Evangelische Brüdergemeinde Korntal

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Evangelische Brüdergemeinde Korntal
Logo-EBK.svg
Rechtsform KdöR
Gründung 1819
Sitz Korntal-Münchingen, Deutschland
Personen Klaus Andersen (Vorsteher), Jochen Hägele (Geistlicher Vorsteher)
Aktionsraum Baden-Württemberg
Schwerpunkt Gemeindearbeit und Diakonie
Motto Gemeinde auf dem Weg – Das sind wir – das wollen wir
Website www.bruedergemeinde-korntal.de

Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal ist eine selbständige christliche Gemeinde, die als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Kooperation mit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg seit 1819 in Korntal bei Stuttgart besteht. Zur Gemeinde gehören mehrere diakonische Einrichtungen sowie Wirtschaftsbetriebe.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Großer Betsaal, Gotteshaus der Brüdergemeinde
Der Saalgarten hinter dem Großen Betsaal

Um 1800 gerieten Christen des Pietismus durch die in die Kirche hineinwirkende Aufklärung in schwere Gewissensnöte. Herzog Friedrich II. von Württemberg setzte die neue Richtung in der Kirche mit allen Mitteln durch: Gesangbuch und kirchliche Ordnungen für Taufe und Abendmahl wurden den Gedanken der Aufklärung entsprechend abgeändert. Landesbürger evangelischer Konfession wurden auch mit Geld- und Körperstrafen gezwungen, die neuen Ordnungen anzunehmen. Beamte und Pfarrer, die nicht scharf genug vorgingen, erfuhren „allerhöchste Missbilligung“ oder wurden abgesetzt. Als in den Hungerjahren 1816/17 eine riesige Auswanderungswelle einsetzte, verließen auch zahlreiche Pietisten das Land. In dieser Situation reichte der Leonberger Notar und Bürgermeister Gottlieb Wilhelm Hoffmann am 28. Februar 1817 eine Eingabe ein, in der er dem König die Bitte unterbreitete, die Auswanderung durch Gründung unabhängiger religiöser Gemeinden innerhalb der Grenzen des Landes einzudämmen.[2] Nach vielen Verhandlungen entsprach König Wilhelm I. von Württemberg am 1. Oktober 1818 dem Vorschlag Hoffmanns.[3] 1819 unterzeichnete er die Fundationsurkunde für die Bildung einer Brüdergemeinde auf der Markung Korntal. Inhalt dieser Urkunde war die Erlaubnis, dass sich in der neuen Gemeinde Familien aus Württemberg niederlassen könnten, die in ihrer Religionsausübung frei sein sollten. Das Augsburger Bekenntnis war die Grundlage ihrer religiösen Überzeugung. Im Laufe des Jahres 1819 zogen 68 Familien nach Korntal. Gottlieb Wilhelm Hoffmann gab seine Ämter in Leonberg auf und wurde Vorsteher der Korntaler Gemeinde. Sein Anliegen war der Aufbau einer Gemeinde nach dem Vorbild der neutestamentlichen Gemeinden.

Nach Korntal zuziehen konnten zunächst nur Mitglieder der Brüdergemeinde. Mit der Gründung des Deutschen Reichs 1871 wurden die Korntaler Sonderrechte zum Großteil aufgehoben, das heißt, es konnten dann auch Nichtmitglieder der Brüdergemeinde zuziehen. So entwickelte sich stetig eine kleine landeskirchliche evangelische Gemeinde, die aber zunächst von der Nachbarkirchengemeinde Weilimdorf betreut wurde. Die Gründung einer eigenen landeskirchlichen Kirchengemeinde führte erst in den 1950er Jahren zum Erfolg. Am 23. März 1955 wurde die Evangelische Kirchengemeinde Korntal gegründet, die heute zum Kirchenbezirk Ditzingen gehört. Seit 1955 bestehen somit in Korntal zwei eigenständige kirchliche Körperschaften des öffentlichen Rechts nebeneinander. Die landeskirchliche evangelische Kirchengemeinde erbaute sich 1958 bis 1959 dann die heutige Christuskirche.

Unter der Leitung ihres damaligen Geistlichen Vorstehers Fritz Grünzweig wurde die Verbindung zur württembergischen Landeskirche neu geregelt.[4] Ein Vertrag sieht vor, dass die Mitglieder der Brüdergemeinde zugleich Mitglieder der Landeskirche sind und sich an der Synodalwahl beteiligen können. Wenn sie in Korntal wohnen, zahlen sie keine Kirchensteuer, sondern einen Beitrag direkt an die Gemeinde.[5]

Die Gemeinde hat über 1.500 Mitglieder, zu der mehrere diakonische Einrichtungen sowie Wirtschaftsbetriebe mit über 500 Angestellten gehören. Vorsteher der Gemeinde ist seit November 2011 Klaus Andersen, der Dieter Messner (1947–2016) nach 20 Jahren in diesem Ehrenamt ablöste. Geistlicher Vorsteher ist Pfarrer Jochen Hägele.[1][6]

Gemeindeordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grundordnung von 1819 formuliert: „Es ist das Bestreben der Brüdergemeinde, eine brüderliche und tätige Gemeinschaft zu sein, die der Urgemeinde möglichst ähnlich ist, zu einer persönlichen Entscheidung für Christus ruft, das Priestertum aller Gläubigen verwirklicht, die anvertrauten Werke der Liebe verwaltet und fördert und für den wiederkommenden Herrn bereit ist. Sie weiß sich mit allen im Glauben verbunden, die sich zu Jesus Christus als ihrem Herrn bekennen.“

Das Gemeindeleben wird von folgenden Grundgedanken geprägt:

  • die Notwendigkeit einer persönlichen Hinwendung zu Jesus Christus
  • die Bedeutung des geistlichen Wachstums in der Nachfolge Jesu, welches durch die Beschäftigung mit der Bibel, die Gemeinschaft der Gemeindegliedern im Abendmahl und Gebet gefördert wird
  • die durch Jesus Christus geschaffene Gemeinschaft mit einem geistlichen Klima der Offenheit und des Vertrauens
  • die seelsorgerliche Verantwortung füreinander, die in gegenseitiger Ermutigung und Ermahnung durch Gottes Wort sichtbar wird
  • der evangelistische und diakonische Lebensstil, durch den andere Menschen ganzheitlich von Jesus Christus und seiner Botschaft erfahren
  • die biblisch begründete Hoffnung auf das ewige Leben und die Wiederkunft Jesu Christi
  • die heilsgeschichtliche Bedeutung des Volkes Israel in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
  • die Form eines gemeinschaftsorientierten Gottesdienstes, in dem die Vielfalt der Gaben in der Einheit zum Ausdruck kommt
  • die Glaubenstaufe oder Säuglingstaufe, der Glaubens- oder Konfirmandenunterricht
  • die Abendmahls-, die Begräbnis- und Auferstehungsfeiern nach den besonderen Gemeindeformen

Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hoffmannhaus
Die Johannes-Kullen-Schule
Das Flattichhaus

Gemeindearbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemeinde wird vom Brüdergemeinderat geleitet. Ihm gehören nur Männer an. Neben musikalischen Veranstaltungen bestehen etwa 40 Hauskreise.

Diakonische Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Verbesserung der finanziellen Situation wurden eine Reihe von diakonischen Einrichtungen gegründet:

  • 1819 wurde das Knabeninstitut (Höhere Schule und Heim) eingerichtet und 1821 eine ebensolche Einrichtung für Mädchen. Die Schulen wurden später in staatliche Hände übergeben und die Heime aufgegeben.
  • Kindergärten: Kindergarten Gartenstraße; Wilhelm-Götz-Kindergarten

Jugendhilfe

  • 1822/23 entstand das Hoffmannhaus Korntal auf persönliche Initiative Hoffmanns
  • 1827 wurde das „Kleinkinderheim“ Flattichhaus für die noch nicht schulpflichtigen Kinder eingerichtet.
  • Hoffmannhaus Wilhelmsdorf
  • Johannes-Kullen-Schule
  • Familienzentrum
  • 1831 entstand in Korntal ein Witwenhaus, welches später in das Altenzentrum der Brüdergemeinde überging.

Gottlieb-Wilhelm-Hoffmann-Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In diesem Bereich werden die mehr wirtschaftlichen Geschäftsbetriebe der Gemeinde zusammengefasst. Diese sind:

  • Landschloss Korntal
  • Israelladen
  • Gemeindegalerie

Orientierungsjahr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für junge Menschen in der Berufsfindungsphase wurde ein Orientierungsjahr als eine 10-monatige Begleitung mit biblischem Unterricht, Betriebspraktika, Gemeindemitarbeit und evangelistischen Einsätzen eingerichtet.

Tochtergemeinde Wilhelmsdorf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der König wollte die Ausbreitung der Gemeinde nur dann erlauben, wenn ein nationaler Zweck damit verbunden war. So entstand 1826 in Wilhelmsdorf ein landwirtschaftliches Großprojekt mit einer lebendigen Zweiggemeinde.

Stiftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter Thomas Woschnitzok, der von 2012 bis 2014 Geschäftsführer der Evangelischen Brüdergemeinde war, wurde 2015 die Stiftung „Zukunft und Leben“ gegründet, deren Führung er übernahm. Die Stiftung soll die Einrichtungen der Diakonie der Brüdergemeinde unterstützen sowie eigene Projekte verfolgen.[7]

Missbrauchsvorwürfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den zwei Kinderheimen der Brüdergemeinde Korntal soll es laut Aussagen von rund 200 ehemaligen Heimkindern in den 1950er bis weit in die 1970er Jahre Misshandlungen in Form von Prügel, psychischer Gewalt sowie sexuellem Missbrauch gegeben haben.[8] Träger dieser Kinderheime ist die Diakonie der Brüdergemeinde. In Folge der Vorwürfe hat die Glaubensgemeinschaft die Landshuter Professorin Mechthild Wolff mit der Aufarbeitung der Fälle beauftragt.[9] Ein Geschädigter versucht derweil auf dem Rechtsweg vor dem Stuttgarter Landgericht eine Entschädigung für das vorgeworfene Unrecht von der Brüdergemeinde zu erstreiten.[10]

Periodika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • AKZENTE, das lebenspraktische Magazin für Mensch und Familie. Erscheinungsweise: halbjährlich.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sixt Karl Kapff: Die württembergischen Gemeinden Kornthal und Wilhelmsdorf, Stuttgart 1839.
  • Johannes Hesse: Korntal einst und jetzt, Verlag D. Gundert, Stuttgart 1910.
  • Fritz Grünzweig: Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal: Weg, Wesen und Werk, Ernst Franz Verlag, Metzingen 1957.
  • Walter Roth: Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal. Ein Gemeindemodell des Pietismus in Württemberg. Idee, Geschichte, Wirklichkeit. Neuhausen/Stuttgart 1994
  • Rolf Scheffbuch: Das Gute behaltet – Aus den Anfängen Korntals. Eigenverlag, 2001
  • Renate Föll: Sehnsucht nach Jerusalem. Zur Ostwanderung schwäbischer Pietisten. Tübingen 2002
  • Rolf Scheffbuch: Nicht aus eigener Kraft – Aus den Anfängen Korntals. Eigenverlag, 2003
  • Eckart zur Nieden: Das Uhrwerk des Meisters. Korntal: eine Geschichte von Aufbruch, Abenteuer und Hoffnung. Brunnen, Gießen 2012, ISBN 978-3-7655-1198-1

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Was für Gemeindeleiter wichtig ist: Liebe, Versöhnung, Erneuerung und Mission, bruedergemeinde-korntal.de, Meldung vom 8. November 2011.
  2. Vgl. Gottlieb Wilhelm Hoffmann, Geschichte und Veranlassung zu der Bitte des Königlichen Notars und Burgermeisters Gottlieb Wilhelm Hoffmanns zu Leonberg, um Erlaubnis zu Gründung und Anlegung Religiöser Gemeinden unabhängig vom Consistorium, mit denen, darauf erfolgten Resolutionen, - dem Plan zur Einrichtung - und dem Glaubensbekenntniß dieser Gemeinden, o. O. 1818, S. 3–6.
  3. Vgl. Gottlieb Wilhelm Hoffmann, Geschichte und Veranlassung zu der Bitte des Königlichen Notars und Burgermeisters Gottlieb Wilhelm Hoffmanns zu Leonberg, um Erlaubnis zu Gründung und Anlegung Religiöser Gemeinden unabhängig vom Consistorium, mit denen, darauf erfolgten Resolutionen, - dem Plan zur Einrichtung - und dem Glaubensbekenntniß dieser Gemeinden, o. O. 1818, S. 95f.
  4. 50 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Korntal, 1955 bis 2005 – Festschrift zum Jubiläum, elk-wue-korntal.de
  5. Fritz Grünzweig: Vermittler zwischen Kirche und Pietismus, idea.de, Meldung vom 6. November 2014.
  6. Der Vorsteher einer ungewöhnlichen Gemeinde ist gestorben, idea.de, Meldung vom 28. Juni 2016.
  7. Thomas Woschnitzok wird Geschäftsführer der Stiftung „Zukunft und Leben“, Gemeindebrief 4/2014, S. 19.
  8. Südwestrundfunk Landesschau AKTUELL: Missbrauchsvorwürfe gegen Brüdergemeinde Korntal – Immer mehr Opfer melden sich, Stand: 15. Dezember 2014, abgerufen am 18. Mai 2015
  9. Stuttgarter Nachrichten: Brüdergemeinde Korntal – Professorin soll Missbrauchsvorwürfe aufarbeiten, 18. Dezember 2014, abgerufen am 18. Mai 2015
  10. Franziska Kleiner und Julia Schweizer: Klage gegen Brüdergemeinde Korntal – Ringen um Wahrheit und Verantwortung. In: Stuttgarter Zeitung. 21. Juli 2014, abgerufen am 18. Mai 2015
  11. AKZENTE, das Magazin der Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal