Fitchers Vogel

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Illustration von John B. Gruelle (1914)

Fitchers Vogel ist ein Märchen (ATU 311). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 46 (KHM 46).

Inhalt[Bearbeiten]

Das Märchen beschreibt, wie nacheinander die drei schönen Töchter eines Mannes durch einen arglistigen Zauberer entführt werden. Jedes der Mädchen bekommt, als der Hexenmeister sein Haus eines Tages verlassen muss, einen Schlüssel und ein Ei zur Aufbewahrung ausgehändigt mit der Auflage, das Ei zu hüten und den Schlüssel, der zu einer Kammer gehört, nicht zu benutzen.

Die beiden ersten Mädchen scheitern an dieser Aufgabe und werden in dem Raum, den sie trotz Verbots öffnen, geschlachtet. Das dritte Mädchen geht aber hinreichend vorsichtig vor und bleibt nicht nur unentdeckt, sondern vermag sogar, die Schwestern wieder zu lebenden Menschen zusammenzusetzen. Nachdem die Schwestern verborgen sind, schickt die jüngste Schwester den heimgekehrten Zauberer, der sie nach der vermeintlich bestandenen Prüfung nun heiraten will, mit einem Korb voll Gold zu ihrem Vater. Die beiden wiederbelebten Schwestern aber werden in dem Korb verborgen und so von dem Zauberer unter Mühen wieder zurücktransportiert.

Derweil so die älteren Schwestern nach Hause gelangen, treffen bereits die Hochzeitsgäste des Hexenmeisters ein. Das Mädchen verlässt nun selbst das Haus, wälzt sich vorher aber erst in Honig und dann in den Federn eines Bettes, um als Fitchers Vogel entkommen zu können. Die Gäste werden im Vorbeigehen aufgefordert, das Hexenhaus zu betreten. Ein zu diesem Zweck arrangierter Totenkopf gaukelt die Anwesenheit der Braut vor. Als schließlich die Gäste im Haus sind und auch der heimkehrende Zauberer sich zu ihnen gesellt hat, vermag die herbeigeeilte Verwandtschaft der Mädchen nun, indem sie das Haus anzündet, den Hexenmeister mitsamt seinem Gesindel zu töten.

Herkunft[Bearbeiten]

Grimms Anmerkung notiert zur Herkunft zwei Erzählungen aus Hessen (von Friederike Mannel aus Allendorf an der Landsburg und von Dortchen Wild aus Kassel, Wilhelm Grimms späterer Frau) und skizziert Abweichungen aus dem Hanöverischen (wohl von Georg August Friedrich Goldmann aus Hannover): Die Töchter sollen dem Holzhacker Essen bringen, er markiert dafür den Weg mit Erbsen (wie in KHM 40 Der Räuberbräutigam), aber drei Zwerge leiten sie zu ihrer Höhle, wo sie in ein Zimmer nicht gehen dürfen. Als die Zwerge mit den älteren unterwegs sind, bedeckt sich die Jüngste mit Blut und Federn, stellt einen Wisch mit ihren Kleidern an den Herd, und begegnet Füchsen, Bären und schließlich den Zwergen, die fragen „geputzter Vogel, wo kommst du her?“ „Aus der Zwergenhöhle, da machen sie sich zur Hochzeit bereit“. Als sie nachkommen, entwischt sie in ihr Vaterhaus, dessen Tür ihr die Ferse abschlägt.

Grimms nennen Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 7; Erik Hubbel 2, 187 und vergleichen das isländ. Fitfuglar; zum auf dem Rücken tragen Hofmer in den altdänischen Liedern; zum unauslöschbaren Blut eine Erzählung der Gesta Romanorum; KHM 66; Becherers Thüring. Chronik (S. 307. 308). Sie bemerken die Ähnlichkeit zu Perraults Blaubart, den sie auf deutsch hörten, aber ab der Zweitauflage aufgrund der Ähnlichkeit aus der Sammlung nahmen, auch die Erzählung bei Meier Nr. 38 scheine davon zu stammen. Sie nennen das Volkslied von Ulrich und Ännchen. Blaubart sei ein Volksname für einen sehr bärtigen. Sie spekulieren einen Zusammenhang zu angenommener Heilwirkung von Jungfrauenblut bei Krankheiten wie Nieselsucht, wozu sie auf Armer Heinrich S. 173 verweisen. Sie geben noch eine holländische, hierher gehörige Sage wieder, die in der Erstauflage als Das Mordschloß an Stelle 73 stand, und nennen noch ein schwedisches Volkslied bei Geyer und Aszelius 3, 94, norwegisch bei Asbjörnsen S. 237, Die Geschichte des dritten Kalenders in 1001 Nacht.

Vergleiche[Bearbeiten]

Vgl. zu verbotener Kammer und heilendem Jungfrauenblut auch Grimms Anmerkung zu KHM 6 Der treue Johannes. Vgl. in Giambattista Basiles Pentameron II,8 Die kleine Sklavin, IV,6 Die drei Kronen. Vgl. Die drei Bräute, Die hoffärtige Braut und Das goldene Ei in der Erstausgabe sowie Das Märchen vom Ritter Blaubart, Der goldne Rehbock und Die schöne junge Braut in der letzten Ausgabe von Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch und Der Wandergeselle in Neues deutsches Märchenbuch.

Interpretation[Bearbeiten]

Fitchers Vogel ist ein Märchen um Entführung, Verbot und Neugier und obsiegende List. Dass es sich um eine Verknüpfung zweier Erzählstränge handelt, beschreibt schon der Anhang der Grimmschen Ausgabe. Hiermit mag sich auch erklären, dass der zielstrebig vorgehende Mädchenmörder bei dem dritten Mädchen in eine beinahe unglaubwürdige Naivität herabsinkt. Das Märchen weist Ähnlichkeiten mit Der Räuberbräutigam, Blaubart und Das Mordschloß aus der Sammlung auf (verbotene Tür auch in Marienkind). Ob mit Fitcher nun, wie naheläge, der Hexenmeister selbst benannt wurde, bleibt offen.

Laut Wilhelm Salber passt das Märchen zu Erwachsenen, die frühe Lebensverhältnisse immer bruchstückhaft wiederholen, im Versuch sie umzudrehen.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 1994. ISBN 3-15-003193-1, S. 85-88, 461-462.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wilhelm Salber: Märchenanalyse (= Werkausgabe Wilhelm Salber. Band 12). 2. Auflage. Bouvier Verlag, Bonn 1999, ISBN 3-416-02899-6, S. 171-173, 179.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Fitchers Vogel – Quellen und Volltexte