Finanzmarkt-Kapitalismus

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Finanzmarkt-Kapitalismus (auch: Finanzkapitalismus) ist ein sozialwissenschaftlicher Begriff, der einen neueren Typus von Kapitalismus kennzeichnet, in dem die Finanzmärkte einen wachsenden Einfluss auf die Realökonomie ausüben. Der von dem Soziologen Paul Windolf geprägte Begriff[1] ist insbesondere von Christoph Deutschmann[2] und Klaus Dörre[3] aufgegriffen worden.

Begriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Finanzmarkt-Kapitalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Finanzmarkt-Kapitalismus löst den traditionellen Manager-Kapitalismus ab (siehe dazu James Burnham). Er ist durch eine spezifische Konfiguration von ökonomischen Institutionen geprägt. Zu diesen Institutionen zählen: die Aktienmärkte, die Investmentfonds (als Eigentümer), Finanzanalysten und Ratingagenturen (boundary roles) sowie Transfermechanismen (z. B. feindliche Übernahmen).

Die zentralen Steuerungselemente im Finanzmarkt-Kapitalismus sind das Investmentbanking und die Aktienmärkte. Sie bieten eine besondere Gelegenheitsstruktur für Opportunismus (Moral Hazard), weil sie eine Transformation von Unsicherheit in Risiko nur fingieren. Für Windolf sind die „neuen Eigentümer“ die Investmentfonds, welche in den USA bereits die Mehrheit an den großen Aktiengesellschaften besitzen. Der operativen Logik der Finanzmärkte unterworfen, zwingen sie Staaten und Unternehmen zu kurzfristigen Strategien der Profitmaximierung und Renditensteigerung. Finanzanalysten und Ratingagenturen besetzen in diesem System wichtige boundary roles, die Unsicherheit in Risiko umwandeln. Als spezifische Transfermechanismen für feindliche Übernahmen identifiziert Windolf den Markt für Unternehmenskontrolle, Aktienoptionen und Shareholder Value.

In der Studie „Das Finanzkapital“ beschreibt Rudolf Hilferding, wie sich durch die zunehmende Konzentration des Geld- und Aktienkapitals bei immer weniger Großbanken die Marktmacht des „Finanzkapitals“ verstärkt und frei nach dem Motto – „Geld regiert die Welt“ – ein finanzmarktgetriebener, ökonomisch und politisch vorherrschender Monopolkapitalismus entsteht.[4] Die von Hilferding analysierte Entwicklung impliziert im Endeffekt die Aufhebung des klassischen Marktes der freien Konkurrenz. Im Gegensatz dazu geht die im Neoliberalismus verankerte Theorie des „Finanzmarkt-Kapitalismus“ davon aus, dass auch im Zeitalter der Großbanken und des Investmentbankings die Finanzmärkte weiterhin den Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes unterliegen. Danach scheint die von den Finanzmärkten ausgeübte Kontrolle über finanzwirtschaftliche und damit zusammenhängende wirtschaftspolitische Entscheidungen mehr oder weniger abstrakten und anonymen Sachzwängen zu folgen, die marktwirtschaftlich induziert sind. Das Finanzkapital, das anonymen und globalen Marktkräften unterliege, sei deshalb anders als von Hilferding beschrieben kein Mittel zur ökonomischen und politischen Herrschaft bestimmter finanzmächtiger Klassen, Gruppen oder Personen.

Gerhard Schick kritisiert das „übermäßige Wachstum des Finanzsektors“. Dieser spiele eine immer dominantere Rolle, sodass sich auch Unternehmen der Realwirtschaft immer stärker an kurzfristigen Finanzkennzahlen orientierten, statt an ihren Produkten oder langfristigen Geschäftsmodellen. Die meisten Finanzgeschäfte (bei den europäischen Banken über 70 Prozent) fänden heutzutage ausschließlich innerhalb des Finanzsektors statt. Hochfrequenzhandel und Derivatkontrakte „können sogar destabilisierend für die Wirtschaft sein“. Gewinne des Finanzsektors gingen mitunter zu Lasten der Gesamtgesellschaft in Form von „Verlust dringend benötigter Ressourcen und Infrastruktur“. Auch forcierten sie die weitere „Umverteilung von unten nach oben.“ Da der gegenwärtige Finanzmarkt die dringend gebotene sozialökologische Transformation verhindere, fordert Schick ein „radikales Schrumpfungs- und Umbauprogramm für den Finanzsektor“.[5]

Finanzialisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Finanzialisierung ist eine Lehnübersetzung aus dem Englischen (financialisation).

Unter „Finanzialisierung“ wird von Luiz Carlos Bresser-Pereira ein verzerrtes institutionelles Arrangement verstanden, das auf „künstliche“ Weise finanziellen Reichtum schafft, d. h. ohne mit realwirtschaftlichen Produktionsprozessen verbunden zu sein.[6] Angeknüpft wird damit an die aus der klassischen Nationalökonomie bekannten Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit. Greta R. Krippner spricht von einem „Akkumulationsmuster, demzufolge Profite durch Finanzkreisläufe“ statt durch Warenproduktion oder -handel generiert werden.[7]

Gerald E. Epstein fasst den Begriff etwas weiter. Er versteht darunter die zunehmende Bedeutung finanzieller Motive von Finanzmärkten und Finanzinstitutionen sowie deren Akteuren für die nationale und internationale Wirtschaft.[8]

Marcel Heires und Andreas Nölke bestimmen die Finanzialisierung als Machtverschiebung zwischen Finanzsektor und Realwirtschaft, die durch eine ganze Reihe von Veränderungen bewirkt wurde und wird. Als Beispiele führen sie an:

Greta R. Krippner hat die Finanzialisierung der US-Wirtschaft empirisch untersucht und hierfür Messinstrumente entwickelt.[10]

Industriesoziologen in Deutschland verwenden Finanzialisierung als einen Prozess-Terminus, der die interne Steuerung (corporate governance) von Unternehmen über kapitalmarktgenerierte Größen zum Ausdruck bringt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paul Windolf: Was ist Finanzmarkt-Kapitalismus? In: Ders. (Hrsg.): Finanzmarkt-Kapitalismus. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderheft 45/2005, S. 20–57.
  2. Christoph Deutschmann: Finanzmarkt-Kapitalismus und Wachstumskrise In: Paul Windolf (Hrsg.): Finanzmarkt-Kapitalismus. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderheft 45/2005, S. 58–84.
  3. Klaus Dörre und Ulrich Brinkmann: Finanzmarkt-Kapitalismus: Triebkraft eines flexiblen Produktionsmodells? In: Paul Windolf (Hrsg.): Finanzmarkt-Kapitalismus. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderheft 45/2005, S. 85–116.
  4. Rudolf Hilferding: Das Finanzkapital. Eine Studie zur jüngsten Entwicklung des Kapitalismus. (Erstausgabe) Verlag der Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand & Co., Wien 1910.
  5. Gerhard Schick: Finanzmarkt schrumpfen, Klima retten in Blätter für deutsche und internationale Politik 2022/9, S. 29–32.
  6. Luiz Carlos Bresser-Pereira: The Global Financial Crisis and a New Capitalism? (PDF; 376 kB) Levy Economics Institute Working Paper No. 592. Mai 2010.
  7. Greta R. Krippner: The financialization of the American economy. Socio-Economic Review 5/2005, S. 174.
  8. Gerald E. Epstein (2005: 3), zit. nach Bresser-Pereira, S. 9.
  9. Marcel Heires und Andreas Nölke: Finanzkrise und Finanzialisierung Überarbeitete Fassung des Beitrags aus Oliver Kessler: 2011: Die Politische Ökonomie der Weltfinanzkrise, VS-Verlag, S. 37–52.
  10. Greta R. Krippner: The financialization of the American economy. Socio-Economic Review 2005 3(2), S. 173–208.