Fetischismus (Religion)

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Darstellung eines südafrikanischen Fetischs von der London Missionary Society, circa 1900.
Fetisch-Altar des Voodoo

Fetischismus (lat. facticius: nachgemacht, künstlich; franz. fétiche: Zauber(mittel)) bezeichnet den Glauben an übernatürliche persönliche (Geister) oder unpersönliche Mächte, die in bestimmten Gegenständen wohnen und deren Verehrung als heilige Objekte. Die Kraft eines Fetischs kann durch Geschenke oder Opfer aktiviert und gesteigert werden.[1] In diesem Sinne müssen Fetische wie Menschen behandelt werden, um ihre Kraft zu entfalten.[2] Prinzipiell kann jeder Gegenstand zum Fetisch werden.

Dieses ursprünglich aus Westafrika stammende Konzept ist eine eingeschränkte Spielart des Animismus (alles ist beseelt) bzw. Animatismus (alles ist belebt),[3] nicht jedoch – wie der französische Geograph Charles de Brosses 1760 in seinem Buch Du culte des dieux fétiches annahm – der Ursprung oder ein Bestandteil einer „universalen Urreligion“ (→ auch: Animistische Religionstheorie).[4] Von Anfang an ist der Begriff in pejorativer (abwertender) Weise für religiöse Objekte aller Art (beispielsweise Reliquien) verwendet worden. In dieser Tragweite gilt das Konzept des Fetischismus heute als überholt.[1]

Verbreitet ist der Fetischismus (z. B. Voodoo) heute noch vor allem in Westafrika (speziell Benin) und bei den spiritistischen afroamerikanischen Religionen.

Wortverwendung[Bearbeiten]

Vodoo-Fetischmarkt in Lomé, Togo, 2008

Fetischismus ist eine -ismus-Bildung zu Fetisch, von franz. fétiche, dieses nach port. feitiço‚ unecht, künstlich, nachgemacht; Zauberei, Hexerei, aus lat. factīcius ‚nachgemacht‘.[5] Siehe auch Sexueller Fetischismus und Idolatrie.

In einer Ausweitung des Begriffs auf den nichtreligiösen und atheistischen Bereich umfasst der Begriff Fetischismus – vor allem im Sinne von Karl Marx – auch die religionsähnliche „irrationale“ Verehrung von Objekten mit besonderer Bedeutung für die eigene Identität, denen besondere Wirkungsmacht auf das subjektive Wohlbefinden zugetraut wird, sowie nach Sigmund Freud „emotionale Fixierungen“ in unserer Gesellschaft[1] (siehe Begriffsklärung Fetischismus).

Zum Begriff[Bearbeiten]

Der Begriff Fetischismus geht von der westlich geprägten Unterscheidung von Gottheit(en) und Schöpfung einerseits und von belebter und unbelebter Natur andererseits aus. Nur Göttern und Lebewesen wird in diesem Denken – wenn überhaupt – eine über das Physisch-Physikalische hinausgehende Wirkungsmacht zugetraut. Ethnische Religionen kennen diese Unterscheidungen häufig nicht. Fetische kommen bei sogenannten „Naturvölkern“ vor. Sie werden auch in der Naturheilkunde eingesetzt. Der Begriff des Fetischismus ist kein Klassifikationsmerkmal eines bestimmten Religionstyps. Diese weit gefasste Bedeutung hatte jedoch im 20. Jahrhundert zunehmende Kritik zur Folge, da sakrale Objekte unterschiedlichster Kulturen und Weltanschauungen damit in unkorrekter Weise gleichgesetzt wurden.

In diesem Sinne sind – wie häufig fälschlich zu finden ...

  • Talismane (speziell hergestellte, spirituell geweihte Glücksbringer)
  • Amulette (speziell hergestellte, spirituell geweihte, magisch beladene Objekte, die vor Schäden und Krankheiten schützen)
  • Idole (Abbild, Symbol eines Gottes)
  • Totems (geheiligtes Gruppenabzeichen, das die Verwandtschaft mit einer bestimmten Naturerscheinung belegt)
  • Tjuringas (magisch-heilige Objekte einiger Aborigine-Stämme – häufig aus Holz oder Stein –, ähnlich Totems)
  • Medizinbeutel (Aufbewahrungsort für sakrale Gegenstände bei nordamerikanischen Indianern)

... keine Fetische.[2]

Heute wird der Begriff häufig durch die einheimischen Bezeichnungen ersetzt, um dies zu vermeiden.[1]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Fetischismus (Religion) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 125.
  2. a b Richard Thurnwald: Des Menschengeistes Erwachen, Wachsen und Irren. Duncker & Humblot, Berlin 1951. S. 87–89.
  3. The New Encyclopædia Britannica. 15. Auflage. Encyclopædia Britannica Inc., Chicago 1993, ISBN 0-85229-571-5, Bd. 26, S. 539 1a.
  4. Julien Ries: Ursprung der Religionen. Pattloch Verlag, Augsburg 1993, ISBN 3-629-00078-9, S. 14.
  5. Wolfgang Pfeifer u. a.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 4. Auflage. dtv, München 1999, S. 338f.