Finanzkrise

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Dieser Artikel behandelt die Geschichte der Finanzkrisen. Zu „Schuldungskrisen im Allgemeinen“ sowie konkreten Schuldenkrisen siehe Schuldenkrise

Finanzkrisen sind größere Verwerfungen im Finanzsystem, die durch plötzlich sinkende Sachvermögensbewertungen (z. B. bei Unternehmensbeteiligungen - siehe Börsenkrach) und die Zahlungsunfähigkeit zahlreicher Unternehmen der Finanzwirtschaft und anderer Branchen gekennzeichnet sind und die die ökonomische Aktivität in einem oder mehreren Ländern beeinträchtigen. Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürte das Wort 2008 zum Wort des Jahres.

Der Verlauf des Dow Jones von Juli 1987 bis Januar 1988, siehe Schwarzer Montag
Menschenauflauf an der Wall Street kurz nach dem Schwarzen Donnerstag 1929

Varianten[Bearbeiten]

Prinzipiell wird nach ihrer äußeren Erscheinungsform unterschieden zwischen Bankenkrisen, Währungskrisen, Finanzsystemkrisen und Krisen, in denen ein Land oder einzelne Länder ihre Auslandsschulden nicht mehr bedienen können (Verschuldungskrisen).[1]

Theorien der Wirtschaftswissenschaft[Bearbeiten]

Überinvestitionstheorien[Bearbeiten]

Gemäß der monetären Überinvestitionstheorie nach Friedrich August von Hayek und Knut Wicksell kommt es zu einem Anstieg der internen Verzinsung der Unternehmen, also des „natürlichen Zinssatzes“, etwa durch technischen Fortschritt, über den bestehenden Geldzinssatz. Auf dem Kapitalmarkt steigt die Nachfrage nach Krediten, um neue Investitionen zu finanzieren. Zunächst nährt die zusätzliche Liquidität den Aufschwung, in dessen Verlauf auch Investitionsprojekte mit niedrigeren (erwarteten) Renditen finanziert werden.[2]

Nach Hayek führt die größere Nachfrage nicht zu einem Anstieg der Zinssätze, weil die Banken die allgemeine Wirtschaftsbelebung als Anreiz verstehen, das Kreditangebot mit der Nachfrage auszuweiten. Erst mit zeitlicher Verzögerung passt sich der Geldzinssatz an den natürlichen Zinssatz an. Dann können sich Sachinvestitionen als überdimensioniert herausstellen. Investitionsprojekte, die zum bisherigen Geldzinssatz noch rentabel waren, werden abgebrochen. Die Strukturbereinigung zieht Unternehmen, Konsumenten und Finanzinstitute in den Strudel der Krise. Nach Wicksell müsste die Zentralbank rechtzeitig den Leitzins anheben, um der Überinvestitionskrise vorzubeugen.[2] Auch Hayek empfiehlt eine rechtzeitige Anhebung des Leitzinssatzes durch die Zentralbank, ohne dass aber dadurch die Finanzkrisen völlig vermieden werden können.[3] „Was die Krisenbewältigung betrifft, so gelingt diese, ganz grob gesprochen, nur durch einen Abbau der Überkapazitäten, also deren Liquidation. Die Handlungsempfehlung ist einfach: Nichtstun.“[4]

Die monetäre Überinvestitionstheorie war die dominierende Vorstellung in der Zeit um 1929. Der amerikanische Präsident Herbert Hoover folgte dieser Theorie in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre weitgehend ("Hoover-Economics"). Irving Fisher verglich diese mit einem Arzt, der bei einer Lungenentzündung „die Heilung der Natur überlassen“ würde.[4] Nach dem Platzen der Dotcom-Blase erlebte die zwischenzeitlich in Vergessenheit geratene monetäre Überinvestitionstheorie eine Renaissance.[4]

Monetarismus[Bearbeiten]

Eine Theorie zur Erklärung von gesamtwirtschaftlichen Finanzkrisen geht auf Milton Friedman und Anna J. Schwartz zurück. Diese erklärt die Great Depression in den Vereinigten Staaten mit einer verfehlten Politik der Zentralbank. Die Reduzierung der Geldmenge in den USA um 30 % zwischen den Jahren 1929 und 1933 betrachten sie als entscheidend für den Verlauf der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren.[5]

Neuere keynesianische und postkeynesianische Finanzkrisentheorien[Bearbeiten]

Die Einschätzung von einigen Experten, so etwa die Mehrheitsauffassung der Financial Crisis Inquiry Commission, führte die Finanzkrise ab 2007 unter anderem auf die relativ laxe Finanzregulierung der 1980er und 1990er zurück.[6] Selbst vorherige Verfechter dieser Politik, wie Alan Greenspan, rückten nach der Krise von der Markteffizienzhypothese ab.[7] In der Folge kam es zu einem neuen Interesse an keynesianischen oder postkeynesianischen Erklärungsmodellen.

Hyman Minsky[Bearbeiten]

Ein auf den Postkeynesianer Hyman P. Minsky und Charles P. Kindleberger zurückgehender Ansatz erklärt Finanzkrisen als Ergebnis exzessiver Spekulation in einer boomenden Konjunktur.[5] In der Theorie von Minsky verfolgen die Investoren nach einer Krise zunächst eine abgesicherte Finanzierung („hedging“). Die Einnahmen, die den Investitionen folgen, reichen aus, um die Kredite mit Zinsen zurückzuzahlen. Erweist sich das wirtschaftliche Wachstum als stabil, erscheint eine „spekulative Finanzierung“ eingehbar. Die Einnahmen reichen jetzt nur noch aus, um die Zinsen der aufgenommenen Kredite zu bedienen. Die Kredite selbst werden durch neu aufgenommene Kredite abgelöst. Erweist sich auch dies als stabil, gehen die Investoren schließlich zur „Ponzi-Finanzierung“ über, benannt nach Charles Ponzi. Sogar um die Zinslast finanzieren zu können, werden jetzt zusätzliche Kredite aufgenommen. Die Investoren erwarten aber weiterhin, dass ganz zum Schluss die Einnahmen aus der Investition ausreichen, um allen aufgelaufenen Verpflichtungen genügen zu können. Insgesamt ist aber die Wirtschaft immer labiler geworden und in einer Krise kommt es zu Insolvenzen und zu einer Bilanzbereinigung bei den Investoren. Nach der Krise beginnt mit der jetzt zunächst wieder abgesicherten Finanzierung (hedging) ein neuer Zyklus.[8][9]

Minsky vertrat die Auffassung, dass die Finanzierungsprozesse einer kapitalistischen Ökonomie endogene destabilisierende Kräfte entwickeln. Er hielt die Finanzinstitutionen des Kapitalismus für „von sich aus ruinös“. Deshalb riet er dazu, zu akzeptieren, dass das Gebiet effizienter und wünschenswerter freier Märkte begrenzt ist.[10]

Marxistischer Erklärungsansatz[Bearbeiten]

Verhaltensökonomik[Bearbeiten]

George A. Akerlof und Robert J. Shiller wollen in ihrer Diagnose der Ursachen von Finanzkrisen wieder an die bei John Maynard Keynes präsente Vorstellung der „Animal Spirits“ anknüpfen. Diese sei im Keynesianismus zugunsten einer Synthese mit dem neoklassischen Mainstream vernachlässigt worden. Stärker als von rationalen Erwartungen sei die Entwicklung der Konjunktur abhängig von Vertrauen, Gerechtigkeitsvorstellungen, phasenweiser Korrumpierung ethischer Standards, Geldillusion und kollektiven Narrativen oder „Erzählungen“, die den Marktteilnehmern Orientierung geben können.[11]

siehe auch: Herdenverhalten.

Maßnahmen[Bearbeiten]

Unter anderem wird als Maßnahme gegen Finanzkrisen oder zu deren Dämpfung Makroprudentielle Aufsicht empfohlen. d. h. Aufsichtsbehörden sollen nicht nur mikroprudentiell vorgehen, sondern makroprudentiell auch den Systemzusammenhang insgesamt im Auge behalten.[12]

Geschichte[Bearbeiten]

Antike Krisen[Bearbeiten]

Asia (63 v. Chr.)
  • Geldentwertung im siebten Jahrhundert vor Christus durch König Midas.

Midas erkannte, dass er angesichts des begrenzten Vorrats an Metallen für die Münzproduktion die Geldmenge durch die Senkung des Metallgehalts pro Münze erhöhen konnte. Die Folge war eine Trennung der Geld- und Kreditpolitik und eine Globalisierung des Zahlungsmittels. Sparer, die in Midas "Leichtgeld" ihr Vermögen anlegten, büßten durch diesen Geldüberhang und den nun fälligen Währungsschnitt ihre Kaufkraft ein. Sinnbildlich wird die Finanzierungstechnik Midas' durch die Redewendung symbolisiert, dass alles, was Midas anfasste, sich in Gold verwandelte, sogar Wasser. Nach der Erzählung von Herodot starb Midas, weil er am zum Gold verwandelten Wasser erstickte.

Der Anwalt und Senator Marcus Tullius Cicero beschrieb die Krise 66 v. Chr.:

„Als sehr viele Leute große Vermögen in Asien verloren hatten, brach das Kreditgeschäft in Rom wegen der geminderten Zahlungsfähigkeit zusammen. Es ist nämlich unmöglich, dass viele Menschen Hab und Gut einbüßen, ohne dass sie noch andere mit sich ins gleiche Unglück reißen. Bewahrt den Staat vor dieser Gefahr! Es sind nämlich - glaubt mir dieses, weil ihr es selbst seht - dieses Kreditwesen und dieser Finanzmarkt, welcher in Rom auf dem Forum seinen Mittelpunkt hat, mit dem Geldwesen in Asien eng verflochten. Jene Dinge dort in Asien können nicht zusammenbrechen, ohne dass die hiesige Finanzwirtschaft von derselben Erschütterung erfasst wird und ebenfalls zusammenbricht.“

Marcus Tullius Cicero: De Imperio Cn. Pompei - 19
Broschüre von der Tulpenmanie in den Niederlanden, gedruckt 1637

Krisen im 17. und 18. Jahrhundert[Bearbeiten]

  • Am 7. Februar 1637 platzt die seit zirka 1634 andauernde Tulpenzwiebelspekulation in Holland. Tulpenzwiebeln wurden auf Auktionen und an der Börse zum Spekulationsobjekt. Ab 1630 blühte auch der Handel mit Optionsscheinen auf Tulpenzwiebelanteile. Die Preise explodierten und stiegen von 1634 bis 1637 auf mehr als das fünfzigfache an. In Amsterdam wurde ein komplettes Haus für drei Tulpenzwiebeln verkauft. Viele Zwiebeln kosteten mehrere tausend Gulden, der höchste Preis für die wertvollste Tulpensorte, Semper Augustus, lag Anfang 1637 bei 10.000 Gulden für eine einzige Zwiebel, zu einer Zeit, als ein Zimmermann rund 250 Gulden im Jahr verdiente. Die Spekulation war zur Spekulationsblase gediehen.[14]
  • Südseeblase
  • Mississippi-Spekulation

Krisen im 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Ein Bank Run in New York im Jahr 1873

Krisen Anfang des 20. Jahrhunderts[Bearbeiten]

  • Panik von 1907 in den Vereinigten Staaten
  • Die Weltwirtschaftskrise von 1929 war ein weltweit beobachtbarer schwerer Rückgang der wirtschaftlichen Gesamtleistung. Viele Unternehmen wurden zahlungsunfähig, es kam zu massiver Arbeitslosigkeit, sozialem Elend und zu Deflation. Das soziale Elend trug zu politischen Krisen bei. Die Gleichzeitigkeit der Krisenerscheinungen wurde gefördert durch die gewachsene Verzahnung der Einzelwirtschaften und Finanzströme (Kapitalmobilität).

Globale Krisen nach Bretton Woods[Bearbeiten]

Grenzüberschreitende Finanzkrisen nach dem Ende des Bretton-Woods-Systems waren u. a. die

Anhang[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. International Monetary Fund: World economic outlook. Financial crisis: causes and indicators. Washington, May 1998, S. 74 ff.
  2. a b Gunther Schnabl /Andreas Hoffmann: Geldpolitik, vagabundierende Liquidität und platzende Blasen in neuen und aufstrebenden Märkten Download vom Wirtschaftsdienst 2007/4
  3. Friedrich August von Hayek: Geldtheorie und Konjunkturtheorie, Wien/Leipzig 1929
  4. a b c Hans-Helmut Kotz: Die Wiederkehr des Zyklus – und die neue Debatte um die Stabilisierungspolitik
  5. a b Marcel V Lähn: Hedge Fonds, Banken und Finanzkrisen: Die Bedeutung außerbilanzieller Leverage-effekte durch Finanzderivate für das Risikomanagement von Finanzinstituten und das systematische Risiko des globalen Finanzsystems. Veröffentlicht von DUV, 2004 S.7
  6. Vgl. FCIC: The Financial Crisis Inquiry Report, Januar 2011 (PDF).
  7. Vgl. Robert Jacob Alexander Skidelsky: Keynes: the return of the master. PublicAffairs, 2009, ISBN 1-58648-827-9, S. 168.
  8. Marc Schnyder: Die Hypothese finanzieller Instabilität von Hyman P. Minsky. Dissertation an der Universität Freiburg i.Ue., 2002 (PDF), S. 72ff.
  9. Gerald Braunberger: Keynes für jedermann. Die Renaissance des Krisenökonomen. FAZ-Verlag, 2009, S. 222-230.
  10. Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals. Diaphanes, Zürich 2010, S. 162.
  11. George A. Akerlof, Robert J. Shiller: Animal Spirits: How Human Psychology Drives the Economy, and Why It Matters for Global Capitalism. Princeton University Press, 2010, ISBN 0-691-14592-X, S. 4 f.
  12. Christian Weistroffer: Macroprudential supervision - In search of an appropriate response to systemic risk. In Deutsche Bank db Research, Current issues Global financial markets (www.dbresearch.de), 24. Mai 2012
  13. Maximilian Pisacane: Finanzkrise im antiken Rom. Als die Weltmacht in die Finanzkrise rutschte. In: Handelsblatt vom 26. November 2008.
  14. Vgl. Tulpenzwiebelspekulation:

Literatur[Bearbeiten]

  • Frankin Allen & Douglas Gale: Understanding financial crises. Oxford University Press, Oxford/New York 2007, ISBN 978-0-19-925141-4 (umfassende Darstellung für Leserinnen und Leser mit wirtschaftswissenschaftlichen Grundkenntnissen)
  • Marc Bauer: Krisenbewältigung in der Finanzwirtschaft. Parallelen und Unterschiede der Bankenkrisen in Japan (1990-2006) und den USA (1980-1998) (= Japan Analysen Prognosen. Nr. 200). Düsseldorf/München 2008 (PDF; 386 KB)
  • Peter Koslowski: Ethik der Banken. Folgerungen aus der Finanzkrise. Fink, Paderborn/München 2009, ISBN 978-3-7705-4765-4
  • Hyman P. Minsky: John Maynard Keynes. Finanzierungsprozesse, Investition und Instabilität des Kapitalismus (= Postkeynesianische Ökonomie. Bd. 5). Metropolis, Marburg 1990, ISBN 3-926570-06-7
  • Frederic S. Mishkin: The next great globalization. How disadvantaged nations can harness their financial systems to get rich. Princeton University Press, Princeton/Oxford 2006, ISBN 978-0-691-12154-3 (Das Buch nimmt vornehmlich die Perspektive von Entwicklungs- und Schwellenländern ein; es werden aber auch grundsätzliche Probleme des Finanzsystems diskutiert und Handlungsempfehlungen formuliert.)
  • Nouriel Roubini & Brad Setser: Bailouts or Bail-ins? Responding to Financial Crises in Emerging Economies. 2004, ISBN 978-0-88132-371-9
  • Walter Wittmann: Finanzkrisen. Woher sie kommen, wohin sie führen, wie sie zu vermeiden sind. Orell Füssli, Zürich 2009, ISBN 978-3-280-05327-0

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]