Extremismus der Mitte

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Der Begriff Extremismus der Mitte wurde von Seymour Martin Lipset Ende der 1950er Jahre in die Soziologie eingeführt.[1] Damit erweiterte der Soziologe die Analyse Theodor Geigers,[2] der die Wahlerfolge der NSDAP seit Beginn der 1930er Jahre aus der Reaktion des Mittelstandes auf die Weltwirtschaftskrise erklärte, auf die zeitdiagnostische (je aktuelle) Analyse antidemokratischer extremistischer Bewegungen aus der Mitte der Gesellschaft. Die Extremismen von links und rechts wurden damit um einen neuen Typus ergänzt, der Faschismus als eine typische Mittelschichtbewegung erklärte.[3]

Jürgen R. Winkler ordnet die Theorie von Lipset – zusammen mit den Arbeiten Richard Hofstadters (The Pseudo-Conservative Revolt)[4] – zu den wichtigen Theorien in der Rechtsextremismusforschung. Vergleichbar mit den Theorien der relativen Deprivation beschäftige sich Lipsets Theorie mit der „Zugehörigkeit von Individuen zu Kollektiven, deren Wahrnehmung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation und ihre Befindlichkeiten“. Innerhalb dieser Forschung sei die Theorie Lipsets, „Personen, die ihren Status in Gefahr sehen, neigten dazu, rechtsextreme Bewegungen zu unterstützen“, nach Winkler „sehr einflussreich“.[5]

Der Begriff Extremismus der Mitte steht in der Wissenschaft unter starker Kritik. In den 90er Jahren wurde der Begriff auch zum politischen Schlagwort, mit dem generelle Kritik am Gesellschaftssystem geäußert wurde. Die politischen und ökonomischen Eliten würden demnach mit ihrer Positionierung in der Diskussion um Leitkultur, Multikulturalismus, Nation und Einwanderung rechtsextremes Gedankengut fördern und damit (und nicht die rechtsextremen Parteien) den Weg in eine autoritäre Gesellschaft vorbereiten.[6]

Der Nationalsozialismus als „Extremismus der Mitte“[Bearbeiten]

Die Bedeutung des Mittelstandes für die Wahlerfolge des Nationalsozialismus war bereits gegen Ende der Weimarer Republik Gegenstand der Arbeiten verschiedener liberaler Soziologen. Der „Extremismus der Mitte“ galt als ein Erklärungsansatz für die „von den meisten erkannte Gefahr, die Hitler und die NSDAP für das parlamentarische System darstellten“.[k 1] Zu diesen Soziologen gehörte Theodor Geiger, der noch 1949 resümierte:

„Die kurze Rolle der Mittelschichten in der großen Politik ist ein Paradox der Gesellschaftsgeschichte: Eine Klasse leugnet mit Entrüstung, Klasse zu sein, und führt einen erbitterten Klassenkampf gegen Wirklichkeit und Idee des Klassenkampfes.“[7]

Walter Mannzen schrieb 1930 in seinem Aufsatz Die sozialen Grundlagen des Nationalsozialismus, der Nationalsozialismus habe vorrangig „das ganze spezifische Kleinbürgertum“ und insbesondere die selbständigen Handwerker angezogen.[k 2] 1931 äußerte Hendrik de Man in Sozialismus und Nationalfaschismus die Überzeugung:

„Alle soziologischen Untersuchungen über die Zusammensetzung der nationalsozialistischen Wählerschaft in Deutschland kommen zu demselben Ergebnis: Diese Schichten gehören im wesentlichen zum proletarisierten oder mit Proletarisierung bedrohten sogenannten Mittelstand.“

Die NSDAP sei eine „typische Bewegung von Mittelständlern und Stehkragenproleten“.[8] Carlo Mierendorff glaubte 1931 fest, dass die Mittelschicht sozialpsychologisch „wegen ihrer fortschreitenden Proletarisierung alles tun (würde), um nicht dem Proletariat zugerechnet zu werden“.[k 3] Auch der Soziologe Svend Riemer schrieb 1932, es sei eine Banalität, dass der Mittelstand als „der eigentliche Träger des Nationalsozialismus“ gelte.[9]

Die Einflüsse rechter Ideologien auf die Mitte untersuchte 1966 Mario Rainer Lepsius: „Von einer sektenartigen Rechtspartei wandelte sich der Nationalsozialismus zu einer Partei der radikalisierten Mitte.“[10] Weitere Vertreter der Theorie, der Nationalsozialismus sei ein Extremismus der Mitte, waren Umberto Eco, Rudolf Heberle, Rudolf Küstermeier, Harold Lasswell, David J. Saposs, Erik Nölting, der katholische Publizist Walter Dirks sowie der Nationalökonom Emil Lederer, während zu den Kritikern vor allem Theodor Heuss und der sozialistische Historiker Arthur Rosenberg gehörten.[k 2]

Der bekannteste Vertreter der Theorie vom Extremismus der Mitte ist der liberale amerikanische Soziologe Seymour Lipset. Sein Aufsatz Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte von 1958, der den Extremismus von rechts und links um einen dritten Typus erweiterte, wurde 1967 von Ernst Nolte in Deutschland herausgebracht.[11] Lipset geht davon aus, dass sich „links“, „rechts“ und „Mitte“ jeweils auf Ideologien beziehen, die jeweils gemäßigt oder extremistisch auftreten könnten. Jede dieser Ideologien weist er einer sozialen Schicht zu, in der sie vorherrsche: In der Unterschicht seien dies linke Überzeugungen, die Oberschicht denke rechts, und in der Mittelschicht neige man entweder zum Liberalismus oder eben zum Faschismus.[12] Lipset widerspricht damit der These, dass lediglich die rechten und die linken Ränder eines Parteiensystems zur Diktatur neigen können und die Mitte nur zur Demokratie. So könnten „extremistische Ideologien und Gruppen in derselben Weise in denselben Begriffen klassifiziert und analysiert werden […] wie die demokratischen Gruppen, das heißt also in den Begriffe der Rechten, der Linken und der Mitte.“[13] Zumeist trete nur der Links- oder der Rechtsextremismus auf und nur in Ländern wie Frankreich, Italien und in Deutschland könne es vorkommen, dass alle Formen des Extremismus auftreten. Unter der Kategorie „Extremismus der Mitte“ ordnet Lipset alle jene Bewegungen und Parteien ein, die gewöhnlich als faschistisch klassifiziert werden.[k 2]

Der Anlass für die Entwicklung der Theorie des Extremismus der Mitte war für Lipset die aktuelle politische Debatte 1958 um den Niedergang der Vierten Republik in Frankreich. Mit dem Putsch der Generäle in Algerien befürchteten viele einen vergleichbaren Putsch in Frankreich. Dabei wurde dem gaullistischen Rassemblement du peuple français (RPF) und der populistischen Partei Pierre Poujades Union de défense des commerçants et artisans (UDCA, dt. Union zur Verteidigung der Händler und Handwerker) eine antidemokratische Politik zugetraut. Lipset ordnete dabei den Gaullismus als klassische konservative Bewegung mit einer Vielzahl typischer rechtsextremer Merkmale ein. Den Poujadismus definierte er als eine typische Form des Extremismus der Mitte. Von dieser Partei sah er die größere Gefahr für die Demokratie, da konservative Bewegungen und Regime weder revolutionär noch totalitär seien.[k 2] Lipset ging es in seiner Theoriearbeit nicht um einen Beitrag zur Erklärung des Nationalsozialismus, sondern um empirisch begründete Kriterien zur Unterscheidung der drei potenziell extremistischen Bewegungen (Konservative, Mitte, Kommunisten) und ihrer antidemokratischen Gefahren:[k 4]

„Wenn wir die parlamentarische Demokratie bewahren und ausweiten wollen, müssen wir wissen, von welcher Seite sie bedroht wird; und die Bedrohung durch die Konservativen ist anders als die Bedrohung durch Mittelklasse oder durch den Kommunismus.“[14]

Neben dem italienischen Faschismus, Hitler und den Poujadismus rechnete er auch den McCarthyismus in den USA zum Extremismus der Mitte.[k 4]

In weiten Teilen der bundesdeutschen Wissenschaft wurden die historischen Bezüge der Theorie Lipsets lange weitgehend akzeptiert.[k 4] Ralf Dahrendorf schrieb 1961 zur Theorie Lipsets „Die Zerstörung der deutschen Demokratie ist also ein Werk der Mittelklasse.“[k 2] Dahrendorf erklärte den Extremismus der Mitte 1968 dadurch, dass weite Teile der deutschen Gesellschaft in der Weimarer Republik eine mangelnde Resistenz gegen antidemokratische Formen der Politik entwickelt hätten. Da die liberale Tradition schwach ausgebildet gewesen sei, habe „der neue illiberale Radikalismus der Nationalsozialisten“ sich entwickeln können.[k 1][15] Heinrich August Winkler stellte in „Extremismus der Mitte? Sozialgeschichtliche Aspekte der nationalsozialistische Machtergreifung“ fest, die These Lipsets sei „heute nicht mehr ernsthaft umstritten“.[16]

Es gab aber auch Kritik an Lipsets Hypothese vom Extremismus der Mitte. Ernst Nolte kritisierte 1976, sie greife an beiden Enden des politischen Spektrums zu kurz: Die demokratische Rechte lasse sich in sein Analyseschema nirgendwo einordnen, da die klassischen Konservativen bei ihm als rechtsextrem gälten; auch dass so disparate Phänomene wie der Kommunismus und der Peronismus als Linksextremismus zusammengefasst würden, sei „schwerlich überzeugend“.[17]

Der Parteienforscher Jürgen W. Falter kam 1991 mit elaborierten statistischen Methoden zu dem Ergebnis, dass die Wählerschaft der NSDAP nur zu etwa 60 % der Mittelschicht zuzuordnen sei, 40 % hätten aber der Arbeiterschicht angehört. Auch Lipsets Befund, dass Angestellte 1930–1933 eher unterdurchschnittlich NSDAP wählten, spreche gegen die Mittelschichtshypothese. Die Konfession sei für die Entscheidung, NSDAP zu wählen, ein viel wichtigerer Sozialindikator gewesen als die Schichtenzugehörigkeit, die Lipset als entscheidend ansah. Insgesamt sei die NSDAP

„von der sozialen Zusammensetzung ihrer Wähler her am ehesten eine ‚Volkspartei des Protestes‘, oder, wie man es wegen des nach wie vor überdurchschnittlichen, aber eher nicht erdrückenden Mittelschichtsanteils unter ihren Wählern in Anspielung auf die daraus resultierende statistische Verteilungskurve formulieren könnte, eine ‚Volkspartei mit Mittelstandsbauch‘.“[18]

Die Politologinnen Viola Neu und Sabine Pokorny kritisierten 2015, dass Lipset keine trennscharfe Definition des Faschismus liefere, den er rein sozialstrukturell betrachte. Empirische Belege für seine Thesen liefere er nicht, sondern stütze sich rein auf „Plausibilitätsinterpretationen von Wahlergebnissen der Reichstagswahlen 1928 bis 1933“.[19]

Anwendung der Theorie Lipsets auf die Rechtsextremismus- und Faschismusforschung der Gegenwart[Bearbeiten]

In Deutschland wurde bis in die 1980er Jahre die Theorie fast ausnahmslos am Beispiel des Nationalsozialismus diskutiert. Erst in den 1990er Jahren wurde die Theorie auch Gegenstand für die Gegenwartsanalyse. Kraushaar stellt zu dieser Phase fest: „Gemessen an dem enormen Einfluss, den das Theorem über lange Zeit in der Sozialgeschichte hatte …, ist die Abstinenz der politischen Theorie erklärungsbedürftig. „Bereits die bloße Erwähnung“, so Kraushaar mit einem Verweis auf Uwe Backes und Eckhard Jesse, „löst in vielen Fällen massive Gegenreaktionen aus. Offensichtlich wird mit der These vom Extremismus der Mitte ein neuralgischer Punkt getroffen. Schon der abstrakte Gedanke, daß auch die Mittelschicht in der Bundesrepublik ein antidemokratisches Potential in sich bergen könnte, wird als Zumutung, ja als Provokation empfunden.“[k 1] Backes und Jesse hätten vor einer „Entgrenzung des Extremismusbegriffs“ gewarnt und „Autoren, die die Formel vom Extremismus der Mitte verwenden, als demagogisch abqualifiziert.“[k 1]

Im Gegensatz zur Wissenschaft in Deutschland wurde die ideologische Kontinuität des Mittelstandes in den USA von Arthur Schweitzer bereits seit 1964 diskutiert und auf die Gegenwart in der Bundesrepublik Deutschland hin reflektiert. Der Mittelstand habe den Nationalsozialismus „mit einer intakten konservativen Statusideologie überlebt“.[20][k 2] In der deutschen Übersetzung seines Buches verweist er in diesem Zusammenhang auf die Wahlerfolge der NPD 1966/67, die eine größere Anfälligkeit des Mittelstandes gegenüber neonazistischen Parolen zeigten als andere Bevölkerungsschichten.[20][k 2] Einen Grund dafür sah Schweitzer in der Verdrängung der Erfahrungen des Mittelstandes aus den Anfängen der 1930er-Jahre. Hier habe sich ein „konterrevolutionäres Potential gebildet“.[21][k 2]

„Extremismus der Mitte“ in der Gegenwartsanalyse[Bearbeiten]

In den 1990ern griff der Soziologe Wilhelm Heitmeyer den Begriff „Extremismus der Mitte“ wieder auf und eröffnete eine Debatte darüber, inwieweit Rechtsextremismus „aus der Mitte der Gesellschaft“ komme. Hans-Martin Lohmann publizierte 1994 den Sammelband „Extremismus der Mitte“, in dem verschiedene Autoren die These der „Anschlussfähigkeit einer Vielzahl neu-rechter Themen in der Mitte der Gesellschaft“[22] vertraten.[23] Der Politologe Wolfgang Kraushaar stellte etwa in dem Sammelband „implizite“ und teils „explizite Ansätze“ heraus, in denen die „Interpretationsfigur“ Extremismus der Mitte zum Verständnis des Zusammenwirkens von „verdeckt ablaufenden institutionellen Beziehungen zwischen Behörden und rechten Gewalttätern, die Rolle von rechtspopulistischen Parteien in unserem politischen System oder die erneut anwachsende Bedeutung rechtskonservativer Ideologien im gesellschaftlichen Selbstverständnis“ beitragen könne.[k 1] Kraushaar zufolge wird die Kategorie „Extremismus der Mitte“ für folgende Beschreibungszusammenhänge angewandt:

  • 1. als Ansatz „zur Kennzeichnung der sozialen Herkunft der Täter“[k 5]
  • 2. als Ansatz „zur Identifizierung der Komplizenschaft zwischen Tätern und Politikern, besonders zwischen rechtsradikalen Drahtziehern und staatlichen Behörden.“[k 5]
  • 3. als Ansatz „zur Charakterisierung moderner rechtspopulistischer Parteien“[k 5] sowie
  • 4. als Ansatz „zur Analyse reaktualisierter rechtskonservativer Ideologien.“[k 5]

Hauptkritikpunkte an dem Begriff werden vor allem von Uwe Backes formuliert. Danach handele es sich um eine „Begriffsüberdehnung“.[24]Extremismus der Mitte“ wird dabei als Begriffsbildung bzw. konstruiertes politisches Kampfmittel kritisiert und weniger als ernstzunehmendes Werkzeug politischer Analyse gesehen.[25]

Eckhard Jesse und Uwe Backes vertreten gemäß der von Oliver Decker und Elmar Brähler in den Mitte-Studien vertretenen Ansicht eine „normative Rahmentheorie“, welche den Extremismus von den Rändern der Gesellschaft her definiere und so die in der Soziologie angesprochenen Phänomene nicht in ihrer Theorie der extremen Pole zu erklären vermöge.[26][27]

Kurt Lenk sieht gegenüber dieser normativen Theorie in einer fehlenden Faschismusdefinition der Extremismusforschung und dem „Unvermögen“, rechtsextreme Ideologien als solche zu erkennen, ein Problem des Untersuchungsobjekts, wenn allein an den Rändern der Gesellschaft gesucht werde und die Mitte der Gesellschaft unbeachtet bliebe: „Aus solchem Unvermögen zur eindeutigen Definition zu schließen, Rechtsextremismus gebe es höchstens an den Rändern der Gesellschaft, während eine davon säuberlich geschiedene 'gesunde Mitte' dagegen immun sei, hat sich längst als Trugschluss erwiesen.“ Ökonomische Krisen und politische Legitimationsdefizite machen nach Lenk für die rechtsextremen Botschaften empfänglich und führe europaweit zu „fundamentalistischen“ Renationalisierungstendenzen.[28][29] Lenk erinnert dabei an Theodor W. Adornos Mahnung: „Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie. Unterwanderung bezeichnet ein Objektives; nur darum machen zwielichtige Figuren ihr come back in Machtpositionen, weil die Verhältnisse sie begünstigen.“[30] In dieser Tradition steht auch der britische Faschismusforscher Roger Griffin, der den Extremismus der Mitte in „politischer und sozialer Hinsicht“ als gefährlicher als den Rechtsextremismus einschätzt. Im Gegensatz zu dediziert neonazistischen Ansichten sei dieser Extremismus, der sich im demokratischen Spektrum verortet, massentauglich, da er heutzutage „von vielen Bewohnern der westlichen Welt als Normalität und Gemeinsinn erfahren [wird].“ [31]

Beispiel Deutschland

Eine Serie von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte anfangs der 90er Jahre stieß eine Debatte um den „Extremismus der Mitte“ an. So zog der Soziologe Karl Otto Hondrich Rückschlüsse aus den Gewalttaten hinsichtlich der Einstellungen in der gesellschaftlichen Mehrheit:

„Die Anschläge auf Asylheime, von der Mehrheit verurteilt, symbolisieren gleichwohl die Meinung derselben Mehrheit, daß der Staat dem Zuzug von Fremden Einhalt zu gebieten habe“.[32]

Dieter Rudolf Knoell interpretiert in dem gleichnamigen Sammelband „Extremismus der Mitte“ die Positionierungen Hondrichs als eine Aufforderung an den Staat, „den Gewalttätern die Arbeit abzunehmen“, und charakterisiert den Extremismus der Mitte am Anfang der 1990er-Jahre als eine Verschiebung der „politischen Mitte“ nach „rechts“: „Die rechtsradikale Position von vorgestern ist die politische Mitte von heute“. Der „Asylkompromiss“ entspreche dabei der „realpolitischen Umsetzung des Hondrich'schen Programms, und er ist, nahezu wörtlich, die Übernahme der entsprechenden Passagen des Parteiprogramms der Republikaner aus dem Jahr 1987“.[33]

Kritik[Bearbeiten]

Der Politologe Klaus Schroeder bezeichnete die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellte Studie „Mitte in der Krise - Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010“ der Autoren Oliver Decker, Marliese Weißmann, Johannes Kiess und Elmar Brähler[34] als „linke Kampfschrift gegen liberale und konservative Auffassungen und die hiesige Gesellschaftsordnung“. Er begründete dies mit fehlenden oder unzureichenden Definitionen von in der Studie abgefragten Begriffen (z. B. den Begriff der „Überfremdung“) und der Verwendung von suggestiven Fragestellungen in der Datenerhebung. Ferner zeigten die Ergebnisse, so Schroeder, dass „nur sehr wenige zur Verharmlosung des Nationalsozialismus und zu sozialdarwinistischen Statements [neigen], die den Kern einer rechtsextremistischen Ideologie ausmachen“. Die These, rechtsextreme Einstellungen fänden sich bis tief in die Mitte der Gesellschaft, sei somit nicht haltbar.[35]

Der Extremismusforscher Uwe Backes kritisierte, der Ansatz würde einen falschen Begriff des Rechtsextremismus zugrunde legen: „Kein Wunder, daß in der ,Mitte’ fündig wird, wer mit neurechten Tendenzen neoliberale Politikkonzepte oder die Berufung auf den Nationalstaat meint. Dann liegt es nahe, nach ihr nicht nur am ,rechten Narrensaum’, nicht allein an den ‚rechten Flügeln’ von CDU/CSU und FDP, sondern auch bei Grünen und SPD zu fahnden.“[36]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Uwe Backes, Eckhard Jesse: Extremismus der Mitte? – Kritik an einem modischen Schlagwort. In: Uwe Backes, Eckhard Jesse: Vergleichende Extremismusforschung (= Extremismus und Demokratie 11). Nomos, Baden-Baden 2005, ISBN 3-8329-0997-4, S. 157–169 (Grundlegende Kritik am Begriff vom Extremismus der Mitte von den Begründern der Pol-Theorie-Variante der Extremismusforschung).
  • Rainer Benthin: Die Neue Rechte in Deutschland und ihr Einfluss auf den politischen Diskurs der Gegenwart. Lang, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-631-30017-4.
  • Alice Brauner-Orthen: Die Neue Rechte in Deutschland. Antidemokratische und rassistische Tendenzen. Leske und Budrich, Opladen 2001, ISBN 3-8100-3078-3.
  • Christoph Butterwegge u. a.: Themen der Rechten – Themen der Mitte. Zuwanderung, demographischer Wandel und Nationalbewusstsein. Leske und Budrich, Opladen 2002, ISBN 3-8100-3419-3, Rezension.
  • Oliver Decker, Elmar Brähler: Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Studie der Friedrich Ebert Stiftung zur Verbreitung und den Einflussfaktoren rechtsextremer Einstellungen in der BRD. Friedrich-Ebert-Stiftung – Forum Berlin, Leipzig 2006, ISBN 3-89892-566-8, PDF-Volltext.
  • Wolfgang Gessenharter: Neue radikale Rechte, intellektuelle Neue Rechte und Rechtsextremismus: Zur theoretischen und empirischen Neuvermessung eines politisch-ideologischen Raumes? In: Wolfgang Gessenharter, Helmut Fröchling (Hrsg.): Rechtsextremismus und Neue Rechte in Deutschland. Neuvermessung eines politisch-ideologischen Raumes? Leske und Budrich, Opladen 1998, ISBN 3-8100-2053-2, S. 25–66.
  • Roger Griffin: Völkischer Nationalismus als Wegbereiter und Fortsetzer des Faschismus: Ein angelsächsischer Blick auf ein nicht nur deutsches Phänomen. In: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn, Jobst Paul (Hrsg.): Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt. Analysen rechter Ideologie (= Edition DISS 8). Unrast, Münster 2005, ISBN 3-89771-737-9, S. 21–48.
  • Siegfried Jäger: Über das Eindringen von Ideologemen des völkischen Nationalismus in den öffentlichen Diskurs. In: Siegfried Jäger, Dirk Kretschmer, Gabriele Cleve, Birgit Griese u. a.: Der Spuk ist nicht vorbei. Völkisch-nationalistische Ideologeme im öffentlichen Diskurs der Gegenwart. Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung DISS, Duisburg 1998, ISBN 3-927388-63-7, S. 11–25.
  • Wolfgang Kraushaar: Radikalisierung der Mitte – Auf dem Weg zur Berliner Republik. In: Richard Faber, Hajo Funke, Gerhard Schoenberner (Hrsg.): Rechtsextremismus. Ideologie und Gewalt. Edition Hentrich, Berlin 1995, ISBN 3-89468-157-8 (= Publikationen der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz 5).
  • Steffen Kailitz: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 3-531-14193-7, S. 24.
  • Nora Langenbacher (Hrsg.): Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010. Friedrich-Ebert-Stiftung, Projekt "Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus", Berlin 2010, ISBN 978-3-86872-469-1, PDF-Volltext.
  • Kurt Lenk: Rechts, wo die Mitte ist. Studien zur Ideologie: Rechtsextremismus, Nationalsozialismus, Konservatismus. Nomos-Verlags-Gesellschaft, Baden-Baden 1994, ISBN 3-7890-3316-2 (erweiterte Neuausgabe von Conrad Taler: Rechts, wo die Mitte ist. Der neue Nationalismus in der Bundesrepublik (= Reihe Fischer 32). Fischer, Frankfurt am Main 1972, ISBN 3-10-077101-X).
  • Hans-Martin Lohmann (Hrsg.): Extremismus der Mitte. Vom rechten Verständnis deutscher Nation (= Fischer. Geschichte 12534). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-596-12534-0.
  • Michael Minkenberg: Die Erneuerung der radikalen Rechten in westlichen Demokratien: USA, Frankreich, Deutschland im Vergleich. In: Wolfgang Gessenharter, Helmut Fröchling (Hrsg.): Rechtsextremismus und Neue Rechte in Deutschland. Neuvermessung eines politisch-ideologischen Raumes? Leske und Budrich, Opladen 1998, ISBN 3-8100-2053-2, S. 253–279.
  • Friedbert Pflüger: Deutschland driftet. Die Konservative Revolution entdeckt ihre Kinder. Econ, Düsseldorf u. a. 1994, ISBN 3-430-17471-6.
  • Wolfgang Kraushaar: Extremismus der Mitte – Zur Geschichte einer soziologischen und sozialhistorischen Interpretationsfigur. In: Hans-Martin Lohmann (Hrsg.): Extremismus der Mitte – Vom rechten Verständnis deutscher Nation. Fischer, Frankfurt am Main 1994, S. 23–50. ISBN 3-596-12534-0.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Kraushaar 1994.
  2. a b c d e f g h Vgl. Kraushaar 1994.
  3. Zitat Kraushaar 1994.
  4. a b c Vgl. Kraushaar 1994, S. 37.
  5. a b c d Kraushaar 1994, S. 26.
  • Andere:
  1. Jürgen W. Falter (1981): Radicalization of the Middle Classes or Mobilization of the Unpolitical? The Theories of Seymour Martin Lipset and Reinhard Bendix on the Electoral Support of the NSDAP in the Light of Recent Research. In: Social Science Information 2, 1981, S. 389–430. Siehe auch Seymour Martin Lipset: „Fascism“ – Left, Right, and Center. In: Political Man: The Social Bases of Politics. Johns Hopkins Universitas Press, Baltimore 1981, S. 127–152. Deutsch: Seymour Martin Lipset: Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte. In: Ernst Nolte (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 449–491.
  2. Theodor Geiger: Panik im Mittelstand. 1930. Vgl. Daniel Gardemin: Die doppelt blockierte Mitte. Ein Forschungsprojekt zu Mentalitäten der gesellschaftlichen Mitte (Memento vom 12. Juni 2007 im Internet Archive). Universität Hannover, 1997 (eingesehen am 26. März 2007)
  3. Leonhard Fuest & Jörg Löffler: Diskurse des Extremen: über Extremismus und Radikalität in Theorie, Literatur und Medien. Band 6 von Film, Medium, Diskurs. Königshausen & Neumann, 2005, ISBN 3-8260-2878-3, ISBN 978-3-8260-2878-6, S. 16 (online)
  4. Richard Hofstadter: The Pseudo-Conservative Revolt. In: Daniel Bell (Hrsg.): The Radical Right. Garden City 1964, S. 75–95.
  5. Jürgen R. Winkler: Rechtsextremismus. Gegenstand – Erklärungsansätze – Grundprobleme (PDF (Memento vom 17. Mai 2008 im Internet Archive))
  6. Klaus Schroeder: Rechtsextremismus und Jugendgewalt in D, 2003, ISBN 3-506-71751-0, Seite 110-113
  7. Theodor Geiger: Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel. Köln/Hagen 1949, S. 168.
  8. Hendrik de Man: Sozialismus und Nationalfascismus, Potsdam S. 31.
  9. Svend Riemer: Zur Soziologie des Nationalsozialismus. In: Die Arbeit, Heft 9. 1932. S. 103.
  10. M. Rainer Lepsius: Extremer Nationalismus. Strukturbedingungen vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1966, S. 8.
  11. Seymour Martin Lipset: Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte. In: Ernst Nolte (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 449–491.
  12. Ernst Nolte: Vierzig Jahre Theorien über den Faschismus. In: derselbe (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 70 f.; Viola Neu und Sabine Pokorny: Ist die Mitte (rechts-) extremistisch? In: Aus Politik und Zeitgeschichte 65 (2015), Heft 40, S. 3.
  13. Seymour Martin Lipset: Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte. In: Ernst Nolte (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 450.
  14. Seymour Martin Lipset: Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte. In: Ernst Nolte (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 482.
  15. Vgl. Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. München 1968
  16. Heinrich August Winkler: „Extremismus der Mitte? Sozialgeschichtliche Aspekte der nationalsozialistische Machtergreifung“. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 20, 1972. S. 175
  17. Ernst Nolte: Vierzig Jahre Theorien über den Faschismus. In: derselbe (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 70.
  18. Jürgen W. Falter: Hitlers Wähler. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmsttadt 1991, S. 287 f. und 371 f. (hier das Zitat).
  19. Viola Neu und Sabine Pokorny: Ist die Mitte (rechts-) extremistisch? In: Aus Politik und Zeitgeschichte 65 (2015), Heft 40, S. 3
  20. a b vgl. Arthur Schweitzer: Big Business in the Third Reich. 164
  21. vgl. Arthur Schweitzer: Big Business in the Third Reich. 179
  22. Vgl. Bildungsmodule gegen Rassismus. bildung-gegen-neueradikalerechte.ake-bildungswerk.de. Abgerufen am 20. Juni 2013.
  23. Hans-Martin Lohmann: Extremismus der Mitte. Vom rechten Verständnis deutscher Nation, Frankfurt am Main 1994.
  24. Uwe Backes: "Die These vom Vordringen der "Neuen Rechten" beruht vielfach auf einer Überdehnung des Begriffs. Kein Wunder, dass in der „Mitte“ fündig wird, wer mit neurechten Tendenzen neoliberale Politikkonzepte oder die Berufung auf den Nationalstaat meint."; zitiert nach Uwe Backes: Gestalt und Bedeutung des intellektuellen Rechtsextremismus in Deutschland
  25. Jürgen P. Lang: Die Extremismustheorie zwischen Normativität und Empirie (Memento vom 4. April 2008 im Internet Archive)
  26. vgl. Oliver Decker, Elmar Brähler: Vom Rand zur Mitte – Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland (PDF; 731,52 kB) arug.de. Archiviert vom Original am 6. Oktober 2007. Abgerufen am 21. Juni 2013.
  27. Backes, Uwe 1989: Politischer Extremismus in demokratischen Verfassungsstaaten. Elemente einer normativen Rahmentheorie. Opladen
  28. vgl. Kurt Lenk: Rechts, wo die Mitte ist. Baden-Baden 1994
  29. Kurt Lenk: Rechtsextreme „Argumentationsmuster“. Bundeszentrale für politische Bildung. 13. Oktober 2005. Abgerufen am 21. Juni 2013.
  30. Theodor W. Adorno, Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Eingriffe. Neun kritische Modelle, Frankfurt/M. 1963, S. 126. Zitiert nach Kurt Lenk: Kurt Lenk: Rechtsextreme „Argumentationsmuster
  31. Roger Griffin: Völkischer Nationalismus..., S. 48
  32. Karl Otto Hondrich: Das Volk, die Wut, die Gewalt. In: Der Spiegel, 4. Januar 1992, vgl. auch Martin Blumentritt: Das tödliche Gift der Nation und die Vorteile, die es verspricht. comlink.de. Abgerufen am 21. Juni 2013.
  33. Vgl. Rudolf Knoell: Lehrmeister Hondrich als Volks-Schüler. In: H. M. Lohmann: Extremismus der Mitte, S. 144–167.
  34. Oliver Decker, Marliese Weißmann, Johannes Kiess, Elmar Brähler: Mitte in der Krise – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010 (PDF; 142 kB). In: FES.de.
  35. Klaus Schröder: Überall Chauvinisten In: Der Tagesspiegel, 21. Oktober 2010.
  36. Uwe Backes: Gestalt und Bedeutung des intellektuellen Rechtsextremismus in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 46/2001, S. 24-30, S. 29