Evolutionärer Humanismus

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Der vitruvianische Mensch ist ein oft genutztes Symbol evolutionärer Humanisten.

Der Begriff des evolutionären Humanismus bezeichnet eine neuere, naturalistisch geprägte Strömung innerhalb der humanistischen Weltanschauungen, die den Menschen als Teil eines umfassenden Evolutionsprozesses sieht. Sie wird historisch zurückgeführt auf Julian Huxley, den ersten Generaldirektor der UNESCO, welcher dieser Strömung ihren Namen gab und sich für eine „wissenschaftliche Religion“, ohne Gott und ohne Offenbarung aussprach, in der Evolution ein universeller und alles durchdringender Prozess sei.[1]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Julian Huxley, Begründer des evolutionären Humanismus

Für Huxley hat die Wissenschaft zum ersten Mal die Position erreicht, um im Rahmen einer allgemeinen Theorie der Evolution, nicht nur die biologische Evolution, sondern auch anorganische Entwicklungen wie die Sternenentwicklung auf der einen Seite, als auch menschliche und soziale Entwicklungen auf der anderen Seite zu erklären. Den Menschen sah Huxley dabei als das höchste Produkt der Evolution und zudem fähig, die Evolution zu kontrollieren und, beispielsweise durch Gentechnik am Menschen, voranzutreiben.[2]

Lehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wesentliche Merkmale des evolutionären Humanismus sind nach Ansicht ihrer heutigen Vertreter eine kritisch-naturalistische Weltanschauung, Säkularismus und eine vernunftbasierte allgemeine Ethik in Abgrenzung zur traditionellen, religiös geprägten Moral.[3][4] Diese Ethik wendet sich gegen die Postulierung von unumstößlichen Dogmen und sieht auch moralisches Handeln in einem evolutionären Prozess begriffen, der sich neuen Erkenntnisgewinnen und veränderten sozialen Begebenheiten anpassen können muss. Darüber hinaus grenzt sich der evolutionäre Humanismus von speziesistischen und sozial-darwinistischen Weltbildern ab, welche den Interessen von verschiedenen Spezies oder Individuen prinzipiell ein unterschiedliches Gewicht einräumen möchten.[5]

Rezeption in Mitteleuropa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff des evolutionären Humanismus eng verbunden mit der Giordano-Bruno-Stiftung, welche sich als Denkfabrik dieser Strömung sieht. Im Auftrag der Stiftung unternahm Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon mit dem Manifest des evolutionären Humanismus einen erneuten Versuch einer Zusammenfassung von Standpunkten aus Perspektive des evolutionären Humanismus. Dieser Schrift nach unterscheidet sich der evolutionäre Humanismus „von seinen traditionellen Vorgängern darin, dass er die zahlreichen neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse (inklusive der damit verbundenen fundamentalen Kränkungen) produktiv verarbeitet und somit von einem grundsätzlich revidierten Menschen- und Weltbild ausgeht“.[6]

2011 wurde in Kroatien der Centar za gradansku hrabrost (Zentrum für Civilcourage) gegründet, der das Konzept des evolutionären Humanismus von der Giordano-Bruno-Stiftung übernahm.[7]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Julian Huxley: Der evolutionäre Humanismus: zehn Essays über die Leitgedanken und Probleme. Beck, München 1964.
  • Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. 2., korrigierte und erweiterte Auflage. Alibri, Aschaffenburg 2006, ISBN 3-86569-011-4 (Inhaltsverzeichnis und Textauszüge).
  • Jochen Oehler: Der Mensch - Evolution, Natur und Kultur. Springer VS, 2011, ISBN 3-642-10349-9. S. 54–58
  • Uwe Lehnert: Warum ich kein Christ sein will. Mein Weg vom christlichen Glauben zu einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung. 5. überarbeitete und erweiterte Auflage. TEIA - Internet Akademie und Lehrbuch Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-939520-70-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vergleiche: Julian Huxley: Die Grundgedanken des evolutionären Humanismus. In: Julian Huxley: Der evolutionäre Humanismus. Zehn Essays über die Leitgedanken und Probleme. München 1964.
  2. Paul Kurtz, 2001: Skepticism and Humanism: The New Paradigm, ISBN 1412834112, ISBN 9781412834117, S. 244f (online)
  3. Maik Söhler: Ja zur Leitkultur ... Telepolis, 27. November 2005, abgerufen am 21. Oktober 2010.
  4. Michael Schmidt-Salomon: Ethik versus Moral. Giordano Bruno Stiftung, abgerufen am 28. August 2012.
  5. Schmidt-Salomon 2006, S. 120
  6. Schmidt-Salomon 2006.
  7. the center. Abgerufen am 1. Juni 2015 (englisch).