Flaschensammeln

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Flaschensammler in einer Großstadt
Europäische Länder mit Einweg-Flaschenpfand-System (2016)

Flaschensammeln (eigentlich Pfandflaschen-Einsammeln) ist eine Beschäftigung bestimmter Personengruppen, meist zur Aufbesserung des Privathaushalt-Einkommens. Nur in Ländern mit einem ähnlichen Pfandsystem wie in Deutschland gibt es einen Grund für diese Tätigkeit und deren soziologische Auswertung.

Beim Sammeln von Pfandflaschen werden Orte aufgesucht, bei denen ein größeres Aufkommen von diesem Leergut mit Einweg- und Mehrwegpfand zu erwarten ist. Ziel der Einführung des Pfandsystems auf Leergut von Getränkeverpackungen war die Entlastung der Umwelt. Durch die Bepfandung der am häufigsten vorkommenden Getränkeverpackungen im Jahr 2003 – auch von Dosen und von Leichtgetränkeflaschen seit 2006 – ist die Menge an diesen Verpackungen in Deutschland besonders hoch. Nach Angaben des Umweltbundesamtes gingen 2012 fast 96 Prozent der Flaschen zurück in den Handel.[1]

Soziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufkleber der Kampagne Pfand gehört daneben
Pfandring an einem Abfalleimer

Flaschensammler, die gezielt der Beschäftigung des Flaschensammelns nachgehen, sind in Städten in Deutschland ein gewohntes Bild, sowohl beim Abgrasen der Flächen nach Großveranstaltungen als auch beim Durchwühlen von Mülleimern z. B. auf Bahnhöfen. Ebenso trifft man auf sie beim Einlösen großer Mengen ihrer Fundstücke am Rückgabeautomaten.

Schon mehrfach beobachteten Soziologen die Flaschensammler. Sebastian J. Moser erkennt im Flaschensammler eine eigene Sozialfigur, also einen zeitgebundenen Idealtypus, der ein bestimmtes Licht auf die Gesellschaft wirft. Moser stellt in seiner Dissertation 2014 fest, nicht die Armut vereine die „ansonsten sehr heterogene[n] Gruppe der Flaschensammler, sondern die Sehnsucht nach einer festen Tagesstruktur und einer Aufgabe, die an Arbeit erinnert“.[2][3] Auch sei ihnen wichtig, unter Menschen zu kommen und nicht zu vereinsamen, denn meist hätten diese Personen keinen oder keinen großen Bekanntenkreis. Nach seinen Studien kämen sie auf 100 bis 150 Euro im Monat, und auch ein anderes Forscherteam kommt auf drei bis zehn Euro am Tag.[4] Neben dem rein monetären Ziel geben die Flaschensammler in Interviews an, es sei für sie ein Hobby oder eine Sucht, oder sie seien auch an dem Erhalt der Umwelt interessiert.[5]

Der Soziologe Stefan Sell sieht vor allem nicht ausreichendes Einkommen als Beweggrund für das Flaschensammeln. Er konstatiert insbesondere die starke Zunahme der Niedriglohn-Jobs, den Zerfall der Tarifbindung in vielen Branchen und die Entwertung des Sozialstaatmodells seit den frühen 1990er Jahren als Ursachen für das Aufkommen dieser Beschäftigung.[6] Nach der globalisierungskritischen Attac Deutschland sind die Flaschensammler zu einem Symbol einer immer ärmer werdenden Gesellschaft geworden.[7]

Um das Phänomen des Flaschensammelns zu verstehen, sind nach den Sozialwissenschaftlern Catterfeld und Knecht nicht nur die zu erwartenden Erträge der Sammler ausschlaggebend. Eine weitere Voraussetzung ist, dass die Käufer der Flaschen bereit sind, sie in der Öffentlichkeit liegen zu lassen und damit an andere (bedürftigere) Personen abzugeben. Dies wurde nur durch die Gesetzgebung und ihren Steuerungseffekt auf das Verhalten möglich.[5] Knecht datiert den Beginn dieser Beschäftigung auf die Public-Viewing-Großveranstaltungen im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, bei denen ein vielleicht bis dahin verschämtes Sammeln populär und öffentlich akzeptabel wurde.[6]

Durchschnittlich sind 80–85 Prozent der Flaschensammler männlich und meist über 65 Jahre alt. Die zweitgrößte Gruppe sind junge Immigranten, die noch nicht in Deutschland Fuß gefasst haben.[4] Die meisten seien von Armut betroffen, aber nicht obdachlos.[6]

In der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der DDR wurde das Sammeln von Flaschen, aber auch anderer Wertstoffe wie Altpapier, Gläser oder Schrott, durch die Schulen und Massenmedien angeregt, um sie dann bei einer SERO-Annahmestelle einzulösen, vor allem für Kinder eine Möglichkeit, ihr Taschengeld aufzubessern und Klassenausflüge zu finanzieren.[8] Die Wirtschaft der DDR war auf das Wiederverwerten aufgrund fehlender Rohstoffe angewiesen und integrierte das Sammeln in den Schul- und Pionieralltag.[9] Regional und zeitweise gab es zu erfüllende Sammelquoten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Pfandring – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kurt Schüler: Aufkommen und Verwertung von Verpackungsabfällen in Deutschland im Jahr 2012. In: Texte, 50/2015, Juni 2015, Umweltbundesamt.
  2. Studie über Pfandsammler. Auf Sinnsuche, Spiegel Online, 6. Juli 2014.
  3. Warum Menschen Flaschen sammeln (0:28 min). 3sat, 27. September 2019.
  4. a b Flaschensammler Männlich, einsam, über 65. Deutschlandfunk Kultur, 1. Juni 2015.
  5. a b Philipp Catterfeld und Alban Knecht: Pfand, Konsum und Armut. Warum Flaschensammeln? In: Flaschensammeln. Überleben in der Stadt, S. 169–172.
  6. a b c Frederik Rother: Flaschensammler und ihr Alltag. Für eine Handvoll Euro. Deutschlandfunk, 20. August 2019.
  7. Alexandra Rau: Alltag Flaschensammeln: Ethnographie einer informellen Arbeitspraxis. Herbert Utz Verlag, 2016, ISBN 978-3-8316-4323-3, S. 12 (google.de [abgerufen am 27. August 2019]).
  8. SERO: Auf der Jagd nach Altstoffen. MDR.de, 5. Juni 2019, abgerufen am 16. September 2019.
  9. Recycling „Made in DDR“ – Teil 2. In: Wertstoffblog. Abgerufen am 17. September 2019 (deutsch).