Eurasismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Eurasismus (russisch Евразийство) ist eine in den 1920er Jahren von russischen Emigranten, die der Weißen Bewegung nahe standen, formulierte geopolitische Ideologie. Der Eurasismus behauptet, dass ein von Russland dominierter „Kontinent Eurasien“ in einem Fundamentalgegensatz zur „romano-germanisch“ geprägten westlichen Welt stehe.

Entwicklung des Eurasismus[Bearbeiten]

Nikolaj Sergejewitsch Trubezkoj (ca. 1920)

Die Idee der Verwandtschaft Russlands mit Asien geht auf den Philosophen und Linguisten Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoy und den Geographen, Ökonomen und Philosophen Pjotr Sawizki zurück. Die Weltsicht der damaligen Eurasier fußte auf der Behauptung, dass es zwischen Europa und Asien einen dritten Kontinent „Eurasien“ (der sich weitgehend mit dem ehemaligen Gebiet des Russischen Zarenreichs deckte) sowie einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen der eurasischen Kultur des russischen Reiches einerseits und der „romano-germanischen“ Zivilisation Westeuropas andererseits gäbe.[1][2]

„Es gibt nur einen wahren Gegensatz: die Romanogermanen und die übrigen Völker der Welt, Europa und die Menschheit.“

Nikolaj Sergejewitsch Trubezkoj: »Ewropa i tschelowetschestwo« (Europa und die Menschheit), 1920.[3]

Das Herzstück der Theorie stellt der „Raum“ dar. Hier lautet die weitergehende Annahme, das sich die Eigenart jeder Kultur auf ihre jeweilige Spezifik des Territoriums bemesse. Auf Russland angewandt bedeute dies, dass Russland eine eurasische Kultur sei, die im Gegensatz zur europäischen Küstenkultur stehe und von der Beeinflussung durch die asiatische Seite lebe.

In der Sowjetunion entwickelte der Geograph und Turkologe Lew Gumiljow ab den 1950er-Jahren die eurasistische Ideologie im Untergrund weiter. Entgegen der eurozentristischen Lehrmeinung vom tatarisch-mongolischen Joch während der Mongolenherrschaft von 1240-1480 vertrat Gumiljow ebenso die Sicht einer kulturell fruchtbaren Symbiose der mongolischen Nomaden mit den ostslawischen Waldbauern. Durch die Aufnahme biologistischer Elemente entfernte sich Gumiljow aber von den klassischen Eurasiern. Seine Idee von einer Wiederherstellung eines Bündnisses zwischen Slawen und Steppenvölkern fand erst nach der Perestroika und der Auflösung der UdSSR Verbreitung.[4]

Neo-Eurasismus[Bearbeiten]

Der russische politische Philosoph und Publizist Alexander Dugin vertritt seit den frühen 1990er-Jahren einen Neo-Eurasismus. Der klassische Eurasismus ist allerdings nur eine der Quellen von Dugins eklektischer Ideologie, er verbindet das eher kulturalistische Konzept Trubezkojs und Sawizkijs (die er in seinen Werken nur beiläufig erwähnt und zum Teil sogar falsch benennt) maßgeblich mit Elementen der Geopolitik neuerer, westlicher Prägung. So beruft er sich etwa auf Vertreter der westeuropäischen Neuen Rechten wie Jean-François Thiriart,[2] aber auch auf Carl Schmitt und die Traditionalisten René Guénon und Julius Evola.[5] Anders als Trubezkoj sieht er keinen fundamentalen Gegensatz zwischen einem russisch geprägten „Eurasien“ und Westeuropa, sondern zwischen Eurasien und Amerika, wobei er Europa als Teil Eurasiens und nicht des „Westens“ betrachtet. Westeuropa soll also aus dem Bündnis mit Amerika gelöst und stattdessen Teil eines russisch geführten Eurasiens werden.[6]

Rezeption außerhalb Russlands[Bearbeiten]

In der Türkei rezipieren seit den 1990er Jahren linksnationalistische Kreise, etwa Doğu Perinçeks Arbeiterpartei, eurasistisches Gedankengut. Sie unterhalten auch Kontakte zu Dugin.[7][8] Hintergrund ist die Furcht, dass die Einbindung der Türkei in die EU und die NATO die Souveränität der Nation gefährdet.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Veröffentlichungen von Anhängern des Eurasismus bzw. Neo-Eurasismus[Bearbeiten]

  • Lew Nikolajewitsch Gumiljow: Этногенез и биосфера Земли. (Ethnogenese und die Biosphäre der Erde), 1979
  • Lew Nikolajewitsch Gumiljow: Поиски вымышленного царства. (Auf der Suche nach einem erdachten Reich), 1970 [Neuauflage 1992]
  • Lew Nikolajewitsch Gumiljow: Древняя Русь и Великая степь. (Die alte Rus und die große Steppe), 1989 [Neuauflage 1992]
  • Doğu Perinçek: Avrasya Seçeneği. Türkiye için bağımsız dış politika. (Die Alternative Eurasien: eine unabhängige Außenpolitik für die Türkei), İstanbul 1996

Monografien[Bearbeiten]

  • Alexander Höllwerth: Das sakrale eurasische Imperium des Alexander Dugin. Eine Diskursanalyse zum postsowjetischen russischen Rechtsextremismus. Stuttgart 2007 (Soviet and post-Soviet Politics and Society; 59), ISBN 3-89821-813-9
  • Assen Ignatow: Der „Eurasismus“ und die Suche nach einer neuen russischen Kulturidentität: Die Neubelebung des „Evrazijstvo“-Mythos. Köln 1992 (Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche Studien; 15)
  • Marlène Laruelle: Russian Eurasianism: An Ideology of Empire. Johns Hopkins University Press 2008, ISBN 978-0-8018-9073-4
  • Stefan Widerkehr: Die eurasische Bewegung. Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration der Zwischenkriegszeit und im postsowjetischen Russland. Böhlau Verlag 2007, ISBN 978-3-412-33905-0

Sammelbandbeiträge[Bearbeiten]

  • Bruno Naarden: ‘I am a Genius but not more than that.’ Lev Gumilëv (1912-1992), ethnogenesis, the Russian past and World History. in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas. N.F. 44 (1996), S. 54-82.
  • Mark J. Sedgwick: Neo-Eurasianism in Russia. Kapitel in: Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century. Oxford University Press, 2004, ISBN 0-19-515297-2, S. 221-240

Artikel in Fachzeitschriften[Bearbeiten]

  • Marlène Laruelle: Lev Nikolaevic Gumilev (1912-1992): biologisme et eurasisme dans la pensée russe. in: Études slaves. 72 (2000), S. 163-189.
  • Leonid Luks: Der „dritte Weg“ der „neo-eurasischen“ Zeitschrift „Ėlementy“ - zurück ins Dritte Reich? in: Studies in East European Thought 52/2000, S. 49–71.
  • Sergei Panarin & Viktor Shnirelman: Lev Gumilev: his pretensions as a founder of ethnology and his Eurasian theories. in: Inner Asia. 3 (2001), S. 1-18.
  • Anton Shekhovtsov & Andreas Umland: Is Aleksandr Dugin a Traditionalist? „Neo-Eurasianism“ and Perennial Philosophy. Russian Review, Vol. 68, No. 4 (Oktober 2009), S. 662-678.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Andreas Umland: Der „Neoeurasismus“ im außenpolitischen Denken Russlands. In: e-politik.de, 10. März 2009. Abgerufen am 30. Juni 2012
  2. a b Stefan Wiederkehr: »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins. In Markus Kaiser: Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, S. 125–138, auf S. 127.
  3. Trubezkoj: »Ewropa i tschelowetschestwo« (1920). In: Nasledije Tschingis-Chana (Das Erbe des Tschingis-Khans). Agraf, Moskau 1999, S. 29–90, auf S. 90. Zitiert nach Stefan Wiederkehr: »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins. In Markus Kaiser: Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, S. 125–138, auf S. 128.
  4. Jean-Marie Chauvier: Die Wiederentdeckung Eurasiens. in: Le Monde diplomatique, 13. Juni 2014.
  5. Mark J. Sedgwick: Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century, Oxford University Press 2004, S. 221-240
  6. Stefan Wiederkehr: »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins. In Markus Kaiser: Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, S. 125–138, auf S. 128.
  7. Mehmet Ulusoy: “Rusya, Dugin ve‚ Türkiye’nin Avrasyacılık stratejisi” Aydınlık 5. Dezember 2004, S. 10-16
  8. Şener Üşümezsoy: "Türk Süperetnosu ekümeni ve dünya sistemi" in Türk Solu Nr. 127 19. Februar 2007