Fall Karl Waldmann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Der Fall Karl Waldmann handelt von fehlenden Belegen für die Existenz eines Künstlers mit dem Namen Karl Waldmann, der angeblich Urheber sein soll von im Jahre 1990 aufgetauchten Collagen, die 2015 im Kunsthaus Dresden ausgestellt wurden. Auch wurden Waldmann zugeschriebenen Arbeiten trotz äußerst zweifelhafter Provenienz auf Auktionen für über 10.000 Euro gehandelt. Es geht um den Verdacht von Kunstfälschung.[1][2]

Als einer der ersten griff der Journalist Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung am 27. und 28. August 2015 den merkwürdigen Fall Karl Waldmann auf. Er thematisiert die Ausstellung von elf Collagen unter der Signatur K.W. im Rahmen einer Gruppenausstellung mit dem Titel Künstliche Tatsachen / Boundary Objects, welche von 20. Juni bis 20. September 2015 im Kunsthaus Dresden – Städtische Galerie für Gegenwartskunst zu sehen war. Die Ausstellung widmete sich vorwiegend aktuellen künstlerischen Arbeiten, die aus der zeitgenössischen Perspektive mit konkreten Aspekten europäischer Kolonialgeschichte und ihren Folgen wie auch der Zukunft der ethnologischen Sammlungen in Europa umgehen. Zentrale Frage des Journalisten Thomas Steinfeld war es, ob es sich bei Waldmann und seinem Werk, so die Süddeutsche Zeitung, um „ein nicht identifizierbares Objekt“ der Bildenden Kunst handelt, was heißt, dass ein Karl Waldmann möglicherweise nie existiert hat. Thomas Steinfeld meinte in der SZ, dass es sich „um die angeblichen Werke eines fiktiven Künstlers handelt, der erfunden wurde, um die ihm zugeschriebenen Werke in den Kunstbetrieb und Kunsthandel einspeisen zu können“.[3][4] Die Fälschungsvermutung löste ein rasches Presseecho aus, ohne dass bisher neue Erkenntnisse die Vermutung bestätigen. Zu Waldmann, dessen ihm zugeschriebene Collagen stark an Karl Hermann Trinkaus erinnern, urteilte Swantje Karich in Die Welt: „Seine jüngste Karriere ist erstaunlich. Er wird international gezeigt, obwohl die einzige Quelle ein Flohmarktfund ist. […] Bis heute lässt sich die Biografie von Waldmann nicht belegen.“[5]

Das Kunsthaus Dresden ging mit den ungeklärten Fragen zur Person Karl Waldmanns und zur Datierung der gezeigten Collagen offen um und hat die Hinweise auf die hier formulierten Zweifel während der Ausstellungslaufzeit transparent gemacht und seine bisherigen Erkenntnisse in einer Ende August stattfindenden Veranstaltung, zu der auch der Leihgeber der Arbeiten, der Galerist Pascal Polar als Referent zu Wort kam, vorgestellt.

Am 2. September 2015 wurden die Werke von Karl Waldmann aus der Ausstellung entfernt.[6]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1990, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer soll der Straßburger Journalist Jean Milossis auf einem von Polen betriebenen Flohmarkt in Berlin zwei „konstruktivistische“ Collagen entdeckt haben.[7][8] Sie waren mit den Initialen K.W. oder dem vollen Namen Karl Waldmann signiert und sollen aus einer Garage in der Nähe von Dresden stammen. Nähere Angaben zum ersten Fundort und den dort agierenden Personen gingen im Verlauf der Weitergabe der Arbeiten an ihre heutigen Verwahrer verloren. Der Händler verriet über den Künstler nur soviel, dass er „ein alter Onkel“ gewesen sei, der mit seiner Frau, einer russischen Künstlerin, 1958 verschwand. Zur Herkunft der Werke existieren verschiedene Erzählungen, die obige ist der Webseite des Galeristen Pascal Polar entnommen.[9] Hier finden sich auch detaillierte Angaben zu den Motiven und dem Quellenmaterial einzelner Collagen.

Die Karl Waldmann zugeschriebenen Werke wurden seit 1999 öffentlich ausgestellt, zunächst in den Räumen des Galeristen Bernard Dudoignon in Paris, 2001 in Mailand in der Galleria Carla Sozzani. Dudoignon erwarb zehn Arbeiten über den Journalisten Jean Milossis. 2001 lernte der Galerist und Sammler Pascal Polar den Journalisten Milossis in Brüssel kennen und erwarb erste wenige Arbeiten mit der Signatur K.W.[10] Zwischen 2003 und 2006 bot Jean Milossis Arbeiten unter dieser Signatur mehreren Händlern an, unter anderem der Galerie 1900–2000 des Pariser Galeristen Marcel Fleiss und dem Antiquariat L’insomniac in Strasbourg, welches mittlerweile nicht mehr existiert.

2003 zeigte die Galerie Pascal Polar unter dem Ausstellungstitel „Karl Waldmann 1935–1955“ einige Arbeiten in Brüssel. 2006 wurden auf der 51. Kunstmesse Foires des antiquitaires de Belgique „mehr als hundert der in den letzten Jahren gefundenen knapp tausend Collagen der Zeit zwischen 1915 und 1950/60“ ausgestellt.[11] Sowohl Marcel Fleiss als auch Pascal Polar stellten in Dresden erste Nachforschungen an.

Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden zeigte Interesse an den Arbeiten, regte aber als Voraussetzung einer Präsentation weitere Recherchen zum Urheber der Collagen mit der Signatur K.W. an, da ein Künstler unter diesem Namen in den klassischen Verzeichnissen Dresdner Kunstschaffender nicht zu finden war. Thomas Steinfeld schreibt hierzu: „Die Verantwortlichen hätten sich […] über die Perfektion gewundert, in der sich in diesen Arbeiten Motive aus verschiedenen Richtungen der klassischen Moderne mit politischer Kritik an gleich zwei totalitären Systemen verbinden.“[4]

Die Gruppenausstellung Künstliche Tatsachen/Boundary Objects, die von der Kulturstiftung des Bundes und vom Institut für Auslandsbeziehungen gefördert wurde, widmet sich aktuellen, im Zusammenhang mit der Diskussion um das Humboldtforum in Berlin aufgekommenen Fragen nach Aspekten unethischen Sammelns im Zusammenhang mit der Entstehung unserer heutigen völkerkundlichen Sammlungen.

„Fragen der Prüfung von Sammlungen auf ihre ethische Bewertung und die Prüfung von Möglichkeiten der Restitution sind derzeit eine große Herausforderung für ethnologische Museen in Berlin, Frankfurt, Paris und auch in Dresden. Wir sind überrascht, in welchem Maße die Fragestellung der Ausstellung zu einem veränderten Umgang mit kolonialen Sammlungen und postkolonialer Erinnerungskultur durch die Debatten um die Karl Waldmann zugeschriebenen Werke überlagert werden. (Christiane Mennicke-Schwarz, Künstlerische Leitung des Kunsthauses Dresden) [12]

In einem Interview mit Antje Allroggen findet sich ebenfalls folgendes Zitat der Leiterin Christiane Mennicke-Schwarz:

„Ich denke, die Aufregung, was diese Arbeiten betrifft, kommt sehr stark aus einem ganz bestimmten Segment des Kunstmarktes, für den es sehr wichtig ist, ob die Arbeiten aus dem 30er- oder aus den 50er-Jahren stammen. Für uns ist das hoch interessant, aber es ist nicht das Wichtigste. Wie gesagt, unser Haus gibt Anregungen, zeigt Dinge, mit denen man sich weiter auseinandersetzen sollte, aber nicht aus einer musealen Perspektive.“

[13]

Im August 2015 erstattete ein Berliner Kunsthändler Strafanzeige gegen Unbekannt; er erhob den Vorwurf, das Werk Karl Waldmanns stamme nicht aus der Zeit des Konstruktivismus und nicht von einem Künstler, der diesen Namen trug oder als Pseudonym verwendete. Es gebe aber offensichtlich ein kommerzielles Interesse an dessen Werk, so dass Betrug zu gegenwärtigen sei. Daraufhin begannen Voruntersuchungen der Landeskriminalämter Berlin und Sachsen.[4]

Am 27. August 2015 fand im Kunsthaus Dresden unter dem Titel Karl Waldmann – Entdeckung oder Erfindung? eine Pressekonferenz und eine Abendveranstaltung statt. Neben der Vorstellung eines aktuellen Zwischenberichtes der eigenen Recherchen zum „Fall Waldmann“ kündigte das Kunsthaus Dresden ebenfalls an, ein Blatt aus dem Œuvre „Karl Waldmanns“ einer spektrometrischen Analyse unterziehen zu lassen. Auf die Frage, warum es eine solche Untersuchung nicht schon vorher gegeben habe, meinte der Galerist Pascal Polar, für eine solche Prüfung habe das Geld gefehlt, außerdem sei der ‚semantische‘ Beweis für die Echtheit des Werkes so überwältigend, dass sich die Frage nach dem Material erübrige.[14]

Aus einer bei den Papiertechnischen Stiftungen Heidenau durchgeführten Untersuchung, deren Ergebnisse Anfang Oktober 2015 bekannt gegeben wurden, ergaben sich keine Hinweise auf eine Entstehungszeit nach 1958. Das Material und der Kleber, aus denen die Collagen bestehen, waren demnach zur angeblichen Entstehungszeit der Werke bereits erhältlich. Ergebnislos blieben Recherchen des Kunsthauses Dresden zu Provenienzen sowie zu Hinweisen auf einen Künstler, der mit dem möglicherweise fiktiven Namen Karl Waldmann in Zusammenhang gebracht werden kann.[15]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kunstfälschung: Karl Waldmann nur eine Erfindung? kunstmarkt.com (abgerufen am 18. Dezember 2018)
  2. Andreas Wassermann: Kunstfälschung Karl Waldmann, das Dada-Phantom, spiegel.de vom 30. September 2005 (abgerufen am 18. Dezember 2018)
  3. Thomas Steinfeld: Wer war Waldmann? Süddeutsche Zeitung, 27. August 2015, S. 9.
  4. a b c Rätsel um Dadaisten: Hat Karl Waldmann wirklich existiert? Süddeutsche Zeitung, 27. August 2015, abgerufen am 29. August 2015.
  5. Swantje Karich: Selig die sehen und nicht glauben. Die Welt, 28. August 2015.
  6. Erklärung auf der Website, abgerufen am 25. September 2015.
  7. Karl Waldmann and Constructivism Opens in Brussels. artdaily.com, 13. November 2005, abgerufen am 29. August 2015.
  8. Kunstfälschung: Karl Waldmann nur eine Erfindung? kunstmarkt.com (abgerufen am 18. Dezember 2018)
  9. Musée Karl Waldmann: www.karlwaldmannmuseum.com
  10. Musée Karl Waldmann: Biographie Karl Waldmann., zuletzt aktualisiert 2015
  11. Angelika Heinick: Größer und schöner: Die 51. Foire des Antiquaires de Belgique in Brüssel. FAZ, 21. Januar 2006, abgerufen am 1. September 2015
  12. Kunsthaus Dresden: Künstliche Tatsachen / Artificial Facts, Ausstellung Boundary Objects, 20. Juni – 20. September 2015. Pressemitteilung des Kunsthauses Dresden. Städtische Galerie für Gegenwartskunst, 28. August 2015. Die Pressemitteilung ist als PDF-Download auf der Webseite des Kunsthaus Dresden
  13. Der Unsichtbare Künstler, Deutschladfunk, ausgestrahlt in der Sendung "Kultur heute" vom 30. August 2015
  14. Thomas Steinfeld: Postkolonialer Nonsens. Süddeutsche Zeitung, 28. August 2015, S. 9.
  15. o. V.: Der Kleber ist richtig alt. Süddeutsche Zeitung, 5. Oktober 2015.