Feministische Pornografie

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Feministische Pornografie entwickelte sich aus der Bewegung des sex-positiven Feminismus. Sie will stereotype Muster und Genderrollen durchbrechen, die in pornografischen Filmen bis heute reproduziert werden.[1][2][3]

Geschichte und Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1970er und 1980er Jahren kam es zu intensiven und kontroversen Diskussionen zwischen sexpositiven und radikalfeministischen Strömungen des Feminismus. Als Beispiel sei die feministische Kulturanthropologin Gayle Rubin genannt, die in ihrem 1984 erschienenen Buch Thinking Sex für einen sexuellen und theoretischen Pluralismus plädierte und die „Grenzen des Feminismus“ für eine politische Theorie der Sexualität erörterte. Auch andere Theoretikerinnen und Aktivistinnen (etwa Nadine Strossen und Susie Bright), aber auch Pornodarstellerinnen (wie Annie Sprinkle) unterstützten die Idee einer positiven Sicht auf Pornografie. Diese Debatten (Feminist Sex Wars) führten letztendlich zur Teilung der feministischen Bewegung in den anti-pornografischen und den sex-positiven, pro-pornografischen Feminismus. Das war ein Mitgrund des Entstehens der dritten Welle der Frauenbewegung, die sich feministischer Pornografie zugehörig fühlt.[4]

Es gibt in der Entwicklung der feministischen Pornografie der letzten Jahrzehnte verschiedene Deutungsversuche und die Bestrebung Regeln zu definieren.[5] Diese verändern sich allerdings fortwährend, derzeit auch im Hinblick auf Diskussionen, die aus der genderqueeren Theorie einfließen. Es kann aber prinzipiell davon ausgegangen werden, dass feministische Pornofilme versuchen, Vielfalt und Konsens zu unterstreichen. Die Arbeitsbedingungen der Mitwirkenden sollen auch im arbeitsrechtlichen Sinne fair sein. Es wird positiv gesehen, dass Frauen als Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen und Kamerafrauen an der Produktion beteiligt sein können, dieser Umstand ist allerdings nicht zwingend.[6] Im Unterschied zur Mainstream-Pornografie[7] wollen Vertreter feministischer Pornografie das heteronormativ geprägte[8] und betont leistungsorientierte Verständnis von Pornografie verändern.[9][10] Ziel ist eine positive, lustvolle, umfassende Herangehensweise. Jasmin Hagendorfer, künstlerische Leiterin des Porn Film Festivals Vienna, beschreibt ihre Motivation wie folgt:

Feministische Pornoproduktionen zeigen, dass sehr wohl auch die Lust und das sexuelle Empfinden der Frau im Zentrum stehen kann und dass Porno auch frauen-, gender- und letztendlich männerfreundlich sein kann. Außerdem stehen viele feministische Produktionen für faire Arbeitsbedingungen, Mitspracherecht und Konsens, die es bei Mainstream Produktionen oft nicht gibt. Es ist wichtig zu zeigen, dass Pornos von Frauen für Frauen produziert werden und dass sie auch auf ein breites Publikum treffen.[11]

Der Autor und Filmemacher Patrick Catuz veröffentlichte das Buch Feminismus fickt! und präsentierte darin eine Einführung zur Kulturgeschichte des pornografischen Blicks und des Sexes. Er spricht darin, auch als Mitarbeiter der Lust Films, über feministische Pornoproduktion:

Unser Mittel ist die Kritik, unsere Absicht, etwas Neues zu schaffen. Dabei dürfen wir keine Angst haben, uns die Hände schmutzig zu machen. Neue Pornokritik in der Theorie. Feministischer Porno in der Praxis.

Manche Vertreter feministischer Pornografie üben Kritik an der alternativen Pornografie-Bewegung und werfen dieser vor, ähnliche Stereotype zu bedienen wie die Mainstream-Pornografie.[12]

Filmfestivals[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Europa werden seit 2009 zweijährlich beim PorYes Award (Feministischen Pornofilmpreis Europa) in Berlin Filmschaffende ausgezeichnet, die sich für feministische Pornografie und nicht-diskriminierende Darstellungen einsetzen. In Kanada wird seit 2006 jährlich der Feminist Porn Award verliehen.[13] Auch das Porn Film Festival Vienna stellt ein dezitiert feministisches und genderqueer orientiertes Programm zusammen.[14]

Politische Debatte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Berliner Jusos brachten im Herbst 2017 zum Landesparteitag einen Antrag ein, der die staatliche Förderung feministischer Pornofilme zum Ziel hat, um Jugendlichen eine Alternative zu kostenlosen Mainstream-Porno-Portalen im Internet zu bieten. Als Vorbild dafür dient der schwedische Episodenfilm Dirty Diaries (2009) der Regisseurin Mia Engberg, der vom staatlichen Schwedischen Filminstitut gefördert wurde. Zusätzlich soll im Sexualkundeunterricht der Schulen auf das Angebot feministischer Pornos verwiesen werden.[15]

Vertreter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Produzenten, Regisseure und Darsteller, die feministische Pornografie unterstützen oder herstellen, sind u. a.:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gayle Rubin (1993): Misguided, Dangerous and Wrong: an Analysis of Anti-Pornography Politics. In: Assiter Alison, Carol Avedon (Hrsg.): Bad Girls and Dirty Pictures: The Challenge to Reclaim Feminism. Pluto.
  • Karen Ciclitira (2004): Pornography, women and feminism: between pleasure and politics. Sexualities.
  • Marilyn Corsianos (2007): Mainstream pornography and "women": questioning sexual agency. Critical Sociology.
  • R. Claire Snyder-Hall (2010): Third-wave feminism and the defense of 'choice'. Perspectives on Politics.
  • James D. Griffith, Lea T. Adams, Christian L. Hart, Sharon Mitchell (2012): Why become a pornography actress? International Journal of Sexual Health.
  • Anne G. Sabo (2012): "After pornified. How women are transforming pornography & why it really matters". Alresfort (UK).
  • Patrick Catuz: Feminismus fickt! Lit-Verlang, Wien/Münster 2013.
  • Rachael Liberman (2015): It's a really great tool: feminist pornography and the promotion of sexual subjectivity. Porn Studies.
  • Rebecca Whisnant (2016): But what about feminist porn?: examining the work of Tristan Taormino. Sexualization, Media, and Society.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Not Safe for Work. Abgerufen am 26. Februar 2019.
  2. Porno - Pop - Protest. Perspektiven auf Feminismen, Sexualitäten und Repräsentationen. Abgerufen am 26. Februar 2019 (englisch).
  3. Marc Felix Serrao: Porno, aber gut: Wie Feministinnen die Branche revolutionieren wollen | NZZ. 25. Oktober 2017, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 26. Februar 2019]).
  4. Feminist Review Collective: Snakes and Ladders: Reviewing Feminisms at Century's End. Psychology Press, 2001, ISBN 978-0-415-19799-1 (google.at [abgerufen am 26. Februar 2019]).
  5. Tristan Taormino: The feminist porn book: the politics of producing pleasure. Hrsg.: Feminist Press at the City University of New York. New York, ISBN 978-1-55861-819-0.
  6. HINTERGRUND | PorYes – Feminist Porn Award Europe. Abgerufen am 25. Mai 2018 (deutsch).
  7. How Feminist Porn Is Traversing the Mainstream. Abgerufen am 26. Februar 2019 (englisch).
  8. Debatte: Pornografie im Namen des Feminismus. 5. August 2015, abgerufen am 26. Februar 2019.
  9. Arielle Loren: Black feminist pornography: reshaping the future of adult entertainment. In: Clutch Magazine Online. Sutton Media. 20. April 2011. Abgerufen am 26. Februar 2019.
  10. Rebecca Santiago: Your Handy Guide To Feminist Porn. Abgerufen am 26. Februar 2019 (englisch).
  11. Darok Anne-Marie: "Es ist für jeden was dabei": Porn Film Festival Vienna. Abgerufen am 29. November 2018.
  12. Beyond Speech: Pornography and Analytic Feminist Philosophy. Oxford University Press, 2017, ISBN 978-0-19-025792-7, doi:10.1093/acprof:oso/9780190257910.001.0001/acprof-9780190257910 (oxfordscholarship.com [abgerufen am 26. Februar 2019]).
  13. Natalie Ingraham: Pornography, feminist awards. In: The International Encyclopedia of Human Sexuality, 2015. doi:10.1002/9781118896877.wbiehs363.
  14. Hannah Mühlparzer: Porn Film Festival Vienna: Festival multipler Höhepunkte. Abgerufen am 22. Februar 2019.
  15. » „Dirty Diaries“ auch in Deutschland! SPD Berlin. In: parteitag.spd-berlin.de. Abgerufen am 30. Dezember 2017.