Erlengrund

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Exklave Erlengrund im Jahr 1974 – Foto auf einer Informationssäule im Falkenhagener Feld zwischen Berlin und Brandenburg

Der Erlengrund ist eine direkt an der Havel gelegene Ortslage des Berliner Ortsteils Hakenfelde im Bezirk Spandau.[1] Sie liegt noch nördlich der Bürgerablage und es befinden sich zwei Wochenendsiedlungen auf der Fläche. Die Laubenkolonie ‚Erlengrund‘ war, wie die benachbarte ‚Fichtewiese‘, bis 1988 eine Berliner Exklave auf brandenburgischem (vormals preußischem) Gebiet. Durch die Mauer waren diese Wochenendkolonien von 1961 bis 1988 vom damaligen West-Berlin getrennt und „eingemauert“, dadurch für die Siedler zu ihrem Grundstück nur beschränkt zugänglich.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Kolonie ‚Fichtewiese‘ des Vereins ‚Sport- und Wochenendgemeinschaft 1921‘ hatte für ihr Vereinsgelände 3,6 ha Land südlich der Papenberge von einer Gatower Bäuerin gepachtet und 1937 die Fläche gekauft. Die Wiese wurde nach dem Arbeitersportverein Fichte benannt. Die Laubenkolonie bestand 1928 aus einem Wiesengelände, das im westlichen Bereich sumpfig war und zu dem ein östlicher baumbestandener Zipfel gehörte der den Zugang vom Haveluferweg ermöglichte.[2] Das Gebiet lag außerhalb der Weichbildgrenze von Berlin, seit 1920 damit außerhalb des Stadtgebiets.[3]

Die Laubenkolonie ‚Erlengrund‘ nimmt direkt am westlichen Havelufer eine Fläche von 0,6 ha ebenfalls südlich der Papenberge ein und lag nördlich von Spandaus Stadtgrenze[3] Sie wurde von der ‚Wochenendgemeinschaft Erlengrund e. V.‘ gepachtet und später haben die Siedler das Land gekauft.

Die preußische Landvermessung und Neuordnung aus den Jahren 1865 bis 1868 ordnete Grundstücke außerhalb des Wohnorts ihrer Besitzer steuerlich und rechtlich jener Gemeinde zu, in der der Eigentümer wohnte.[4] Der landwirtschaftlich kaum nutzbare Grund beider Kolonien, war vor der Verpachtung im Besitz eines Steuerzahlers aus Gatow und gehörte somit steuerlich und amtlich zu Gatow. Durch diese Zugehörigkeit kamen die Gelände bei der Bildung von Groß-Berlin im Jahr 1920 zum Verwaltungsbezirk Spandau, obwohl sie außerhalb der Stadtgrenze lagen.[5] Die gleiche Situation traf auch weitere Berliner Exklaven zu.[2] In Preußen spielte diese Besonderheit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs keine Rolle für die Pächter. Mit der Übernahme der Besatzungsrechte wechselten Spandauer Gebiet ab 1945 zum britischen Sektor. Mit der Übergabe von Kontrollrechten im sowjetischen Sektor und der SBZ wurde 1952 – wie auch in Staaken – die Trennung Berlins vom Umland durch Übernahme der DDR-Polizeimacht fixiert.

Für die Pächter der Laubenkolonien änderte sich die organisatorische Zuordnung ihres Geländes von (West-)Berlin zu DDR-Gebiet. Damals seien sie „einmal alle vom Gelände geschmissen worden“. Nach der Absprache mit den „Ostbehörden“ wurde dies unter einigen Beschränkungen nach kurzer Zeit aufgehoben.[6] Beispielsweise wurden noch vor dem Mauerbau im Juni 1958 durch die DDR-Behörden Öffnungszeiten für den Durchlass eingeführt.[7] Erschwert wurden die Zugangsbedingungen nach dem Bau der Berliner Mauer um die bestehende Fläche der drei Westsektoren. Dadurch war den West-Berliner Nutzern der ‚Wochenendgemeinschaft Erlengrund e. V.‘ und der benachbarten ‚Sport- und Wochenendgemeinschaft 1921 e. V. Zur Fichtewiese‘ der unmittelbare, freie Zugang verwehrt. Die Kolonieumgrenzung war zur Staatsgrenze geworden.[8]

Nur über einen eigenen Plattenweg zwischen einer Umfassungsmauer konnte die Koloniefläche erreicht werden. Die Nutzer mussten im Besitz eines Passierscheins sein und konnten nach Anmeldung bei den Grenztruppen der DDR das Gebiet zu festgelegten Zeiten erreichen. Dabei wurde die Passage zu Fuß möglich und wurde überwacht. Besucher mussten langfristig angemeldet werden und wurden „vielleicht“ bestätigt. Das Koloniegelände war gegenüber dem umliegenden DDR-Territorium durch eine Mauer abgesperrt. Die Mauer besaß an der Stelle des Zugangsweges in Höhe der Spandauer Grenze (hier: Staatsgrenze) ein Fußgängertor mit Klingel.

Durch einen Gebietsaustausch zwischen West-Berlin und der DDR wurden die Exklaven zum 1. Juli 1988 mit dem West-Berliner Bezirk Spandau verbunden.[9] Durch die parallele Verschiebung der Berliner Stadtgrenze in Spandau um durchschnittlich 250 Meter nach Norden kamen 15,0 ha mit den beiden betroffenen Kolonien eindeutig zum Bezirk Spandau. Die westliche Begrenzung wurde 200 am Westrand der Fichtewiese gezogen und dann nahezu rechtwinklig am Nordrand zur Mitte der Havel. Für die Kolonisten wurde dadurch der freie Zugang zu ihren Grundstücken möglich.[9]

Wochenendsiedlungen in Spandau[Bearbeiten]

Das Gebiet Fichtewiese/Erlengrund nördlich der Bürgerablage gehört seit dem Zuwachs durch den Gebietsaustausch zum Ortsteil Hakenfelde. Vom Gebietszuwachs sind 4,2 Hektar Wasserfläche der Havel. Die Siedler sind in beiden Fällen Eigentümer und nicht nur Pächter der Grundstücke. Mit dem Status der ‚Wochenendsiedlung‘ unterliegen Kolonien im Bezirk Spandau nicht dem Kleingartengesetz und seinen Beschränkungen, beispielsweise in der erlaubten Grundfläche der Gartenlauben von 24 m².[10]

Die Wochenendsiedlung ‚Fichtewiese‘ (Niederneuendorfer Allee 84) liegt dabei um die zentrale Feuchtwiese mit 60 Siedlungsparzellen mit Bungalow auf einer Fläche von 35.810 m².[11]

Die Wochenendsiedlung ‚Erlengrund‘ (Niederneuendorfer Allee 83) befindet sich direkt am Havelufer mit 36[6] Parzellen[12] auf einer Gesamtfläche von 6290 m².[13]

Nach Aussage der Siedler kam es ab 1988 mit dem freien Zugang von Spandau und den Wegfall des Einschlusses durch die Mauer zu Eigentumsdelikten. Im Jahr 2009 entstanden mit der Senatsverwaltung Irritationen über die 600 m² des vormaligen Postengangs, den die Siedler als Zugangsweg beanspruchten. Auch forderte die Berliner Behörde (speziell das Naturschutzamt Spandau) seit 2004 das Recht auf den meist 60 Zentimeter breiten Uferstreifen (insgesamt etwa 1000 m²) an der Havel.[6]

Zur Erinnerung an die ungewöhnliche Situation der Berliner Kolonien als Exklaven auf dem Territorium von Nieder Neuendorf und die damit verbundene Mauerproblematik wurden in dem in Hakenfelde ab 1994 entstandenen Wohnquartier Aalemannufer zwei Straßen benannt: Am Erlengrund und Zu den Fichtewiesen. Im Bereich der ehemaligen Exklaven stehen Erinnerungstafeln des Berliner Mauerweges.[14]

Weblinks[Bearbeiten]

Fotos zu den Exklaven:

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erlengrund FIS-Broker (Karte von Berlin 1:5000 (K5-Farbausgabe)) der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin
  2. a b amtliches Kartenwerk Stadtplan von Berlin, Blatt 4356 aus dem Jahre 1929
  3. a b Nieder-Neuendorfer Weg. In: Berliner Adreßbuch, 1943, IV. Teil, S. 1240. „Nieder-Neuendorfer Allee, Teufelseekanal, Papenberger Weg / Linke Seite (ungerade, West) 1: Baustelle, 3–7: Bewag Berlin, Forst / Rechte Seite (gerade, Ost): 2–6: Bewag Berlin, Bauschke’sches Haus, Haus Havelbaum, Grundstück der Berliner Elektrowerke, Forst, Zufahrt zur Bürgerablage, Waldklause, Forst, Gemarkung Nieder-Neuendorf“.
  4. Gebietstausch vor 25 Jahren Lenné-Dreieck: Meine Ecke, deine Ecke. In: Der Tagesspiegel, 22. April 2014
  5. Ünersichtsplan des verwaltungsbezirks Spandau. In: Berliner Adreßbuch, 1922, Teil IV., S. 1148 (Die Situation der Kolonien als Exklaven liegen an der Spandauer Nordgrenze zwischen Havel und Bötzowbahn zwischewn Station Bürger-Ablage und Papaneberge. Außerdem ist auf dieser Karte die Exklavenlage des Teufelsbruch, der Großen Kuhlake, Laßzinswiesen).
  6. a b c Das Kollektiv kämpft. In: Berliner Morgenpost, 7. Dezember 2009
  7. Idylle hinter der Mauer. In: Berliner Zeitung, 11. Oktober 2014
  8. amtliches Kartenwerk Stadtplan von Berlin, Blatt 4356 aus dem Jahre 1974
  9. a b amtliches Kartenwerk Stadtplan von Berlin, Blatt 4356 aus dem Jahre 1988
  10. FIS-Broker Kartenanzeige Karte von Berlin 1:5000 (K5-Farbausgabe). Hergestellt von den bezirklichen Vermessungsämtern
  11. WES Fichtewiese FIS-Broker (Karte von Berlin 1:5000 (K5-Farbausgabe)) der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin
  12. Die ehemaligen Exklaven Fichtewiese und Erlengrund in Berlin
  13. WES Erlengrund FIS-Broker (Karte von Berlin 1:5000 (K5-Farbausgabe)) der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin
  14. Mandy Oys: Erlengrund und Fichtewiese – Berlins Kleingärtner einst mitten in der DDR, heute direkt am Mauerradweg. In: Märkische Oderzeitung, 28. Juli 2010.

52.58684413.213597Koordinaten: 52° 35′ 12,6″ N, 13° 12′ 48,9″ O

Karte: Berlin
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Erlengrund
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Berlin