Evangelium der Frau Jesu

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Papyrusfragment mit dem Evangelium der Frau Jesu.

Das Evangelium der Frau Jesu (englisch Gospel of Jesus’ Wife) ist ein höchst wahrscheinlich gefälschtes Papyrusfragment unbekannter Herkunft. Der Text ist auf Koptisch geschrieben.

Das Fragment erhielt seine Bezeichnung und große mediale Aufmerksamkeit dadurch, dass Jesus darin Bezug nimmt auf „meine Frau“.[1] Ein derart lange nach Jesu Tod abgefasstes Dokument sei allerdings keine zuverlässige historische Quelle für den Zivilstand Jesu, wie die Kirchenhistorikerin Karen L. King (* 1954) erklärte.[2] Sie hatte das Fragment am 18. September 2012 am Internationalen Kongress für koptische Studien in Rom vorgestellt. Sie hielt den Text für eine Übersetzung aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, die einen Originaltext aus dem 2. Jahrhundert wiedergebe. Nach einer Radiokarbondatierung der Universität Harvard und der Woods Hole Oceanographic Institution stammt der Papyrus allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem 8. Jahrhundert (Mittelwert: 741 n. Chr.).[3]

Veröffentlichung[Bearbeiten]

Nach Angabe von King befindet sich der Papyrus in privatem Besitz, wobei der Besitzer nicht genannt werden wolle. King gibt an, der Papyrus sei bereits 1982 von Peter Munro, damals Professor für Ägyptologie an der Freien Universität Berlin, geprüft und für authentisch gehalten worden. Nähere Umstände des Fundes sind nicht bekannt.

Die Herausgeber des Harvard Theological Review wollten den Artikel von Karen L. King aufgrund von Zweifeln an der Echtheit des Papyrus zunächst nicht veröffentlichen, wie 2012 durch Craig A. Evans bekannt wurde.[4] Im April 2014 wurde eine überarbeitete Version des Artikels veröffentlicht, zusammen mit den Ergebnissen weiterer paläographischer und chemischer Analysen.[5]

Beschreibung des Fundes[Bearbeiten]

Von den acht Zeilen haben die Zeilen 4–5 (recto) die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit besonders auf sich gezogen. Sie werden von King wie folgt gelesen (in deutscher Übersetzung):[6]

„… Jesus spricht zu ihnen: Meine Frau … … sie wird für mich Jünger (sic) sein können und …“

Da die Ränder abgebrochen sind, ist unklar, in welchem Zusammenhang diese Worte stehen. Das Fragment hat eine Größe von 7.6 x 3.8 cm, ist an beiden Seiten abgebrochen und enthält Teile von neun Zeilen. Der Text ist im sahidischen Dialekt des Koptischen verfasst. Die Buchstaben auf der Rückseite (verso) sind unleserlich. Im Vergleich zu anderen koptischen Manuskripten, wie beispielsweise den Codices von Nag Hammadi, vermittelt die Schrift den Eindruck, dass der Schreiber ungeübt war. Aufgrund dieser paläographischen Merkmale datiert King den Papyrus auf die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts.[7] Sie geht davon aus, dass der Text ursprünglich im 2. Jahrhundert auf Griechisch verfasst wurde. Sie begründet dies mit der inhaltlichen Verwandtschaft mit dem Thomasevangelium, dem Mariaevangelium und dem Ägypterevangelium.

Argumente für die Unechtheit[Bearbeiten]

Schon 2012 hatten Forscher Zweifel an der Echtheit des Papyrus geäußert.

  • Hugo Lundhaug und Alin Suciu argumentieren, die Form der Buchstaben spreche dafür, dass sie mit einem Pinsel geschrieben wurden. In der Antike wurde Papyrus jedoch mit einem Schreibrohr (Kalamos) beschrieben. Dies spreche für eine moderne Fälschung.[8]
  • Francis Watson untersuchte detailliert die Zitate und Anspielungen aus dem Thomas- und dem Matthäusevangelium. Er kam zu dem Schluss, dass die große Nähe der Texte für eine moderne Fälschung spreche.[9]
  • Der Koptologe Georgeos Díaz-Montexano argumentierte aufgrund von Vergleichen mit echten Papyri, dass es sich mit Sicherheit um eine Fälschung handeln müsse. Die ausgesprochen schlechte Schreibtechnik bzw. die Unregelmässigkeiten im Schreibstil hinterliessen den Eindruck, als hätten mehrere Schreiber die Buchstaben zufällig hintereinander gesetzt. Einige Buchstaben wiesen eine unterschiedliche Form und Strichbreite auf.[10] Diese und weitere Beobachtungen am Text führten ihn zum Schluss, dass der Schreiber weder mit dem koptischen Alphabet noch mit der koptische Grammatik vertraut war.[11] Er wies zudem darauf hin, dass ein koptischer Text aus dem 4. Jahrhundert ungeeignet sei, irgendetwas Verlässliches über den Zivilstand Jesu aussagen zu können.[12]

Die Kritiker, die an der Echtheit des Papyrus zweifelten, sahen ihre Argumentation weiterhin als unwiderlegt an und warfen King vor, sie stelle die Forschungsergebnisse in der Presse einseitig dar. Francis Watson betonte, die Untersuchungen zur Datierung des Papyrus und zur Zusammensetzung der Tinte würden die Debatte nicht voranbringen, und er verweist hierzu auf den Ägyptologen Leo Depuydt von der Brown University (Rhode Island, USA). Denn es sei ohne weiteres möglich, dass ein antiker Papyrus mit einer Tinte beschrieben wurde, wie sie damals verwendet wurde.[13] Depuydt beurteilte das Schriftstück im April 2014 aufgrund seiner sprachlichen und grammatikalischen Analyse als moderne Fälschung.[14]

Anfang Mai 2014 wurden weitere Zweifel an der Echtheit veröffentlicht. King gab an, dass diese ernst zu nehmen seien und in Richtung einer Fälschung wiesen.[15][16] Viele frühere Verteidiger der Echtheit des Textes änderten ihre Meinung, als sich ein zu Vergleichszwecken herangezogener Kodex aus derselben Privatsammlung eindeutig als Fälschung herausstellte.[17][18][19]. Eine Sonderausgabe der New Testament Studies, in der alle Argumente der Kritiker zusammengestellt sind, scheint 2015 die Debatte dahingehend entschieden haben, dass es sich um eine Fälschung handelt.[20]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Spiegel Online: Papyrus aus dem 4. Jahrhundert.Jesus sagte zu ihnen: Meine Ehefrau“, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/papyrus-fragment-was-das-evangelium-von-jesus-frau-bedeutet-a-856697.html Frankfurter Allgemeine Zeitung: Papyrus-Fund. Hatte Jesus eine Ehefrau?, Hatte Jesus eine Ehefrau? FAZ vom 19. September 2012, abgerufen am 20. Oktober 2015.
  2. Joel Baden, Candida Moss: The Curious Case of Jesus’s Wife., In: The Atlantic, Dezember 2014, abgerufen am 4. November 2015: It „dated from too long after Jesus’s death to be considered a reliable historical source.“
  3. Karen L. King: “Jesus said to them, ‘My wife . . .'”: A New Coptic Papyrus Fragment. Harvard Theological Review (107, Nr. 2), 2014, S. 131–159.
  4. http://nearemmaus.com/2012/09/25/update-on-the-gospel-of-jesus-wife-from-craig-a-evans/
  5. Harvard Theological Review, 107/2 (April 2014).
  6. Koptischer Text bei Karen L. King: „Jesus said to them: ‘My Wife …’“. A New Coptic Gospel Papyrus., S. 14.
  7. Karen L. King: „Jesus said to them: ‘My Wife …’“. A New Coptic Gospel Papyrus. http://news.hds.harvard.edu/files/King_JesusSaidToThem_draft_0917.pdf S. 8.
  8. Hugo Lundhaug, Alin Suciu: On the So-Called Gospel of Jesus’s Wife. Some Preliminary Thoughts. http://alinsuciu.com/2012/09/26/on-the-so-called-gospel-of-jesuss-wife-some-preliminary-thoughts-by-hugo-lundhaug-and-alin-suciu/
  9. Francis Watson: The Gospel of Jesus’ Wife:How a fake Gospel-Fragment was composed. http://www.dur.ac.uk/resources/theology.religion/GospelofJesusWife.pdf, 20. September 2012, abgerufen am 20. Oktober 2015.
  10. Georgeos Díaz-Montexano: Coptic Papyrus about “Mary, Jesus’ wife” – Real or forgery?, ISBN 1480058467, S. 11. (englisch, aus dem Spanischen)
  11. Georgeos Díaz-Montexano: Coptic Papyrus about “Mary, Jesus’ wife” – Real or forgery?, S. 36.
  12. Georgeos Díaz-Montexano: Coptic Papyrus about “Mary, Jesus’ wife” – Real or forgery?, 2012, S. 10.
  13. Francis Watson: Jesus' Wife Attempts Back: Initial Response. abgerufen am 14. November 2015: „It has never been doubted that the Jesus’ Wife fragment may well have been written on a piece of genuinely ancient papyrus, using ink whose composition followed ancient practice.“
  14. Leo Depuydt: The Alleged Gospel of Jesus's Wife: Assessment and Evaluation of Authenticity. In: Harvard Theological Review, Vol. 107/2 (April 2014), S. 172–189. doi:10.1017/S0017816014000194
  15. Jerry Pattengale: How the 'Jesus' Wife' Hoax Fell Apart. 'The Wall Street Journal 'http://online.wsj.com/news/articles/SB10001424052702304178104579535540828090438?mg=reno64-wsj&url=http%3A%2F%2Fonline.wsj.com%2Farticle%2FSB10001424052702304178104579535540828090438.html
  16. Laurie Goodstein: Fresh Doubts Raised About Papyrus Scrap Known as ‘Gospel of Jesus’ Wife’. http://www.nytimes.com/2014/05/05/us/fresh-doubts-raised-about-papyrus-scrap-known-as-gospel-of-jesuss-wife.html?_r=0
  17. Christian Askeland: The forgery of the Lycopolitan gospel of John. (PDF, 416 KB), abgerufen am 14. November 2015.
  18. Joost L. Hagen: Possible further proof of forgery: A reading of the text of the Lycopolitan fragment of the Gospel of John, with remarks about suspicious phenomena in the areas of the lacunae and a note about the supposed Gospel of Jesus’ Wife, abgerufen am 14. November 2015.
  19. http://www.pbs.org/newshour/bb/document-referencing-jesus-wife-likely-forgery/
  20. New Testament Studies, Vol. 61.3 (Juli 2015), Cambridge University Press. Artikelübersicht