Feuersteinstraße

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Mit Feuersteinstraße wird hypothetisch eine der ältesten rekonstruierten Handelsverbindungen, die rund 250 km lange Route über den Böhmerwald zwischen Bayern und Böhmen bezeichnet. Eine weitere derartige, über 100 km lange Passage existierte während der bandkeramischen Phase der frühen Jungsteinzeit auf der Schwäbischen Alb zwischen Gerlingen und dem Viesenhäuser Hof bei Stuttgart und Nürtingen und weiter bis zum Hauptabbauplatz Wittlingen.[1] In den Lößlandschaften des Prager und Pilsener Beckens endeten zwei weitere steinzeitliche Fernhandelsstrecken. Die Linienbandkeramiker, aber auch Nachfolgerkulturen, wie die Stichbandkeramiker nutzten diesen Weg.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits vor 7000 Jahren gelangten Feuersteine aus Bayern in die Siedlungen des Pilsener und Prager Beckens. Nach den Untersuchungen des Geoarchäologen Alexander Binsteiner verband eine direkte Handelsroute die Arnhofener Mine mit den steinzeitlichen Siedlungsräumen Bayerns und Böhmens. Lediglich der Feuerstein als hartes Quarzmineral, der unterwegs bereits roh bearbeitet wurde, blieb über Jahrtausende hinweg erhalten. Die Schlagabfälle ließ man liegen und markierte dadurch einen Weg nach Böhmen.

Muscheliger Bruch des Feuersteins und scharfkantige Abschläge.
Steinzeitliche Axt aus Flint; Länge 31 cm

Feuerstein war der wichtigste Rohstoff der Jungsteinzeit, ein Teil der Werkzeuge und Waffen wurde wegen seiner hohen Härte und guten Spaltbarkeit aus ihm hergestellt. Eines der größten bekannten alten Feuersteinbergwerke Europas liegt nahe der Ortschaft Arnhofen bei Abensberg im Landkreis Kelheim. In vielen tausend Schächten wurden die wertvollen gebänderten Plattenhornsteine gefördert. Die Enge der bis zu acht Meter tiefen Schächte lässt sogar Kinderarbeit vermuten.

Ein Großteil der Strecke führte offensichtlich entlang der Flüsse Donau, Regen, Naab und Schwarzach, wo in Ufernähe Überreste der Feuersteinbearbeitung identifiziert werden konnten. Man geht davon aus, dass diese Strecken per Einbaum zurückgelegt wurden. Nach der Passage von Furth im Wald und dem Pass von Waldmünchen, die zu Fuß bewältigt werden mussten, lässt sich die Spur des Feuersteins wieder nahe dem tschechischen Domazlice aufnehmen. Von da aus verläuft sie über das Pilsener Becken, vorbei an der Siedlungskammer von Rakovnik, bis nach Prag.

Hypothese[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein solch entwickelter Betrieb einer Handelsstraße müsste auf einem Gesellschaftssystem beruhen, das bereits eine Spezialisierung in Berufszweige kannte, die aber archäologisch nicht belegbar sind. So wird nur angenommen, dass „Prospektoren“ und „Bergleute“ für die Förderung des Rohstoffes Feuerstein zuständig waren, während andere in den nahen Siedlungen Feuersteingeräte und Rohformen für den Export herstellten. Schließlich musste die Gemeinschaft Personen auswählen und sie längere Zeit für die anstrengenden Expeditionen von anderen Arbeiten im Dorf freistellen. Auf ihrem Rückweg hatten die Händler und Handwerker an den gefundenen Feuersteinrohlingen gearbeitet. Ein Fundplatz zeigt die Abbruchreste zusammen mit einem zerbrochenen Keramikgefäßen.

Kritiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die auf Silexbergbau spezialisierten Archäologen Marjorie de Grooth und Georg Roth können nach ihrer Ansicht die hier präsentierten Hypothesen widerlegen. Anhand umfassender Datenanalysen lässt sich nach ihren Studien – nicht nur zu Arnhofen – weder beim Bergbau, noch bei der Verarbeitung oder der Weitergabe eine derartig komplexe Arbeitsteilung im mitteleuropäischen Alt- bis Spätneolithikum auffinden.[2] So ist etwa durch punktfeldstatistische Analysen des Arnhofener Grubenfeldes eine klar hervortretende kleinteilige Struktur des Bergbaus herausstellbar, die nach Ansicht Roth's nicht mit einem vollzeitspezialisierten Bergbau verbunden werden kann.[3] Insbesondere lässt sich die aufgrund der Arnhofener Schachtdimensionen angeführte vermeintliche Kinderarbeit bereits bei der Betrachtung traditionellen Brunnenbaus in Afrika widerlegen:[4] erwachsene Männer graben Brunnen von Durchmessern < 1 m bis über 30 m tief. Komplementiert man das Bild um die aus der anthropologischen Forschung seit den 1970ern bekannten Körpergrößen Erwachsener Neolithiker, verliert sich jeder Anlass, "Kinderarbeit" zu vermuten. Männer erreichten im Mittel 1,67 m, Frauen 1,57 m.[5]

Ungeklärt bleibt, ob die Schachtdimensionen wirklich für einen Hinweis auf die Größe der dort tätigen Menschen stehen, hypothetisch könnten nach der archäologischen Quellenbasis auch „Bergfrauen“ postuliert werden (vergl. auch die Lengyel-zeitlichen – also zeitgleichen – Bestattungen im Hornsteinbergwerk von Krumlovsky Les/CS).[6]

De Grooth und Roth führen weiters in ihren Studien aus, dass die Verarbeitung des Materials in den Siedlungen ebenfalls keinerlei mit Vollzeitspezialisten bzw. ausdifferenzierter Arbeitsteilung vereinbare Muster aufweise.[7] Schließlich legt die geostatistische Analyse der Verbreitung nach der Analyse Roth's Weitergabeorganisationsformen nahe.[8], wie sie bereits durch den archäologisch-wirtschaftshistorischen Theoretiker Colin Renfrew in den frühen 1970er Jahren modelliert wurden.[9]

Den Begriff "Feuersteinstraße" sieht Roth daher nicht nur aus Sicht der archäologischen Quellenanalyse, sondern auch speziell im Hinblick auf die intellektuelle Verantwortung archäologischen Deutens skeptisch: "Kombiniert man beispielsweise unüberlegt Schlagworte wie „Bergbau“ und „Handelsstraßen“, so erweckt man wieder Assoziationen zum Industriezeitalter, die, wie oben gezeigt, schlicht fehl am Platze sind."[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Adelheit Bach: Neolithische Populationen im Mittelelbe-Saale-Gebiet. Zur Anthropologie des Neolithikums unter besonderer Berücksichtigung der Bandkeramiker. Weimarer Monographien zur Ur- und Frühgeschichte 1 (Weimar 1978).
  • Alexander Binsteiner: Die Feuersteinstraße zwischen Bayern und Böhmen. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter. 66, 2001, S. 7–12.
  • Alexander Binsteiner: Die Lagerstätten und der Abbau bayerischer Jurahornsteine sowie deren Distribution im Neolithikum Mittel- und Osteuropas. In: Jahrbuch RGZM. Band 52, 2005 (Mainz 2006), S. 43–155.
  • Eau-sol-environnement, la construction des puits en Afrique tropicale. Techniques rurales en Afrique. Editiert von „BURGÉAP“ (= bureau d'études et de gestion du patrimoine naturel) Eau-sol-environnement, Ministère de la coopération et du développemen Paris 1992
  • Marjorie De Grooth: Studies on Neolithic flint exploitation. Socio-economic interpretations of the flint assemblages of Langweiler 8-Beek, Elsloo, Rijckholt, Hienheim and Meindling". Maastricht 1994
  • Marjorie De Grooth: Die Versorgung mit Silex in der Bankkeramischen Siedlung Hienheim «Am Wienberg» (Ldkr. Kelheim) und die Organisation des Abbaus auf gebänderte Plattenhornsteine im Revier Arnhofen (Ldkr. Kelheim). Germania 72, 1994/2, S. 355–407.
  • Erwin Keefer: Steinzeit. Württembergisches Landesmuseum Stuttgart. Theiss Verlag, Stuttgart 1993, ISBN 3-8062-1106-X.
  • Martin Oliva: L’extraction de silexite jurassique dans la forêt de Krumlov (Krumlovsky Les, Moravie du sud, Rép. Tchèque). In: Service régional de l’’archéologie d’Auvergne, Les matières premières lithiques en préhistoire. Table ronde internationale organisée à Aurillac (Cantal), du 20 au 22 juin 2002. (= Préhistoire du Sud-Ouest, Supplément 5) [2003], S. 245–251.
  • Colin Renfrew: The emergence of civilisation. The Cyclades and the Aegean in the third Millennium B.C. London 1972
  • Colin Renfrew: Alternative models for exchange and spatial distribution. Chapter 4. In: Timothy K. Earle, Jonathon Ericson (Hrsg.): Exchange systems in prehistory. New York 1977, Nachdruck Elsevier, Amsterdam 2014, ISBN 978-1-4832-9496-4, S. 71–90.
  • Georg Roth: GEBEN UND NEHMEN. Eine wirtschaftshistorische Studie zum neolithischen Hornsteinbergbau von Abensberg-Arnhofen, Kr. Kelheim (Niederbayern) [in IV Bänden]. Dissertationsschrift, Universität zu Köln 2008 [Online 2011]. [Online-Publikation http://kups.ub.uni-koeln.de/4176/]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Keefer, S. 99 f. (auch Karte).
  2. De Grooth 1994a und 1994b; Roth 2008 [2011], z. B. 750.
  3. Roth 2008, 126–166.
  4. Burgeap 1992.
  5. Bach 1978, 77 Tab. 40.
  6. Oliva 2003.
  7. De Grooth 1994b; Roth 2008, Bd. 3.
  8. Roth 2008, Bd. 4.
  9. Renfrew 1972; Renfrew 1977.
  10. Roth 2008 [2011], 828.

-