Evelyn Hofer

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Evelyn Hofer (* 21. Januar 1922, Marburg an der Lahn; † 2. November 2009 in Mexiko-Stadt) war eine deutschstämmige Fotografin, die später die mexikanische und englische Staatsbürgerschaft annahm. Hofer schuf über Jahrzehnte hinweg ein Werk, das sowohl die Tradition von August Sanders Bildauffassung eigenständig weiterentwickelte als auch die Farbfotografie eines William Eggleston vorwegnahm.[1] Hilton Kramer, Kunstkritiker der New York Times, bezeichnete Hofer mit ihrer Bildauffassung, die klassischen Kriterien verhaftet ist, als „berühmteste ‚unbekannte‘ Fotografin Amerikas“.[2]

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Evelyn Hofer emigrierte 1933 mit ihren Eltern Gustav und Elvira Schünemann-Hofer und der älteren Schwester Aline Schünemann-Hofer in die Schweiz und nach Spanien, wo sie bis zum Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs lebte. Ab 1935 besuchte Hofer die internationale Schule in Genf. Nach dem frühen Entschluss, Fotografin zu werden, erhielt sie Unterricht von Hilmar Lokay sowie von Robert Spreng in Basel und nahm wiederum in Zürich Privatunterricht bei Hans Finsler; zudem ging sie im Studio Bettina in Zürich in die Lehre.[3] Evelyn Hofer befasste sich neben technischen Aspekten und dem Arbeiten in der Dunkelkammer vor allem auch mit kunsttheoretischen und fotoästhetischen Aspekten, wodurch sie schließlich ihre charakteristische Fotografie herausbildete. In den 1950er Jahren war sie eine der ersten Fotografen, die Farbe in ihr fotografisches Werk einführten; Hofer wandte sich früh der Technik des Reliefdrucks zu. Während ihrer gesamten Schaffenszeit fotografierte sie sowohl in Farbe als auch in Schwarz-Weiß – in Abhängigkeit davon, wonach das einzelne Motiv in der jeweiligen Situation verlangte.

Im Jahr 1942 siedelte Hofer mit ihrer Familie nach Mexiko über; 1946 ging sie nach New York, um sich dort der Fotografie zu widmen, während ihre Familie dauerhaft in Mexiko-Stadt blieb. In New York folgten erste Aufträge im Bereich der Modefotografie von Alexey Brodovitch für Harper’s Bazaar.[4] Hofer freundete sich mit Richard Lindner, René Boucher, Saul Steinberg und Hans Namuth an und war ab 1977 in der Galerie von Lee Witkin vertreten, der ihr Werk in den Kunstmarkt einführte.[5]

Mitte der 1950er Jahre nahm Hofers noch frühe Karriere eine bedeutende Wendung, als Mary McCarthy sie engagierte, Fotografien für The Stones of Florence (1959 in New York erschienen), eine literarische Erkundung der Geschichte und Kultur der toskanischen Stadt, zu erstellen. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte arbeitete Hofer mit Autoren wie V. S. Pritchett, William Walton, James Morris und Evelyn Barish zusammen und fotografierte für Bücher über London (London Perceived, 1962), Spanien (The Presence of Spain, 1964), New York City (New York Proclaimed, 1965), Washington D.C. (The Evidence of Washington, 1966), Dublin (Dublin. A Portrait, 1967) sowie Paris (1967, nicht in Buchform erschienen) und zuletzt Emerson in Italy (1989).

Hofer fotografierte mit einer 4-×-5-Zoll-Großformatkamera. Sie recherchierte umfassend für den jeweiligen Auftrag; sie erkundete und beobachtete zunächst lange den jeweiligen Ort und ließ Licht und Atmosphäre auf sich wirken, bevor sie zur Kamera griff und fotografierte, was sie subjektiv erfasste. Hofer fotografierte Menschen und Orte, so wie sie diese vorfand, und suchte dabei nach einer zeitlosen Aura. Unabhängig von einer Schnappschussästhetik wie sie etwa Eggleston oder William Klein populär machten, sind klassische Kriterien zentral in Hofers Werk. Ihr Ansatz zeichnet sich durch eine Entschleunigung aus: Hofer wollte hinter die Fassaden blicken, um das Wesentliche in ihren Arbeiten zu erfassen. Sie zielte darauf ab, über ein rein dokumentarisches Moment hinaus eine subjektive Interpretation der Welt zu schaffen, die sowohl den Zeitgeist als auch eine gewisse Zeitlosigkeit in sich vereint. Als Street Photographer einer anderen Art transportieren ihre Fotografien ihr Interesse an sozialen Aspekten und eröffnen einen pointierten Blick auf die Gesellschaft – ihre intimen und stets würdevollen Porträts bilden die Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Befindens ab.[1]

Hier schließen auch ihre sozialen und gesellschaftlichen Essays für Magazine wie Life, das London Times Magazine und das New York Times Magazine an: Beispielsweise bilden ihre Arbeiten Just Married (Life, 1974), Scene of the Crime (The London Sunday Times, 1974), The Long Stretch (The London Sunday Times, 1975), Toys, Trivets and Serving Trays (The New York Times Magazine, 1976) sowie The Members of a Wedding (Life, 1977) und Homecoming for the Pope (The New York Times Magazine, 1979) Zeit- und Sozialgeschichte ab.

Über die Städteporträts und Essays für Illustrierte hinaus ist Hofers fotografisches Werk vielfältig: Neben Architektur und Landschaft wandte sie sich auch in einer Vielzahl von Aufnahmen von Interieurs und Porträts sowie in ihrem Spätwerk Stillleben zu. Zu ihren bekanntesten Interieurs für Condé-Nast-Publikationen wie Vogue, Vanity Fair und House and Garden zählen Aufnahmen des Maison de verre (Paris, 1982), der Villa Medici (Rom, 1982) und von Jackson Pollocks Studio (Long Island, 1988).

Neben Porträts von etwa Artur Rubinstein, Ted Kennedy, Joseph Brodsky, Alec Guinness oder Luis Barragan fotografierte sie in zahlreichen Aufnahmen bildende Künstler, teilweise mehrfach, in deren Ateliers und Wohnungen, so beispielsweise Andy Warhol, Balthus, Georg Baselitz, Jean-Michel Basquiat, zudem Roy Lichtenstein, Ed Ruscha, Julian Schnabel und George Segal sowie Saul Steinberg.[6] Neben diesen Porträts berühmter Persönlichkeiten und vornehmlich bildender Künstler widmete Hofer mit People of Soglio (1990–1991) und Basque People (1980) Unbekannten umfassende Porträtserien, die im eigenen Auftrag entstanden.

Hofers Spätwerk, die Stillleben, entstand Mitte der 1990er Jahre in ihrem langjährigen New Yorker Studio in der Westbeth Artists Community im West Village Manhattans, wo auch Diane Arbus zeitweilig lebte. Die arrangierten Gefäße und Früchte vor samtig dunklem Hintergrund erinnern in ihrer Komposition und durch ihre haptische Qualität an die Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts, etwa an Francisco de Zurbaráns Werke.[7]

Zitate von Evelyn Hofer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Ich hoffe, daß keines meiner Porträts gestellt aussieht. Das ist die Schwierigkeit bei Porträts – sie nicht gestellt aussehen zu lassen. Ich glaube, das passiert, wenn man die Leute lange beobachtet, bevor man mit der Aufnahme beginnt, und sie dann zu etwas zurückführt, das man gesehen hat.“[8]

„Ein Grund, warum ich gerne mit einer großen Kamera arbeite, ist der, daß ich nicht gerne jemandem nachspioniere. Ich möchte, daß sie wissen, daß ich ein Bild von ihnen mache, und ich möchte, daß sie mit mir zusammenarbeiten. Wenn sie das Gefühl hätten, daß ich versuche, ihnen etwas zu entlocken, was sie nicht wirklich wollen, wäre das unmöglich. Also respektiere ich sie und möchte, daß sie das respektieren, was wir zusammen machen.“[9]

„Während ich an meinem Dublin-Buch arbeitete, fand ich, daß viele Leute scheu waren und sich nur ungern fotografieren ließen. Daher wollte ich mich mit der jeweiligen Person erst einmal nur treffen, um zu reden, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihr freizustellen, das Porträt zu machen, wo es ihr am liebsten war.“[10]

„In Wirklichkeit ist alles, was wir fotografieren, wir selbst im anderen … die ganze Zeit.“[11]

Fotografisches Erbe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der fotografische Nachlass Evelyn Hofers wird von Andreas Pauly verwaltet.[12]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Pleasures of Mexico, Text von Maurice Sandoz, Kamin Publishers, New York 1957
  • The Stones of Florence, Text von Mary McCarthy, Harcourt, Brace & World, London 1956
  • London Perceived, Text von V. S. Pritchett, Harcourt, Brace & World Inc., New York 1962
  • The Presence of Spain, Text von James Morris, Harcourt, Brace & World Inc., New York 1964
  • New York Proclaimed, Text von V. S. Pritchett, Harcourt, Brace & World Inc., New York 1965
  • The Evidence of Washington, Text von William Walton, Bodley Head: London 1966
  • Dublin. A Portrait, Text von V. S. Pritchett, Harper & Row, New York 1967
  • Emerson in Italy, Text von Ralph Waldo Emerson und Evelyn Barish, Henry Holt and Company, New York 1989

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1977: Photographs, Witkin Gallery, New York
  • 1982: Photographs, Black & White and Colour, Witkin Gallery, New York
  • 1987: FRIDA!, Mexican Museum, San Francisco
  • 1987: Art Circles: Portrait Photographs from ArtNews 1905–1986, International Center of Photography, New York
  • 1988: Emerson in Italy, Witkin Gallery, New York
  • 1989: Water, Pfizer Corporation, New York
  • 1991/1992: The People of Soglio, Witkin Gallery, New York
  • 1994: Evelyn Hofer: Photographs, Musée de l’Elysée, Lausanne
  • 2001: Evelyn Hofer, Galerie m Bochum
  • 2001: Overnight to Many Cities, 303 Gallery, New York
  • 2001/2002: The Nature of Still Life, Galleria d’Arte Moderna, Bologna
  • 2002/2003: Räume des XX. Jahrhunderts II, Hamburger Bahnhof, Berlin
  • 2004: Portrait, Kunsthalle Erfurt
  • 2004: Evelyn Hofer: Fotografien seit 1950, Aargauer Kunsthaus, Aarau
  • 2005: Evelyn Hofer: Ewigkeit im Augenblick, C/O Berlin
  • 2005: Evelyn Hofer, Peter Blum Gallery, New York
  • 2006/2007: Shelter – Kunst für zwangsprostituierte Frauen, Neue Nationalgalerie, Berlin
  • 2007: Evelyn Hofer, Galerie m Bochum
  • 2007: Dinge, Kunstsammlungen der Ruhr-Universität, Bochum
  • 2008: Evelyn Hofer, Kunstverein Ulm
  • 2008: Von Kunst und Politik, Kunst-Raum des Deutschen Bundestags, Berlin
  • 2011: Weltsichten. Landschaft in der Kunst vom 17. bis zum 21. Jahrhundert, Kunsthalle Kiel
  • 2015: Evelyn Hofer (1922–2009) – Retrospektive, Museum Villa Stuck, München

Werke in Sammlungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andrea Henkens: Hofer, Evelyn. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 74, de Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-023179-3, S. 59.
  • Susan E. Meyer, Evelyn Hofer. Pilgrim with a Lens, in: American Artist, Bd. 34, November 1970, S. 46–52, 74–75
  • Hilton Kramer, Enduring Images. The Photographic World of Evelyn Hofer, in: New York Times Magazine, 31. Januar 1982, Vol. 131, S. 39–43, 77
  • Evelyn Hofer: Photographs, Musée de l'Élysée, Lausanne 1994
  • Thomas David, Ein Stück von der Seele, in: art, H. 8 (August 2002), S. 77–85
  • Evelyn Hofer, hrsg. von Susanne Breidenbach, Steidl, Göttingen 2004
  • Street Lifes and Home Stories, Museum Villa Stuck, München, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011
  • Annamaria Nunzi und Peter Cadisch: Evelyn Hofer. Fotografin der Langsamkeit, in: Du. Das Kulturmagazin, April 2013, Jg. 73, H. 835, S. 62–69
  • Boris Friedewald: Meisterinnen des Lichts: große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten, München, Hatje Cantz Verlag 2014
  • Evelyn Hofer (1922–2009) – Retrospektive, hg. von Michael Buhrs und Sabine Schmid in Zusammenarbeit mit Andreas Pauly, Steidl, Göttingen 2014

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Evelyn Hofer. Biography. danzigergallery.com, aufgerufen am 21. Oktober 2015.
  2. New York Times Blog, Evelyn Hofer, Reconsidered, 30. April 2012, aufgerufen am 21. Oktober 2015.
  3. Evelyn Hofer (Memento des Originals vom 17. November 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.fotostiftung.ch fotostiftung.ch, aufgerufen am 21. Oktober 2015.
  4. New York Times Blog, Evelyn Hofer’s New York, 2. Juni 2012, aufgerufen am 21. Oktober 2015.
  5. [1], aufgerufen am 21. Oktober 2015.
  6. [2], aufgerufen am 21. Oktober 2015.
  7. Donald Goddard: Evelyn Hofer: Still Lifes. newyorkartworld.com, aufgerufen am 21. Oktober 2015.
  8. Evelyn Hofer über Evelyn Hofer, in: Evelyn Hofer, hrsg. von Susanne Breidenbach, Steidl, Göttingen 2004, S. 175.
  9. Evelyn Hofer über Evelyn Hofer, in: Evelyn Hofer, hrsg. von Susanne Breidenbach, Steidl, Göttingen 2004, S. 175.
  10. Evelyn Hofer über Evelyn Hofer, in: Evelyn Hofer, hrsg. von Susanne Breidenbach, Steidl, Göttingen 2004, S. 177.
  11. Evelyn Hofer über Evelyn Hofer, in: Evelyn Hofer, hrsg. von Susanne Breidenbach, Steidl, Göttingen 2004, S. 178.
  12. [3], aufgerufen am 21. Oktober 2015.