Euthyphron-Dilemma

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Das Euthyphron-Dilemma ist ein philosophisches und theologisches Problem, das ansatzweise erstmals von dem griechischen Philosophen Platon in seinem fiktiven, literarisch gestalteten Dialog Euthyphron formuliert wurde.

Problemstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein ausgedrückt geht es um die Frage, ob etwas deswegen ethisch richtig ist, weil es dem Willen einer Gottheit entspricht, oder ob es an und für sich ethisch richtig ist und aus diesem Grund von der Gottheit gewollt wird. Wenn das ethisch Richtige als das Gottgefällige definiert wird, haben Begriffe wie „gut“ und „richtig“ keinen eigenen Inhalt, sondern besagen nur, dass etwas von einer Gottheit gewollt wird. Dann sind alle ethischen Aussagen auf Aussagen über den göttlichen Willen reduzierbar und die Ethik hat keine eigenen Kriterien, nach denen sie etwas beurteilen könnte. In diesem Fall gibt es keine Ethik als eigenständige philosophische Disziplin. Wenn hingegen das ethisch Richtige eigene Merkmale aufweist, aus denen sich seine Definition ergibt, dann ist die Gottgefälligkeit kein Teil der Definition und somit kein Kriterium für ethische Urteile. In diesem Fall existiert eine ethische Norm, an die auch die Gottheit gebunden ist, sofern die Aussage „Gott ist gut“ bzw. „Die Götter sind gut“ zutreffen soll. Dadurch erscheint diese Norm als höchste Instanz, die sogar dem göttlichen Willen übergeordnet ist. Das ist mit manchen theologischen Lehren nicht vereinbar.[1]

Die Erörterung im Euthyphron[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Platons Dialog Euthyphron versuchen die Gesprächspartner, der Philosoph Sokrates und sein betont religiöser Mitbürger Euthyphron, das Wesen der Frömmigkeit zu bestimmen. Der Begriff τὸ ὅσιον (to hósion) bezeichnet „das Fromme“, das heißt das Richtige oder Pflichtgemäße. Ein Definitionsvorschlag Euthyphrons lautet: „Was also den Göttern lieb ist, ist fromm; was nicht lieb, ruchlos.“[2] Diese Definition wird auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft und dahingehend präzisiert, dass das, was alle Götter lieben, das Fromme ist.[3] Sie erweist sich aber als unzulänglich. Sokrates wendet ein: „Bedenke dies: Wird das Fromme von den Göttern geliebt, weil es fromm ist, oder ist es fromm, weil es geliebt wird?“[4] Er vertritt die Auffassung, dass das Fromme nicht mit dem Gottgeliebten gleichgesetzt werden dürfe; etwas sei gottgeliebt, weil es von den Göttern geliebt wird, das Fromme hingegen werde von ihnen geliebt, weil es fromm ist. Die Feststellung, das Fromme werde von den Göttern geliebt, sei keine Aussage über das Wesen des Frommen, sondern nur über das, was mit dem Frommen geschieht. Euthyphron habe also nichts darüber ausgesagt, was das Fromme ist. Euthyphron sieht das ein.

Über die Schlüssigkeit einzelner Teile der von Sokrates vorgetragenen Argumentation gehen in der Forschung die Meinungen auseinander; überwiegend wird die Auffassung vertreten, sie sei als Ganzes nicht schlüssig.[5]

Die Auffassungen, die Platon in seinen Dialogen von seinem Lehrer Sokrates vertreten lässt, können – soweit sie nicht ironisch, sondern ernst gemeint sind – als Ausdruck seiner eigenen Position betrachtet werden. Somit war Platon der Überzeugung, das ethisch Richtige – das „Fromme“ – könne nicht in Abhängigkeit von der Einstellung der Götter definiert werden. Für Platon gab es kein „Euthyphron-Dilemma“, sondern nur eine Frage, die er in dem Dialog klar beantworten ließ. Ein Dilemma wurde daraus erst viel später in der christlichen Theologie, als sich zeigte, dass die Autonomie der Ethik mit manchen theologischen Vorstellungen schwer zu vereinbaren ist.[6]

Der Diskurs in der Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Augustinus von Hippo, Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin fassten das Euthyphron-Dilemma als falsches Dilemma auf, da es nach ihrer Sicht eine dritte, plausible Option außer Acht lässt: Das Gott von seinem innersten Wesen her gut ist und sich darum weder einer höheren Moral unterordnen noch eine beliebige Moral "erfinden" muss.[7]

Im Mittelalter wurde das Problem von katholischen Theologen erörtert, allerdings ohne Bezugnahme auf den Dialog Platons, denn dieser war damals in der lateinischsprachigen Gelehrtenwelt völlig unbekannt. Der spätmittelalterliche Theologe Heinrich von Gent war der Ansicht, Gottes Wille sei frei im Sinne von grundlos. Demnach gibt es dafür, dass Gott etwas will, keinen anderen Grund als den Willen selbst; die Güte des Willensobjekts ist nicht der Grund dafür, dass es von Gott gewollt ist. Diese Position wird „theologischer Voluntarismus“ genannt. Inwieweit Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham Voluntaristen waren, ist in der Forschung strittig.[8]

In der Frühen Neuzeit setzte sich die Auseinandersetzung mit dem Problem fort. René Descartes vertrat nachdrücklich die voluntaristische Auffassung. Nicolas Malebranche und Gottfried Wilhelm Leibniz widersprachen ihm; nach ihrer Meinung zählt das moralisch Gute ebenso wie mathematische Gegebenheiten zu den ewigen Wahrheiten, die nicht von Gottes Willen abhängen, sondern notwendigerweise so sind wie sie sind.[9]

Auch im modernen religionsphilosophischen, theologischen und religionskritischen Diskurs wird gefragt, ob das moralisch Gute deswegen von Gott befohlen wird, weil es das moralisch Gute ist, oder ob es deswegen moralisch gut ist, weil es von Gott befohlen wird. Die letztgenannte Position ist unter der Bezeichnung „Divine Command Theory“ bekannt, die andere wird „Natural Law Theory“ genannt. Nachdem Philip Quinn 1978 seine Verteidigung der Divine Command Theory publiziert hat,[10] ist eine neue Debatte in Gang gekommen, die weiterhin andauert.[11]

In seiner 1927 erschienenen Schrift Why I am not a Christian (Warum ich kein Christ bin) verwendete Bertrand Russell das Dilemma als Argument gegen eine theistische Moralbegründung. Nach seiner Argumentation ist unter der Voraussetzung, dass es einen Unterschied zwischen moralisch Falschem und Richtigem gibt, zu fragen, ob dieser Unterschied aufgrund von Gottes Geboten entsteht oder nicht. Im ersteren Fall besteht für Gott selbst kein Unterschied zwischen Gut und Böse. Dann ist die Aussage, Gott sei gut, nicht sinnvoll. Hält man aber an dieser Aussage fest, so muss man akzeptieren, dass Falsch und Richtig eine Bedeutung haben, die von Gottes Geboten unabhängig ist. Dann sind Gottes Gebote unabhängig von der Tatsache, dass er sie geschaffen hat, als gut zu bewerten. Bei dieser Annahme muss man aber zugeben, dass Falsch und Richtig nicht durch Gott entstanden sind, sondern ihm in ihrem Wesen logisch vorausgingen.[12]

Auch Michael Schmidt-Salomon argumentierte in einer Debatte mit dem Religionsphilosophen und Professor für Philosophie William Lane Craig anhand des Euthyphron-Dilemmas gegen eine theologische Moralbegründung. Er befasst sich mit den Konsequenzen der Behauptung, Gottes Gebote seien deshalb gut, weil sie von Gott ausgehen. In diesem Fall ist zu fragen, ob es moralisch gerechtfertigt wäre, Kinder zu foltern oder zu ermorden, wenn Gott ein entsprechendes Gebot aufstellte. Nach Schmidt-Salomons Überlegung bringt diese Fragestellung den Gläubigen in ein ethisches Dilemma: Wenn er die These aufgibt, Werte seien über Gottes Gebote begründet, kann er in einen Konflikt mit seinem Glauben geraten. Wenn er das nicht will, muss er akzeptieren, dass Gottes Gebote auch dann noch gültig sind, wenn sie offensichtlich Inhumanes einfordern. Falls der Gläubige behauptet, dass ein allgütiger Gott niemals grausame Gebote erlassen würde, zeigt er damit, dass er über eigene moralische Standards verfügt, anhand derer er selbst Gottes Güte beurteilt.[13]

In jüngster Zeit haben Religionsphilosophen William Lane Craig die Argumentation von Augustinus, Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin wieder aufgegriffen und im Rahmen der analytischen Philosophie untersucht und verteidigt[14], beispielsweise auch in der Debatte mit Michael Schmidt-Salomon.[15]

Quellensammlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Janine Idziak (Hrsg.): Divine Command Morality: Historical and Contemporary Readings. Mellen, New York 1979, ISBN 978-0-8894-6969-3 (Sammlung von Stellungnahmen von Verteidigern und Gegnern der Theorie)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersichtsdarstellungen

  • Kurt Bayertz: Warum überhaupt moralisch sein? Beck, München 2004, ISBN 3-406-52196-7, S. 75–93
  • John E. Hare: Divine Command. In: Hugh LaFollette (Hrsg.): The International Encyclopedia of Ethics. Band 3, Wiley-Blackwell, Malden 2013, ISBN 978-1-4051-8641-4, S. 1426–1435
  • Christian Miller: Euthyphro Dilemma. In: Hugh LaFollette (Hrsg.): The International Encyclopedia of Ethics. Band 3, Wiley-Blackwell, Malden 2013, ISBN 978-1-4051-8641-4, S. 1785–1791
  • Peter Vardy: Das Rätsel von Übel und Leid. Don Bosco Verlag, München 1998, ISBN 3-7698-1088-0, S. 82–89

Platons Erörterung

  • John H. Brown: The Logic of the Euthyphro 10A–11B. In: The Philosophical Quarterly Bd. 14 Nr. 54, 1964, S. 1–14
  • Sheldon Marc Cohen: Socrates on the Definition of Piety: Euthyphro 10A–11B. In: Rachana Kamtekar (Hrsg.): Plato’s Euthyphro, Apology, and Crito. Critical Essays. Rowman & Littlefield, Lanham 2005, ISBN 0-7425-3324-7, S. 35–48
  • Louis-André Dorion: Platon: Lachès, Euthyphron. Traduction inédite, introduction et notes. Flammarion, Paris 1997, ISBN 2-08-070652-7, S. 323–334
  • John C. Hall: Plato: Euthyphro 10a1–11a10. In: The Philosophical Quarterly Bd. 18 Nr. 70, 1968, S. 1–11
  • Thomas D. Paxson: Plato’s Euthyphro 10 a to 11 b. In: Phronesis 17, 1972, S. 171–190
  • Laszlo Versényi: Holiness and Justice. An Interpretation of Plato’s Euthyphro. University Press of America, Washington D.C. 1982, ISBN 0-8191-2317-X, S. 70–77, 86f.

Moderner Diskurs

  • Paul Helm (Hrsg.): Divine Commands and Morality. Oxford University Press, Oxford 1981, ISBN 0-19-875049-8
  • Murray Macbeath: The Euthyphro Dilemma. In: Mind 91, 1982, S. 565–571
  • Philip L. Quinn: Divine Command Theory. In: Hugh LaFollette (Hrsg.): The Blackwell Guide to Ethical Theory. Blackwell, Malden/Oxford 2000, ISBN 0-631-20118-1, S. 53–73

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siehe dazu die einführende Darstellung von Kurt Bayertz: Warum überhaupt moralisch sein?, München 2004, S. 76–84.
  2. Platon, Euthyphron 6e–7a.
  3. Platon, Euthyphron 9e.
  4. Platon, Euthyphron 10a.
  5. Siehe dazu Louis-André Dorion: Platon: Lachès, Euthyphron. Traduction inédite, introduction et notes, Paris 1997, S. 323–334; Laszlo Versényi: Holiness and Justice. An Interpretation of Plato’s Euthyphro, Washington D.C. 1982, S. 70–77, 86f.; Thomas D. Paxson: Plato’s Euthyphro 10 a to 11 b. In: Phronesis 17, 1972, S. 171–190; Robert G. Hoerber: Plato’s Euthyphro. In: Phronesis 3, 1958, S. 95–107, hier: 102–104; John H. Brown: The Logic of the Euthyphro 10A–11B. In: The Philosophical Quarterly Bd. 14 Nr. 54, 1964, S. 1–14; John C. Hall: Plato: Euthyphro 10a1–11a10. In: The Philosophical Quarterly Bd. 18 Nr. 70, 1968, S. 1–11.
  6. Siehe dazu Maximilian Forschner: Platon: Euthyphron. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2013, S. 132–137.
  7. Katherin A. Rogers, "Anselm on Freedom". Oxford University Press (2008), ISBN 978-0-19-923167-6
  8. Siehe zum mittelalterlichen Diskurs Jan Rohls: Geschichte der Ethik, Tübingen 1991, S. 166–169; Thomas Williams: The Franciscans. In: Roger Crisp (Hrsg.): The Oxford Handbook of the History of Ethics, Oxford 2013, S. 167–183, hier: 176–181.
  9. Maria Rosa Antognazza: Rationalism. In: Roger Crisp (Hrsg.): The Oxford Handbook of the History of Ethics, Oxford 2013, S. 312–336, hier: 314–318, 320–324.
  10. Philip Quinn: Divine Commands and Moral Requirements, Oxford 1978.
  11. Siehe dazu die Übersichten von John E. Hare: Divine Command. In: Hugh LaFollette (Hrsg.): The International Encyclopedia of Ethics, Bd. 3, Malden 2013, S. 1426–1435 und Christian Miller: Euthyphro Dilemma. In: Hugh LaFollette (Hrsg.): The International Encyclopedia of Ethics, Bd. 3, Malden 2013, S. 1785–1791.
  12. Bertrand Russell: Why I Am Not a Christian, New York 1957, S. 12.
  13. Mitschrift von Schmidt-Salomons Beitrag in der Debatte mit William Lane Craig, Düsseldorf, 2005 [1]
  14. William P. Alston, "What Euthyphro should have said". In: William Lane Craig, "Philosophy of Religion: A Reader and Guide", (2002) ISBN 978-0813531212
  15. William Lane Craigs Antwort auf die Anmerkungen von Michael Schmidt-Salomon [2]