Onychophagie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Fingernägelkauen)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Abgekaute Fingernägel
Klassifikation nach ICD-10
F98.8 Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
F98.81 Onychophagie[1]
S69 Sonstige und nicht näher bezeichnete Verletzungen des Handgelenkes und der Hand
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Als Onychophagie bezeichnet man das Kauen oder Auf(fr)essen der Fingernägel, Krallen oder Klauen bei Menschen oder Tieren. Andere Begriffe dafür sind Fingernagelkauen, Nagelkauen, Nägelkauen, Nägelbeißen.[1]

Beim Menschen fallen die schwereren Formen unter den Begriff „Selbstbeschädigung“ wobei die leichteren, auf Nervosität beruhenden Formen nicht unbedingt zu den Selbstverletzungen gezählt werden. Als Ursachen gelten Stress, Nervosität, Verhaltensstörungen oder falsche Vorbilder. In geschädigten Bereichen ist beim Menschen die Ausbreitung von vulgären Warzen begünstigt. Häufig ist es mit einem Bekauen der umgebenden Haut (Perionychophagie) verbunden.[2][3]

Beim Hund werden chronische Angststörungen für diese Verhaltensstörung verantwortlich gemacht.[4] Bei Schafen ist Onychophagie dagegen keine Selbstbeschädigung, sondern eine Form des Kannibalismus. Hier kann es durch Artgenossen zum An- und Abfressen von Klauen, Ohren (Otophagie) und Schwänzen (Caudophagie) von bis zu einer Woche alten Jungtieren kommen. Beim Hund und bei Schafen wird neben Verhaltensstörungen ergänzend eine Mangelfütterung diskutiert.[5]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Humanmedizin

Das Fingernagelkauen kann bei Neurosen oder zusammen mit einer Onychotillomanie bei paranoiden Psychosen auftreten.[2][1] Man findet es auch bei unruhigen, leicht erregbaren und überängstlichen Kindern; dann vor allem in Stress- oder Konfliktsituationen.

Betroffene selbst berichten von Onychophagie unter anderem in Verbindung mit Verhaltensstörungen wie beispielsweise ADHS. Demnach kann das Fingernägelkauen für hyperaktive Menschen eine Bedürfnisbefriedigung in psychischen Ruhephasen oder bei Langweile darstellen. Geistiger Leerlauf löst bei Hyperaktiven eine innere Unruhe, Unlust und Anspannung aus, die es abzuwenden gilt. Ein denkbares Verhalten, um diese negativen Gefühle aufzulösen, ist die Onychophagie.[6][7]

Wie alle Verhaltensweisen kann auch Onychophagie im Rahmen des Modelllernens erlernt und im Umkehrschluss auch wieder verlernt werden. Insbesondere Kinder können dem Fingernägelkauen verfallen, wenn sich in ihrer persönlichen Umwelt Menschen befinden, die Fingernägel kauen und diese für das Kind ein Vorbild (z. B. nahe Verwandtschaft) darstellen.

Veterinärmedizin

Beim Hund liegt häufig eine chronische Angststörung vor und bei Schafen werden neben Verhaltensstörungen (z. B. durch ganzjährige Stallhaltung) als zusätzliche Ursache unterschiedliche Mangelzustände diskutiert.[4][5]

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorhandene Folgen der Onychophagie wie chronische Nagelbettentzündungen oder Nagelwuchsstörungen bedürfen bei Mensch und Tier einer angepassten, meist lokalen Therapie.

Humanmedizin

Allgemein steht die Aufklärung des Patienten im Vordergrund. Ergänzend können in manchen Fällen Psychotherapie oder aber auch lokale Maßnahmen wie das Auftragen von Nagellack oder anderen übel schmeckenden Substanzen sowie das Tragen von Handschuhen und künstlichen Fingernägeln hilfreich sein. Hierbei ist jedoch für den Erfolg entscheidend, dass die Maßnahme freiwillig und in Absprache mit dem Patienten erfolgt.[1]

Veterinärmedizin

Bei Schafen ist es üblich, aggressive Tiere von den Jungtieren zu trennen und sogar durch Onychophagie stark geschädigte Tiere einzuschläfern.[5]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie bei jeder angewöhnten, negativen Verhaltensweise oder Krankheit, gibt es bestimmte Erscheinungsbilder bzw. Folgen. Die Konsequenzen vom Nägelkauen können dabei recht unterschiedlich ausfallen. 

Gesundheitliche Auswirkungen

 Die wohl weitverbreitetsten Folgen der Onychophagie, sind enorm verkürzte Fingernägel. Diese selbstzugeführte Verstümmelung wird durch das Knabbern an den Nägeln hervorgerufen. Betroffene reduzieren den natürlichen Nagelwuchs so lange, bis eine permanente Deformierung des Nagels eingetreten ist. Dabei wird nicht selten das Nagelbett und die umliegende Haut in Mitleidenschaft gezogen. Die dadurch entstanden Verletzungen können die Bildung von Pilzen und Warzen, Entzündungen und bakterielle Krankheiten begünstigen. Neben der Zerstörung des Fingernagels, können ebenso durch das Schlucken der Knabberreste Magenschmerzen und Verdauungsprobleme auftreten. Darüber hinaus kam es bei Einzelfällen zu einer Fehlstellung der Zähne sowie Zahnfleischentzündungen.  

Psychische Auswirkungen

Viele Betroffene sind sich ihrer Problematik durchaus bewusst und schämen sich dafür. Dieses Schamgefühl kann soweit reichen, dass sie ihre Fingernägel kontinuierlich verstecken wollen und dadurch einer großen psychischen Belastung ausgesetzt sind. Unwohlsein wird dabei immer in verschiedene Stufen unterteilt und kann im schlimmsten Fall zu schweren Depressionen führen, da oftmals eine soziale Entkopplung stattfindet. 

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Onychophagia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Onychophagie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d P. Altmeyer: Therapielexikon Dermatologie und Allergologie: Therapie kompakt von A-Z. Springer, 2005, ISBN 3-540-23781-X, S. 649. (online)
  2. a b H. Zaun u. a.: Krankhafte Veränderungen des Nagels. Spitta Verlag, 2004, ISBN 3-934211-69-0, S. 21. (online)
  3. M. H. Beers u. a: Das MSD Manual der Diagnostik und Therapie. Elsevier, Urban & Fischer Verlag, 2007, ISBN 978-3-437-21761-6, S. 1217. (online)
  4. a b S. Schroll u. a.: Verhaltensmedizin beim Hund: Leitsymptome, Diagnostik, Therapie und Prävention. Kleintier konkret Praxisbuch, Thieme Verlag, 2007, ISBN 978-3-8304-1065-2, S. 59 + 297. (online)
  5. a b c H. Behrens u. a.: Lehrbuch der Schafkrankheiten. Georg Thieme Verlag, 2001, ISBN 3-8263-3186-9, S. 441. (online)
  6. Helmut Remschmidt (2011): Kinder- und Jugendpsychiatrie: Eine praktische Einführung. 6. Auflage. Thieme, Stuttgart, S. 177.
  7. Zum Thema: Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter (V. Faust). psychosoziale-gesundheit.net, 13. Februar 2013, abgerufen am 13. Februar 2013 (deutsch).
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diesen Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!