von 1967 bis 1985 leitete den Kulturbeirat der Rosenthal AG in Selb. Er lehrte von 1977 bis 1990 als Professor für Theorie der Ästhetik an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Er war 1966 bis 1968 Mitglied des documenta-Rates unter Leitung von Arnold Bode zur 4. documenta im Jahr 1968 in Kassel. Er wählte die Schweizer Beiträge zur documenta 4 aus, wie u. a. Arbeiten von Richard Paul Lohse, Karl Gerstner, Christian Megert, Dieter Roth. 1986 hatte er eine Gastprofessur für Poetik in Bamberg und wurde 1988 Intendant des Internationalen Forums für Gestaltung in Ulm.

Rund 30 Jahre lang textete Gomringer, inspiriert von Konkreter Poesie, die Werbung der Warenhauskette ABM (Au Bon Marché).[1]

Seit 1971 ist er Mitglied der Berliner Akademie der Künste. 2000 gründete er das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie (IKKP) an seinem langjährigen Wohnort, dem oberfränkischen Rehau. Seine umfangreiche Sammlung konkreter Kunst und Poesie bildete den Grundstock des 1992 eröffneten Museums für Konkrete Kunst in Ingolstadt.

1997 wurde Gomringer mit dem Kulturpreis der Stadt Rehau ausgezeichnet. Im Jahr 2008 wurde er für seine Verdienste mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet. Im Juni 2010 waren er und seine Tochter Nora Gomringer für eine Poetik-Dozentur an die Universität Koblenz-Landau eingeladen.

2011 vergab die Alice-Salomon-Hochschule Berlin den Alice-Salomon-Poetik-Preis 2011 an Eugen Gomringer.[2] Aus diesem Anlass brachte die Hochschule sein aus dem Jahr 1951 stammendes Gedicht ciudad (avenidas)[3] an der Südfassade an.[4] 1954 war das Gedicht Anschauungsbeispiel für die von Gomringer entwickelte Technik der „Konstellation“, hier „aus sechs spanischen Worten“.[5]

„Die Konstellation ist eine Aufforderung, kein Rezept, weder formal noch thematisch, sie nennt die „allzu menschlichen“ sozialen und erotischen Probleme nicht. Wenn diese nicht im Leben gelöst werden können, gehören sie vielleicht in die Fachliteratur.“

Eugen Gomringer[5]

2017 äußerte der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) Kritik an der Wandgestaltung mit dem Gedichttext, da dieser Frauen herabsetze[6], und verlangte die umgehende Entfernung. „Ob das Gedicht wirklich entfernt wird, steht allerdings noch nicht fest. Die Fassade an der Hochschule muss 2018 saniert werden, bei diesen Arbeiten soll auch eine mögliche Umgestaltung erfolgen. Es könne aber auch sein, dass im Zuge des Ideenwettbewerbs entschieden wird, das Gedicht beizubehalten, sagte eine Sprecherin der Hochschule.“[7] Zum Stand der Auseinandersetzung zu Anfang Februar 2018 äußerte sich Jürgen Kaube in der FAZ und brachte die Position des AStA der Hochschule in die Nähe der Nazi-Debatte um „Entartete Kunst“.[8] Der Stadtrat der Gemeinde Rehau – des Wohnorts von Gomringer – hat auf Vorschlag der Stadtverwaltung beschlossen, das Gedicht avenidas an der Fassade des städtischen Gebäudes Maxplatz 9 anbringen zu lassen.[9]

Beziehung zu Bolivien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl Gomringer kaum in Bolivien wirkte, gilt er dort als bolivianischer Poet, der in seiner Geburtsregion im Departamento Beni und darüber hinaus hohes Ansehen genießt. Im Alter von drei Jahren verließ er den legendären Dschungelort Cachuela Esperanza und kam seither nur viermal nach Bolivien zurück. Allerdings hält er bis heute gute Kontakte zur Schriftsteller- und Künstlerszene des Landes. Sein Spitzname unter bolivianischen Freunden ist el Beniano genial (dt.: der geniale Benianer). Die wichtigste Zeitung im Osten Boliviens, El Deber, widmete ihm am 14. November 2015 in einer Sonderbeilage vier Seiten anlässlich eines Heimatbesuchs Gomringers im Oktober. Dort stellte er in einer Konferenz in Santa Cruz sein Werk vor. Außerdem erhielt er von der Universidad Autónoma del Beni (U.A.B.) in Trinidad die Ehrendoktorwürde.[10]

Konkrete Poesie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedicht silencio. Plakat in Tarija (2017)
Gedicht avenidas. Wandmalerei in Berlin seit 2011

1953 prägte Gomringer den Begriff Konkrete Poesie in Analogie zum Begriff der „Konkreten Kunst“. In seinen Gedichten, die mit der Materialität der Schrift und des Schriftbildes spielen, folgt er der abstrakten – von ihm konstruktiv genannten – Malerei seiner Zeit. Gomringer führt in seinem zentralen Manifest vom vers zur konstellation[5] die Auffassung des ästhetischen Objekts als funktionalen Gegenstand aus.

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Karl Riha charakterisiert Eugen Gomringer mit den Worten: „Er ist der Vater der deutschen Nachkriegsmoderne – und dies gleichermaßen durch programmatische Verlautbarungen wie extraordinäre poetische Texte, die bis heute – und über das Heute hinaus – ihre Spannkraft behalten haben. Er ist – im technischen wie im imaginativen Sinne des Begriffs – ein Erfinder, der die Sprache der Literatur nachhaltig verändert hat.“

Gomringer schreibt auf Deutsch, Schweizerdeutsch, Spanisch, Französisch und Englisch.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gedicht 2018 an einer Häuserfassade in Rehau

Literatur und Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jo Enzweiler (Hrsg.): Eugen Gomringer im Gespräch mit Monika Bugs. 1. Auflage. Galerie St. Johann, Saarbrücken 2003, ISBN 3-928596-78-0.
  • Oliver Herwig: Wortdesign : Eugen Gomringer und die bildende Kunst. Iudicium, München 2001, ISBN 3-89129-726-2
  • Anja Ohmer: Eugen Gomringer und die Konkrete Poesie. In: orte – Schweizer Literaturzeitschrift Nr. 143, Dez. 2005/ Januar 2006.
  • Anja Ohmer: Gomringer hoch 2: Konkrete Poesie gibt Laut! In: Sag was zur Nacht - oder: die Gomringers sind hier. orte – Schweizer Literaturzeitschrift Nr. 167, Mai/Juni 2011, S. 36–43.
  • Konkretismus: Materialien. Reader und wissenschaftliche Dokumentation. Katalog zur Ausstellung konkretismus. material/sprache und abstraktion seit 1955. BW-Bank, Stuttgart 2006. Ausgewählt, gesammelt und herausgegeben von Anja Ohmer und Reinhard Krüger. Stuttgart 2006.
  • Annette Gilbert (Hg.): nichts für schnell-betrachter und bücher-blätterer. Eugen Gomringers Gemeinschaftsarbeiten mit bildenden Künstlern. Kerber, Verlag Bielefeld 2014, ISBN 978-3-7356-0024-0.
  • Video: Oral History Abend mit Eugen Gomringer zur Werbung von ABM, Literaturhaus Zürich, 2016.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Eugen Gomringer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Video-Diskussion mit Gomringer über ABM-Werbung, Literaturhaus Zürich, 2016, abgerufen am 12. Dezember 2016
  2. Alice Salomon Poetik Preis 2011. Abgerufen am 25. Januar 2011.
  3. Thomas Assheuer: Die Putztruppe von Hellersdorf, in: Die Zeit, 31. Januar 2018
  4. Eines der größten Gedichte an öffentlicher Wand, 27. Oktober 2011
  5. a b c Eugen Gomringer: vom vers zur konstellation. zweck und form einer neuen dichtung. Erstfassung in: NZZ, 1. August 1954, überarbeitet wieder in: Eugen Gomringer: Theorie der Konkreten Poesie, Texte und Manifeste 1954-1997, Wien 1997, S. 12–18. Hinweis: Der Aufsatz ist im Original in Kleinschreibung.
  6. Sandra Kegel, Jan Wiele: Kann Bewunderung herabsetzend sein?, F.A.Z., 29. August 2017
  7. Melanie Berger: Streit um Gedicht an Fassade der Alice-Salomon-Hochschule, in: Der Tagesspiegel, 6. September 2017
  8. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Februar 2018, S. 9
  9. Frankenpost.de vom 31.01.2018
  10. El padre de la poesía concreta, Gomringer (Memento des Originals vom 24. November 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.eldeber.com.bo, in: El Deber, Beilage, 14. November 2015