Evolutionstheorie

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Unter einer Evolutionstheorie versteht man die wissenschaftliche und in sich stimmige Beschreibung der Entstehung und Veränderung der biologischen Einheiten, speziell der Arten, als Ergebnis der organismischen Evolution, d. h. eines Entwicklungsprozesses im Laufe der Erdgeschichte, der stattgefunden hat und andauert. Evolutionstheorien sind naturgemäß jeweils ein Produkt der Zeit ihrer Entstehung und spiegeln die jeweiligen Erkenntnisse, die Faktenlage und die wissenschaftlichen Herangehensweisen der Zeit wider.

Da sich die moderne Evolutionsbiologie mit zahlreichen, teilweise sehr unterschiedlichen Ansätzen und Analysen beschäftigt, wo vielfach temporäre Hypothesen entworfen und später teilweise zugunsten verfeinerter Hypothesen wieder aufgegeben werden, ist es mittlerweile Konsens, dass man nicht von einer eigentlichen und allumfassenden „Evolutionstheorie“ sprechen sollte, sondern dass gewissermaßen ein Theoriengebäude vorliegt, wo viele Erkenntnisstränge von der Paläontologie bis zur Molekularbiologie zusammenfließen und sich wechselseitig zu einer Gesamtsicht ergänzen. Ein Überblick und weiterführende Links über zentrale Inhalte des aktuellen Theoriengebäudes sind unter Evolution, die derzeit diskutierten Hypothesen und Theorien zur Entstehung des Lebens unter Chemische Evolution abgehandelt.

Entstehung der Evolutionstheorien

Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829), einer der ersten namhaften Evolutionstheoretiker

Vage Ideen darüber, wie oder wo Leben entstanden sei, wurden verschiedentlich schon von Gelehrten des antiken Griechenlands geäußert. Thales von Milet vermutete den Ursprung des Lebens im Wasser, Anaximander sprach direkt von einer Urzeugung in feuchter Umgebung, Aristoteles vermutete die Urzeugung im Schlamm und Schmutz. Judentum, Christentum und Islam gingen von einem göttlichen Akt der Schöpfung aus und vertraten das Konzept einer Artkonstanz, dem bis etwa zur Aufklärung auch viele Gelehrte Europas folgten. Alle diese Hypothesen schienen in ihrer jeweiligen Zeit und unter Beachtung des damaligen Wissensstandes mehr oder weniger überzeugend.[1] Sie stellten jedoch keine Theorie dar. Erst im Anschluss entwickelten sich umfassende wissenschaftliche Theoriengebäude auf Basis empirischer Befunde.

Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829) schlug 1809 ein Theoriengebäude des Artenwandels vor und war damit einer der ersten Evolutionstheoretiker. Er ging von einer Vererbung erworbener Merkmale aus, eine Betrachtungsweise, die im 19. Jahrhundert (vor der Kenntnis der Grundlagen der Genetik) noch lange verbreitet war. Selbst Charles Darwin ging 50 Jahre später (1859) davon aus, dass erworbene Eigenschaften weiter gegeben werden können. Das Theoriengebäude Lamarcks wird üblicherweise als Lamarckismus bezeichnet, wenngleich der Begriff in der Praxis auf den Aspekt der Vererbung erworbener Eigenschaften reduziert wird. Als weitere Komponenten seines Theoriengebäudes ist zu nennen, dass er von einer auch heute noch ablaufenden kontinuierlichen Urzeugung von Kleinlebewesen ausging. Ferner nahm er an, dass nicht alle heutigen Arten auf gemeinsame Vorfahren zurück zu führen seien, sondern dass sich beispielsweise Pflanzen und Tiere aus getrennten Urzeugungen entwickelt haben.

Georges Cuvier (1769–1832) kam als vergleichender Anatom und Begründer der Paläontologie durch die Untersuchung zahlreicher Fossilien in verschiedenen Ablagerungen zur Erkenntnis, dass die Baupläne der Lebewesen verwandt sind und dass Lebewesen aussterben können. Es maß dem wiederkehrenden Massenaussterben, beispielsweise durch Meerestransgressionen, wie er damals annahm, eine zentrale Rolle bei und war dadurch ein Hauptvertreter des Katastrophismus.

Étienne Geoffroy Saint-Hilaire (1772–1844) stellte sich gegen Thesen von Cuvier und vertrat eine Kontinuität der Entwicklung von den nur fossil bekannten Organismen zu den rezent lebenden. Er postulierte einen Grundplan aller Tiere, der Wirbellosen und der Wirbeltiere, und lieferte sich diesbezüglich weit herum beachtete Auseinandersetzungen (den Pariser Akademiestreit von 1830) mit Georges Cuvier, der von vier verschiedenen Hauptbauplantypen (Wirbeltiere, Weichtiere, Strahlentiere und Gliedertiere) im Tierreich ausging.

Charles Darwin (1809–1882) hat seine Theorie schon 1838 entworfen, aber aufgrund des wenig aufgeschlossenen Umfelds in seinem Heimatland und auch weil er viele Erkenntnisse zunächst noch als Hypothesen betrachtete, diese erst 20 Jahre später (1858) vorgetragen und im Folgejahr (1859) veröffentlicht. Sein Theoriengebäude beruhte auf breiten biologisch-naturwissenschaftlichen Beobachtungen, soweit sie damals bekannt waren. Parallel kam auch ein jüngerer Zoologie, Alfred Russel Wallace (1823–1913) zu sehr ähnlichen Schlüssen. Beide Arbeiten, die bald als Darwinismus oder Darwinsche Evolutionstheorie bezeichnet wurden, entstanden wohl ganz oder weitgehend unabhängig voneinander. Inhaltliche Unterschiede betrafen etwa die Frage, wie intensiv sich die verschiedenen Evolutionsfaktoren auswirken und welche bestimmend sind. Die biologische Evolution erklärten beide durch die bessere Anpassung aller Organismen an ihre Umwelt und damit verbunden eine allmählichen Zunahme von Komplexität (Höherentwicklung und Bauplan-Transformationen).[2]

Weitere geschichtlichen Entwicklung

Charles Darwin im Alter von 51 Jahren, kurz nach der Veröffentlichung des Buches The Origin of Species

Darwin und Wallace präsentierten im Jahre 1858 ihre Arbeiten zur Theorie der Evolution durch natürliche Selektion gemeinsam in der Linnean Society of London.[3] Diese Veröffentlichung wurde wenig beachtet, aber das von Darwin 1859 veröffentlichte Buch The Origin of Species erläuterte das Theoriensystem sehr ausführlich und führte zu der erwarteten gesellschaftlichen und kirchlichen Auseinandersetzung. Darwins spezifische Thesen zur Evolution, wie der Gradualismus und die natürliche Selektion, stießen auf erhebliche Widerstände. Auch Lamarckisten waren Gegenspieler und argumentierten, dass doch Merkmale durch Training erworben würden und nicht durch einen Selektionsprozess. Da jedoch alle Experimente zum Nachweis des „Lamarckismus“ scheiterten, wurde diese Theorie schließlich doch zugunsten des „Darwinismus“ fallengelassen. In den darauffolgenden Jahren entwickelte sich eine immer größere Akzeptanz der Darwinschen Evolutionstheorie.

Darwin konnte jedoch nicht erklären, wie Merkmale von Generation zu Generation weitergegeben werden und warum sich Variationen dieser Merkmale nicht durch Vererbung vermischten. Der Mechanismus dafür wurde erst 1865 (gedruckt 1866) von Gregor Mendel geliefert, der zeigte, dass Merkmale vielfach in einer genau definierten und vorhersagbaren Weise vererbt werden.[4] Seine Arbeiten blieben jedoch bis um 1900 unentdeckt, als die Vererbungsgrundlagen unabhängig voneinander durch weitere Wissenschaftler entdeckt, veröffentlicht und propagiert wurden. Allerdings resultierten nun unterschiedliche Berechnungen und Voraussagen hinsichtlich der Geschwindigkeit der Evolution und führten zu einem tiefen Graben zwischen dem mendelschen und dem darwinschen Konzept der Vererbung, denn die nunmehr entdeckten genetischen Befunde legten eine Konstanz der Merkmale nahe. Der Widerspruch zu der Veränderlichkeit der Arten gemäß Darwinscher Evolutionstheorie wurde erst ab 1930 aufgelöst, u. a. durch die Arbeit des Biologen Ronald Fisher. Das Ergebnis war eine Kombination der Darwin-Wallace'schen Natürlichen Selektion mit den mendelschen Vererbungsregeln, die als Synthetische Theorie der Evolution bezeichnet wurde.[5] Ernst Mayr u. a. erweiterten sie um Erkenntnisse anderer Wissenschaftsgebiete, insbesondere der Populationsbiologie. Die Synthetische Theorie wurde seitdem kontinuierlich vervollständigt[6][7][8], zunächst um die DNA als Trägermolekül des Erbgutes durch Oswald Avery im Jahr 1944. Ein knappes Jahrzehnt später erklärten James Watson und Francis Crick durch die Entschlüsselung der molekularen Struktur der DNA im Jahr 1953 die Funktionsweise und somit die physische Basis der Vererbung. Dies ermöglichte unter anderem ein Verständnis des für die Evolution wesentlichen Vorgangs der Mutation. Seitdem sind Genetik und Molekularbiologie als wichtige zentrale Grundlagenwissenschaften hinzugekommen.

Gemeinsam bilden diese und weitere Bausteine und Grundlagen den Lehr- und Forschungsinhalt der heutigen modernen Evolutionsbiologie.

Erkenntnis und Glaube

Ungeachtet des wissenschaftlich schlüssigen und immer weiter untermauerten Theoriengebäudes der biologischen Evolution bezweifeln Teile der Bevölkerung die Realität des biologischen Evolutionsprozesses und der Evolutionstheorie. Protagonisten einer vielfach kreationistischen Argumentsweise sind meist religiös inspirierte Gruppen, primär aus dem fundamentalistischen Bereich der drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, deren strikte Anhänger die vielfach bildhafte Sprache religiöser Schriften bezüglich der Entstehung der Erde und der lebenden Organismen wörtlich interpretieren. Die entsprechenden schriftlich formulierten Schöpfungsmythen stammen aus dem ersten und zweiten Jahrtausend vor Christus, lassen aber eine noch frühere mündliche Entstehungszeit vermuten, die wenigstens bis in die sumerisch-akkadische Zeit Alt-Mesopotamiens zurückreicht. Die Übertragung der damaligen Interpretationen in die heutigen Kenntnisse der realen Welt ist als unwissenschaftlich zu werten.

Als einflussreicher Ursprung einer neuerlichen Evolutionstheorie-Skepsis im 20. und 21. Jahrhundert gilt der christliche Fundamentalismus, wie er in Teilen der USA propagiert wird und von dort auf andere Erdregionen übergegriffen hat. In den Strömungen des Islam sind nicht-wissenschaftliche Argumentationsweisen und eine rein religiös begründete Betrachtung der irdischen Lebewesen generell weit verbreitet.

Die meisten christlichen Kirchen Europas erkennen die wissenschaftliche Evolutionstheorie dem Prinzip nach an und versuchen etwa in der theistischen Evolution einen Kompromiss. So erklärte die Römisch-katholische Kirche in einer Botschaft von Papst Johannes Paul II. am 22. Oktober 1996 die Vereinbarkeit der Evolutionstheorie mit dem christlichen Glauben.[9][10]

Weblinks

 Wiktionary: Evolutionstheorie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Evolutionstheorie – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Henry Fairfield Osborn (1905): From the Greeks to Darwin: An Outline of the Development of the Evolution Idea. Macmillan and Co., London.
  2. Ulrich Kutschera (2009): Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 291–292.
  3. A. R. Wallace & C. Darwin (1858): On the Tendency of Species to form Varieties, and on the Perpetuation of Varieties and Species by Natural Means of Selection. Jour. of the Proc. of the Linnean Society (Zoology), 3, S. 53–62. [1]
  4. F. Weiling (1991): Historical study: Johann Gregor Mendel 1822-1884. Am. J. Med. Genet. 40:1, S. 1–25; Diskussion S. 26.
  5. Peter J. Bowler (1989): The Mendelian Revolution: The Emergence of Hereditarian Concepts in Modern Science and Society. Johns Hopkins University Press, Baltimore. ISBN 978-0-8018-3888-0
  6. Ulrich Kutschera & Karl J. Niklas (2004): The modern theory of biological evolution: an expanded synthesis. Naturwissenschaften, 91:6, S. 255–276.
  7. Ulrich Kutschera (2008): Evolutionsbiologie. 3. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.
  8. Pigliucci, Massimo & Müller Gerd B. (2010): Evolution - the Extended Synthesis. MIT Press, Cambridge.
  9. Johannes Paul II: Messagio di Giovanni Paolo II ai partecipanti alla plenaria della pontificia accademia delle scienze, 22.10.1996, vatican.va. Abgerufen am 23. Juni 2017.
  10. 1996: Johannes Paul II. zur Evolutionstheorie, forum-grenzfragen.de. Abgerufen am 23. Juni 2017.