Exit-Deutschland

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Exit-Deutschland (Eigenschreibweise: EXIT-Deutschland) ist eine von Diplom-Kriminalist und Ex-Kriminaloberrat Bernd Wagner und Ex-Neonaziaktivist Ingo Hasselbach mit Hilfe der Amadeu-Antonio-Stiftung und der Freudenberg-Stiftung im Jahr 2000 gegründete Initiative des Zentrums Demokratische Kultur (ZDK). Sie hilft Aussteigewilligen aus der rechtsextremen Szene und teilweise auch Familien, die ihre Angehörigen aus der rechtsradikalen Bewegung lösen wollen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Sommer 2000 bietet Exit-Deutschland als erste deutsche Initiative für Aussteiger aus der rechtsradikalen Bewegung Beratung und Kontakte an. Die Initiative ist in die Stern-Aktion Mut gegen rechte Gewalt eingebunden. Projekte von Exit-Deutschland werden überwiegend durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, anderen Trägern und Spenden gefördert. Exit-Deutschland hilft nach eigenen Angaben Aussteigenden, neue Perspektiven außerhalb der rechtsradikalen Bewegung zu finden. Dabei werden Kontakte vermittelt und praktische Hilfen in Sachen Sicherheit, soziale Probleme, Bildung, Arbeit und der persönlichen Aufarbeitung gegeben. Eine wirtschaftliche und soziale Absicherung sowie Schutz vor strafrechtlicher Verfolgung für ehemalige Rechtsradikale gibt es nicht. Exit-Deutschland sowie der Träger ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH lehnen jegliche Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden ab.[1]

Exit-Deutschland analysiert rechtsradikale Bestrebungen, arbeitet mit Wissenschaft und Medien zusammen, um über rechtsradikale Ideologien und Handeln aufzuklären, zeigt Möglichkeiten demokratischen Handelns und der Deradikalisierung und berät Projekte und Institutionen.

Ausstieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Ausstieg ist laut der Definition von Exit-Deutschland dann erfolgt, wenn es eine kritische Reflexion, Aufarbeitung und ein erfolgreiches Infragestellen der bisherigen Ideologie gegeben hat. Dazu gehört, dass die Bindungen an rechtsradikale Strukturen aufgelöst sind und ein weitgehend verfolgungsfreies Leben möglich ist. Eine Kontaktaufnahme ist laut Exit-Deutschland über Telefon, E-Mail, SMS und Briefpost möglich. Darüber hinaus gibt die Initiative an, dass persönliche Gespräche mit Aussteigern, sofern möglich, auch in Gefängnissen geführt werden. Damit möchte man die Kontaktaufnahme und Haftbetreuung sicherstellen. Bei Problemen der Sicherheit wird nach den gegebenen Möglichkeiten, z. B. wenn Angriffe oder Verfolgungen aus der militanten rechtsradikalen Szene drohen oder erfolgen, geholfen.

Mit den Aussteigenden wird an der Überwindung der Ideologie und der Aufarbeitung der Vergangenheit, einschließlich begangener Straftaten gearbeitet. Exit-Deutschland hilft Aussteigenden bei der Entwicklung persönlicher Kompetenzen und Einsichten zur Neugestaltung der persönlichen Beziehungen und der Neuorientierung im Alltag in Schule, Lehre und Beruf. Von Mai 2000 bis August 2015 begleite Exit nach eigenen Angaben 586 Personen bei ihrem Ausstieg.

Journal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

JEX – Das Journal von Exit-Deutschland

Die Initiative gibt seit 2008 das Journal Exit-Deutschland, kurz JEX, heute als Open-Access-Online-Journal mit dem Titel Journal Exit-Deutschland. Zeitschrift für Deradikalisierung und demokratische Kultur heraus.[2]

Förderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2013 erging ein Kabinettsbeschluss der damaligen Bundesregierung, die Initiative langfristig zu fördern.[3] Seit 2015 wird Exit im Rahmen des Programms der Bundesregierung Demokratie leben! bis 2019 im Programmbereich Strukturförderung zum bundeszentralen Träger gefördert.[4]

Operation Trojaner T-Hemd[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das trojanische T-Shirt von Exit-Deutschland (links vor, rechts nach dem Waschen)

Für internationale Bekanntheit sorgte die Aktion Operation Trojaner T-Hemd, welche von der Werbeagentur Grabartz und Partner in Zusammenarbeit mit Exit durchgeführt wurde.[5] Die T-Shirts wurden am 6. August 2011 in Gera auf dem Rechtsrockfestival Rock für Deutschland von der NPD Thüringen als Veranstalter an der Kasse kostenfrei verteilt. Erst später wurde der Aufdruck durch Waschen von einem szeneeigenen Slogan zu einer Werbebotschaft für Exit verändert. Die Operation Trojaner T-Hemd fand internationale Beachtung. Die EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström beschrieb die Aktion anlässlich einer Fachtagung als „A good example to illustrate how extremism propaganda can be countered“ (englisch für „Ein gutes Beispiel, um zu illustrieren, wie Extremismuspropaganda entgegnet werden kann“).[6] Die Aktion sollte das Ausstiegsangebot in der Szene bekannter machen und v. a. die jungen und noch nicht gefestigten Rechtsextremen ansprechen.[7]

Exit-Deutschland erprobt unterschiedlichste Formen der Zielgruppenansprache. Im Rahmen des Aktionskreises ehemaliger Rechtsextremisten bzw. Exit-Deutschland werden z. B. Flyer, Postkarten und Podcasts[8] entwickelt, die ähnlich funktionieren wie der T-Shirt-Trojaner. Mit dem 10-teiligen Videoprojekt Ausstieg (K)ein Weg zurück versucht Exit-Deutschland Informationen zum Thema Ausstieg und die rechtsextreme Szene zu vermitteln.[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literaturübersicht[10]

  • Rechtsextremismus und Arbeitswelt: Ausstiege, Einstiege, Interdependenzen Text: Andreas Speit
  • Letzter Halt: Ausstieg Wege aus der rechtsextremen Szene EXIT-Deutschland, Berlin Juni 2006 Hg. ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH
  • Zu Rechtsextremismus und Ausstiegsprozessen. Bernd Wagner, (2008): In: Blickpunkt Demokratie und Extremismus (01/12), S. 1–10.
  • Erste Hilfe. Codes & Symbole EXIT-Deutschland, Berlin 2009 Hg. ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH
  • Familien stärken - gegen Extremismus und Gewalt. Modellprojekt der ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH im Rahmen der Initiative EXIT-Deutschland am Beispiel des Landkreises Dahme-Spreewald. Hg. ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH, Berlin 2010
  • Volkstod und Unsterblichkeit. Moderner Rechtsextremismus in Südbrandenburg - Agitation, Erscheinungsbild und Kontinuität. EXIT-Deutschland, Berlin Juni 2011 Hg. ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH
  • Lagebericht. Rechtsextremismus im Landkreis Dahme-Spreewald. EXIT-Deutschland, Berlin Mai 2011 Hg. ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH
  • Lebensbilder - Der Katalog EXIT-Deutschland, Berlin Juni 2012 Hg. ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH
  • Tunnel Licht Blicke. Aus der Praxis arbeitsmarktorientierter Ausstiegsarbeit der Projektträger des XENOS-Sonderprogramms „Ausstieg zum Einstieg“. Hrsg. Ralf Melzer, Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin, Projekt "Gegen Rechtsextremismus" - Berlin, 2012
  • Aussteigen aus dem Rechtsextremismus. Foto-Praxis, bildwissenschaftliche Analyse und Ausstellungsarbeit als Methoden individueller Reflexion und des wissenschaftlichen und (sozial)pädagogischen Kompetenzerwerbs. Ulrike Pilarczyk und Fabian Wichmann (2013), in: Medien Pädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung. Themenheft Nr. 23: Visuelle Kompetenz.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Exit-Deutschland wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet. So erhielt Exit den Politikaward 2012[11], den Hyperland und wurde in die Best Practice-Projekt-Datenbank der Europäischen Kommission 2012 aufgenommen[12]. Sich beziehend auf eigene Angaben von Exit erreichten das Programm mehr Anfragen von Ausstiegswilligen als das Aussteigerprogramm des Bundesamtes für Verfassungsschutz.[13] 2013 wurde Exit-Deutschland mit dem Sonderpreis der Stadt Osnabrück ausgezeichnet.[14]

2015 wurde die Aktion Rechts gegen Rechts – Deutschlands unfreiwilligsten Spendenlauf, die von der ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur initiiert wurde und Spenden für Exit-Deutschland sammelte, mit dem Sonderpreis des Deutschen Fundraising-Verbandes ausgezeichnet.[15] Ferner erhielt die ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur im selben Jahr den Mitteldeutschen Fundraisingpreis für die Aktion Rechts gegen Rechts.[16]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Website von Exit-Deutschland
  2. [1]
  3. Aussteiger-Initiative „Exit“ kann weitermachen. In: Badische Zeitung, 22. März 2013.
  4. [2]
  5. AME Awards: 26 deutsche Arbeiten auf der Shortlist. In: W&V.
  6. Speech: Stand up against violent extremism
  7. Operation Trojaner T-Hemd
  8. Exit-Deutschland's sounds on SoundCloud - Hear the world’s sounds
  9. YouTube-Videoprojekt Ausstieg (K)ein Weg zurück
  10. http://www.exit-deutschland.de/meldungen/literaturuebersicht
  11. Politikaward 2012 für EXIT-Deutschland
  12. Best Praktice Projekt der europäischen Kommission 2012
  13. Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage (PDF; 101 kB)
  14. Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2013
  15. Kreativer geht es kaum! Aktion „Rechts-gegen-Rechts – Der unfreiwilligste Spendenlauf Deutschlands“ erhält Sonderpreis des Deutschen Fundraising Verbandes. Deutscher Fundraising-Verband, Pressemitteilung, 27. Januar 2015, abgerufen am 26. Juni 2016.
  16. „Mitteldeutscher Fundraisingpreis“ für originelle Idee gegen Rechts. Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Pressemitteilung Nr. 9, 9. März 2015, abgerufen am 26. Juni 2016.