Europäische Sprachen

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Europäische Sprachen

Die wissenschaftliche Untersuchung der europäischen Sprachen ist Gegenstand der Eurolinguistik. Europa wird dabei je nach Autor auf dreierlei Art und Weise verstanden:

  • politisch (Sprachen der EU – diese Definition wird gern bei sprachpolitischen Arbeiten zu Grunde gelegt, z. B. Ahrens 2003, Kraus 2004)
  • geographisch (vom Atlantik zum Ural, z. B. Haarmann 1993, Brendler/Brendler 2007, Abbe et al. 2011)
  • kulturanthropologisch (Sprachen des Kulturkreises, der im Wesentlichen auf dem römisch-griechischen und dem christlichen Erbe beruht; dabei wird vor allem gedacht an den Gebrauch des lateinischen Alphabets, die weströmische Variante des Christentums samt seiner Entwicklung in der Reformation und Gegenreformation, die Trennung von Staat und Kirche, das Rechtswesen, die gemeinsame Geschichte der Künste und des Bildungswesens, z. B. der Universität – diese Definition wird etwa von Samuel Huntington (1996: 45 ff.) und Helmut Schmidt (2000: 207 ff.) zu Grunde gelegt)

Die Entscheidung für eine dieser Europa-Definitionen hat Auswirkungen auf die Anzahl der zum Untersuchungsgegenstand zu zählenden Sprachen. Insbesondere die kulturanthropologische Definition schließt einen Großteil der südost- und osteuropäischen, überwiegend slawischen Sprachen aus, was zu rein sprachwissenschaftlich nur schwer zu rechtfertigenden harten Schnitten durch Dialektkontinua beispielsweise an der Ostgrenze Polens oder im ehemaligen Jugoslawien führt.[1] Dennoch orientieren sich relevante eurolinguistische Publikationen (z. B. Grzega 2006) an der kulturanthropologischen Europa-Definition, weswegen diese auch für den vorliegenden Artikel aufgegriffen wird.

Liste europäischer Sprachen[Bearbeiten]

Siehe Liste von Sprachen in Europa (im geographischen Sinne), Amtssprachen der Europäischen Union.

Merkmale europäischer Sprachen[Bearbeiten]

Die folgenden Anmerkungen beziehen sich auf Europa im kulturanthropologischen Sinne.

Lautliche Merkmale[Bearbeiten]

Die Lautsysteme der einzelnen europäischen Sprachen sind sehr verschieden. Sie lassen sich eher durch das Fehlen von Merkmalen gemeinsam charakterisieren, z. B. durch das Fehlen von Klicklauten.[2]

Grammatikalische Merkmale[Bearbeiten]

Historisch gesehen gehen die europäischen Sprachen hauptsächlich auf zwei Sprachfamilien zurück, nämlich die indogermanischen Sprachen und die uralischen Sprachen. Aus gegenwärtiger Perspektive lässt sich bei Vergleich der europäischen Sprachen die Konzentrierung gewisser Sprachmerkmale auf einen Sprachbund feststellen. Dieser Sprachbund wird als Standard Average European bezeichnet und umfasst folgende Merkmale:[3]

  • die Unterscheidung zwischen einem bestimmten und einem unbestimmten Artikel
  • die Möglichkeit einer Vergangenheitsform mit „haben“
  • die Bildung des Passivs durch Hilfswort und Partizip der Vergangenheit, wobei das Objekt der Handlung zum Subjekt des Passivsatzes wird
  • die Möglichkeit der Suffigierung zur Bildung des Komparativs
  • die Möglichkeit der Bildung von Relativsätzen mit einem flexiblen Relativpronomen

Wortschatzmerkmale[Bearbeiten]

Die drei Verkehrssprachen in der europäischen Sprachgeschichte – Latein, Französisch, Englisch – haben auch im Wortschatz der europäischen Sprachen deutliche Spuren hinterlassen.[4]

Siehe auch Internationalismus (Sprache).

Kommunikationsmuster[Bearbeiten]

Typische gemeinsame Kommunikationsmuster europäischer Sprachen sind folgende:[5]

  1. Anredeformen werden in der Regel reziprok gebraucht (anders als etwa in asiatischen Kulturräumen).
  2. Grußformeln[6] beinhalten oft Wünsche für eine gute Zeit, Gesundheit und Glück. Auch die Frage nach der Gesundheit wird gerne als bloße Grußformel verwendet. (Der Wunsch für Frieden, wie er in arabischen und asiatischen Kulturen zu finden ist, ist im europäischen Kulturkreis unüblich.)
  3. Häufige Small-Talk-Themen sind Reisen, Fußball, Hobbys, die (zum großen Teil amerikanische) Unterhaltungsindustrie und das Wetter.
  4. Bei Bitten[7] wird ein bloßer Imperativ meist vermieden, z. B. zu Gunsten von Fragen, Wendungen mit Modalhilfsverben, dem Konjunktiv, bestimmten Adverbien.
  5. Wenn man Nein sagt, erfolgt ein „Nein“ meist in Kombination mit einer Entschuldigung oder einer Erklärung. (Im ostasiatischen Raum gilt das Wort für „Nein“ als unhöflich).
  6. Komplimente kann man in Europa geben für Kleidung, Aussehen, Essen, Angebote und Raumausstattung.

Sprach- und Kulturgeschichte[Bearbeiten]

Die folgenden Anmerkungen beziehen sich auf Europa im kulturanthropologischen Sinne.

Verkehrssprachen[Bearbeiten]

Europas Geschichte ist durch drei Verkehrssprachen oder Linguae francae gekennzeichnet: Latein (abnehmend seit dem späten Mittelalter bis 1867, als Ungarn als letztes Land Latein als Amtssprache aufgibt), Französisch (vom Endes des Dreißigjährigen Krieges 1648 bis zum Versailler Vertrag 1918), Englisch (seit 1918).[8]

Wörterbücher[Bearbeiten]

Im Mittelalter gab es noch keine streng alphabetisch geordneten Wörterbücher; dies beginnt erst im späten 15. Jahrhundert nach der Einführung der Druckerpresse.[9]

Sprache und Identität, Sprachpolitik[Bearbeiten]

Das abendländische Europa definierte sich im Mittelalter über die Begriffe Christianitas und Latinitas. Erst mit dem Aufkommen eines Nationalgefühls setzt man sich auch mit den einzelnen Volkssprachen auseinander. Diese führte zu Standardisierungs- bzw. Normierungsdiskussionen und zur Gründung einer Reihe von Sprachakademien: 1582 Accademia della Crusca in Florenz, 1617 Fruchtbringende Gesellschaft, 1635 Académie française in Paris, 1713 Real Academia de la Lengua in Madrid.[10]

In einigen Ländern sind im Laufe der Zeit sogar Sprachgesetze verkündigt worden, z. B. in Frankreich das Edikt von Villers-Cotterêts 1239, das Französisch zur alleinigen Urkundensprache bestimmte, und die Loi Toubon 1991, die sich gegen Anglizismen wendet.

In der Europäischen Union (EU) sind heute alle nationalen Amtssprachen auch EU-Amtssprachen. Sie sollen in der EU gleichberechtigt als Fremdsprachen erlernt[11] und zur Kommunikation mit den EU-Institutionen verwendet werden können[12]. Zusätzlich stärkt die Charta der Regional- und Minderheitensprachen Sprachen ohne Amtssprachenstatus.[13]

Siehe auch Amtssprachen der Europäischen Union und Regional- und Minderheitensprachen in Europa

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Abbe et al.: Bibliographie Europäische Sprachwissenschaft. 50 Bde. Edition Loges, Hamburg 2011.
  • Rüdiger Ahrens (Hrsg.): Europäische Sprachenpolitik/European Language Policy. Winter, Heidelberg 2003.
  • R. E. Asher et al. (Hrsg.): The Encyclopedia of Language and Linguistics. Pergamon, Oxford 1994.
  • Roger Axtell: Do’s and Taboos Around the World. Benjamin, White Plains 1993.
  • Andrea Brendler / Silvio Brendler: Europäische Personennamensysteme. Ein Handbuch von Abasisch bis Zentralladinisch. Baar, Hamburg 2007.
  • Jasone Cenoz, Jose F. Valencia: Cross-Cultural Communication and Interlanguage Pragmatics: American vs. European Requests. In: Journal of Pragmatics. vol. 20 (1996): S. 41–54.
  • Peter Collett: Foreign Bodies: A Guide to European Mannerisms. Simon & Schuster, London 1991.
  • Gyula Décsy: Die linguistische Struktur Europas: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Harrassowitz, Wiesbaden 1973.
  • Manfred Görlach (Hrsg): English in Europe. Oxford University Press, Oxford 2002.
  • Joachim Grzega: EuroLinguistischer Parcours: Kernwissen zur europäischen Sprachkultur. IKO, Frankfurt 2006, ISBN 3-88939-796-4 (rezensiert von Norbert Reiter hier (PDF; 190 kB) und von Uwe Hinrichs hier; PDF; 217 kB).
  • Harald Haarmann: Soziologie und Politik der Sprachen Europas. dtv, München 1975.
  • Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift. 2. Auflage. Campus, Frankfurt (Main)/New York 1991.
  • Harald Haarmann: Die Sprachenwelt Europas: Geschichte und Zukunft der Sprachnationen zwischen Atlantik und Ural. Campus, Frankfurt (Main) 1993.
  • Harald Haarmann: Das Sprachenmosaik Europas, Europäische Geschichte Online, hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2011, Zugriff am: 10. August 2011.
  • Haselhuber, Jakob: Mehrsprachigkeit in der Europäischen Union. Peter Lang, Frankfurt (Main) 2012
  • Martin Haspelmath: The European Linguistic Area: Standard Average European. In: Martin Haspelmath et al. (Hrsg.): Language Typology and Language Universals. Band 1, de Gruyter, Berlin 2001, S. 1492–1510.
  • Martin Haspelmath et al. (Hrsg.): The World Atlas of Language Structures. Oxford University Press, Oxford 2005.
  • Bernd Heine, Tania Kuteva: The Changing Languages of Europe. Oxford University Press, New York/Oxford 2006.
  • Leo Hickey, Miranda Stewart (Hrsg.): Politeness in Europe. Multilingual Matters, Clevedon etc. 2005.
  • Uwe Hinrichs: Doppelrezension: EuroLinguistischer Parcours (von Joachim Grzega) und The Changing Languages of Europe (von Bernd Heine und Tania Kuteva). In: Journal for EuroLinguistiX. 3 (2006): 20–30 (PDF; 217 kB).
  • Peter A. Kraus: Europäische Öffentlichkeit und Sprachpolitik: Integration durch Anerkennung. Campus, Frankfurt (Main)/New York.
  • Kruse, Jan: Das Barcelona-Prinzip. Die Dreisprachigkeit aller Europäer als sprachenpolitischer Ziel der EU. Peter Lang, Frankfurt (Main) 2012
  • Ernst Lewy: Der Bau der europäischen Sprachen. Niemeyer, Tübingen 1964.
  • Desmond Morris et al. (1979): Gestures: Their Origins and Distribtions. Stein & Day, New York.
  • Terri Morrison et al.: Kiss, Bow, or Shake Hands: How to Do Business in Sixty Countries. Adams Media, Holbrook 1994.
  • Baldur Panzer: Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Wortschatz europäischer Sprachen. In: Werner Besch et al. (Hrsg.): Sprachgeschichte. Band 2, Lang, Frankfurt (Main) 2000, S. 1123–1136.
  • Robert Phillipson: English-Only Europe? Challenging Language Policy. Routledge/London, 2003.
  • Siegfried Piotrowski, Helmar Frank (Hrsg.): Europas Sprachlosigkeit: Vom blinden Fleck der European Studies und seiner eurologischen Behebung. KoPäd, München 2002.
  • Glanville Price: Encyclopedia of the Languages of Europe. Blackwell, Oxford 1998.
  • Peter Rehder: Das Slovenische. In: Peter Rehder (Hrsg.): Einführung in die slavischen Sprachen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998.
  • Helmut Schmidt: Die Selbstbehauptung Europas: Perspektiven für das 21. Jahrhundert. Deutsche Verlangs-Anstalt, Stuttgart/München 2000.
  • Miquel Siguan: Europe and the Languages. 2002, English internet version of the book L’Europa de les llengües. edicions 62, Barcelona.
  • Bernd Spillner: Die perfekte Anrede: Schriftlich und mündlich, formell und informell, national und international. Moderne Industrie, Landsberg (Lech).
  • M. Stephens: Linguistic Minorities in Western Europe. Llandysul 1976.
  • Anna Trosborg: Interlanguage Pragmatics: Requests, Complaints and Apologies. Mouton de Gruyter, Berlin/New York 1995.
  • Jan Wirrer (Hrsg.): Minderheitensprachen in Europa. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2000.
  • Jan Wirrer: Staat – Nation – Sprache, eine Gleichung, die – fast – aufgeht: Minderheiten- und Regionalsprachen in Europa. In: Dieter Metzing (Hrsg.): Sprachen in Europa: Sprachpolitik, Sprachkontakt, Sprachkultur, Sprachentwicklung, Sprachtypologie. Aisthesis, Bielefeld 2003, S. 21–52.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. Hinrichs 2006.
  2. Zur lautlichen Charakterisierung europäischer Sprachen vgl. Grzega 2006, Asher 1994, Price 1998.
  3. Vgl. dazu Haspelmath 2001, Grzega 2006, Heine/Kuteva 2006.
  4. Vgl. hierzu Grzega 2006, Haarmann 1975, Haarmann 1993, Panzer 2000, Görlach 2002.
  5. Vgl. dazu Grzega 2006, Axtell 1993, Collett 1993, Morrison et al. 1994, Hickey/Stewart 2005.
  6. Vgl. hierzu besonders Spillner 2001.
  7. Vgl. hierzu besonders Trosborg 1995, Cenoz/Valencia 1996
  8. Vgl. hierzu Haarmann 1975, Haarmann 1993, Grzega 2006
  9. Vgl. hierzu Haarmann 1975, Haarmann 1993, Grzega 2006
  10. Vgl. dazu Haarmann 1975, Haarmann 1993, Grzega 2006
  11. Vgl. dazu Kruse 2012
  12. Vgl. dazu Haselhuber 2012
  13. Vgl. dazu auch Wirrer 2000 und 2003, Kraus 2004, Ahrens 2003.