Fabel

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Dieser Artikel behandelt die epische Form Fabel, weitere Bedeutungen unter Fabel (Begriffsklärung).
Wilhelm von Kaulbach: Illustration (1857) zu Goethes Reineke Fuchs
Der Leichenzug des Fuchses nach einer Fabel von Äsop auf einem Kirchenfußboden von 273 in Ravenna

Die Fabel (lateinisch fabula, „Geschichte, Erzählung, Sage“) bezeichnet eine in Vers oder Prosa verfasste kürzere Erzählung mit belehrender Absicht, in der vor allem Tiere, aber auch Pflanzen und andere Dinge oder fabelhafte Mischwesen menschliche Eigenschaften besitzen (Personifikation) und auch menschlich handeln (Bildebene). Die Dramatik der Fabelhandlung zielt auf eine Schlusspointe hin, an die sich meist eine allgemeingültige Moral (Sachebene) anschließt. Wichtige Fabeldichter sind Aesop, Phaedrus, Hans Sachs, Jean de La Fontaine, François-Joseph Terrasse Desbillons, Jean-Pierre Claris de Florian, Christian Fürchtegott Gellert, Magnus G. Lichtwer, Wolfhart Spangenberg, James Thurber, Gotthold Ephraim Lessing und Martin Luther.

Gattungsgeschichte[Bearbeiten]

Außereuropäisches Altertum[Bearbeiten]

In Sumer wurden Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. Erzählungen wie die Fabel vom klugen Wolf und den neun dummen Wölfen als Lehrtexte in den Schulen verwendet. 1927 übersetzte der Altorientalist Erich Ebeling antike vorderasiatische Fabeln ins Deutsche.[1]

Fabeln sind in unterschiedlichen Sprachen aus Mesopotamien, Anatolien und der Levante überliefert. Die zweisprachigen hethitisch-hurritischen Fabeln (hethitische Fassung ca. 1400 v. Chr., hurritische Überlieferung ca. 16.-17. Jahrhundert v. Chr.) sind eine der wichtigsten Fabelsammlungen des Altertums. Aus dem alten Ägypten sind keine Fabeltexte, aber Bilder von Tierfabeln (oder Tiermärchen) bekannt. Die Ninurta-Uballitsu-Fabelsammlung (Assyrien, 833 v. Chr.) ist die älteste Sammlung, deren Herausgeber bekannt ist und die datiert wurde.[2]

Bekannt sind die altindische Fabelsammlung Panchatantra, sowie deren Übersetzung und Bearbeitung ins Arabische (vermittelt über das Persische) Kalīla wa Dimna und schließlich die Fabeln des Arabers Luqman.

Europäische Antike[Bearbeiten]

Als Begründer der europäischen Fabeldichtung gilt Äsop, der um 600 v. Chr. als Sklave in Griechenland lebte, und dessen Werk über Phaedrus, Babrios und Avianus Eingang in das mittelalterliche Europa fand.

Die älteste überlieferte Fabel findet sich bei Hesiods Werke und Tage. In der Antike wird die Fabel nicht als literarische Gattung angesehen, sie ist eher den niederen Schichten zugehörig und wird höchstens als rhetorisches Element verwendet. So schreibt Aristoteles in seiner Rhetorik über Beispiele in Reden und nennt die Fabel von Äsop (als fingiertes Beispiel) und das historische Ereignis. Beispiele für die Verwendung in der lateinischen Literatur finden sich bei Horaz („Die Fabel von der Stadtmaus und der Landmaus“; Sermo II,6 Zeile 79-105) und bei Livius („Die Fabel vom Magen und von den Gliedern“).

Erst Phaedrus schreibt Fabelbücher, die vor allem durch eine Prosabearbeitung, das Romulus-Corpus, verbreitet werden.

Seite aus: Der Edelstein, gedruckt von Albrecht Pfister, Bamberg 1461

Mittelalter und Humanismus[Bearbeiten]

Als ältester Fabeldichter in deutscher Sprache kann der mittelhochdeutsche Dichter Der Stricker gelten, dessen Werke ab Mitte des 13. Jahrhunderts definiert werden. Die älteste Fabelsammlung ist wohl Ulrich Boners Edelstein (etwa 1324). Die Fabelliteratur etabliert sich vor allem im Zeitalter des Humanismus, so nutzt auch Luther nach eigener Aussage die Fabel, um im „lustigen Lügenkostüm“ Wahrheiten zu verbreiten, die die Menschen normalerweise nicht wissen wollten.

Neuzeit[Bearbeiten]

Im deutschsprachigen Raum erreicht die Fabeldichtung während des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Nachdem sie während der Barockzeit nicht als ernstzunehmende Dichtungsgattung angesehen wurde, erscheint die schlichte lehrhafte Fabel nun als ideale Opposition zum abgelehnten 'Schwulst' des 17. Jahrhunderts.[3] Angestoßen wird die deutsche Fabeldichtung vor allem durch La Mottes Discours sur la Fable (1719). La Mottes Fabelbuch wird von Dichtern wie Daniel Wilhelm Triller zum Ausgangspunkt genommen, um Anschluss an die deutsche Fabeltradition des Humanismus zu finden. Erst in den 1740er Jahren setzt mit Christian Fürchtegott Gellert auch eine stilistische Rezeption der französischen Fabeldichtung, insbesondere der La Fontaines ein. Charakteristisch für die Fabeln La Fontaines ist u. a. der Verzicht auf ein belehrendes Epimythion zugunsten von Ironie. Dies wird von den deutschen Fabeldichtern übernommen. Ziel ist es, den Leser nun indirekt zum richtigen Urteilen zu erziehen, statt ihm explizite Lebensratschläge zu geben. Die Fabeln des mittleren 18. Jahrhunderts sind stark selbstreferentiell und weichen vom klassischen Fabelpersonal ab: Es gibt jetzt mehr Menschenfabeln und die Zahl der Singvögel steigt an.[4] Von dieser Tendenz ist deutlich auch Gotthold Ephraim Lessing geprägt. Lessing ist der zentrale Referenzautor für die heutigen Fabeldefinitionen. Er plädiert für eine Rückkehr zum antiken Fabelmodell und schreibt systematisch seine Fabeln (1759) in Prosa.

In Russland ist Iwan Krylow der bedeutendste Fabeldichter. Ein anderer Franzose, François-Joseph Terrasse Desbillons, schreibt lateinische Fabeln in der Tradition seiner Vorbilder aus der europäischen Antike. Ein Sonderfall stellt Polen dar, wo sich eine besonders reiche Fabeltradition entwickelt hat. Der herausragende Autor ist hier Ignacy Krasicki.

In den 1950er Jahren aktiviert vor allem James Thurber (Fables of Our Time und New Fables of Our Time) die seit dem Biedermeier marginalisierte Gattung wieder. In Deutschland unternimmt Hartwig Stein derzeit (In dubio pro LEOne und neuerdings Metamorphosen im Fleischwolf) einen ähnlichen Versuch, indem er den klassischen Tierkreis mit dem ökonomischen Krisenzyklus kurzschließt, altbekannte Topoi und Konflikte konsequent modernisiert und kulturkritisch modifiziert.

Im 21. Jahrhundert ist der neapolitanische Schriftsteller Sabatino Scia der Verfasser von über zweihundert Fabeln, die von ihm als „westliche Protestfabeln“ bezeichnet werden. Die Hauptfiguren sind nicht immer Tiere, sondern auch Dinge, Elemente der Natur. Das Ziel ist immer, wie bei der traditionellen Fabel, eine enthüllende Rolle der menschlichen Gesellschaft zu spielen.

Charakteristische Merkmale einer Fabel[Bearbeiten]

  • In Fabeln wird oft kein genauer Ort vorgenannt.
  • Im Mittelpunkt der Handlung stehen oft Tiere, Pflanzen oder andere Dinge, denen menschliche Eigenschaften zugeordnet sind.
  • Die Tiere handeln, denken und sprechen wie Menschen und stellen meist charakteristische Stereotype dar.
  • Die Fabel will belehren und unterhalten (fabula docet et delectat).
  • Nach Lessing soll die Fabel einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen Fall zurückführen und diesen dann in Form einer Geschichte darstellen.
  • Die Personifikation der Tiere dient dem Autor häufig als Schutz vor Bestrafung o. Ä., denn er übt keine direkte Kritik, etwa an Zeitgenossen.
  • Häufiges Fabelthema, vor allem im Zeitalter der Aufklärung, ist die Ständeordnung und die Kritik an ihr.
  • In der Fabel herrscht eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Die Situation findet nur an einem einzigen Ort und in einer kurzen Zeitspanne statt.
  • Es gibt nur eine Haupthandlung und keine etwaigen Nebenhandlungen.[5]
  • Eine Fabel findet sich meist in einfacher Sprache wieder, da diese für das ganze Volkstum zu verstehen sein sollte.
  • Die Auswahl der Tiere beschränkt sich in einer Fabel nur auf bekannte Tiere, die der Gemeinschaft geläufig sind (bspw. Fuchs, Rabe, Lamm).[6]

Typischer Aufbau einer Fabel

  1. Promythion - vorangestellter Lehrsatz
  2. Ausgangssituation der Handlung (res)
  3. Auslösung der Handlung (actio, Rede, 1. Handlungsteil)
  4. Reaktion des Betroffenen (reactio, Gegenrede, 2. Handlungsteil)
  5. Ergebnis der Handlung (eventus)
  6. Epimythion - nachgestellter Lehrsatz (vgl. „Die Moral von der Geschicht'“)

In der Regel enthält eine Fabel entweder ein Promythion oder ein Epimythion.

Die einzelnen Teile sind nicht alle in jeder Fabel enthalten, da die Lehre bzw. Moral manchmal gar nicht explizit genannt wird, damit der Leser sie selbst herausfindet oder weil sie ganz offensichtlich ist. Wenn sie genannt wird, kann sie am Anfang (Promythion) oder am Ende (Epimythion) der Fabel stehen. Die Fabel dient im ersten Fall als plastische Verdeutlichung einer Lehre, im häufiger vorkommenden zweiten Fall ist sie die Geschichte, die den Leser auf ein Problem stößt. Weiterhin kann die gleiche Fabel auch unterschiedlichen Zielen dienen, zum Beispiel bei Äsop oder Lessing.

Tierfabel[Bearbeiten]

Tierfabeln sind Fabeln, in denen Tiere wie Menschen handeln und menschliche Eigenschaften haben. Dabei kommen manche Tiere recht oft vor, wie beispielsweise der Löwe, der Wolf, die Eule, der Fuchs.

Diese Tiere haben meist Eigenschaften, die sich in fast allen Fabeln gleichen. Der Fuchs ist dort der Schlaue, Listige, der nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Die Eule ist die weise und kluge Person. Die Gans gilt als dumm, der Löwe als mutig, die Schlange als hinterhältig, die Maus als klein. Fabeltiere stellen bestimmte Charakterzüge von Menschen dar.

In der Tierfabel wird der personifizierte Charakter des Fabeltieres durch einen charakteristischen Namen unterstrichen.

Tiernamen nach der germanischen Fabeltradition
Name Tier
Charakter
Anmerkungen; Literaturbeispiel
Adebar Storch stolz
Adelheid Gans geschwätzig anderer Name: Alheid; „Zu guter Letzt“ von Wilhelm Busch
Arbnora Igel introvertiert
Äugler Kaninchen vorlaut, frech Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Bellyn Widder ängstlich, schwach, aber klug Der Wolf und das Schaf“ von Gotthold Ephraim Lessing
Bokert Biber arbeitswütig Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Boldewyn Esel störrisch, faul Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Braun Bär stark, kriegerisch, tumb, unklug auch: Meister Petz; „Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Ermelyn Fähe listig und schlau Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Gieremund Wölfin böse, dem Bauch gehorchend Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Grimbart Dachs bedächtig, ruhig Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Henning Hahn eitel und schlau Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Hinze Kater eigenwillig Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Hylax Hund treu und gutherzig Der Wolf und der Schäfer“ von Gotthold Ephraim Lessing
Isegrim Wolf dem Bauch gehorchend Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Kratzefuß Henne eitel Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Lampe Hase siehe unten bei Meister Lampe
Lupardus Leopard gerissen
Lütke Kranich bürokratisch Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Lynx Luchs vorsichtig
Markart Häher vorlaut Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Martin Affe eitel, intrigant Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Meister Lampe Hase vorlaut und ängstlich
Meister Petz Bär gutmütig, naiv „Der Tanzbär“ von Christian Fürchtegott Gellert
Merkenau Krähe naseweis „Der Löwe mit dem Esel“ von Gotthold Ephraim Lessing
Metke Ziege meckernd, stur, unnachgiebig „Die zwei Ziegen“ von Albert Ludwig Grimm
Murner Katze schläfrig „Leben und Schicksale des Katers Rosaurus“ von Amalie Winter
Nobel Löwe stolz, mächtig, gefährlich Der Löwe und die Maus“ von Äsop
Petz Bär siehe oben bei Meister Petz
Pflückebeutel Rabe eitel und dumm, besserwisserisch, diebisch Vom Fuchs und Raben“ von Äsop
Reineke Fuchs schlau und hinterlistig Matten Has“ von Klaus Groth
Reinhart Fuchs siehe Reineke
Swinegel Igel schlau „Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“ von Ludwig Bechstein
Tybbke Ente dumm Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Wackerlos Hündchen affektiert Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe
Lamb Lamm unschuldig, wehrlos

Bekannte Tierfabeln[Bearbeiten]

allgemein und Sammlungen

nach Tierart

Pflanzenfabel[Bearbeiten]

Beispiele:

Fabeldichter (Auswahl)[Bearbeiten]

Gedruckte Fabelsammlungen[Bearbeiten]

  • Theodor Etzel: Fabeln und Parabeln der Weltliteratur. Köln: Komet Verlag, o.J., ISBN 3-89836-388-0 (Neuausgabe, mit 101 Originalillustrationen).
  • Dirk Seliger: Fabeln. Buch 1-3. Föritz: amicus Verlag, 2002, 2005 und 2006, ISBN 978-3-935660-11-2, ISBN 978-3-935660-24-2, ISBN 978-3-935660-86-0 (mit zahlreichen Illustrationen aus der Hand des Autors).
  • Irmgard Harrer (Hg.): Das Fabelbuch von Aesop bis heute. Wien, München: Annette Betz Verlag im Verlag Carl Ueberreuter, 2003, ISBN 3-219-11104-1 (illustriert von Silke Leffler, ausgezeichnet in Österreich als schönstes Buch des Jahres 2003).

Literatur der Fabeltheorien[Bearbeiten]

  • Reinhard Dithmar: Die Fabel. Geschichte, Struktur, Didaktik. Schöningh Verlag Paderborn, 4. Auflage 1974, ISBN 3-506-99152-3.
  • Klaus Doderer: Fabeln. Formen, Figuren, Lehren. München: dtv, 1982, ISBN 3-423-04276-1.
  • Bernd A. Weil: Fabeln: Verstehen und Gestalten. Frankfurt/M.: Fischer Verlag, 1982, ISBN 3-88323-379-X .
  • Joachim Wittkowski, Dr.: Docet fabula? Anmerkungen zu neuen Fabeln in: Beiträge Jugendliteratur und Medien, 57. Jahrgang, Heft 2, 2005.
  • Eleanor Marston: Fabelhaft. Die Welt der Fabeltiere. Ein Ratespiel. Frankfurt a.M.: edition Büchergilde, 2011, EAN 4260118010339.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Fabel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: fabula – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Fabel – Quellen und Volltexte
 Wikiquote: Fabel – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ebeling, 'Die Babylonische Fabel und ihre Bedeutung für die Literaturgeschichte' (1927).
  2. Akimoto, Kazya: Ante-Aesopica: Fable Traditions of Ancient Near East Nashville 2010 (UMI/ProQuest AAT 3441951).
  3. Vgl. Kristin Eichhorn: Die Kunst des moralischen Dichtens. Positionen der aufklärerischen Fabelpoetik im 18. Jahrhundert. Würzburg 2013, S. 45ff.
  4. Vgl. ebd., S. 103ff.
  5. Dithmar, R.: Die Fabel. Paderborn 1971 (=UTB 73), S.103-107.
  6. G.E. Lessing: Definition einer Fabel, Gebrauch von Tieren in einer Fabel (Z.5-15), Leipzig, 1774.